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Monika Alisch, Stefan Weidmann: Wohnen als soziale Frage

Rezensiert von Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster, 11.12.2025

Cover Monika Alisch, Stefan Weidmann: Wohnen als soziale Frage ISBN 978-3-17-038002-8

Monika Alisch, Stefan Weidmann: Wohnen als soziale Frage. Sozialräumliche Ungleichheit als Herausforderung Sozialer Arbeit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2024. 183 Seiten. ISBN 978-3-17-038002-8. 28,00 EUR.
Reihe: Soziale Arbeit in der Gesellschaft.

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Thema

Wohnen gehört zu den Grundbedürfnissen menschlichen Lebens und erfordert das ordnende Eingreifen überall dort, wo es nicht gewährleistet ist. In diesem Sinne formulierte die Weimarer Reichsverfassung von 1919 in Artikel 155: „Die Verteilung und Nutzung des Bodens wird von Staatswegen in einer Weise überwacht, die Mißbrauch verhütet und dem Ziel zustrebt, jedem Deutschen eine gesunde Wohnung und allen deutschen Familien, besonders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn- und Wirtschaftsheimstätte zu sichern.“ Angesichts der massiven Zerstörung von Wohnungen im Verlauf des 2. Weltkrieges und der desolaten wirtschaftlichen Lage verzichtete der Parlamentarische Rat auf Verankerung einer vergleichbaren Zusage, gleichwohl zählt das Recht auf Wohnen zu den Menschenrechten. Zu deren Einhaltung hat sich die Bundesrepublik Deutschland mit ihrem Bekenntnis zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft“ verpflichtet (Artikel 1 (2) GG).

Wohnen ist mehr als bloß ein Dach über dem Kopf. Wohnen bietet Schutz vor klimatischen Einflüssen, es bietet Schutz der Privatsphäre, Rahmenbedingungen für Gesundheit und Gesundung, es ist ein wesentlicher Beitrag auch zur sozialen Vernetzung. Zum Wohnen gehört das Wohnumfeld, das Partizipation an sozialen Entwicklungen einschließt.

Ungeachtet dessen besteht ein sich eher verschärfendes Spannungsverhältnis zwischen dem Wohnen als Grundrecht und dem Wohnen als Ware mit der Folge zunehmender Wohnungsnot: Die Mietbelastungen für die unteren Einkommensbezieher und – bezieherinnen sind zu hoch, es droht in vielen Fällen die Zwangsräumung. Und quartiersmäßig kommt es zu sozialen Selektionen. Wohnen ist „eine soziale Frage“ (15), die sich zuspitzt und für die Lösungsansätze gesucht werden müssen. Soziale Arbeit beschäftigt sich mit Ursachen und Folgen sozialer Ausgrenzung. Von daher ist die Beschäftigung mit dem Thema Wohnen fester Bestandteil ihres gesellschaftspolitischen Auftrags.

Herausgeber

Monika Alisch ist Diplom-Soziologin und Professorin für Sozialplanung, Sozialraum- und Gemeinwesenarbeit. Stefan Weidmann ist Diplom-Sozialarbeiter und Professor für Sozialraumentwicklung und -organisation sowie soziologische Perspektiven in der Sozialen Arbeit. Beide lehren und forschen an der Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen.

Aufbau

Monika Alisch und Stefan Weidmann arbeiten die skizzierte Problematik in vier Schritten ab. Kapitel 1 verweist zunächst auf die Herausbildung des modernen Wohnens, um sodann die unterschiedlichen Ebenen sozialräumlicher Ungleichheit analytisch vorzustellen. Zentral stehen dabei die Folgewirkungen residentieller Segregation, mit verursacht auch von staatlicher bzw. kommunaler Stadtentwicklungspolitik. Wohnen ist Ware, Teilhabe setzt deshalb finanzielle Nachfrageoptionen voraus. Fehlt diese, droht Wohnungsnot.

