Nina Kölsch-Bunzen, Rebecca Traub: Verletzendes Verhalten
Rezensiert von Prof. Dr. Susann Kunze, 24.07.2025
Nina Kölsch-Bunzen, Rebecca Traub: Verletzendes Verhalten von Fach- und Lehrkräften in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen. Studierende und Fachschüler*innen setzen sich mit dem Recht auf Gewaltfreiheit in Bildungsinstitutionen auseinander. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2024. 149 Seiten. ISBN 978-3-7799-8006-3. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Thema
Diese Monografie befasst sich mit dem professionellen Umgang mit verletzendem Verhalten von Fach- und Lehrkräften gegenüber Kindern in Bildungseinrichtungen. Es richtet sich primär an Studierende und Lehrende der Elementar- und Primärpädagogik, bietet jedoch auch Fach- und Lehrkräften wertvolle Impulse zur Stärkung der eigenen Handlungskompetenz in diesem Bereich. Zunächst beleuchtet die Monografie theoretische Grundlagen, z.B. die Bedeutung von Kinder- und Menschenrechten, die Reflexionsfähigkeit von Fachkräften und die Tabuisierung von Gewalt in Bildungseinrichtungen. Die nachfolgenden praxisnahen Anregungen und Bildungsimpulse zielen darauf ab, angehende und bereits tätige Fach- und Lehrkräfte dazu zu befähigen, verletzendes Verhalten zu erkennen, fachlich einzuschätzen und professionell im Sinne der Menschenwürde und Menschenrechte zu behandeln. Das Buch verfolgt das übergeordnete Ziel, die pädagogische Qualität in Kita und Grundschule zu verbessern und das Kindeswohl in Bildungseinrichtungen besser zu schützen. Hierbei steht auch die Förderung demokratischer Bildung im Fokus.
AutorInnen
Prof. Dr. Nina Kölsch-Bunzen lehrt Kindheitspädagogik und Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen. Sie forscht u.a. zur diskriminierungskritischen, rassismuskritischen, menschenrechtsorientierten und demokratischen Bildung mit Kindern in der Migrationsgesellschaft.
Rebecca Traub ist Lehrbeauftragte im Studiengang Kindheitspädagogik an der Hochschule Esslingen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der pädagogischen Ethik und in den institutionellen und theoretischen Grundlagen von Bildungsprozessen.
Aufbau
Die Monografie wird in zwei Bereiche unterteilt. Der erste Teil umfasst sechs Kapitel und verortet die Thematik theoretisch. Der zweite Teil besteht aus fünf Kapiteln und bietet praxisorientierte Anregungen und Bildungsimpulse. Besonderer Fokus wird hierbei auf die Entwicklung „ein[es] gemeinsame[n] Grundverständnis[ses] von einer demokratischen Bildung“ (S. 15) unter Einbindung der Menschenwürde gelegt.
Inhalt
Einleitend wird der Entstehungshintergrund der Monografie beschrieben. Dabei wird Bezug auf die Praxiserfahrungen von Studierenden der Kindheitspädagogik an der Hochschule Esslingen genommen. Neben positiven Erfahrungen stießen die Studierenden in ihren Praktika auch auf verletzendes Verhalten der Fachkräfte gegenüber den Kindern. Daraus wird die Bedeutung der professionellen Reflexionsfähigkeit und die Auseinandersetzung mit den Kinder- und Menschenrechten abgeleitet, um professionell und gewaltfrei agieren zu können.
Der theoretische Teil beginnt mit einer Verortung des Praktikums bei der Professionalisierung der Studierenden. Hierzu dient das Kompetenzmodell von Fröhlich-Gildhoff et al. (2014) mit seiner Unterscheidung in Disposition und Performanz, der Rolle des beruflichen Habitus und der Reflexion als theoretisches Fundament. Es wird um die ethische Fundierung im Sinne einer demokratischen Bildung, der Menschenwürde und Menschenrechte erweitert, welches das Konzept der Vielfalt sowie Demokratie im Sinne Deweys als erfahrbare Lebensform darlegt. Hierbei wird hervorgehoben, dass Praktika die Selbstreflexion schulen, die Kompetenzen ausbauen und die demokratischen Prinzipien in der Praxis erfahrbar machen und dabei unterstützen, diese im Zuge der eigenen Professionalisierung weiter zu verinnerlichen.
