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Susanne Schröter: Der neue Kulturkampf

Rezensiert von Dr. Antje Flade, 29.10.2024

Cover Susanne Schröter: Der neue Kulturkampf ISBN 978-3-451-39710-3

Susanne Schröter:Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2024. 271 Seiten. ISBN 978-3-451-39710-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.

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Thema

Das Buch geht dem Phänomen Wokeness auf den Grund. In neun Kapiteln wird dargestellt, wie die woke Linke Einfluss auf die Wissenschaft, die Kultur und die Gesellschaft nimmt. Was nicht in deren Weltbild passt, wird als rassistisch und rechtsextrem diffamiert.

Autorin

Susanne Schröter ist Ethnologin, emeritierte Professorin am Institut für Ethnologie an der Universität Frankfurt und Gründerin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam.

Aufbau und Inhalt

Das Buch setzt sich aus drei Teilen mit jeweils drei Kapiteln, umrahmt von einem Vorwort und einem Ausblick, zusammen. Im ersten Teil befasst sich die Autorin mit der Universität als einem Ort woker Ideologien. Im Namen von Gerechtigkeit, Humanität und Weltoffenheit sollen Diskriminierung und Rassismus bekämpft werden. Im zweiten Teil geht es um das Bestreben der woken Linken, eine neue Wirklichkeit zu erschaffen. Dazu gehört, bestimmte Themen mit einem Tabu zu belegen. Im dritten Teil beschreibt Schröter die Ausdehnung woker Netzwerke und deren Geschäftsinteressen.

Im Vorwort nennt die Autorin die Quellen, auf die sie sich bezieht. Neben ihren detaillierten Recherchen und ihrer ethnologischen Forschungstätigkeit sind es ihre persönlichen Erfahrungen mit der woken Ideologie, die sie im Rahmen ihrer Forschung zum Islamismus und Dschihadismus sowie in ihrer Position als Hochschullehrerin gemacht hat.

Im Kapitel 1 beschreibt Schröter den Islamismus als einen gegen die westliche Moderne gerichteten Diskurs. Radikalisierung wird in der woken Ideologie als Folge von Diskriminierung interpretiert. Kritische Themen wie die Unterwerfung und Verhüllung von Frauen und die integrationsfeindliche Politik der Islamverbände werden ausgeblendet.

Im zweiten Kapitel schildert die Autorin, wie Angehörige in Universitäten, die eine andere Sicht als die woke Linke haben, eingeschüchtert und als Rassisten verunglimpft werden. Die Einschränkung der Meinungsfreiheit wird damit begründet, dass dadurch Diskriminierungsfreiheit erreicht wird und der Schutz minorisierter Gruppen sichergestellt ist. Konferenzen, die sich mit dem Thema Migration und den Versäumnissen bei der Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft befassen, werden boykottiert.

Im dritten Kapitel beschreibt Schröter, wie die woken Ideologen an den Universitäten agieren und wie Canceln funktioniert. Zu einem Vortrag Eingeladene werden ausgeladen, wenn sie zum Beispiel berichten, dass es Ausbeutung und Sklaverei in allen Epochen und auf allen Kontinenten gegeben hat. Das will man nicht wahrhaben. Eine als rassistisch oder rechtsextrem bezeichnete Person hat auch deshalb keine Möglichkeit, sich gegen Vorwürfe zur Wehr zu setzen, weil man sich auf erlebte Gefühle beruft, die sich einer objektiven Überprüfbarkeit entziehen. Eine sachliche Argumentation entfällt; wenn sich jemand diskriminiert fühlt, hat er automatisch recht.

In Kapitel 4 geht es um die Utopie einer Welt ohne Grenzen. Die woke Linke tritt für einen unbegrenzten Zugang von Zuwanderern ein, was letztendlich zu einer Auflösung des Nationalstaates führt. Das Recht auf Einwanderung wird damit begründet, dass die defizitären Lebensverhältnisse in den Herkunftsländern eine Folge westlicher Ausbeutung sind. Dass sich längst neue Konstellationen und Machtblöcke herausgebildet haben, wird nicht zur Kenntnis genommen. Die Autorin beleuchtet die Strategien der staatlich unterstützten NGOs, die sich für eine Migrationspolitik einsetzen, die als fortschrittlich propagiert wird. Dabei werden Missstände tunlichst verschwiegen.