Kapitel 2 skizziert Wohnen als Auftrag Sozialer Arbeit. Wohnungslosenhilfe gehört zu deren genuinen Aufgaben. Deren Instrumente sind in den Sozialgesetzbüchern II und XII festgelegt. Dazu gehören auch Wohnformen in Institutionen und in der Nachbarschaft. Mit der Gemeinwesenarbeit kann Soziale Arbeit Wohnen über den individuellen Gebrauch im gesellschaftlichen Kontext mitgestalten.

Im nächsten Schritt – Kapitel 3 − leuchten die Autorin und der Autor den Bezug zum gesellschaftlichen Kontext genauer aus, indem sie Wohnen umfassend als soziale Frage darstellen. Dabei zielen sie auf das Konzept der Sozialraumentwicklung und dann der Sozialraumorganisation, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und alle Beteiligten am Wohnen in einem gemeinschaftlichen Diskurs zusammen zu führen.

Im abschließenden vierten Kapitel geht es darum, wie Soziale Arbeit eine Position zum Wohnen finden kann. Zum einen geht es um Schritte hin zu einer Dekommodifizierung des Wohnungswesens durch neue Anbieter- und Nachfrageorganisationen. Dieses zielt zum anderen auf die Ermöglichung sozialer Teilhabe durch Selbstorganisation der Betroffenen. Zusammenfassend fordern die Autor*innen, „dass sich Soziale Arbeit der Bedeutung von Wohnzusammenhängen in ihrer Praxis deutlich bewusster werden muss und sich dieser kritisch anzunehmen hat“ (159).

Die einzelnen Kapitel werden sehr übersichtlich eingeführt und jeweils anschaulich zusammengefasst. Zentrale Aussagen werden in Kästen hervorgehoben. Alles dient der Übersichtlichkeit und unterstreicht die Stringenz der Argumentation.

Inhalte

Modernes Wohnen, so der Einstieg in Kapitel 1, beinhaltet die Trennung von (Erwerbs-) Arbeit und Wohnen, Begrenzung der Personenzahl, Trennung von privat und öffentlich und steht fest im Bezug zu einem Markt, der Wohnen zur Ware macht. Die sich vergrößernde soziale und sozialräumliche Ungleichheit bis hin zur Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit fordert Soziale Arbeit heraus. Die festzustellende Segregation ist Folge der unterschiedlichen Entwicklungen in städtischen Teilgebieten und von Prozessen auf dem Wohnungsmarkt. Zu unterscheiden sind die erzwungene bzw. passive Segregation von freiwilliger und aktiver Segregation. Letztere führen zu einer Gentrifizierung, erstere zur Vernachlässigung von Investitionen, bei der Infrastruktur und anderem mehr. Die dagegen formulierte Stadtentwicklungspolitik, so auch das Konzept der „Sozialen Stadt“, sucht Stadt, Staat und Markt zusammenzubringen, tatsächlich aber konzentrieren sie sich vorwiegend auf baulich-investive Elemente. Raum wird eher als Behälter betrachtet, nicht aber als Produkt sozialen Handelns. Das Ergebnis: „Auf der Ebene der Haushalte bedeutet sozialräumliche Segregation eine Marginalisierung oder den Ausschluss von Zugängen zu Infrastruktur und Ressourcen, wenn nur noch solche Wohnquartiere bezahlbar erscheinen, die für Andere kein Vermarktungsinteresse erzeugen.“ (64)