Das dritte Kapitel ordnet das Recht auf Gewaltfreiheit für Kindern im internationalen (UN-Kinderrechtskonvention, UN-Behindertenrechtskonvention, EU-Grundrechtecharta) und nationalen Rechtsrahmen (GG, BGB, StGB, SGB VIII) ein. Zusätzlich betont es die Bedeutung von Qualität von Bildungsinstitutionen und stellt die Qualitätsdimensionen nach Becker-Stoll (2013) vor. Wesentliche Einflussfaktoren für die Qualität bilden hierbei u.a. die Fachkraft-Kind-Relation und die Qualifikation der Fachkräfte. Erstere liegt weiterhin hinter den wissenschaftlich begründeten und empfohlenen Standards zurück, was die Überlastung der Fachkräfte begünstigt, die Betreuungsqualität beeinträchtigt sowie die Heterogenität der Kinder unzureichend berücksichtigt. Erfolge wie die Qualitätsoffensive im Schulbereich (2004) sowie die Entwicklung des Kerncurriculums Kindheitspädagogik (2022) zeigen positive Entwicklungen auf. Zusätzlich zeigen die Autorinnen anhand von Beispielen auf, wie für die Kinder „Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität unmittelbar erfahrbar“ (S. 47) werden und weisen auf Folgendes hin: „Die Realisierung der Menschenwürde ist in der Bildungsarbeit mit Kindern nicht an die Sprachfähigkeit gebunden“ (S. 47) ist. Diese in der Kita gelegten Grundsteine sollen in der Grundschule weiter fortgesetzt werden, wie sie weiter anhand von Reflexionsfolien und Studien konkretisieren und in ihrem Umsetzungsgrad reflektieren.
Im vierten Kapitel steht die gesellschaftliche Tabuisierung von Gewalt und Fehlverhalten von pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften im Fokus. Gründe für die Tabuisierung wie u.a. die Schwierigkeit, eigenes Fehlverhalten einzugestehen, die Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen, eine falsch verstandene Solidarität unter Kolleg:innen und die Sorge um das Image der Bildungseinrichtung werden aufgeführt. Dabei kann psychische Gewalt schwerer nachgewiesen werden als körperliche Gewalt und zeigt sich in verletzendem Verhalten sowie der aktiven Missachtung von Anerkennung des Kindes. Die INTAKT-Studien weisen nach, dass in pädagogischen Interaktionen in Kita und Schulen ein erheblicher Anteil an verletzendem Verhalten beobachtet werden kann. Es ist erforderlich, Fehlverhalten professionell zu reflektieren und damit offen umzugehen, um die pädagogische Qualität zu verbessern und das Kindeswohl zu schützen.
Das fünfte Kapitel behandelt Strategien, wie verletzendes Verhalten von Fach- und Lehrkräften fachlich eingeschätzt und professionell angesprochen werden kann. Das Kapitel betont die Reflexion der eigenen emotionalen Reaktionen auf verletzendes Verhalten und führt Beispiele aus der Praxis der Studierenden an. Zudem ist es nicht ausreichend, verletzendes Verhalten offen, strukturiert und vorbereitet anzusprechen, auch muss dieses z.B. im Rahmen von Teamgesprächen, Fortbildungen, Supervisionen oder der Entwicklung von Schutzkonzepten strukturell aufgearbeitet werden, um eine Kultur der Anerkennung der Kinderrechte in der Bildungsinstitution zu fördern und Kinder zu schützen. Hervorzuheben ist die praktische Anleitung zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von schwierigen Gesprächen, welche im konkreten Handlungskontext eine Hilfestellung bieten kann.
