Beate Baumann: Sprache, Kultur, polyphone Narration
Rezensiert von Feline Kleimann, 17.09.2025
Beate Baumann:Sprache, Kultur, polyphone Narration. Entwicklungen im postmigrantischen Deutschland. Frank & Timme (Berlin) 2024. 242 Seiten. ISBN 978-3-7329-1062-5. D: 39,80 EUR, A: 39,80 EUR, CH: 59,70 sFr.
Reihe: Sprachen lehren ? Sprachen lernen - 14.
Autor:in oder Herausgeber:in
Das Buch „Sprache, Kultur, polyphone Narration“ von Beate Baumann ist der 14. Band der Reihe „Sprachen lehren – Sprachen lernen“. Herausgegeben von den Sprachwissenschaftlerinnen Peggy Katelhön und Martina Nied Curcio, beinhaltet die Reihe Bände zu Themen der Fremdsprachenforschung und Fachdidaktik, die besonderen Wert auf praxisrelevante Forschungsergebnisse und aktuelle Themen legen.
Thema und Aufbau
Das Buch nimmt eine postmigrantische Perspektive ein, in der Migration – vergangene, wie aktuelle – als die Realität der gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland angenommen wird. Diese Realität wird im gesellschaftlichen Diskurs oft verkannt und Migration stattdessen als eine Abweichung von einer vorgestellten gesellschaftlichen Normalität besprochen. Beate Baumanns Publikation ist ein Beitrag zur Sichtbarwerdung und Würdigung des postmigrantischen Charakters der deutschen Gesellschaft. Dabei kommt der Mehrsprachigkeit – über reine Sprachkenntnisse hinaus – eine bedeutende Rolle bezüglich Identität, Integration und Kultur zu: Die Publikation widmet sich „dem Themenkomplex der Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität sowie den daraus resultierenden sprachlichen und kulturellen Praktiken im Kontext postmigratischer Diskurse“ (Baumann 2024, 10). Baumann zeigt aktuelle sprachliche und kulturelle Entwicklungstendenzen in der postmigrantischen Gesellschaft Deutschlands auf und würdigt dabei die Bedeutung dieser Entwicklungen für das Fach Deutsch als Fremdsprache. Dabei legt Baumann besonderen Wert darauf, die Innenperspektive postmigrantischer Diskurse darzustellen.
Nachdem im ersten Teil des Buches Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität aus der trans- und interdisziplinären Sicht einer kulturorientierten Linguistik, der Soziolinguistik und postmigrantischer Gesellschaftswissenschaft beleuchtet werden, kommen im zweiten Teil der Schrift postmigrantische Akteur:innen mit „kritischen Positionen zu Themen wie Sprache und Macht, zur Rolle der Mehrsprachigkeit in Kultur und Kunst, aber auch zu Diversität, Marginalisierung, Diskriminierung und solidarischen Bündnisbildungen“ (ebd. 12) zu Wort. Im letzten Teil steht dann die literarische Sprache im Fokus, die Baumann als das Medium der widerständigen Praxen der Aktuer:innen auffasst. In der sprach- und kultursensiblen Analyse dieser sprachlichen Praxen sieht Baumann das Potenzial, „ein Verständnis für die Komplexität einer zunehmend mehrsprachigen und mehrkulturellen Welt zu fördern“ (ebd.).
Inhalt
Kapitel 2: „Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität aus linguistischer und gesellschaftlicher Perspektive“
Nach der Einleitung argumentiert Baumann im zweiten Kapitel „Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität aus linguistischer und gesellschaftlicher Perspektive“ dafür, Sprache und Sprechen als kulturelle Praktiken zu begreifen, mit denen Menschen soziale Handlungen durchführen und wirbt für eine Erforschung der Verflechtungen von Sprache und Kultur. Diese Perspektive sieht Baumann in verschiedenen Ansätzen einer kulturwissenschaftlichen Linguistik verwirklicht, die der Frage nachgehen, wie sprachliche Praktiken und Kultur miteinander verknüpft sind. Wissenschaftliche Ansätze, die die enge Verzahnung von Sprache und Kultur konsequent berücksichtigen, eignen sich Baumann zufolge insbesondere für die Erforschung von Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität und bieten neue Perspektiven für die Praxis der Sprach- und Kulturvermittlung im Fach Deutsch als Fremdsprache. Aus einer sprach-, kommunikations-, handlungs-, und performanzorientierten Perspektive, deren Grundannahmen und Begriffe im zweiten Kapitel besprochen werden, analysiert und präsentiert Baumann im dritten und vierten Kapitel postmigrantische Diskurse und literarische Werke.