Ausgehend von einer kurzen Darstellung von Entwicklung und Ausgestaltung der Settlement Bewegung geht es in Kapitel 2 um Herausforderungen der Sozialen Arbeit durch die Probleme auf dem Wohnungsmarkt. Zunächst werden Wohnungslosigkeit definiert und ihr Umfang empirisch belegt. Soziale Arbeit verfügt im Rahmen ihrer Wohnungslosenhilfe über ambulante und stationäre Angebote. Deren Inanspruchnahme allerdings ist an ein bestimmtes Verhalten gebunden und sichert – etwa im stationären Bereich – auch nur begrenzt Privatheit und Schutz. Wohnungslosenhilfe folgt häufig dem Defizitansatz in der traditionellen Sozialen Arbeit und führt Wohnungslosigkeit oftmals auf persönliche Probleme der Betroffenen zurück. Deren Überwindung wird dann auch eher als sozialpädagogisches Problem angesehen, denn als gesellschaftliches. Beispiele lassen sich aufzeigen in der Jugendhilfe, der Altenhilfe und bei geflüchteten Menschen. Wohnen geschieht in Nachbarschaft, von daher kommt der Gemeinwesenarbeit eine wichtige Funktion zu. Dieses kann eher wohlfahrtsstaatlich bzw. sozialintegrativ mit einem ausgeprägten Fürsorgecharakter erfolgen, aber auch aggressiv. Letztere geht vom „Fall zum Feld“ (92), bindet also das individuelle Problem in ihre sozialen Zusammenhänge ein. Abschließend wird eine komplexe Perspektive formuliert, der sich soziale Arbeit in diesem Kontext stellen soll: „Sie muss die Lebensverhältnisse im Stadtteil als Folge kommunaler, regionaler und überregionaler sowie gesellschaftlicher Entwicklungen ebenso begreifen wie die Funktion des Wohngebiets in diesen Zusammenhängen (bspw. zur Aufnahme randständiger Gruppen, gegen die sich andere Wohngebiete wehren.) (…).“ Macht- und Herrschaftsverhältnisse seien mitzubedenken (99).

Gemeinwesenarbeit müsse, so die Folgerung in Kapitel 3, bewusst parteiisch sein im Sinne eines Eintretens in Auseinandersetzungen mit Politik, Eigentümern und Verwaltung. Wohnen bedeute beides: die bewusste Partizipation an der Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen und Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Nach der Diskussion verschiedener Konzepte sozialraumbezogener Sozialer Arbeit entwickeln Monika Alisch und Stefan Weidmann mit dem Konzept der Sozialraumentwicklung einen Rahmen, „in dem die Betreffenden sich ihrer eigenen Ansprüche an gesellschaftlicher Teilhabe vergewissern können und so eine aktive Selbstvertretung ihrer Interessen möglich wird.“ (110) Sozialer Arbeit kann hier die Aufgabe der Moderation zukommen, allerdings auf der Grundlage einer Allparteilichkeit, um den diversen Ansprüchen jeweils Gehör zu verschaffen. In einem zweiten Schritt, der Sozialraumorganisation, müsse es dann zu einem Austausch mit den traditionellen Trägen im Bereich Wohnen kommen: kommunale Verwaltung, Träger der Sozialen Arbeit, Wohnungsgesellschaften, Vermieter und Städteplanung. Gefordert wird: Gleiche Chancen für alle! Insgesamt gehe es um ein Community Organizing, der „Initiierung von handlungsmächtigen Zusammenschlüssen von Menschen unterschiedlicher Kulturen auf lokaler Ebene bzw. im Stadtteil“. [1] In vier Phasen – Zuhören, Machtanalyse, Aktionen, Organisationsaufbau – gehe es um eine „Repolitisierung des Wohnens“ (119). Die traditionelle Wohnungslosenhilfe müsse ebenfalls umdenken und vor allem auf Niederschwelligkeit setzen: Housing First – bedingungsloses Zurverfügungstellen von Wohnraum, ohne Vorbedingungen, Vorrang von Harm-Reduction, Wohnraumversorgung müsse von anderen Hilfeansätzen wie etwa Therapie getrennt werden.

