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Julia Franz, Christian Spatscheck et al. (Hrsg.): Fachkräftemangel und De-Professionalisierung

Rezensiert von Michael Bertram-Maikath, 08.07.2025

Cover Julia Franz, Christian Spatscheck et al. (Hrsg.): Fachkräftemangel und De-Professionalisierung ISBN 978-3-8474-3060-5

Julia Franz, Christian Spatscheck, Anne van Rießen (Hrsg.): Fachkräftemangel und De-Professionalisierung in der Sozialen Arbeit. Analysen, Bearbeitungsweisen und Handlungsstrategien. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2024. 395 Seiten. ISBN 978-3-8474-3060-5. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit - 27.

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Thema

Der Fachkräftemangel ist ein Phänomen, dass seit Jahren in öffentlichen Diskussionen, politischen Statements und Alarm-Rufen aus der Wirtschaft thematisiert wird. Selbst in zunehmend xenophoben Zeiten, in denen sich geradezu ein Überbietungswettbewerb darin beobachten lässt, welche politische Partei bzw. welche*r Politiker*in mehr Asylsuchende abschieben, an den Grenzen abweisen oder – wenn beides nicht möglich ist – die Lebensbedingungen geflüchteter Menschen soweit wie möglich verschlechtern kann, werden weiterin politische Bemühungen unternommen, internationale Fachkräfte nach Deutschland zu holen. Das thema zirkuliert munter durch den Politikzyklus und beschäftigt Regierungen seit Jahren immer wieder auf ein Neues.

Anders ist es, wenn man sich diejenigen Bereiche der Lohnarbeit ansieht, die mit der Pflege, Erziehung und Bildung von Menschen betraut sind. Zwar schaffen es Beschäftigte aus Kitas, Krankenhäusern oder Schulen in unregemäßigen Abständen ihre Arbeitsbedingungen – von denen der Fachkräftemangel eines neben vielen Problemen darstellt – und Anliegen öffentlich zu platzieren. Wirklich wirksame Maßnahmen wurden jedoch bis dato nicht ergriffen. Noch weniger Gehör finden die Fachkräfte und Träger derjenigen Arbeitsfelder, die sich originär der Sozialen Arbeit zuordnen lassen. Wie es in den Frauenhäusern, den stationären Wohngruppen, den Bildungsträgern etc. aussieht, dringt kaum über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus.

Dabei ist ebendiesen Betroffenen das Thema des Fachkräftemangels sehr präsent. Es lässt sich auch kaum übersehen: Es gibt immer weniger qualifizierte Bewerbungen auf offene Stellen, verstärkt müssen sog. Quereinsteiger*innen eingestellt oder fachliche Standards abgesenkt werden. Angebote müssen deshalb ausfallen oder verlieren an Qualität, was die Adressat:innen direkt trifft. Deshalb wird der Fachkräftemangel bereits seit einigen Jahren in der Fachdiskussion der Sozialen Arbeit besprochen. Der vorliegende Band reiht sich in diese Diskussion ein und gibt ihr zusätzliche Aufmerksamkeit.

Herausgeber*innen

  • Prof. Dr. Julia Franz ist studierte Sozialarbeiterin und als Professorin mit dem Schwerpunkt Fallverstehen an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin tätig.
  • Prof. Dr. Christian Spatscheck ist diplomierter Pädagoge und Sozialarbeiter und als Professor für Theorien und Methoden Sozialer Arbeit an der Hochschule Bremen beschäftigt.
  • Prof. Dr. Anne van Rießen hat eine Methoden-Professur an der Hochschule Düsseldorf inne. Sie ist Diplom-Sozialarbeiterin.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist folgendermaßen gegliedert:

Nach einem Vorwort und einer Einführung durch die Herausgeber*innen folgen eine Reihe von Analysen zum Fachkräftemangel in ausgewählten Arbeits- bzw. Handlungsfeldern (21–118).