Um eine kulturorientierte Linguistik zu charakterisieren skizziert Baumann im Abschnitt „Sprache und Kultur im Kontext einer kulturorientierten Linguistik“ zunächst ihre Genese, wobei sie verschiedene Ansätze des 20. Jahrhunderts, die die Betrachtung der Sprache als System von Zeichen aufbrachen, als einen Beitrag zur „(Re-)Kulturalisierung der Sprachwissenschaft“ (Linke 2018, 350; zitiert nach Baumann 2024, 15) begreift. Baumann begrüßt, dass mit dem Richtungswechsel der Sprachwissenschaft anthropologisch-sozialwissenschaftliche und sprachwissenschaftliche Forschungsfelder miteinander vernetzt wurden, weil sich damit die Erkenntnis durchgesetzt habe, dass Sprache und Kultur in einem engen Zusammenhang stehen und sowohl Kultur als auch Sprache in ihrem heterogenen Wesen betrachtet würden. Die kulturwissenschaftlich-interkulturelle Linguistik verbindet schließlich „sprachliche, kulturelle und soziale Dimensionen miteinander “ (Baumann 2024, 20). Den Forschungsbereich einer kulturwissenschaftlich-interkulturellen Linguistik verortet Baumann in der Erforschung der Verflechtung von Sprache, Kultur und Gesellschaft, sodass Sprachgebrauch, kommunikative Muster und gesellschaftliches Handeln als Ineinandergreifendes betrachtet werden. Besonders beachtenswert sieht sie dabei Neuerungen und Veränderungen in sprecher- und sprachenübergreifenden Interaktionen sowie Prozesse der Wahrnehmung von kulturell-sprachlichen Prägungen, des Sprachverstehens und der sprachlichen Entwicklung im Kontext von Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt. Die genannten Ansatzpunkte einer kulturwissenschaftlich-interkulturellen Linguistik sind daher die Gesichtspunkte unter denen Baumann die Beiträge der Akteur:innen eines postmigrantischen Diskurses im dritten und vierten Kapitel betrachten will.
Weiter argumentiert Baumann, warum der Ansatz einer kulturwissenschaftlich-interkulturellen Linguistik für anwendungsorientierte Fragen im Fach Deutsch als Fremdsprache von Bedeutung ist (2.1.3.). Da die kulturwissenschaftlich-interkulturellen Linguistik eine enge Verflechtung von Sprache und Kultur annimmt und erforscht, biete sie einen passenden Anknüpfungspunkt für Fragen der Vermittlung im Bereich Deutsch als Fremdsprache, in der Sprach- und Kulturvermittlung eng verknüpft sind. Eine Einsicht, die laut Baumann in den letzten Jahren auch im Bereich Deutsch als Fremdsprache immer prominenter wurde, was zu neuen Ansätzen in der Forschung führte, deren Perspektiven und Erkenntnisse die Kultur- und Sprachvermittlung im DaF-Unterricht verändert haben. Dazu habe auch die kritische Auseinandersetzung mit dem traditionellen Kulturbegriff beigetragen. Der Fachbereich Deutsch als Fremdsprache erkennt Baumann zufolge heute nicht nur an, dass Sprache und Kultur eng verknüpft sind, sondern konzeptualisiert Kultur als heterogen, dynamisch und diskursiv. Baumann konstatiert vor diesem Hintergrund auch für den DaF Unterricht den Beginn eines Paradigmenwechsels und stellt in diesem Zusammenhang kursorisch einige Konzepte vor, die im DaF-Unterricht Zugänge zur diskursiven Bedeutungsaushandlung sozialer Wirklichkeit darstellen. Dazu gehört das Konzept des Kulturbezogenen Lernens von Deutungsmustern, die Auseinandersetzung mit Erinnerungsorten sowie die Forschungsrichtung Linguistic Landscapes, die sich insbesondere in mehrsprachigkeitsdidaktischen Unterrichtskonzeptionen bewährt habe.