Dies alles stellt Soziale Arbeit vor Herausforderungen. Doch müsse Soziale Arbeit ihre Position zum Wohnen finden, so beide Autor*innen im vierten Kapitel. Sie konstatieren einen „Flickenteppich der Notversorgung mit Wohnraum mittels Wohngeld, Mietpreisbremsen und zeitlich befristeter Wohnraumförderung“. (136) Hinzu komme der rapide Schwund beim Bestand des sozialen Wohnungsbaus. Im Gegensatz dazu bedürfe es einer (Re-) Kommunalisierung von Wohnraum – analog zu Wasser, Wärme, Strom. Alle Grundbedürfnisse müssten allen Menschen in rechtsverbindlicher Weise kostenfrei oder zumindest kostengünstig zur Verfügung gestellt werden. Bei dem einzuschlagenden Weg der Sozialen Arbeit gebe es zwei strategische Richtungen, einmal den munizipalistischen Weg, der mittels Bündnissen ein kommunales Gegengewicht bildet, zum anderen den syndikalistischen Weg, der auf autonome Initiativen ggb. Wohnungsunternehmen setzt. Entgegen der Tatsache, dass viele Betroffene meist einen individuellen Ausweg aus ihrer Wohnungsnot durch individuelle Mehrbelastungen suchen, müsse die Soziale Arbeit dagegen Wege einschlagen, „um Folgen von Wohnungsnot sichtbar und lösbar zu machen.“ (139) Dazu bedürfe es einer stärkeren Community Organizing, mit dem Ziel, gemeinschaftliches Wohnen zu schaffen. Dieses beinhalte drei Elemente, einmal ein Sorgesetting, dann eines identitätsstiftenden und passungsfähigen Alltagsgefüges sowie ein Streben nach selbstbestimmten Da-Sein. Soziale Arbeit müsse hier Ressourcen erschließen. Dieses werde angesichts neuer Herausforderungen noch wichtiger, so im Kontext der Environmental Gentrifikation sowie Environmental Justice als Folge sozial ungleicher Verteilung von Umweltbelastungen und der Notwendigkeit, gerade in problematischen Wohnquartieren Abhilfe zu schaffen. Dieses betrifft auch die unterschiedlichen Chancen bei Nutzung der Möglichkeiten digitaler Angebote. Deshalb gelte es „Wohnen und Soziale Arbeit weit über die Wohnungslosenhilfe hinaus zu denken hin zu einer Wohnpolitik insbesondere für die Adressat*innengruppen Sozialer Arbeit.“ (164)

Diskussion

Die vorgelegte Studie gelangt angesichts der Problematik Wohnungsnot zum Ergebnis: „Wohnen bedeutet Schutz, Sicherheit, ein Zuhause in einer Nachbarschaft, eine Basis für die Aneignung der Welt, denn: Wohnen ist Menschenrecht. (…) Wohnen ist eine soziale Frage, solange es für Teile der Bevölkerung als Grundrecht in Frage gestellt wird!“ (163) Es ist spannend, welche Horizonte in dem vorliegenden Band aufgemacht werden, um hier Autonomie, Partizipation und soziale Umsetzbarkeit einer Wohnpolitik aufzuzeigen. Entgegen der vorgetragenen normativen Bestimmung von Wohnen ist Wohnen in unserem Sozialgefüge weitestgehend Ware und wird als solche in der Öffentlichkeit einschließlich der Politik wahrgenommen und kaum in Frage gestellt. Eine kleine Ausnahme stellen Behelfsquartiere für bestimmte Notfälle dar.

Doch Wohnungsnot ist nur eine Dimension in einem umfassenden Verständnis von Armut und sozialer Ausgrenzung. Dieses schließt Erwerbsarbeit, Einkommen, Bildung, Gesundheit, soziale und politische Partizipation sowie den breiten Raum der Freizeitgestaltung mit ein. [2] Diese vielfältigen Dimensionen haben auch direkten oder indirekten Einfluss auf Wohnen: Wohnen als Ruheraum von Erwerbsarbeit, als Ausgangspunkt zur Erwerbsarbeit, als Ort der nichtmarktmäßigen Hausarbeit, ohne die Erwerbsarbeit nicht möglich wäre, als Ware, die mit Einkommen bezahlt werden muss, als Ort der außerschulischen Bildung, als Ort der Pflege bei Erkrankungen etwa im Berufsleben etc. Aber diese Dimensionen haben jeweils auch einen Eigenwert, der nicht unmittelbar mit Wohnen zusammenhängt. Ausgrenzungsprozesse verlaufen meist mehrdimensional, Wohnungsnot ist dann ein Ergebnis, aber nicht das alleinige. Dieses betrifft auch die Bereiche Arbeitslosigkeit, Einkommens- und Vermögensarmut, Bildungsarmut, gesundheitliche Beeinträchtigungen etc. Einem multidimensionalen Armutsverständnis entspricht dann die Forderung nach einem multidisziplinären und multidimensionalen Ansatz in der Armutsbekämpfung. Dabei sind sehr wohl auch Einzelkomponenten gefragt und damit Hilfeansätze innerhalb einzelner Dimensionen, aber diese bedürfen einer Verlinkung mit anderen. In diesem Sinne macht es Sinn, eine einzelne, zentrale Dimension – Wohnen – genauer auf ihre Vulnerabilität und auf Wege zu deren Überwindung gründlich und kritisch auszuleuchten. Aber eine oder genauer die „soziale Frage“ geht über das hinaus, was den Bereich Wohnen über dessen vielfältige Dimensionen hinaus betrifft.