Unter den Stichworten „Folgen und Bearbeitungsweisen“ wird im zweiten Teil spezifisch auf die Situation in

  • Lehre und Forschung an den Hochschulen (121–191) sowie
  • Organisationen und Trägern (195 - 249) geblickt, bevor sich Aspekten der
  • (De-)Professionalisierung (267–345) angenommen und abschließend Möglichkeiten von
  • Selbstorganisation und Arbeitskämpfen (349–383) aufgezeigt werden.

Teil 1 – Feldbezogene Analysen zu Ausmaßen und Hintergründen des Fachkräftemangels in der Sozialen Arbeit

Den Aufschlag zum ersten Teil macht Nikolaus Meyer, der die Studienbedingungen in den Blick nimmt. Er zeigt auf, „dass die Kapazitäten zur Qualifizierung … in keinem Qualifzierungssegment ausreichend sind“ – mit entsprechenden Folgen für „die Fachkräfte wie die Adressat:innen“ (31). Fakt sei außerdem, dass wir aktuell Zeug*innen einer Umstrukturierung in der Studienlandschaft sind, in der „Wirtschaftsunternehmen, die einzig und allein Gewinninteressen verfolgen und dabei Bildung als Dienstleistung verstehen“ (ebd.) ein gewichtiger Akteur werden bzw. schon sind.

Aus der Perspektive des Deutschen Caritasverbandes kommen Marcel Pietsch, Pascal Krimmer und Ute Leber zu dem Schluss, dass es „eher keine Universal- oder Pauschallösungen“ (49) für das Problem des Fachkräftemangels geben kann. „Stattdessen gilt es verschiedene nutzenbringende Strategien zu verbinden und dabei entstehende Wirkungen auf die Fachkräftesituation wissenschaftlich nachzuzeichen“ (ebd.). Außerdem, so fügen sie hinzu, dürfe die „Ausgestaltung der Rahmenbedingungen auf politischer Ebene“ (48) nicht aus dem Blick geraten. „Demnach ist die Finanzierung von Berufsausbildung und Studienplätzen im Sozial- und Gesundheitswesen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verstehen“ (ebd.).

In Bezug auf die professionelle Täterarbeit breiten Regina-Maria Dackweiler und Reinhild Schäfer zwei Thesen aus: Einerseits zeige sich, die „Problematik fortgesetzter Prekarisierung als struktureller Bedingung [Hervorh. i.O.]“ (61) der professionellen Täterarbeit, womit die Standards professioneller Fallarbeit und die Möglichkeiten gelingender berufsbiografischer Professionalisierungsprozesse erschwert oder verunmöglicht würden. Andererseits erscheint es zunehmend schwierig, unter den gegebenen Bedingungen Fachkräfte für ein Arbeitsfeld zu gewinnen und zu qualifizieren, in dem sich das Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle mit einem Framing konfrontiert sieht, dass einen Adressaten als einen „brutalen und in Schach zu haltenden“ (62) Straftäter konstruiert; demgegenüber wäre (weiterhin) von einem framing im Sinne einer „social justice work“ auszugehen und diese in Stellung zu bringen (vgl. ebd.).

Jens Vogel, Manuela Westphal und Monika Alisch fragen, wie migrationsbezogene „Soziale Arbeit unter diesen Bedingungen gelingen kann“ (65 f.). Sie kommen zu dem Schluss, dass eine tranformative migrationsbezogene Soziale Arbeit sich politisch einmischen und Bündnisse mit migrantischen Organisationen eingehen muss, „um ihre Arbeit professionell und strukturell abzusichern“ (73).

Markus Sauerwein u.a. machen die Ganztagsbetreuung an Schulen zum Gegenstand. Sie zeigen, dass in dem Handlungsfeld bereits eine Laisierung zu beobachten sei, die mit einer De-Professionalisierung einhergehe (vgl. 87 f.). Am Ende bleibt der Hinweis, dass die Profession insgesamt verstärkt Fragen von (Nach-)Qualifizierung unter prekären Arbeitbedingungen befassen müsse (vgl. 88).

