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Anita Herrmann: Der Islam in Russland?

Rezensiert von em. Prof. Dr. Süleyman Gögercin, 10.07.2025

Cover Anita Herrmann: Der Islam in Russland? ISBN 978-3-7329-1088-5

Anita Herrmann: Der Islam in Russland? Entwicklung, Strukturen, Sprachgebrauch. Frank & Timme (Berlin) 2024. 474 Seiten. ISBN 978-3-7329-1088-5. D: 68,00 EUR, A: 68,00 EUR, CH: 102,00 sFr.
Reihe: Kulturen ? Kommunikation ? Kontakte - 38.

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Thema

Russland ist ein Vielvölkerstaat und eine Nation mit vielen Kulturen und Religionen. Der Islam ist seit Jahrhunderten im Gebiet der Russischen Föderation präsent. Heute leben schätzungsweise zwischen 17 und 20 Millionen Muslime vor allem in der Wolga-Ural-Region, im Nordkaukasus und in den russischen Großstädten, darunter viele Arbeitsmigranten aus muslimisch geprägten Ländern. Ihre Sprachen sind neben dem dominierenden Russisch als Amts- und Alltagssprache vor allem Tatarisch und Arabisch.

Das Buch bietet eine umfassende Analyse der historischen Entwicklung, aktuellen Situation sowie strukturellen und sprachlichen Besonderheiten des Islams in Russland. Es werden Fragen der Demographie, der regionalen Verteilung und der von Muslimen in Russland praktizierten Glaubensrichtungen diskutiert sowie die Präsenz des Islams seit dem 7. Jahrhundert und dessen Einfluss auf die kulturelle und sprachliche Landschaft Russlands beleuchtet.

Autorin

Anita Herrmann hat Dolmetschen für Englisch und Russisch an der Universität Leipzig studiert. Sie arbeitet als Dolmetscherin und Übersetzerin in Berlin. Studienaufenthalte im Nordkaukasus und in Tatarstan weckten ihr Interesse an der Sprache und den Sprachen des Islams in Russland (rückwärtiges Deckblatt).

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält sieben Kapitel, ein mit 40 Seiten umfangreiches Glossar mit Begriffsbestimmungen in der Sprachrichtung Russisch-Deutsch, ein Register in der Sprachrichtung Deutsch-Russisch und ein rund dreißigseitiges Literaturverzeichnis.

In der Einführung in das Thema geht die Autorin auf die Bedeutung des Islams in Russland, das Untersuchungsziel und die Untersuchungsmethodik sowie auf den Forschungsstand zum Thema Sprache des Islams im Russischen ein. Im letzten Teil wird der Aufbau des Buches erläutert.

In Kapitel 1 geht es um die Grundlagen des Islams. Die Autorin geht hierbei auf die Entstehung und frühe Geschichte des Islams ein, erläutert Scharia als das „Rechtssystem“ des Islams, deren Quellen und heutige Ausprägung. Im Weiteren werden die sechs Glaubensgebote mit ihrem Ursprung erklärt: Glaube an den einen Gott, Glaube an die Engel, Glaube an die Heiligen Schriften, Glaube an die Propheten, Glaube an das Jüngste Gericht und Glaube an die Vorsehung und ihre Erfüllung. Der vorletzte Gliederungspunkt dieses Kapitels handelt von Glaubenspflichten. Zunächst wird hierbei auf die Bedeutung des Glaubensbekenntnisses hingewiesen, anschließend erfolgt die Beschreibung der Glaubenspflichten Gebet, Zakat sowie Fasten und Pilgerreise nach Mekka. Im letzten Gliederungspunkt werden die Grundrichtungen des Islams Sunna, Schia und Sufismus mit ihren Abgrenzungen und mehreren v.a. in Russland vertretenen Ausrichtungen beschrieben.

Im zweiten Kapitel wird in den Islam in Russland eingeführt. Da viele Begriffe und Benennungen einen historischen Hintergrund haben, stellt die Autorin zunächst die Geschichte des Islams in Russland dar, und zwar vom ersten Auftreten im siebten Jahrhundert über die Zeit im Zarentum und Kaiserreich sowie in der Sowjetunion bis zum Wiedererstarken nach dem Ende der Sowjetunion. Im zweiten Teil dieses Kapitels wird die Verbreitung des Islams in Russland betrachtet: die demographische Lage der muslimischen Ethnien in Russland, deren Verbreitung und die historische Entwicklung der Anteile von Muslimen in Russland. Anschließend werden in diesem Kapitel die verschiedenen Regionen (Wolga-Ural-Region, Nordkaukasus und Moskau), in denen der Islam verbreitet ist, und die unterschiedlichen Charakteristika des Islams in diesen Regionen erläutert.

Im dritten Kapitel geht es um relevante linguistische Grundlagen. Die linguistischen und terminologischen Aspekte betrachtet Herrmann als den Hauptgegenstand der Arbeit und befasst sich zunächst mit den terminologischen Grundlagen, wobei vor allem die im untersuchten Gebiet auftretenden Aspekte der Terminologiearbeit definiert und erklärt werden, darunter Realia (Wörter und Ausdrücke für kulturspezifische Gegenstände), Entlehnungen, Eigennamen, Synonymie, Polysemie und Homonymie. Realia und Entlehnungen werden je in einem Gliederungspunkt ausführlich betrachtet, da die Autorin diese als ein in diesem Fachgebiet sehr häufig auftretendes Phänomen betrachtet.