In diesem Zusammenhang ist die entscheidende Frage, wie wird dem Wohnungsmangel in einer warenproduzierenden Gesellschaft abgeholfen. Da wir in unseren Breiten nicht in Laubhütten Unterkunft finden können und eine umfangreiche Infrastruktur benötigen, bedarf es Investitionen in Wohnraum bzw. zu dessen Erneuerung. Die kosten Geld – die Möglichkeiten neuer Genossenschaften, neuer Wohnungsgemeinnützigkeit, selbstorganisierter Wohnungsbauprojekte haben, wie in der Untersuchung dargestellt, „Nischenstatus“ (135). Sozialer Wohnungsbau, kommunaler Wohnungsbau stehen in Zielkonflikten mit anderen öffentlichen Aufgaben, die ebenfalls im Kontext der „sozialen Frage“ eine erhebliche Bedeutung haben: öffentlich geförderte Arbeit und Unterstützung bei Arbeitslosigkeit, weiterer Einkommensersatz, Bildung, Gesundheit, Ferienspiele, Freizeitangebote, offene Jugend- bzw. Altenarbeit u.a.m. Die Forderung, Wohnen den „Verwertungslogiken von Marktakteuren“ [3] entziehen, ist eine ernstzunehmende Forderung angesichts des aktuellen Missstandes für viele Menschen, auch gibt es etwa in einigen Großstädten dazu eine breite öffentliche Bewegung. Doch ist dies eine Forderung, deren Umsetzbarkeit in unserem Gesellschaftssystem grundsätzliche Fragen aufwirft. Bedarf es da nicht doch des Webens an einem „Flickenteppich“ entlastender Einzelmaßnahmen, zu dem auch die Soziale Arbeit ihren Beitrag leisten kann und muss? Die Diskussion darüber ist so alt wie die Auseinandersetzung über die „soziale Frage“. Wichtig ist eine schonungslose Offenlegung der Problematik, damit die Politik wenigstens das tut, was sie tun kann und soll, nämlich Wohnen als Menschenrecht zumindest als Ziel zu verfolgen – wie ebenso bei Erwerbsarbeit, Einkommen, Bildung, Gesundheit und anderen Bereichen der Teilhabe. Ein wichtiger Zwischenschritt ist das spürbare Hochfahren des sozialen Wohnungsbaus. Hier haben die Kommunen – um ein Beispiel zu nennen − genügend Möglichkeiten, dieses zu erreichen, die sie bislang nicht nutzen.

Des Weiteren bedarf es bei der Sozialen Arbeit im Rahmen der Wohnungslosenhilfe in der Tat eines Umdenkens. Harm Reduktion ist ein wichtiger Zugang zu Menschen, die Schwierigkeiten beim Wohnen haben. Hier gibt es gute Beispiele, wie dieses gelingen kann.

Und schließlich: Wohnen bedeutet immer Wohnumfeld. Die Kritik von Monika Alisch und Stefan Weidmann trifft den Kern: Städteplanung und Stadtpolitik dürfen sich nicht auf Bauen und institutionelle Einrichtungen konzentrieren. Sie muss vielmehr unter Einbeziehung der Akteure der Sozialen Arbeit die ausdifferenzierten Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner im Sinne des sozialen Austauschs und des sozialen Miteinanders im Blick haben. Dabei reichen Kommunikation und Unterstützung bei Konflikten nicht aus, vielmehr bedarf es hier einer gewissen Autonomie der Bewohnerinnen und Bewohner bei der sozialen Gestaltung der Umwelt.

