Tina Friederich, Katrin Liebers et al. (Hrsg.): Facetten der Professionalisierung im System frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung
Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 20.02.2026
Tina Friederich, Katrin Liebers, Victoria Jankowicz, Simone Reinhold, Maike Rönnau-Böse u.a. (Hrsg.): Facetten der Professionalisierung im System frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung. Festschrift für Susanne Viernickel. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2024. 220 Seiten. ISBN 978-3-949777-05-9.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension
Die Herausgeberinnen
Prof. Dr. Tina Friederich ist Professorin für Pädagogik an der Katholischen Stiftungshochschule München.
Prof. Dr. Katrin Liebers ist im Bereich Schulpädagogik des Primarbereichs an der Universität Leipzig tätig.
Victoria Jankowicz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Pädagogik der frühen Kindheit der Universität Leipzig.
Prof. Dr. Simone Reinhold ist Professorin für Grundschuldidaktik Mathematik an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.
Prof. Dr. Maike Rönnau-Böse ist Professorin und Studiengangsleitung für Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg.
Die Autorinnen und Autoren der Beiträge sind langjährige Weggefährt*innen von Susanne Viernickel.
Thema
Die Festschrift anlässlich der Emeritierung von Prof. Dr. Susanne Viernickel greift das heuristische Professionalisierungsmodell des „kompetenten Systems“ auf. Das Konzept des „kompetenten Systems“ erweitert das Verständnis von Professionalisierung von der Betrachtung der einzelnen Fachkraft hin zum Gesamtsystem. In den Beiträgen werden verschiedene Facetten von Professionalisierung im System der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung thematisiert und die unterschiedlichen Systemebenen beleuchtet (Auszug aus dem Klappentext).
Aufbau und Inhalt
Die Beiträge dieser Festschrift lassen sich vier Bereichen zuordnen. Individuelle, institutionelle, interinstitutionelle Ebene und Steuerungsebene.
Individuelle Ebene
Es beginnt Lieselotte Ahnert, die die Bedeutung und Relevanz einer Interaktions‑ und Bindungsorientierung in der Frühpädagogik für die Betreuung vor allem im Krippenalter herausarbeitet. Der hohe Stellenwert für und in der pädagogischen Arbeit wird deutlich.
Peer‑Beziehungen haben in der frühen und mittleren Kindheit als symmetrische Beziehungen große Bedeutung für die sozial-emotionale Entwicklung. Petra Völkel zeigt, was und wie Kinder voneinander lernen.
Simone Reinhold beschäftigt sich mit elementaren Grundlagen und Beobachtungsanlässen für die frühe mathematische Bildung. Sie betont die Relevanz früher visueller und elementarer arithmetischer Inhalte und gibt konkrete Anregungen für Erfahrungen mit Zahlen, Mustern und Formen.
Wichtig ist auch frühe naturwissenschaftliche und technische Bildung, auch und gerade im Elementarbereich. Annett Steinmann und Kim Lange-Schubert formulieren Leitideen und Perspektiven, präsentieren dazu ein geeignetes Aufgabenformat (Werkatelier) und veranschaulichen es am Beispiel eines Vorschulprojektes.
Jeanette Roos und Rahel Kästner beschäftigen sich mit Handlungskompetenzen pädagogischer Fachkräfte im U3-Bereich. Im Ost-West-Vergleich erwies sich die Einstellung zur außerfamiliären Betreuung in den ersten Lebensjahren als bedeutsam für die Selbstwahrnehmung der Kompetenz für diesen Altersbereich.
Institutionelle Ebene
Iris Nentwig Gesemann frägt „Profilbildung oder Standardisierung?“ und plädiert für einen interperspektivischen Qualitätsentwicklungsprozess. Sie stellt das „goldenes Dreieck kindheitspädagogischer Prozessqualität“ vor: Beziehung und Resonanz, Dialog und Partizipation, Zeit und Besinnung. In einen demokratisch‑ responsiven, vielfaltssensiblen und diskursiven Qualitätsentwicklungsprozess sind alle unmittelbar Beteiligten einzubeziehen: pädagogische Fachkräfte, Leitungen, Eltern und Kinder.
Im nächsten Beitrag werden Merkmale der Strukturqualität, wie sie in amtlichen Statistiken erfasst werden, diskutiert: Qualifikationsstruktur, Personalschlüssel, Leitungsressourcen. Kirsten Fuchs-Rechlin stellt fest, dass es zwar Verbesserungen trotz Fachkräftemangel gab, dass diese aber immer noch unter fachlichen Empfehlungen bleiben, bei großen regionalen Unterschieden. Die Qualität der frühen Bildung hängt vom Wohnort des Kindes ab.
