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Lutz Meier: Überforderung durch Technik und die psychischen Folgen

Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 09.07.2025

Cover Lutz Meier: Überforderung durch Technik und die psychischen Folgen ISBN 978-3-7329-1058-8

Lutz Meier: Überforderung durch Technik und die psychischen Folgen. Frank & Timme (Berlin) 2024. 216 Seiten. ISBN 978-3-7329-1058-8. D: 19,80 EUR, A: 19,80 EUR, CH: 29,70 sFr.

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Thema und Zielgruppe

Der Autor nähert sich dem Thema Überforderung durch Technik philosophisch-essayistisch und identifiziert Faktoren, die auf gesellschaftlicher Ebene als zusätzliche Störfaktoren der individuellen seelischen Gesundheit wirken. Seine eigenen Herausforderungen einflechtend, legt er hierbei ein besonderes Augenmerk auf soziale Distanz und ein entfremdetes Zeiterleben. Das Buch richtet sich an gebildete Leser*innen unterschiedlicher Berufsgruppen, die Interesse an philosophischen Überlegungen mit Bezugnahme auf nicht ganz leicht rezipierbare Autoren, wie z.B. Martin Heidegger und Niklas Luhmann haben und zudem einen essayistischen Aufbau für sich als inspirierend betrachten.

Autor

Lutz Meier, Jahrgang 1970, studierte Literaturwissenschaft, Soziologie und Geschichte. Er publizierte bisher eine kulturtheoretische Studie, Aphorismenbände und einen autobiografischen Roman.

Aufbau

Das Buch besteht nach einer Einführung aus 2 Abschnitten mit zahlreichen Kurzkapiteln und aus Literaturempfehlungen zur weiteren Lektüre:

I Überforderung durch Technik (64 Kurzkapitel)

II Gesellschaft und depressive Überforderung – woran die überforderte Seele krankt (12 Kurzkapitel)

Inhalt

Unter Bezugnahme auf technikphilosophische, futurologische, sozialphilosophische, metaphysische und systemtheoretische Theoretiker*innen werden in den einzelnen Kapiteln sehr unterschiedliche Aspekte von Überforderung durch Technik angeschnitten. Der Autor bezieht sich wenig auf empirische Untersuchungen, sondern versucht unterschiedliche Aspekte des Umgangs mit (post-)moderner Technik im gesellschaftlichen Kontext in essayistischer Form auszuloten.

Er setzt sich beispielsweise mit oberflächlichem Rezeptwissen zur smarten App- und Computer-Nutzung auseinander, das bei technischen Funktionsstörungen oder bei Geräteverlust zu erheblichen Irritationen führt. Auch analysiert er eine technisch induzierte „sittliche Verwahrlosung des Stadtmenschen“, die sich in schamloser Belästigung anderer mit dem eigenen Handygebrauch äußert und real Anwesende zur Kulisse der eigenen Coolness oder in hippen Umgebungen zur coolen Kulisse degradiert. Auch angesichts ständiger Erreichbarkeit würden „riesige Krater ins normale Sozialverhalten“ gerissen. Kommunikation werde leicht zur Selbstinszenierung. In ständiger Angst, etwas zu verpassen und im scheinbar unbegrenzten Möglichkeitsraum verblassen reale Kontakte, zunehmend mache sich Einsamkeit breit. Auch die Partnersuche sei zunehmend von digitalen Optionen geprägt, im realen Alltag sei trotz Sexualisierung des Alltags ein Rückgang von Flirt und erotischer Ausstrahlung bemerkbar. Eine zunehmende Fokussierung auf Technik führe zu einem zerstreuten „Dasein“, dem Verblassen realer Kontakte und zur Überbetonung des Verstandes und des visuell Wahrnehmbaren gegenüber Emotionalität und leiblichem Erleben. Resonanz werde in der täglichen Lebenswelt oft verweigert. Im Netz kann man sich demgegenüber sowohl verstecken als auch in ungewohnter Offenheit bloßstellen. Langeweile werde durch Überbrückung von Leerlaufzeiten umgangen, was aber nicht zur eigenen Sinngestaltung beitragen muss. Durch den Wunsch, etwas Besonderes zu posten, werden touristische Orte aufgesucht, jedoch nur noch durch den Kamerablick erlebt. „Menschen verlieren ihre Gewöhnlichkeit jedoch nicht dadurch, dass sie diese technisch reproduzieren.“ Wissen ist rasch in Kurzform verfügbar, die Fähigkeit, längere, schwierige Texte zu durchdringen, gehe zurück.

Ein besonderes Augenmerk richtet der Autor auf die Folgen der Entfremdung im Zuge des Spätkapitalismus: Die Menschen übernehmen immer spezialisiertere Aufgaben, wodurch Gemeinsamkeiten und Bezüge zu anderen Menschen schwinden, es entstehe eine unsichtbare Mauer zwischen sich fremd bleibenden Individuen. Zugleich sei das Zeiterleben durch Beschleunigung und Fragmentierungen beeinträchtigt. Im Arbeitsleben verursachen zudem befristete Anstellungen, Freelancing und Homeoffice einen starken Anpassungsdruck und mangelnde verlässliche soziale Kollegenkontakte. Es fehle eine auf (utopische) Ziele ausgerichtete Zukunftsorientierung, die Menschen seien erlebnishungrig in einer chaotischen Gegenwartsbezogenheit mit Shopping oder Eventurlaub gefangen. Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sinn könne in der entstandenen „Industriekultur“ oder „Narzissmuskultur“ nicht mehr befriedigt werden, sondern führe zu Eskapismus und falschem Sinnstreben mit Surrogaten wie Sportereignissen und Erlebniskonsum. Ein Euphemismus der Gefühllosigkeit sei der viel verwendete Begriff der „Coolness“; soziale Rückzugs- und Vermeidungstendenzen seien auf dem Vormarsch, Einsamkeit nehme zu, die Seele sei zunehmend erschöpft.

Diskussion

Es gelingt dem Autor, in essayistischer Form zahlreiche Aspekte der Überforderung durch Technik in kurzweiliger Form anzuschneiden, zugleich wiederholt diese in Kurzkapitel gegliederte und auf sehr unterschiedliche Theoretiker*innen bezugnehmende Analyse genau die kulturelle Tendenz, schnell konsumierbare Portionen zu erzeugen und weniger in die Tiefe zu gehen. Die Wahl der Begriffe habe ich als sehr prägnant und inspirierend erlebt. Obwohl mir die einzelnen Aspekte zumeist nicht wirklich neu waren, regt die Zusammenschau doch zum weiteren tiefergehenden Nachdenken an. Die disruptiven Veränderungen, die durch künstliche Intelligenz im Entstehen begriffen sind, werden nur recht kurz thematisiert.

Eingestreut finden sich überraschende Selbstoffenbarungen zur eigenen seelischen Befindlichkeit des Autors.

Fazit

Das Buch besteht aus zahlreichen philosophisch-essayistisch geprägten Kurzkapiteln und stellt interessante Bezüge zwischen der Überforderung durch Technik und allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen sowie eigenen Erfahrungen her.

Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 150 Rezensionen von Annemarie Jost.

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ISSN 2190-9245