Das sechste Kapitel betont eingangs, dass verletzendes Verhalten gegenüber Kindern das Kindeswohl und die Menschenrechte verletzt. Demokratische Prozesse und professionelles Handeln auf Struktur-, Kontext-, Orientierungs-, Organisations-/Leitungs- und Prozessebene können dagegen präventiv und interventiv vorgehen. Eine Verbesserung der chronischen Unterfinanzierung von Bildung in Deutschland (Kontextqualität), eine an den Kinderrechten orientierte und mit demokratischen Verfahren verfolgte Arbeitsweise (Orientierungsqualität), eine optimale Nutzung der vorhandenen Ressourcen (Strukturqualität), ein transformationaler Führungsstil (Organisations-/Managementqualität) unterstützen gemeinsam die Qualität der Prozessqualität. Diese soll dahingehend ausgerichtet sein, demokratische Bildung als Menschenrechtsbildung als Querschnittsthema zu behandeln sowie die Reckahner Reflexionen als ethische Orientierung für pädagogische Beziehungen zu nutzen. Ein demokratisches Konfliktmanagement sollte genauso implementiert werden wie Schutzkonzepte und ein klar definiertes Beschwerdemanagement. Ein Stufenmodell für Konsequenzen bei verletzendem Verhalten bietet weitere Orientierung.
Nach der theoretischen Auseinandersetzung mit der behandelten Thematik bietet das siebte Kapitel eine Orientierung zum nachfolgenden praktisch orientierten Teil, den Bildungsimpulsen. Diese sind nach einem einheitlichen Schema strukturiert und eignen sich für Einzel- und Gruppenarbeiten sowie Anfänger:innen – unter Einbezug professioneller didaktischer Begleitung der Lernprozesse – und Fortgeschrittene. Das Ziel der Bildungsimpulse ist, die professionelle Haltung der Teilnehmenden zu stärken und sie auf den Umgang mit schwierigen Situationen vorzubereiten.
Im achten Kapitel werden theoretische Aspekte vertieft und es wird die Reflexion der Inhalte mithilfe unterschiedlicher didaktischer Methoden angeregt. Die Bildungsimpulse dienen dazu, sich mit fachlichen und ethischen Grundlagen zu dem Thema auseinanderzusetzen. Die Autorinnen gehen auf die ethischen Grundlagen der UN-Kinderrechtskonvention, das verletzende Verhalten und seine Auswirkungen, die Relevanz von Schutzkonzepten, die eigene Handlungskompetenz sowie den Anerkennungsbegriff nach Prengel (2019) ein. Die praxisnahen Übungen verbinden theoretisches Wissen und praktisches Handeln. Dabei laden sie dazu ein, die eigene Reflexionsfähigkeit zu stärken.
Im neunten Kapitel stehen konkrete Praxissituationen im Fokus. Anhand gezielter Übungen trainieren die Teilnehmenden demokratische Interaktionen, analysieren verletzendes Verhalten und üben die Vorbereitung und Durchführung professioneller Fachgespräche. Dabei wird auch darauf eingegangen, wie gesetzliche Vorgaben als Argumentationshilfe in Gesprächen verwendet werden können. Das Kapitel endet mit einem Rechercheauftrag, zu den eigenen Handlungsmöglichkeiten, um sich bereits während der Ausbildung politisch für bessere Rahmenbedingungen in Bildungseinrichtungen einzusetzen. Die zahlreichen Übungen fördern die Stärkung der Handlungskompetenzen und die professionelle Auseinandersetzung mit herausfordernden Situationen.
Im zehnten Kapitel reflektieren die Lesenden Beobachtungen und Erfahrungen im Umgang mit verletzendem Verhalten von Fach- und Lehrkräften gegenüber Kindern. Die Bildungsimpulse dienen dazu, die eigene professionelle Haltung und Reflexionsfähigkeit zu stärken. Hierzu analysieren sie, warum verletzendes Verhalten oft tabuisiert wird, welche Auswirkungen dies hat und wie das Tabu überwunden werden kann. Biografische Erfahrungen und wissenschaftliche Standards dienen dazu den eigenen beruflichen Habitus weiterzuentwickeln. Zudem werden sie darin gestärkt, demokratische Lösungsansätze im Umgang mit Kindern zu entwickeln, den Einfluss von Stress und Personalmangel auf die Teamarbeit zu reflektieren und professionell zu bewältigen. Ein strukturierter Beobachtungsbogen dient zudem dazu, verletzendes Verhalten systematisch zu erfassen und für die Reflexion in Fachgesprächen zu nutzen. Auch lernen die Lesenden, ihre Beobachtungen von verletzendem Verhalten durch Fach- und Lehrkräfte zu reflektieren und alternative Handlungsansätze sowie Möglichkeiten der Wiedergutmachung zu entwickeln. Die angebotenen praxisnahen Methoden bieten Impulse, die eigene professionelle Haltung zu stärken, Herausforderungen im Team zu bewältigen und verletzendes Verhalten fachlich zu analysieren und zu bearbeiten.