Mit unterschiedlichen Abschlussniveaus im Rahmen der Schulsozialarbeit befasst sich Thomas Markert. Auch er fragt, welche „Auswirkungen … der Einsatz geringer qualifizierten Personals für die Schulsozialarbeit in der Praxis“ hat (91)? Auch hier wird betont, dass „Land, Kommunen, freie Träger und akademische Bildungseinrichtungen, entsprechende, möglicherweise auch auf Schulsozialarbeit fokussierte Qualifizierungsangebote … koordinieren und … ermöglichen“ (104) sollten.

Im Rückgriff auf Bourdieus Theorie sozialer Felder und Butlers Subjektivierungstheorie versuchen Monika Althoff und Regine Müller, einen Analyserahmen zu entwickeln, „der es erlaubt, darauf aufbauend, empirtische Re-Konstruktionen des Rückzugs aus dem Feld vorzunehmen“ (107). „Dabei geht es darum, das Feld der Sozialen Arbeit in dessen internalen Konfigurationen und externalen Verhältnissetzungen zu beleuchten, ohne es inhaltlich auf ein darin markiertes Handlungsfeld einzugrenzen“ (108).

Teil 2 – Folgen und Bearbeitungsweisen des Fachkräftemangels

Fachlichkeit in Forschung und Lehre an Hochschulen

Sabrina Schmidt und Sebastian Wen analysieren die mittlerweile stark diversivizierte Studiengangslandschaft Sozialer Arbeit. „Ziel ist es ein detailliertes Bild der Studierendenschaft und damit verbundenen Implikationen zur Frage zu erhalten, welche Herausforderungen und Potenziale die Diversifizierung der Hochschulausbildung einersetis für die Reduktion des Fachkräftemangels bietet und andererseits für die (De-)Professionalisierung bereit hält“ (122). Es zeigt sich, dass duale und Teilzeitstudiengänge nachgefragt werden, womit diese einen Beitrag gegen den Fachkräftemangel leisten können, wobei hiermit eine Reihe von Herausforderungen verbunden sein können, welche bei der Gestaltung von Curricula, Lehre und Praxisanleitung berücksichtig werden müssen. Damit rückt auch die Rolle von staatlichen und konfessionellen Hochschulen auf dem (Aus-)Bildungsmarkt in den Vordergrund: Wollen „sie dieses Feld weiterhin primär den privaten Trägern überlassen oder sich verstärkt de Etablierung eigener, zielgruppenspezifisch ausgerichteter Dual- und Teilzeitformate widmen“ (133)?

Einen spezifischen Blick auf Folgen und Herausforderungen des Fachkräftemangels in Bezug auf duale Studiengänge werfen Ulrike Brizay, Felia Fromm und Petra Mund. „Dual Studierende benötigen im Praxisstudium eine enge Begleitung durch anleitende Fachkräfte. Aufgrund des Fachkräftemangels bestehen jedoch wenig Möglichkeiten, die Arbeitsbelastung der Anleitenden zu reduzieren und somit zeitliche Kapazitäten für die Anleitung zu schaffen. Dies könnte negaitve Auswirkungen auf die Qualität des Praxisstudiums und somit auf die professionelle Entwicklung der Studierenden und die langfristige Bindung an die Praxisstelle haben“ (146). Da sich diese Zeitfrage nicht kurzfristig auflösen lassen wird, komme, den Hochschulen eine besondere Verantwortung zu. Dieser können sie beispielsweise nachkommen, indem sie „strukturierte Kooperation[en] als qualitätssichernde Elemte“ implementieren, die in verschiedenen Formaten eine Wissenschaft-Praxis-Relationierung ermöglichen soll. (vgl. 147 f.).