Im fünften Kapitel wird Islamismus als antisemitisch, antichristlich und frauenfeindlich und unsere Gesellschaft gefährdend dargestellt. Doch wer so denkt, gilt als islamophob. Schröter berichtet von den Erfahrungen des Journalisten Konstantin Schreiber, der darüber berichtet hat, was in den Moscheen gepredigt wird. Er wurde offen bedroht, was ihn dazu veranlasst hat, sich künftig nicht mehr über Fragen des Islam zu äußern. Ein weiteres Beispiel für eine gescheiterte Integration der Migranten aus muslimischen Ländern ist die Situation im Berliner Verwaltungsbezirk Neukölln. Dennoch wird das Phänomen der migrantisch-muslimischen Deutschenfeindlichkeit mit dem Argument abgewehrt, dass die Muslime lediglich auf eine erlebte Islamophobie reagieren, denn migrantischer Rassismus passt nicht ins Bild der woken Linken. Er passt auch nicht zum Standpunkt der staatlich geförderten unabhängigen Expertenkommission Muslimfeindlichkeit (UEM).

Im Kapitel 6 nimmt die Autorin das Thema Geschlecht in den Blick. Die Frauenbewegung war einmal eine erfolgreiche soziale Bewegung gewesen. Inzwischen ist sie, wie die Autorin konstatiert, zu einer dogmatischen Ideologie verkommen. Alice Schwarzer, die zu einer Lesung eingeladen war, wurde ausgeladen; man warf ihr vor, eine antimuslimische Rassistin zu sein. Sie hatte sich gegen das islamische Kopftuch ausgesprochen und die sexuellen Übergriffe von Migranten in der Kölner Silvesternacht verurteilt. Die Unterscheidung zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und der sozialen Geschlechtsrolle (gender) wird von der woken Linken negiert. Das Geschlecht wird als Konstruktion verstanden, das man ändern kann. Gendern wird von der Mehrheit der Bevölkerung zwar ablehnt, es soll dennoch als Mittel, Diskriminierung zu bekämpfen, durchgesetzt werden.

Im Kapitel 7 nimmt die Autorin die ökonomischen Interessen der woken Linken unter die Lupe. Der Kampf um das vermeintlich Gute – der Antirassismus – ist ein einträgliches Geschäftsmodell, dem ein schlichtes Weltbild zugrunde liegt: Menschen werden in zwei Gruppen: Opfer und Täter, unterteilt. Täter sind die im Westen lebenden Menschen, Opfer sind die von ihnen ausgebeuteten Nichtweißen – so die Ideologie. Es ist attraktiv, Opfer zu sein, wenn der Opferstatus mit Vorteilen verbunden ist. Im Übrigen ist eine Gesellschaft, die sich als rassistisch und moralisch defizitär darstellt, ein gravierendes Hindernis für die Integration von Zuwanderern. Schröter führt eine Reihe fragwürdiger tendenziöser Untersuchungen an, die belegen sollen, dass die Deutschen fremdenfeindlich und rechtsextrem sind. Wer woken Stereotypen nicht zustimmt, wird als rechtsradikal gelabelt. Die Autorin berichtet ausführlich darüber, wie die Menschenrechte vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen instrumentalisiert werden, und auch, dass die Existenz des Staates Israel von Vertretern des Rats infrage gestellt wird. Antirassismus ist ein Milliardengeschäft; Behörden und Unternehmen richten mit viel Personal ausgestattete Meldestellen ein, um Verstöße gegen die woke Ideologie zu erfassen. Abweichler werden durch Mobbing, Rufmord und Zerstörung beruflicher Karrieren zur Raison gebracht.

Im Kapitel 8 nimmt die Autorin Medien, Verlage und kulturelle Einrichtungen in den Blick. Die Medien sind mächtig, denn sie entscheiden darüber, welche Themen behandelt werden und welche nicht, und in welcher Weise berichtet wird, indem zum Beispiel bestimmte Bilder oder Bildausschnitte gezeigt und Begriffe wie „Willkommenskultur“ verwendet werden. Auch auf das stattliche Budget des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geht sie ein, wobei sie konstatiert, dass sich die politischen Präferenzen der Belegschaft sehr deutlich von denen der Gebühren Zahlenden unterscheiden. In Verlagen hat die woke Ideologie ebenfalls Fuß gefasst. Sensitivity-Reader kommen zum Einsatz, um jede Form von Diskriminierung im Keim zu ersticken. Dabei steht auch die Literatur der Vergangenheit auf dem Prüfstand. Schröter analysiert des Weiteren die gegenwärtige Restitutionspraxis: die Rückgabe von Objekten, darunter der Benin-Bronzen, die während der Kolonialzeit erworben wurden und die Kolonialschuld der Europäer vor Augen führen sollen. Die Vorgeschichte, dass die Könige von Benin brutale Krieger und Sklavenjäger waren, wird weg gelassen, es würde nicht zum Bild friedfertiger Opfer passen.