Diskussion
Die Monografie bietet eine umfassende und praxisorientierte Auseinandersetzung mit einem sensiblen und oft tabuisierten Thema. Sie kombiniert theoretische Grundlagen, aktuelle Studien und praktische Bildungsimpulse, um den professionellen Umgang mit verletzendem Verhalten zu fördern. Dabei richtet sie sich primär an angehende Fach- und Lehrkräfte sowie deren Lehrpersonal und kann zusätzlich im beruflichen Kontext die eigene professionelle Haltung und Handlungsfähigkeit stärken. Die solide theoretische Basis bindet Kinderrechte, demokratische Prinzipien und wissenschaftliche Standards ein. Fallbeispiele, Übungen und Reflexionsmöglichkeiten schaffen Praxisnähe und fördern die Handlungskompetenzen. Der Einbezug unterschiedlicher Blickwinkel von rechtlichen Aspekten bis hin zu emotionalen Reaktionen ermöglicht eine eigene Perspektiverweiterung und regt die eigene Reflexion an. In diesem Zuge unterstützt das Buch die Entwicklung bzw. den Ausbau eines reflektierten beruflichen Habitus und einer menschenrechtsorientierten Haltung.
Die umfangreiche Thematik kann unter Umständen für angehende Fach- und Lehrkräfte überwältigend sein, weswegen ergänzende Literatur hinzugezogen werden sollte sowie Reflexionsmöglichkeiten in den beiden Lernorten (Praxis und Hochschule bzw. Fachschule) unbedingt ermöglicht werden sollten, um einzelne Themenfelder weiter adäquat vertiefen zu können und potenzielle Überforderungssituationen angehender Fach- und Lehrkräfte zu vermeiden. Die hierarchischen Strukturen und eine mögliche fehlende Unterstützung von Leitungskräften sollten mitbedacht werden und in weiterführender Literatur vertieft werden. So ist es zentral, sich zusätzlich mit den unzureichenden Rahmenbedingungen in Bildungseinrichtungen vertiefend auseinanderzusetzen. Zuletzt kann die Auseinandersetzung mit verletzendem Verhalten und eigenen biografischen Erfahrungen emotionales Belastungspotenzial in sich bergen, weswegen eine ausreichende Unterstützung durch Lernbegleitung oder Supervision gewährleistet werden sollte.
In diesem Zuge ist eine Idee, das Buch gemeinsam als Team und mit Dozierenden an der Hochschule oder in der Fachschule durchzuarbeiten, zu reflektieren und die Handlungsmöglichkeiten zu erproben und angehende Fach- und Lehrkräfte bei der Bearbeitung kontinuierlich unterstützend zu begleiten.
Fazit
Die Monografie ist ein zeitgemäßes Fachbuch, das sowohl in der Ausbildung als auch für die berufliche Praxis von Fach- und Lehrkräften im Elementar- und Primarbereich bedeutsam ist. Es sensibilisiert für ein oft vernachlässigtes Thema und bietet konkrete praktische Ansätze zur Prävention und Intervention. Durch die Verknüpfung von theoretischem Wissen und praktischen Werkzeugen bietet es wichtige Impulse, um in herausfordernden Situationen handlungsfähig zu bleiben. Damit leistet es einen Beitrag, die Qualität der pädagogischen Arbeit zu verbessern und Kinderrechte in Bildungsinstitutionen zu stärken. Zentral ist, angehende Fach- und Lehrkräfte bei diesem Lernprozess adäquat zu begleiten.
Rezension von
Prof. Dr. Susann Kunze
IU Internationale Hochschule · Fernstudium, Erfurt
Professorin für Kindheitspädagogik
Studiengangsleiterin Kindheitspädagogik (B.A.) im Fernstudium
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