Vom Standpunkt eines Praxisreferates werfen Tim Ernst u.a. einige Schlaglichter auf die Perspektive der Studierenden, der Praxis und der Hochschulen, um spezifische Problemstellungen herauszuarbeiten. Auch sie machen deutlich, dass einzelne Maßnahmen nicht ausreichen können, um der aktuellen Lage adäquat begegnen zu können. Vielmehr brauche es eine noch engere und strukturiertere Kooperation aller Beteiligten sowie die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Wünsche von Adressat*innen.

Carolin Ehlke und Katharina Mangold gehen von einem Spannungsverhältnis aus, dass einerseits darin besteht, dass „Absolvent*innen der Sozialen Arbeit … aufgrund dieser aktuellen Entwicklungen – anders als noch vor 20 Jahren – mehr denn je in der Situation [sind], sich die jeweiligen Arbeitsfelder und Arbeitsstellen aussuchen zu können“ (164); andererseits treffen sie dabei auf eine „Fachpraxis …, die von personellem Mangen, aber auch von knappen finanziellen Ressourcen gekennzeichnet ist“ (ebd.). Vor diesem Hintergrund nehmen die die Phase des Berufseinstieges in den Fokus. Sie betonen, dass die Phase des Berufseinstiegs verstärt als „Schutzraum und damit verbunden als Reflexionsraum ernst zu nehmen“ (176) ist. Sowohl in der Lehre als auch in der Praxis müssten dafür jedoch die Voraussetzungen zu schaffen sein (vgl. ebd.).

Die „Grenzen und Möglichkeiten der Organisation und Gestaltung von Lehre und Forschung in einer privaten Dualen Bildungseinrichtung“ (180) ist, was Birgit Hilliger und Reinhard Hoffmann interessiert. Dabei fragen sie auch, „welchen Einfluss das ökonomische Verhältnis auf die Rahmenbedingungen und Gestaltung des Studiums hat“ (ebd.). Dargestellt wird, dass die „Studierenden .. in dieser Konstellation formal die schwächste Position“ (188) inne haben und dass der Wissenschaft eine wichtige Funktion in der Verständigung verschiedener Studienorte (Wissenschaft und Praxis) und Politik übernehmen müsse (vgl. 189).

Organisation und Träger

Die Perspektive der freien Träger wird von Theresa Streicher, Anna Laux und Sabine Weinberger differenziert dargestellt. Nachdem sie einige Lösungsansätze in Bezug auf Organisation, Politik und Struktur vorgestellt haben, betonen sie abschließend, dass der „Fachkräftemangel in der Sozialen arbeit … eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung [bedeutet], weil die Konsequenzen einerseits schwer und andererseits nachhaltig sind, und dies in einer Situation, in der der Bedarf nach Sozialer Arbeit eigentlich zu- statt abnimmt“ (207).

Birgit Jagusch und Schahrzad Farokhzad beziehen sich auf internationale Akademiker*innen, wenn sie fragen, „wie diese relevante Zielgruppe als Fachkräfte für die Soziale Arbeit (wieder) gewonnen werden kann“ (209)? Die Ergebnisse ihrer Untersuchung zeigen, dass die Anerkennung von Abschlüssen bzw. die (Nach-)Qualifizierung internationaler Akademiker*innen ein Aspekt sein kann, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, es dafür aber noch mehr Angebote seitens der Hochschulen geben müsse (vgl. 221).

Wie Fluktuation in Teams sich in die Dynamiken des Fachkräftemangels einfügt, thematisieren Nikolaus Meyer und Elke Alsago. Sie zeigen, dass die Praxis zunehmend von einer „prekären Professionalität“ (231) gekennzeichnet ist, die eine Fluktuation einerseits mithervorbringt (Effekt) und andererseits durch diese zunehmend verstärkt wird (Katalysation). Kennzeichnend hierfür ist, dass Fachkräfte immer weniger Kontrolle über ihre eigenen Arbeitsvollzüge – die Autor*innen sprechen von „Arbeitsbögen“ – haben (vgl. ebd. f.).

