Georg Theunissen: Autismus und herausforderndes Verhalten
Rezensiert von Sabine Karliczek, 18.08.2025
Georg Theunissen: Autismus und herausforderndes Verhalten. Praxisleitfaden Positive Verhaltensunterstützung.
Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb
(Freiburg) 2024.
6. Auflage.
318 Seiten.
ISBN 978-3-7841-3686-8.
D: 26,00 EUR,
A: 26,80 EUR.
Reihe: Inklusion.
Thema
Theunissen entwickelte diesen Praxisleitfaden, um spezielle pädagogische Maßnahmen aufzuzeigen, die beim Umgang mit herausforderndem Verhalten bei autistischen Menschen Hilfe und Unterstützung geben können. Er bedient sich dabei des Konzepts der positiven Verhaltensunterstützung.
Autor
Prof. em. Dr. Georg Theunissen ist Diplom-, Heil- und Sonderpädagoge, war Ordinarius für Geistigbehindertenpädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er gründete den ersten Lehrstuhl für Pädagogik bei Autismus im deutschsprachigen Raum. Seine Forschungsergebnisse publiziert er in vielen Fachbüchern und -beiträgen. Er gehört zu den renommiertesten Autismusexperten Deutschlands.
Entstehungshintergrund
Das herausfordernde Verhalten von autistischen Menschen stellt höchste Anforderungen an die Umwelt. Aus der Praxis erwuchsen daher der Wunsch und die Bitte nach praktikablen und angemessenen Hilfestellungen. Der Autor entschloss sich deshalb, einen pädagogischen und gut zu handhabenden Praxisleitfaden zu entwerfen.
Aufbau
Das Buch ist im Lambertus-Verlag erschienen, herausgegeben von Autismus Deutschland e.V. Es umfasst 318 Seiten im Paperback. Auf der ersten Seite werden detailliert die Möglichkeiten aufgezeigt, wie man das Buch kostenlos auch auf Smartphone, Tablet oder PC laden kann. Das Umschlagbild stammt von Gee Vero. Nach einem Geleitwort von Maria Kaminski, der Vorsitzenden des Bundesverbandes Autismus Deutschland e.V. und einem Vorwort des Autors aus dem Jahr 2023 folgen fünf in sich unterteilte Kapitel. Den Abschluss bildet ein Anhang, u.a. mit einem Literatur- und Sachwortregister.
Die sechste und aktualisierte Auflage enthält ergänzend einen Sicherheitsplan, ein Beispiel aus der Erwachsenenarbeit, Aspekte des Bundesteilhabegesetzes sowie ein Modell für einen personenbezogenen Unterstützungsplan im Anhang.
Inhalt
Auf socialnet wurden schon zwei ausführliche Rezensionen von Petra Steinborn (2017, https://www.socialnet.de/rezensionen/​23241.php) und Ortrud Aden (2023, https://www.socialnet.de/rezensionen/​30124.php) zu vorherigen Ausgaben veröffentlicht.
Ich möchte deshalb nur kurz auf das Wesentliche eingehen und mich auf die neu hinzugekommenen Inhalte konzentrieren.
Im ersten Kapitel Autismus wirbt der Autor für ein Grundverständnis zum Thema Autismus als Voraussetzung für den Umgang damit. Er stellt dazu erste Beschreibungen von Ssucharewa, Frankl, Asperger und Kanner vor, die bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren haben. Es folgen ein kurzer Abriss zu klinischen Aspekten und die Betrachtung aus Betroffenensicht. Diese wurde lange Zeit ausgeblendet oder stark vernachlässigt. Theunissen betont, dass der Fokus in Theorie und Praxis nicht nur auf Defizite, sondern vor allem auf Stärken und besondere Fähigkeiten gelegt werden muss, um Autismus zu verstehen und dementsprechend zu handeln. Gedanken zu aktuellen Erkenntnissen aus der neurowissenschaftlichen Forschung, zu Autismus und Intelligenz sowie zu Sozialisation und Lebenslauf folgen.
Der zweite Abschnitt gilt konkret dem herausfordernden Verhalten. Der Autor klärt hier zuerst allgemein den Begriff und die Erscheinungsformen von herausforderndem Verhalten und definiert die Abgrenzung zu psychischen Störungen. Dann geht Theunissen auf das eigentliche Thema ein und stellt den direkten Bezug zum Autismus her. Ausführlich erläutert er mögliche Ursachen für bestimmtes Verhalten, untermauert und illustriert durch Beispiele aus der Praxis. Ausführungen zur Bedeutsamkeit der funktionalen Betrachtung und zur Vulnerabilität-Stress-Bewältigung sowie zur Häufigkeit von herausfordernden Verhaltensweisen runden dieses Kapitel ab.