Das Unterkapitel „Mehrsprachigkeit und Diversität“ beschäftigt sich mit den grundlegenden Aspekten von Mehrsprachigkeit aus einer soziolinguistischen Perspektive und führt in die Grundannahmen und Begriffe der Mehrsprachigkeitsforschung ein. Die Autorin rückt dabei in den Mittelpunkt, wie gesellschaftliche Transformationsprozesse – insbesondere Globalisierung, Migration und Digitalisierung – Einfluss auf Mehrsprachigkeit nehmen. Sie stellt die Normalität und Tatsache gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit fest und sieht diese als eine sozio-kulturell erworbene Ressource, die maßgeblich zur sprachlichen Vielfalt und Diversität beiträgt. Baumann gibt vor diesem Hintergrund die Kritik vieler Sprach- und Bildungswissenschaftler:innen daran wieder, dass – ungeachtet dieser Realität – in Schule und Alltag eine monolinguale Erwartungshaltung vorherrsche, wobei sie zugleich meint, dass sich im schulischen Kontext, insbesondere im Bereich der Herkunftssprachendidaktik eine Tendenz zur Umsetzung dieser Kritik abzeichne. Ebenfalls kritisiert Baumann, in Anlehnung an sprachsoziologische Untersuchungen, die (Ab)wertung verschiedener Sprachen, die zur Herstellung sprachlicher Hierarchien führe. Diese verhindere, dass die individuelle Mehrsprachigkeit wirkmächtig werden könne, was insbesondere Herkunftssprecher:innen mit Migrationshintergrund treffe. In Anlehnung an den Begriff Rassismus wird auch für Sprachen und ihre Träger ein sogenannter Linguizismus beobachtet, dem die Autorin eine die sprachliche Vielfalt würdigende Perspektive – Superdiversity und Radical Diversity – entgegenstellen möchte.
Im Abschnitt „Deutschland Postmigrantisch: Gesellschaft, Sprachen und Kunst“ führt Baumann in das Konzept der Postmigration als zentralen wissenschaftlichen Bezugspunkt ein und stellt dessen Kernannahmen und Begriffe dar. Anschließend betrachtet sie Phänomene gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit vor dem Hintergrund des Konzeptes der Postmigrationsgesellschaft und streift auch hier zentrale soziolinguistische Begriffe. Schließlich kommt die Autorin auf die kulturell-künstlerischen Manifestationen postmigrantischer Urbanität zu sprechen und entfaltet kursorisch soziolinguistische Annahmen und Begriffe mit denen öffentliche Sprachlandschaften als Informationsquellen für die Erforschung von Phänomenen gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit betrachtet werden können. Abschließend werden vier postmigrantische Kulturphänomene vorgestellt, das postmigrantische Theater „Ballhaus Naunystraße“ in Berlin, der Kinofilm „Almanya – Willkommen in Deutschland“, der komödiantisch postmigrantische Realitäten verarbeitet, das Comedy-Format „Bülent Ceylan Show“, sowie einige Künstler des Deutsch-Rap.
Kapitel 3: Sprachliche und kulturelle Praktiken im Spiegel postmigrantischer Rekonfigurationen
Im Abschnitt „Sprachkritische Reflexionen zur Macht der Sprache“ stellt Baumann drei Autorinnen mit Migrationshintergrund vor, die in ihren Publikationen ihre Sicht auf die mehrsprachige Postmigrationsgesellschaft, ihre Erfahrungen darin und ihre Wahrnehmung von Sprache(n), Sprechen, Sprachideologien und Diskriminierung kraftvoll darlegen. Bei der Vorstellung der Publikationen, die Baumann im postmigrantischen Diskurs verortet, lässt sie größtenteils die Autorinnen – anhand von Zitaten aus ihren jeweiligen Schriften – selbst zu Wort kommen und gibt ihre kritischen Ansichten wieder.