Annemarie Matthies u.a. diskutieren „das Verhältnis zwischen Digitalisierung, Fachkräftemangel und zukünftigen Fachkräften der Sozialen Arbeit“ (235). Im Hinblick auf weitere Froschungen formulieren sie drei Hypothesen:

  1. „In Bezug auf die Substituierbarkeit von Kernaufgaben und -kompetenzen Sozialer Arbeit ist Digitalisierung aus Sicht der Praxis keine Antwort auf den Fachkräftemangel.
  2. Die Digitalisierung bestimmter Prozesse der Kommunikation und der Verwaltung sowie mobiles Arbeiten können die Praxis entlasten.
  3. Digitalisierung kann dann eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein, wenn ihre gegenläufigen Effekte durch strukturierte und reflektierte Implementierung und Nutzung sowie fortlaufende Bildungsangebote an die Praxis minimiert werden“ (246).

Ob und wie das Retention-Managment als Antwort auf den Fachkräftemangel eingesetzt werden kann, machen Xenia Schmidt und Werner Schönig zum Gegenstand ihres Beitrages. Für die untersuchten Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zeigte sich, dass die Mitarbeitenden emotional an „ihren“ Träger gebunden sind, dies aber nicht ausreicht, um eine langfristige Bindung herzustellen. Dafür brauche es vielmehr auch verbesserte Arbeitsbedingungen und methodisch versierte Führungskräfte, die in der Lage sind entspechende Instrumente (etwa Personalführungsgespräche) systematisch einzusetzen (vgl. 260 f.).

(De-)Professionalisierung

Matthias Laub „entwickelt Perspektiven für die Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit, um einer drohenden De-Professionalisierung zu begegnen“ (265), die mit einer weitergehenden Öffnung Sozialer Arbeit für Quereinsteiger:innen verbunden sein kann. Er betont, dass die „Soziale Arbeit muss … vor allem in originären Handlungspraxen eine Rolle als Leitprofession und -disziplin zugestanden werden, die mit einer steuernden, kommunikativen und anleitenden Verantwortung über die Gewährleistung der Versorgunsqualität bzw. Erweiterung des Kompetenzspektrums und zugeordnete Verantwortungsbereiche verbunden ist“ (273). Wobei es um Wahrnehmung und das „Beschreiben neuer Formen und Grenzen multiprofessioneller Zusammenarbeit und die Integration einer fragmentierten Wissensbasis zu einem konsistenteren Wissenskorpus im Lichte anderer disziplinärer Wissensbestände“ (274) gehen müsse.

Martin Hunold erweitert die Perspektive über den unmittelbaren Horizont professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit, wenn er anmerkt, dass der „heutige Arbeits- und Fachkräftemangel … eine zusätzliche Gefahr für die Demokratie“ (279) sei. Er arbeitet heraus eine fehlende Kapitalmacht (im Sinne des Kapitalbegriffs Pierre Bourdieus) die ohnehin nur bedingt gegebenen demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit – hier am Beispiel der ASD – noch weiter einzuschränken drohen. Um dem entgegenzuwirken, brauche es vor allem machtkritische, deliberative Arbeitsweisen, die es aber zunächst zu entwickeln, zu erproben und auch zu erforschen gelte (vgl. 286 ff.).

Dass junge Menschen – unter anderem auch aufgrund des Fachkräftemangels – zunehmend weniger ihre Grundrechte wahrnehmen können werden, problematisieren Dirk Michael Nüsken und Stefan Wedermann. Vor diesem Hintergrund plädieren sie, trotz aller Schwierigkeiten, für ein „rechtebasiertes Fachkräftegebot“ (299 ff.), denn junge „Menschen haben einen eigenen Blick und eigene Ideen, die sie einbringen möchten, sie haben auch ein Recht dazu, und die Kinder- und Jugendhilfe kann auf diese Perspektive nicht verzichten“ (302).