Unter der Überschrift Positive Verhaltensunterstützung kommt Theunissen zu seinem eigentlichen Anliegen, der ausführlichen Erläuterung dieses Konzepts. Nach einem kurzen Exkurs zu Entstehungsgeschichte, Leitidee und Positionsbestimmung werden die drei Stufen der Positiven Verhaltensunterstützung beschrieben, die für ein Gesamtkonzept stehen. Ausführlich gehen die oben bereits genannten Rezensentinnen auf diese Themen ein. Ergänzend zu den vorherigen Auflagen wird den Ausführungen ein Sicherheitsplan hinzugefügt. Der Autor betont, dass dies kein Verhaltensunterstützungsplan ist. Er sollte als Ergänzung zu sehen sein, wenn durch die vorher ausgeschöpften Maßnahmen keine Reduzierung eines schwerwiegenden auffälligen Verhaltens oder einer nicht verantwortbaren Eigen- und Fremdgefährdung erreicht werden konnte. Dazu wurde ein dreistufiges Konzept entwickelt. Bei autistischen Verhaltensweisen und (leichteren) Formen auffälligen Verhaltens greift die Personenzentrierte Planung. Bei (schwererem) herausforderndem Verhalten wird die Positive Verhaltensunterstützung als non-aversives Konzept angewendet. Bei schwerwiegendem (fremd- und selbstgefährdendem, aggressivem und delinquentem) herausforderndem Verhalten kommen ein Risiko-Assessment sowie eine Sicherheitsplanung nebst -plan zum Einsatz. Letztere Maßnahmen erfordern eine gerichtliche Genehmigung sowie die Kontrolle durch ÄrztInnen und weiteres Personal. Es wird besonders darauf hingewiesen, dass restriktive Methoden nur innerhalb eines Sicherheitsplans oder im Notfall angewendet werden dürfen. Der Sicherheitsplan bezieht sich, so der Autor, nicht nur auf restriktive Maßnahmen, sondern gleichfalls auf konkrete Vorgehensweisen bei bestimmten Ereignissen. Mit Hilfe des dreistufigen Konzepts soll eine Einweisung in psychiatrische Kliniken vermieden und ein Leben in Gemeinschaft sichergestellt werden. Es gibt dazu bereits ermutigende Ergebnisse aus Evaluations- und Erfahrungsberichten. Der Autor resümiert, dass für dieses Konzept eine wissenschaftliche Ausrichtung und nachgewiesene Wirksamkeit stehen. Hervorzuheben ist vor allem die Subjekt- und Kontextorientierung sowie die funktionale Problembetrachtung. Auch Offenheit und die Möglichkeit, spezielle pädagogisch-therapeutische Methoden und Angebote einzubeziehen, stehen für diesen Plan. Letztendlich gilt als oberstes Ziel, die Lebensqualität der Menschen mit Autismus zu erhöhen und den Umgang mit herausforderndem Verhalten für die Umwelt zu erleichtern und ihn angemessen zu gestalten.
Ganz konkrete Beispiele aus der Praxis zeigen, wie Positive Verhaltensunterstützung angewendet werden kann. In diesem Kapitel hat Theunissen in der 6. Neuauflage Veränderungen vorgenommen. Er fügt Auszüge aus der Arbeit mit Erwachsenen hinzu, die bisher nicht explizit dargestellt wurde. Die angegeben Vorlagen können direkt in die Arbeit der Bezugspersonen übernommen werden und sollen als Muster dienen. Das soll helfen, die konkrete Arbeit besser zu strukturieren und zu vereinfachen.
Im letzten Abschnitt folgen Tipps für Eltern und Familien, die Hauptbezugspersonen für Menschen mit Autismus. Konkrete Anregungen und Empfehlungen beziehen sich dabei einerseits auf die Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten im Rahmen des Konzepts. Sie ermöglichen so konkretes Handeln in Zusammenarbeit mit dem Hilfesystem. Darüber hinaus gibt es Tipps, um die Positive Verhaltensunterstützung auch im familiären Kontext zu etablieren.