Zunächst wird der 2021 erschienene Essayband Sprache und Sein von Kübra Gümüşay vorgestellt, die sich selbst als „Deutschtürkin, muslimisch und dazu noch mit Kopftuch“ (Gümüşay 2013) oder auch „Kopftuchträgerin, […] engagierte Muslimin, […] liberale Muslimin, […] feministische Muslimin“ (Gümüşay 2021, 69. Hervorhebungen im Original) bezeichnet. Baumann stellt unter Rückgriff auf einige prägnante Zitate aus Gümüşays Essayband deren kritische Position im postmigrantischen Diskurs dar, die sich mit der Macht der Sprache zur Exklusion von Menschen – aufgrund ihrer Sprache, ihrer Kultur oder ihres Geschlechtes – auseinandersetzt und damit eine Forderung nach einer Sprache verknüpft, „in der wir alle als Menschen in unserer Komplexität gleichberechtigt existieren können, [und in] der alle gleichberechtigt existieren können“ (Gümüşay 2021, 182).
Lena Goreliks 2012 erschienene essayistische Streitschrift „Sie können aber gut Deutsch!“ Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft wirft ebenfalls einen Blick auf die Macht der Sprache und führt den monolingualen Habitus vor. Ganz im Sinne der von Baumann eingenommenen postmigrantischen Perspektive geht auch Gorelik davon aus, dass Menschen mit Migrationshintergrund „schon lange Teil des deutschen Alltags“ (Gorelik 2012, 29) sind, wobei sie die Vielfalt der deutschen Gesellschaft bereits in der „binnendeutschen“ (Baumann 2024, 65) kulturellen, dialektalen und kulinarischen Diversität verortet. Von dort aus reflektiert Gorelik den monoligualen Habitus, nach dem man erst Deutsch können müsse, um integriert zu sein und wirft die Frage auf, „wo […] Deutsch können [beginnt]“ (Gorelik 2012, 115) und beschreibt, wie der monolinguale Habitus biographisch ihr Spracherleben prägte und wie sie dadurch Ausgrenzung erlebte. Außerdem thematisiert sie anhand von biographischen Erfahrungen Sprachideologien, die Dialekte und Sprachen in erwünschte und unerwünschte einteilen und zu einer Herabwürdigung von Mehrsprachigkeit bestimmter Herkunftssprachen führen. So schildert sie, dass sie aufgrund ihrer Herkunftssprache und ihrer Migrationsbiographie, trotz dessen, dass sie sich als Teil der deutschen Gesellschaft sieht und muttersprachliche Deutsch spricht, noch immer als Mensch mit Migrationshintergrund Ausgrenzung erfährt – wer gut integriert ist, der sei eben noch immer nicht dabei. Zum Schluss plädiert sie für eine Anerkennung von sprachlicher Vielfalt, für die Vorzüge mehrsprachig verfasster Texte und für ein „WIR-Deutschland“ (Gorelik 2012, 110ff), in dem nicht zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund unterschieden wird.
Olga Grjasnowas Essayband Die Macht der Mehrsprachigkeit. Über Herkunft und Vielfalt (2021) – setzt sich kritisch mit dem Paradigma der Einsprachigkeit sowie sprachideologischen Wertungen von Herkunftssprachen in Deutschland auseinander. Anhand ihrer eigenen Biographie und der mehrsprachigen Praxis, die sie in ihrer Familie lebt, zeigt sie auf, wie fern von der Realität der monolinguale Habitus ist und die Vorstellung, dass Sprachen immer mit einem Nationalstaat verbunden seien, wenngleich diese Vorstellung darüber harte Geltung bekommt, dass der „Zugang zu Ressourcen und Rechten erst durch das Beherrschen der dominanten Sprache möglich“ (Baumann 2024, 73) ist. Grjasnowa kritisiert, dass der Wert der Mehrsprachigkeit nicht anerkannt würde und der monolinguale Habitus zu Ausschluss führe.