Das neunte Kapitel befasst sich mit dem Antisemitismus. Aufhänger ist das Massaker am 7. Oktober 2023 in Israel, das von woken Linken und Islamisten als berechtigte Widerstandsaktion gefeiert wird. Das Selbstverteidigungsrecht des jüdischen Staates wird negiert. Es ist eine Täter-Opfer-Umkehr. Die Autorin berichtet über antisemitische Vorkommnisse in verschiedenen Städten und an Universitäten. Muslime werden zu Opfern eines antimuslimischen Rassismus stilisiert. Kritik an dieser Auffassung wird reflexartig als rechtsextrem verurteilt.

Im abschließenden Ausblick konstatiert Schröter, dass die sozialen, kulturellen, bildungspolitischen und monetären Kosten einer von der woken Linken vorangetriebenen ungesteuerten Zuwanderung zu hoch sind. Man beginnt, über die deutsche Migrationspolitik zu diskutieren, auch wenn woke Akteure das zu verhindern trachten.

Diskussion

Die im universitären Bereich tätige Autorin weiß, wovon sie redet. Sie berichtet ausführlich und anschaulich über ihre persönlichen Erfahrungen mit woken Akteuren. Trotz einer subjektiven Betroffenheit gelingt es ihr als Wissenschaftlerin, das Phänomen Wokeness, das erstmals in Universitäten auftauchte, zu objektivieren und mithilfe etlicher Recherchen systematisch und sachlich zu analysieren und die Mechanismen und Wirkungsweisen woker Ideologie aufzuzeigen. Grundlegend ist die Einteilung in Täter und Opfer. Wer Menschen mit Opferstatus benachteiligt und diskriminiert, ist rassistisch, islam-, trans- oder sonst wie „phob“. Wer sich benachteiligt oder diskriminiert fühlt, gewinnt Macht. Aus Opfern werden auf diese Weise Täter. Schröter schildert anschaulich anhand vieler Beispiele, wie gefährdet freie demokratische Gesellschaften sind, in denen Diskriminierungsfreiheit höher bewertet wird als Meinungsfreiheit und in denen das subjektive Gefühl, benachteiligt und diskriminiert zu werden, ausreicht, um den Tatbestand der Diskriminierung zu erfüllen und den vermeintlichen Täter als rassistisch und rechtsextrem an den Pranger zu stellen. Der Vorwurf, rassistisch zu sein, hat eine enorme Schlagkraft. Nicht nur Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft sind durch die zunehmende Vernetzung woker Akteure bedroht; auch der Antisemitismus bekommt Aufwind, wenn Muslime als Opfer gelten und Israelis zu Tätern gemacht werden.

Mit der Untergliederung in die drei Themenkomplexe: Universitäten als Ort woker Ideologie, die Schaffung einer neuen Wirklichkeit auch durch Tabuisierung unerwünschter Sachverhalte sowie die ökonomischen Interessen der woken Linken, führt die Autorin das weite Betätigungs- und Wirkungsspektrum woker Ideologie vor Augen. In diesem Zusammenhang wirft sie auch einen kritischen Blick auf die staatlich geförderten NGOs, Vereine und Organisationen, Stiftungen usw. sowie die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen und deren Geschäftsinteressen.

Fazit

Das Buch von Schröter ist wichtig und unbedingt lesenswert. Es befasst sich mit der Fragilität und Verletzlichkeit freier demokratischer Gesellschaften durch Ideologien. Es geht alle an, indem es auf die Gefährdung einer meinungsfreien Gesellschaft durch die Verbreitung woker Ideologie aufmerksam macht. Das Buch liefert eine Fülle an Informationen, die diese Gefahr belegen und auf diese Weise bewusst machen.

Rezension von
Dr. Antje Flade
Psychologin, Sachbuchautorin
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Es gibt 60 Rezensionen von Antje Flade.

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ISSN 2190-9245