Abschließend berichten Christiane Hilz und Christian W. Glück über die Basisstudie an der Forschungs‑ und Lehrkindertagesstätte FoLKi der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, deren Implementierung mit dem Ziel, Entwicklung im Kontext zu erfassen, erhobene Daten bereitzustellen und so Professionalisierungspotenziale zu nutzen.
Interinstitutionelle Ebene
Peter Cloos sieht Reflexivität als wichtigen Bestandteil professionellen Handelns, beschreibt sie als organisatorische Leistung, als Kompetenz des Systems. Dabei stellt er besonders die Diversivitätsreflexivität heraus.
Dörte Weltzien referiert über bindungs‑ und bildungsorientierte Beziehungsgestaltung als Bezugspunkt systemorientierter Professionalisierung. Sie betont den Zusammenhang von Bindung und Bildung. Die Realisierung einer evidenzbasierten Gestaltung von beziehungsreichen Lernumgebungen bedarf der Zusammenarbeit von Praxis, Forschung und Aus‑ und Weiterbildung.
Die Zusammenarbeit von verschiedenen Ausbildungs‑ und Praxisfeldern ist auch Thema bei Victoria Jankowicz, Marianne Rölli-Siebenhaar, Romy Döring-Koch und Virginia Richter. Sie berichten aus dem Arbeitsbereich Pädagogik in der frühen Kindheit der Universität Leipzig und stellen Projekte vor, um schon während des Studiums Möglichkeitsräume zu finden und diese auszuprobieren.
Ergebnisse und Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt stellen auch Beatrice Rupprecht, Helke Redersborg, Isabelle von Seeler und Steffen Siegemund-Johannsen vor. Thema ist die Professionalisierung des Übergangs Kita – Schule durch die Entwicklung von alltagsnahen Beobachtungsverfahren. Die Bedeutung von Beobachtung und Dokumentation und deren Umsetzung wird herausgestellt.
Können Fachgesellschaften der Motor für Professionalisierung sein? So fragen Tina Friederich und Petra Strehmel. Sie beschreiben den Entstehungsprozess der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit (BAG BEK e.V.). Sie verstehen Professionalisierung als Mehrebenenkonzept, zu der z.B. Fachverbände und Wohlfahrtsverbände beitragen. Sie können auch versuchen, inhaltliche Argumente und konkrete Aktivitäten bei politischen Vertretungen zu platzieren
Steuerungsebene
„Was beeinflusst den Ruf einer Kita?“ fragt Klaus Fröhlich-Gildhoff. Was sind Bedingungen für den „Guten Ruf“? Er diskutiert Kennzeichen hoher Qualität wie Stabilität, Arbeitszufriedenheit durch Organisations‑ und Teamkultur, Leitung, Träger. Es bedarf eines kompetenten Gesamtsystems: Träger, Leitung, Team, aber auch regionalen und überregionaler Steuerungsebenen.
Jörg Maywald beschreibt Professionalisierungsschritte auf dem Weg zu einem kinderrechtsbasierten Kinderschutz, damit die Kita zum sicheren Ort für Kinder wird und bleibt. Er thematisiert den Schutzauftrag und die Ethik pädagogischer Beziehungen und stellt die Bausteine eines Gewaltschutzkonzeptes heraus.
Anja Voss referiert über Gesundheitspädagogik in Kindertageseinrichtungen und strukturelle und personelle Rahmenbedingungen. Gesundheitspädagogische Gegenstandsbereiche wie Ernährung, Bewegung, psychische Gesundheit, Resilienz und Lebenskompetenzen werden diskutiert.
Abschließend führt Karsten Herrmann ein Gespräch mit Susanne Viernickel zur persönlichen Geschichte und über fachliche und wissenschaftliche Entwicklungen. „Es gab viel Aufbruchstimmung, aber auch Rückschläge“.
Diskussion
Diese Festschrift spannt einen weiten Bogen zu Fragen der Betreuung und Bildung in der frühen Kindheit in Krippe und Kindergarten, insbesondere zur Professionalisierung dieses Angebots. Individuelle, institutionelle, interinstitutionelle und die Steuerungsebene werden thematisiert.
Es ist faszinierend zu lesen, welches Spektrum Susanne Vierwinkel und ihre Weggefährtinnen und Weggefährten mit Ideen gefüllt und bearbeitet haben. So findet jede Leserin, jeder Leser Anregungen zu jeweils interessierenden Aspekten.
Fazit
In diesem Band werden vielfältige Aspekte der Professionalisierung frühkindlicher Betreuung und Bildung angesprochen. Es bietet viele unterschiedliche Anregungen. Es würdigt angemessen die Arbeit von Susanne Vierwinkel.
Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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