Julia Breuer-Nyhsen betrachtet den Fachkräftemangel im Kontext kapitalistischer Gesellschaften, in denen Krisen als unvermeidlch angesehen werden, diese aber zugleich auch Optionen für Veränderungen eröffnen (vgl. 305): „Ohne ein klares Gegensteuern ist die Fachkräftekrise als eine sich selbst verstärkende Dynamik vorstellbar, die Soziale Arbeit statt als gestaltende Akteurin des sozialen Wandels als aktiierte und aktivierende Institution in kapitalisitischen Verhältnissen und damit als unkritisch ausführendes Organ gegenwärtiger aktivierender und individualisierender Sozialpolitik zurücklässt“ (309 f.). Sowohl Wissenschaft als auch Praxis und Berufspolitik müssten in je unterschiedlicher Weise auf diese Entwicklungen reagieren. Zusammengenommen könnte so eine schärfere Profilierung und Positionierung Sozialer Arbeit stattfinden, wobei die Autorin anmerkt, dass es sich hierbei um „eine überaus optimistische Lesart“ (313) handelt.

Sandra Glammeier thematisiert die De-Professionalisierung in Wohneinrichtung für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Sie zeigt, dass der Personalmangel, die Lage in den Einrichtungen verschärft und aktuell kaum geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden. „Notwendig wäre eine Überführung der deutlich gewordenen Wut der Mitarbeitenden vom passiven in aktiven (politischen) Widerstand“ (328)-

Susanne Bittner stellt dar, „wie die praxisintegrierte Ausbildung zum:zur Erziehuner:in diese Entwicklung [den Fachkräftemangel in Kitas] beeinflusst hat un ob und welche Schlüsse daraus für die Soziale Arbeit gezogen werden können“ (231). Für Erzieher:innen lässt sich sagen, dass die „Einführung dieses [im Artkel beschriebenen] Ausbildungsmodells … ein wichtiger Baustein für die Überwindung des Fachkräftemangels bei gleichbleibender Attraktivität und Qualität des Ausbildung“ (342) ist und dass die Soziale Arbeit „ein Blick 'über den Tellerrand' auf die aktuellen arbeitsmarktpolitischen, fachlichen und sozialpolitischen Entwicklungen in der Erzieher:innenausbildung Inspiration und Ansatzpunkte geben [könnten], um Personen für das Studium das Sozialen Arbeit zu gewinnen, ohne dabei den fachlich-qualitativen Anspruch an die Profession zu verlieren“ (343).

Selbstorganisation und Arbeitskämpfe

Die Hochschullehrenden-Care-Initiative versteht den „Fachkräftemangel … nicht allein als Problem des „Nachschubs“ an Fachkräften angesichts wachsender sozialer Not, sondern auch als Frage des Erhalts und des Ausbaus von Professionalität im Sinne eines gesellschaftlich voraussetzungsvollen und kollektiv entwickelten Vermögens“ (349). Von hier aus nehmen sie verschiedene Ursachen für De-Professionalisierung in den Blick, die sie regelmäßig beobachten, um sodann „kollaborativ-politisierende Bearbeitungsweisen“ (356) zu skizzieren. „Wir brauchen angesichts der facettenreichen De-Professionalisierungsdynamiken und aufrgund des übergreifenden Reproduktionszusammenhangs des Sozialen eine Verständigung dazu nicht nur im wissenschaftlichen Fachdiskurs, sondern auch mit Nutzer:innen, Kolleg:innen und politisch organisierten Akteur:innen“ (359).

An diese Positionierung knüpft Isabelle Riedlinger an, wenn sie „nach den Einflussmöglichkeiten auf die Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit“ fragt und dabei „die in der Gewerkschaftsfoschung häufig verwendete Heuristik des Machtressourcenansetzes zum Ausgangspunkt“ (362) verwendet. Deutlich wird in ihren „Implikationen für Forschung, Praxis und Lehre der Sozialen Arbeit“ (367 ff.), dass die spezifischen Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit mit der Notwendigkeit verbunden sind, dass alle im Feld wirkmächtigen Akteur*innen – Hochschulen, Träger, Gewerkschaften und Berufsverbände – ihre gegeben Möglichkeiten nutzen müssen, um kollektive Handlungsansätze für den Umgang mit dem Fachkräftemangel zu finden.