Im vierten Kapitel werden Sprach- und Sprachengebrauch in Bezug auf den russischen Islam untersucht. Die Autorin geht zunächst den Fragen nach, welche Bedeutung dem Sprachgebrauch in Russland beigemessen wird und inwiefern sich dies auf Sprachregelungen und Vorschriften sowie auf den konkreten Sprachgebrauch auswirkt. Hierbei wird auch aufgezeigt, wie Muslime und Varianten des Islams kategorisiert werden: Unterscheidung in ethnische Muslime und gläubige Muslime, Unterteilung in Volksislam und Hochislam, traditioneller sowie offizieller Islam. In Bezug auf den Sprachengebrauch wird mit einem Überblick über die Sprachensituation und dem Aufzeigen der Diskussion über die Amtssprache des geforderten Kaukasus-Emirats der Frage nachgegangen, wie dieser Aspekt wahrgenommen wird und welche konkreten Folgen sich daraus ergeben. Das Kapital schließt mit Ausführungen über die Sprachenfrage als Gegenstand gesellschaftlicher Strömungen (Euroislam“ und „russischsprachiger Islam) ab.

Im fünften Kapitel werden folgende Begriffe und Benennungen für muslimische Gesellschafts- und Organisationsstrukturen in Russland geklärt und betrachtet: Umma, Mufti/​Muftiat, Muhtasib/​Muhtasibat, Mahalla, Kalif/​Kalifat, Emir/Emirat, Wilajat, Jamaat, Tariqa und Vird. Hierbei wird u.a. auch darauf eingegangen, inwiefern sich die Begriffe und Benennungen in Russland von den traditionellen Begriffen in muslimischen Ländern unterscheiden. Ebenfalls klärt die Autorin die Frage, von welchen Benennungen und ursprünglichen Begriffen diese Strukturen in Teilen abgeleitet wurden.

In Russland geprägte oder umgeprägte Begriffe werden im sechsten Kapitel thematisiert. Zunächst befasst sich die Autorin mit folgenden historisch geprägten oder umgeprägten Begriffen: Imamat, Ghazawat und Muhadshirstwo. Im Anschluss daran werden die Bezeichnungen für den sufitischen Islam in Russland, Muridismus, Sikrismus und Tarikatismus, beleuchtet, bevor Renaissance und Wahhabismus als die Begriffe behandelt werden, die in der neuesten Geschichte geprägt und umgeprägt wurden. Abschließend werden Islamisierung und „Schariatisierung“ als in Russland dem Islam zugeschriebene Prozesse beleuchtet.

Im letzten Kapitel fasst Herrmann die Ergebnisse aus den vorangegangenen Kapiteln zusammen und zieht ein Fazit.

Um die Ergebnisse übersichtlich und praxisnah darzustellen, werden in dem darauffolgenden Russisch-Deutschen Glossar die behandelten Benennungen mit Definitionen und Übersetzungsvorschlägen aufgeführt.

Das dem Literaturverzeichnis vorangestellte Register erfolgt in der Sprachrichtung Deutsch-Russisch.

Diskussion

Herrmann untersucht die historische Entwicklung des Islams in Russland, beginnend mit seiner frühen Präsenz bis hin zur heutigen Situation. Ein zentrales Thema des Buches ist die Analyse des Sprachgebrauchs im islamischen Kontext, wobei sie aufzeigt, wie Begriffe „Kalifat“, „Emirat“, „Imam“ und „Mufti“ in der russischen Sprache geprägt oder umgeprägt wurden.

Ein weiteres Augenmerk liegt auf den muslimischen Gesellschafts- und Organisationsstrukturen in Russland. Herrmann diskutiert Konzepte wie das „Muftiat“ und das „Imamat“ und deren spezifische Bedeutungen im russischen Kontext. Zudem behandelt sie politisch beeinflusste Sprachregelungen und die demografische sowie regionale Verteilung der muslimischen Bevölkerung.

Eine der Stärken des vorliegenden Buches liegt an seinem interdisziplinären Ansatz. Die Kombination aus sprachwissenschaftlicher, kulturhistorischer und soziologischer Analyse ermöglicht einen umfassenden Blick auf das Thema. Sprachliche Tiefe ist die weitere Stärke des Werks von Herrmann. Sie untersucht zum einen die spezifische Terminologie und zum anderen bietet deren Entwicklung im russischen Kontext wertvolle Einblicke für Sprachwissenschaftler und Kulturhistoriker. Zudem macht das beigefügte Glossar mit Übersetzungsvorschlägen die Ergebnisse auch für Praktiker im Bereich der interkulturellen Kommunikation nutzbar.

Als Schwäche des Buches kann seine Zugänglichkeit genannt werden. Die detaillierte sprachwissenschaftliche Analyse könnte für Leser ohne entsprechenden Hintergrund eventuell zu anspruchsvoll sein. Ferner ist das Buch mit einem Preis von 68 € für die Printversion und 78 € für das E-Book eher für Fachbibliotheken und spezialisierte Leser geeignet.

Fazit

Anita Herrmanns Werk ist eine fundierte und detaillierte Studie über den Islam in Russland, die insbesondere durch ihren interdisziplinären Ansatz und die tiefgehende sprachliche Analyse überzeugt. Für Fachleute aus den Bereichen Sprachwissenschaft, Kulturwissenschaft und interkulturelle Kommunikation bietet das Buch wertvolle Erkenntnisse. Für ein breiteres Publikum könnte jedoch die spezialisierte Thematik und der akademische Stil eine Herausforderung darstellen.

Rezension von
em. Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
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Es gibt 111 Rezensionen von Süleyman Gögercin.

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ISSN 2190-9245