Im Abschnitt „Praxen der Widerständigkeit und Aneignung durch Kultur, Kunst und Sprachen“ betrachtet Baumann aus der Perspektive einer kulturorientierten Linguistik sprachliche Praktiken und künstlerische Verfahren, die hegemoniale Strukturen kritisch hinterfragen und „transnationale Vorstellungswelten“ (Baumann 2024, 76) sowie „alternative[…] Formen von Zugehörigkeit und Zusammenleben“ (ebd.) schaffen wollen. Um einen Einblick in „postmigrantische Raumaneignungen“ (ebd., 77) zu geben, stellt Baumann postmigrantische Projekte und die Positionen ihrer Akteure vor. Das postmigrantische Theater Ballhaus Naunynstraße richtet „seine Aufmerksamkeit auf die Erfahrungen und Erzählungen von Menschen […], die der zweiten oder dritten Generation von Zuwander_innen angehören und sich mit der Migrationsgeschichte ihrer Eltern, aber auch mit dem eigenen gesellschaftlichen Umfeld aus einer neuen Perspektive auseinandersetzen“ (ebd., 77). Max Czollek wird als Akteur des postmigrantischen künstlerischen Diskurses vorgestellt. Seine im Maxim Gorki Theater veranstaltete Projekte setzen sich „mit den Narrativen von Juden in Deutschland nach 1945 auseinander, um alternative Positionen als die ihnen im besagten Gedächtnistheater zugeschriebene Opferrolle selbst zu bestimmen, sich davon zu desintegrieren und zu emanzipieren“ (ebd., 85). Dabei stellt Baumann Czolleks Positionen im postmigrantischen Diskurs anhand eines von ihr geführten Interviews vor. Die von Czollek initiierten Tage der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur sowie die Initiative Salaam-Schalom ordnet Baumann als „postmigrantische Allianzen“ (ebd. 92) ein, die darauf zielen dem Narrativ der Feindschaft zwischen jüdischen und muslimischen Menschen und der Stigmatisierung beider Gruppen gemeinsam entgegenzuwirken.
In Unterkapitel „Postmigrantische Stimmen“ stellt Baumann Interviews mit drei kunst- und kulturschaffenden Akteur:innen vor, die sie im postmigrantischen Diskurs verortet: Den Autoren Deniz Utlu, die Ethnologin und Kuratorin Alina Gromova und den Autoren und Lyriker Ozan Zakariya Keskinkılıç. Bei der Vorstellung der Interviews strebt Baumann an „möglichst ungefiltert die einzelnen Positionen und Visionen ab[zu]bilden“ (Baumann 2024, 99), um „jeweils [den] spezifische Charakter dieser besonderen, bisher unveröffentlichten Reflexionen und Äußerungen […] [herauszuarbeiten] […], die aus drei unterschiedlichen Perspektiven postmigrantische Sichtweisen, Positionen und Visionen zum Ausdruck bringen“ (ebd.). Besonders interessant ist dabei die kritische Reflexion der Interviewten zum Begriff des Postmigrantischen. So kommt etwa Deniz Utlu auf den Ursprung des Begriffs aus der Berliner Theaterszene zu sprechen, den Utlu, damals als Herausgeber des Kulturmagazins freitext, als schädliches Labeling kritisierte. Auch Keskinkılıç beschreibt die Einordnung literarischer Werke und Autor:innen als (post)migrantisch als problematisch, da dadurch ein selektiver Blick auf diese Werke geworfen würde, der Aspekte der Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität, des Feminismus, des Deutschen und des Queeren darin verkenne.
Kapitel 4: Postmigration und mehrsprachiges literarisches Schreiben
Im Abschnitt „Literarische Texte aus postmigrantischer Perspektive“ skizziert Baumann die Entwicklung der literaturwissenschaftlichen Begriffe, die das Phänomen einer durch Migrationsaspekte geprägten Literatur beschreiben. Von dem Begriff der Interkulturellen Literatur über das Konzept der Transkulturellen Literatur – dem bereits eine postmigrantische Dimension innewohnt, gefasst als „bestimmter historischer und gesellschaftlicher Kontext, in den die Autoren ‚hineingeboren‘ werden [und der] ihre Zugehörigkeit zu einem literarischen System determiniert“ (Geiser 2015, 308; zitiert nach Baumann 2024, 137) – hinzu dem Begriff einer postmigrantischen Literatur. Obwohl dieser Begriff auf „eine Überwindung der Etikettierungen, die vornehmlich auf Migration bezogen sind“ (Baumann 2024, 138f) zielt, sieht Baumann, wie auch weitere zeitgenössische Literaturwissenschaftler:innen, darin „die Gefahr, dieser Literatur erneut eine Sonderstellung zuzuweisen“ (ebd.). Damit knüpft Baumann an den Interviewbeiträgen des dritten Kapitels an, die ebenfalls das Labeling, das in dem Begriff des Postmigrantischen steckt, kritisieren. In Anlehnung an Schramm schlägt Baumann daher den Begriff einer postmigrantischen Perspektive vor, „die sich potentiell auf alle literarischen und künstlerischen Texte, unabhängig vom Hintergrund der jeweiligen Autor_innen, beziehen lässt“ (Schramm 2018: 83, zitiert nach Baumann 2024, 139).