Kristin Goetze hält schließlich ein wissenschaftliches Plädoyer dafür, dass die die Analyse und Bearbeitung der Folgen des Fachkräftemangels und Prozessen von De-Professionalisierung unbdingt und immer in Zusammenhang mit Arbeitskämpfen gedacht werden müssen“ (374). Sie formuliert eine Reihe von Bedingungen, die für wirkmächte Arbeitskämpfe gegeben sein sollten. Eine der wichtigsten wird wohl lauten: „Gegenstand einer (re-)politisierten Profession … müssen in erster Instanz die Auseinandersetzung mit den politökonomischen Grundlagen dieser Gesellschaft sein und deren Konsequenzen für die Berufsvollzüge von Sozialarbeiter*innen“ (381).

Diskussion

Obwohl der Fachkräftemangel überall in der Praxis zu spüren ist, hat die Soziale Arbeit als Profession insgesamt – das geht aus zahlreichen Beiträgen des Bandes hervor – noch keine hinreichenden Lösungsansätze entwickeln können. Von daher ist es zu begrüßen, dass die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit, hier vertreten durch die Herausgeber*innen dieses Buches, sich dazu entschiede hat, dem Thema eine umfangreiche Publikation zu widmen. Die zahlreichen Forschungsrgebnisse, theoretischen Perspektiven und auch Appelle zur politischen Einmischung werden den Fachkräftemangel noch feste in der Fachdikussion verankern und können Ausgangspunkt für weitere Forschungen und inovative, kollektive Handlungsansätze in der Praxis sein.

Der Band hat vor allem zwei Dinge deutlich gemacht:

  1. Der Fachkräftemangel ist in der Sozialen Arbeit omnipräsent und betrifft handlungsfeldübergreifend sowohl die Mirko- als auch die Meso- und Makroebene. Alle Subjekte im Feld – Fachkräfte, Quereinsteiger*innen, Adressat*innen, Organisation und in der Folge diese Gesellschaft insgesamt – müssen mit den Bedingungen des Fachkräftemangels in ihrer Erwerbsarbeit bzw. ihrem Leben in irgendeiner Form umgehen, wenn auch im Einzelnen sehr unterschiedlich.
  2. Es handelt sich beim Fachkräftemangel um einen Phänomenzusammenhang, der komplex ist und sich trotz wiederkehrender Themenstellungen nicht pauschlisieren lässt. Nur einige Stichpunkte der Beiträge des Bandes:
  • Die Studiengangslandschaft verändert sich (weiterhin),
  • konfligierende (Kapital-)Interessen,
  • Demokratiedefizite in den Arbeitsabläufen der Träger,
  • Fluktuation,
  • Rückzug von Fachkräften aus dem Feld der Sozialen Arbeit,
  • Quereinstiege,
  • De-Professionalisierung,
  • grundsätzlich unattraktive Arbeitbedingungen und unsichere Finanzierung,
  • Konkurrenz der Träger um die noch vorhandenen Fachkräfte (etwa in Form engerer „Kooperationen“ mit Hochschule, womit die Hoffnug auf einen exlusiveren Zugriff auf zukünftige Fachkräfte verbunden ist).

Diese Aspekte des Fachkräftemangels machen deutlich, dass monokausale und individualistische Bearbeitungsansätze zu kurz greifen werden. Zumal sich die Situation im je konkreten Einzelfall immer in einer besonderen Ausprägung darstellen wird. Trotzdem lassen sich aus dem Band einige grundsätzliche Stoßrichtungen ableiten, die hier kurz wiedergegeben werden sollen. Zielführend könnten demnach folgende Ansätze sein:

  • Konkrete, d.h. lokal situierte Praxisforschung, die mit spezifischen Praxisfeldern kooperiert und auf Öffentlichkeit, Entscheidungsträger*innen in Verwaltung und Politik ausgerichtet ist.
  • Fachliche Standards zur (Nach-)Qualifizierung von Quereinsteiger*innen unter Mitwirkung von Akteur*innen der Profession und Disziplin (Hochschulen, Berufsverbände, [Fach-]Arbeitsgemeinschaften).
  • Ggf. Schärfung des Profils der Fachkräfte in Abgrenzung zu Quereinsteiger:innen und Unqualifizierten (etwa in Stellenbeschreibungen und Arbeitsverträgen).
  • Trägerübergreifende Organisierung von Fachkräften und Trägern in Gewerkschaft, Berufsverbänden und Betriebsräten.