Soziale Ausgrenzung und Armut sind konkret, sie zeigen sich in verschiedenen Facetten, so auch im Bereich Wohnen als Einheit von Privatheit und Schutz einerseits sowie gemeinschaftlichem Leben und Alltagsbegegnungen andererseits. Soziales Zusammenleben im Kiez kann nicht von außen vorgegeben, wohl aber sozial mitgestaltet werden, etwa durch Soziale Arbeit. Diese muss einerseits ihre Instrumente der Wohnungslosenhilfe deutlich erweitern von der Krisenintervention hin zu umfassenden gesellschaftskritischen Ansätzen der Infragestellung von Marktmacht auf dem Wohnungssektor. Nur wenn die Autor*innen auf neue Formen einer Sozialraumorganisation zielen, die betroffene Wohnungsinhaber*innen und Träger der örtlichen Politik sowie der Wohnungswirtschaft in einen fruchtbaren Dialog bringen soll, dann bedarf es einer Ausdifferenzierung dessen, was sie pauschal als „neoliberale Politik“ charakterisieren. Wenn Wohnen nicht mehr marktmäßig angeboten werden soll, werden erhebliche Ressourcen dafür ausgeschaltet. Dass der Staat bzw. die Kommune dieses auffangen kann, ist angesichts deren vielfältigen Aufgaben auch bei der Bewältigung anderer Dimensionen von Armut und sozialer Ausgrenzung wenig realistisch. Bleibt also der Interessenausgleich, der auch eine Verzinsung investierten Kapitals beinhalten wird. Und dann muss eben doch am „Flickenteppich“ weiter gewebt werden – unter Einbeziehung des Wissens, dass Wohnungsnot Armut ist, aber auch andere Dimensionen umfasst, die teils mit dem Wohnen zusammenhängen, teils aber auch nicht. Der Diskurs zur Überwindung von Armut ist breit zu führen, wobei die von Monika Alisch und Stefan Weidmann klug entfalteten Zusammenhänge beim Wohnen ganz wichtige Elemente darstellen.

Fazit

Wohnen ist Menschenrecht, unterliegt aber in hohem Maße dem Marktgeschehen. Soziale Arbeit muss über Krisenintervention hinaus die sozialen und politischen Zusammenhänge von Wohnungslosigkeit im Blick haben. Gemeinwesenarbeit mit dem Ziel eines Community Organizing kann einen Beitrag dazu leisten, dass es auf lokaler Ebene bzw. im Stadtteil zu handlungsmächtigen Zusammenschlüssen von Menschen unterschiedlicher Kulturen kommt, die zur Dekommodifizierung von Wohnen aktiv beitragen.


[1] Ute Fischer und Lothar Stock: Community Organizing – Partizipation und Demokratie im Alltag, in: Michaela Kötting und Dieter Röh (Hrsg.): Theoretische Analysen, gesellschaftliche Herausforderungen und Reflexionen zur Demokratieförderung und Partizipation. Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, Bd. 18. Opladen u.a.2023, S. 64, zit. n. Alisch und Weidmann a.a.O. S. 114.

[2] Ernst-Ulrich Huster und Jürgen Boeckh (Hrsg.): Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung, 4. Aufl. Wiesbaden 2024. Kai Marquardsen (Hrsg.): Armutsforschung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Baden-Baden 2022, 2. Aufl. i.E.; Roland Anhorn und Johanne Stehr (Hrsg.): Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit, 2 Bde. Wiesbaden 2021; Petra Böhnke, Jörg Dittmann und Jan Goebel (Hrsg.): Handbuch Armut. Opladen und Toronto 2018.

[3] Michael Krennerich: Ein Recht auf menschenwürdiges Wohnen? In: Gesucht! Gefunden? Alte und neue Wohnungsfragen. Bonn 2019, S. 29, zit. nach Alisch/​Weidmann a.a.O. S. 134

Rezension von
Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster
Evangelische Hochschule RWL Bochum und Justus Liebig-Universität Gießen
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Es gibt 9 Rezensionen von Ernst-Ulrich Huster.

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ISSN 2190-9245