Im Anschluss an die Diskussion literaturwissenschaftlicher Begriffe, stellt Baumann Autor:innen und Werke vor, die sie einer postmigrantischen Perspektive zuordnet, die autofiktionale und autosoziografische Erzählungen beinhalten und denen sie „eine mehrsprachige und mehrkulturelle Dimension“ (Baumann 2024, 146) zuschreibt. Im Unterkapitel „Mehrsprachigkeit in literarischen Texten“ stellt Baumann schließlich dar, „[w]elche Erscheinungsformen und Funktionen Mehrsprachigkeit in literarischen Texten gemeinhin aufweisen kann“ (ebd.). Dabei betont Baumann, dass sich das Einsprachigkeitsparadigma auch in der Literaturwissenschaft nicht aufrechterhalten lässt und dass „Mehrsprachigkeit in literarischen Texten keineswegs ein Randphänomen der Gegenwartsliteratur“ (ebd.) darstelle, zu dem auch die „binnensprachliche Mehrsprachigkeit“ (Dembeck 2020, 168; zitiert nach Baumann 2024, 147) zähle. In literarischen Texten, die durch eine postmigrantische Perspektive geprägt sind, interpretiert Baumann die Mehrsprachigkeit als einen „Ausdruck postmigrantischer Lebensformen“ (Baumann 2024, 147). Sie diskutiert sodann Erscheinungsformen, sprachliche Verfahren und Wirkungen von Mehrsprachigkeit in literarischen Texten die einer postmigrantischen Perspektive zugeordnet werden können.
Der Abschnitt „Mehrsprachigkeit und Literatur in Deutsch als Fremdsprache“ thematisiert die didaktischen Implikationen für eine der postmigrantischen und mehrsprachigen Realität Rechnung tragenden Fremdsprachendidaktik. Hierfür sieht Baumann Ansätze aus der Mehrsprachigkeitsdidaktik, als wichtige erste Impulse, da diese darauf abziele, „das gesamte, in den Sprachwelten der Lernenden vorhandene sprachliche Wissen mit ins Spiel zu bringen […], um diese[s] […] für interlinguale Vernetzungen fruchtbar zu machen“ (Baumann 2024, 155). So würde Baumann zufolge „ein Bewusstsein für die sprachliche Vielfalt“ (ebd.) gefördert und „die Lernenden auch für die Interdependenz von interlingualen und (inter)kulturellen Aspekten sensibilisiert“ (ebd.). Ergänzend zur Mehrsprachigkeitsdidaktik plädiert Baumann für eine „Mehrkulturalitätsdidaktik“ (ebd., 156). Mit Blick auf die „Beschäftigung mit (mehrsprachigen) Texten im Fremdsprachunterricht“ (ebd.) kritisiert Baumann eine zu stark auf das Ziel der Bewältigung kommunikativer Aufgaben ausgerichteten Fremdsprachenunterricht, der das Gewicht ästhetischer Sprachverwendung für den Fremdsprachenunterricht geringschätze. Baumann sieht demgegenüber gerade in „literarischen Texten ein bedeutendes Potenzial für fremdsprachliche und kulturbezogene Lernprozesse“ (ebd., 158). Das Ziel eines Deutsch als Fremdsprache Unterrichts sieht Baumann in einer „kreativpoetische Mitgestaltung von Sprache und Gesellschaft“ (Riedner/Dobstadt 2023, 65; zitiert nach Baumann 160). In der Auseinandersetzung mit literarischer Mehrsprachigkeit sieht Baumann eine Gelegenheit dieses Ziel zu verfolgen sowie kulturelles Lernen zu fördern. Denn der Mehrsprachigkeit wohne „ein bedeutendes gesellschaftliches Interventions- und Subversionspotenzial inne“ (ebd. 164), die daher ein „wertvoller Lerngegenstand“ (ebd.) sei, der neben sprachlichen und kulturellen Kompetenzen „auch eine kritische Diskurs- und Partizipationsfähigkeit“ (ebd.) fördern könne. Fähigkeiten, die Baumann als „Ausdruck emanzipatorischer Lernprozesse“ (ebd.) sieht und in diesem Sinne für einen Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik plädiert.