Der Anhang beinhaltet, neben Literaturhinweisen und einem Sachwortregister sowie einer Vita des Autors, einen Abschnitt zu Kriterien für einen personenbezogenen Unterstützungsplan. Dieser Zusatz ist neu in dieser Auflage, wird zwar im vorherigen Abschnitt schon besprochen, aber hier durch einen Planentwurf konkretisiert. Dieser ist für die (wohngruppenbezogene) Alltagsarbeit mit nichtsprechenden, autistischen Erwachsenen bestimmt, denen starke kognitive Beeinträchtigungen und massive Verhaltensauffälligkeiten nachgesagt werden. Es sind beispielhafte Kriterien aufgeführt, die für die praktische Anwendung variiert werden können.
Theunissen bezieht in seinem Buch, im Vergleich zu den vorigen Ausgaben, ergänzend das Bundesteilhabegesetz als rechtliche Grundlage mit ein.
Diskussion
Dieser Praxisleitfaden erscheint bereits in der 6. Auflage. Das spricht für sich. Die Thematik des herausfordernden Verhaltens und Autismus ist aktuell wie eh und je. Es ist hier gelungen, ein verständliches und praxisorientiertes Fachbuch zu erstellen. Der Autor wendet sich an Menschen, die oft in ihrer Arbeit mit Herausforderungen zu tun haben und dabei an ihre Grenzen kommen. Hilflosigkeit, Frustration, ja sogar Aggression können die Folge sein. Theunissen nimmt sich dem an. Ein strukturiertes und gut zu lesendes Buch ist entstanden. Theoretische Abschnitte werden durch Beispiele untermauert. Die Fragen und Probleme des Betreuungspersonals werden ernst genommen. Das nimmt häufig schon den Druck, eine wichtige Voraussetzung, um das eigene Verhalten zu reflektieren und möglicherweise zu ändern. Viele Denkanstöße und durchführbare Vorschläge für die konkrete Situation werden sehr anschaulich dargestellt und machen Mut, aus alten Denkmustern auszuscheren und Neues zu probieren. Um sich schnell und gezielt zurechtzufinden, ist das Sachwortregister sehr hilfreich. Viele Teams haben bereits mit einer der ersten Auflagen gearbeitet und eine Menge der besprochenen Denkanstöße und Ratschläge ist bereits Routine und aus der Alltagsarbeit nicht mehr wegzudenken. Ergänzend nimmt Theunissen diesmal auch die Arbeit mit Erwachsenen in den Fokus, denn in diesem Bereich kann Verhaltensauffälligkeit sehr schnell problematisch werden und bedarf einer besonderen Herangehensweise. Für sehr wichtig halte ich die Ergänzung um ein Kapitel zu Sicherheitsplanung. Hier gibt es in der Praxis viel Unsicherheit, und, um es einfach zu sagen, auch falsches, übergriffiges Verhalten, das aus Ohnmacht und Angst erwächst. Mit diesem Buch wird den Lesern etwas Konkretes an die Hand gegeben. Nichts ist wichtiger, als durchdachtes und strukturiertes Verhalten, denn das gibt Sicherheit und den vor allem stark beeinträchtigten und verhaltensauffälligen Autisten die Aussicht auf ein Leben ohne Gewalt oder Aufenthalt in psychiatrischen Kliniken. Neu und sehr detailliert ist das im Anhang abgedruckte Modell für personenbezogene Unterstützungsplanung.
Dass immer neue Auflagen gedruckt werden, spricht eine eindeutige Sprache. Das Buch wird gebraucht. Deshalb sollte es in jedem Team zur Standartlektüre gehören. Neue Generationen von Familien mit autistischen Kindern wachsen heran. Das Betreuungspersonal ändert sich. Herausforderndes Verhalten nimmt andere Dimensionen an. Man muss den Leitfaden nicht gleich von vorn bis hinten durchlesen. Eher greift man immer wieder darauf zurück, um neue Impulse für sich und seine Arbeit zu bekommen. Allgemein sagt man ja, Theorien müssen sich in der Praxis beweisen. Und das hat Theunissen mit seinem Praxisleitfaden bewiesen, wie das funktionieren kann. Es wird nicht die letzte Auflage bleiben.
Fazit
Der Leitfaden widmet sich dem stets aktuellen Thema des Umgangs mit herausforderndem Verhalten bei Autismus. Er ist gut verständlich und durchsetzt von vielen, wirklich in der Praxis anzuwendenden, Denkanstößen und Ratschlägen. Ein Buch für alle, die mit herausforderndem Verhalten, nicht nur bei Autismus, zu tun haben, Eltern Betreuungspersonal und an diesem Thema Interessierte.
Rezension von
Sabine Karliczek
Sprachmittlerin und Heilerziehungspflegerin
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