Gewiss: Diese Liste muss an diesem Punk unvollständig bleiben. Und einige grundlegende Spannungsverhältnisse werden sich in absehbarer Zeit auch nicht aus der Welt schaffen lassen: Die demografische Lage entzieht sich den Einflussmöglichkeiten, das Konkurrenzverhältnis, in dem die Träger um Mittel und Fachkräfte ringen, steht kaum ernsthaft zur Diskussion und die politischen Entwicklungstendenzen deuten nicht darauf hin, dass sich die Rahmenbedingungen für die Soziale Arbeit und die Adressat*innen perspektivisch verbessern werden – eher im Gegenteil.

Der Verdienst dieses Sammelbandes besteht darin, einen großen Aufschlag gemacht zu haben, von dem aus weitere Forschungen und praktische Initiativen sowie Kooperationen zwischen Wissenschaft und Praxis ausgehen können. Was dem Band jedoch gut getan hätte, wäre ein Kapitel, das typische Herausforderungen abstrahiert und Lösungsansätze gebündelt darstellt, um handlungsfeldübergreifen Perspektiven aufzuzeigen. Denn in Anbetracht von fehlenden zeitlichen Ressourcen, wird die Anzahl an Personen in Praxis sowie Wissenschaft die 380 Seiten studieren und Schlüsse formulieren könnten, eher begrenzt sein. So erscheint es wahrscheinlicher – und durchaus nachvollziehbar –, dass sich die Rezeption eher auf den unmittelbaren Nutzen für das eigene Forschungs- oder Arbeitsfeld bzw. den eigenen Träger bezieht.

Der Fachkräftemangel in der Sozialen Arbeit ist ein großes und komplexes Problem, dem der Sammelband mit zahlreichen theoretischen und emprischen Beiträgen begegnet. Dabei wird neben ausgewählten Praxisfeldern auch Perspektiven der Hochschulen sowie der Träger der Sozialen Arbeit dargestellt. Der (De-)Professionalisierung und Selbstorganisationen und Arbeitskämpfen wird gesondert Aufmerksamkeit geschenkt. Damit werden vielfältige Blickwinkel abgebildet, Herausforderungen in ihrer Vielfältigkeit thematisiert und spezifische Schlussfolgerungen formuliert. Auch wenn eine übergreifende Zusammenfassung und ein Ausblick fehlt, ist der vorliegende Sammelband unbedingt empfehlenswert. Denn der Fachkräftemangel wird weiterhin ein Thema sein, und wie mit diesem ungegangen werden könnte, dafür bietet der Band zahlreiche Impulse.

Fazit

Der Sammelband beleuchtet den Fachkräftemangel in der Sozialen Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven – von Praxisfeldern über Hochschulen bis hin zu Trägern – und bietet theoretische wie empirische Beiträge. Besonders die Themen (De-)Professionalisierung, Selbstorganisation und Arbeitskämpfe stehen im Fokus. Trotz fehlender Gesamtschau liefert das Buch wichtige Impulse und ist absolut lesenswert.

Rezension von
Michael Bertram-Maikath
B.A. Soziale Arbeit, M.A. Soziologie/Politikwissenschaft
Lehrkraft für besondere Aufgaben, Leiter Praxisreferat Hochschule Magdeburg-Stendal
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Es gibt 25 Rezensionen von Michael Bertram-Maikath.

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ISSN 2190-9245