Im Kapitel „Polyphone Erzählungen“ stellt Baumann drei Romane vor, die sicher für das obige Plädoyer fruchtbar gemacht werden könnten. Es handelt sich um Beispiele autofiktionaler und autosoziografischer Erzählungen „die sowohl auf sprachlicher als auch kultureller Ebene auf eindrückliche Weise einen Einblick in unterschiedliche thematische Schwerpunkte und Anliegen postmigrantischer Diskurse vermitteln“ (Baumann 2024, 165). Baumann stellt Fatma Aydemirs 2022 erschienenen Roman Dschinns, Sasha Marianna Salzmanns 2017 erschienenen Roman Außer sich und den Roman Ministerium der Träume (2021) von Hengameh Yaghoobifarah vor, womit sie eindrücklich drei Romane vorstellt, die Aspekte wie Mehrsprachigkeit, Migration und (mehr)kulturelle Identitäten am Puls der Realität der diversen postmigrantischen Gesellschaft bearbeiten.
Damit endet ihr Buch mit dem Vorführen von dem, wovon aus wissenschaftlicher und didaktischer Sicht sowie der Sicht von Akteur:innen der Kunst- und Kulturszene bis dahin gesprochen wurde – Einblicke in zwar literarische aber doch sehr realitätsnahe postmigrantische Lebensrealitäten.
Im Schlussteil plädiert Baumann erneut für die Abbildung der postmigrantischen Gesellschaft und ihrer Mehrsprachigkeit im Diskurs sowie in Lernprozessen. „Lerninhalte, die dezidiert postmigrantische Diskurse betreffen“ (Baumann 2024, 203) sollten „aus einer dominanzsprachkritischen Perspektive behandelt werden“ (ebd.) und Eingang in Lehrwerke finden. Als „Zielhorizont nachhaltigen sprach- und kulturbezogenen Lernens“ (ebd.) sieht Baumann schließlich die „Verbindung von fremdsprachlicher Bildung und demokratischer Erziehung“ (ebd.), zu der die „Entwicklung einer kritischen kulturellen Bewusstheit und Diskursfähigkeit“ (ebd.) einen entscheidenden Beitrag leiste.
Diskussion
Das Ziel, die postmigrantische Realität der deutschen Gesellschaft, insbesondere in ihren (mehr-)sprachlichen Facetten, darzustellen, ist Baumann eindrücklich gelungen. Besonders hervorzuheben ist, dass viel Wert darauf gelegt wurde, Akteur:innen des postmigrantischen Diskurses aus Kunst und Kultur selbst sprechen zu lassen. Darüber bekommen die Leser:innen einen authentischen Einblick in die Perspektiven der Akteur:innen aber auch in aktuelle künstlerische und kulturelle Projekte, die zur Sichtbarwerdung postmigrantischer Lebens- und Kulturwelten beitragen. Die Vorstellung dreier literarischer Werke, die aus postmigrantischer Perspektive verfasst sind, rundet diesen Einblick ab.
Das zweite Kapitel, das sich vorgenommen hat, den sprach- und gesellschaftswissenschaftlichen Hintergrund zu skizzieren, hat sich meines Erachtens leider etwas übernommen. Zwar werden viele wichtige Grundbegriffe, Annahmen und theoretische Konzepte gestreift, es bleibt jedoch vieles offen. Einen kursorischen Einblick in die Schnittstellen zwischen Linguistik, Kulturwissenschaft und Soziologie wird dennoch gegeben, der neugierige Leser:innen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit der ein oder anderen wissenschaftlichen Herangehensweise anzuregen vermag.
Leser:innen, die sich für kulturelle Projekte und literarische Werke interessieren, welche sich sprachlicher und kultureller Marginalisierung und Diskriminierung entgegenstellen und Diversität sowie Mehrsprachigkeit leben, ist das Buch „Sprache, Kultur und polyphone Narration“ sehr zu empfehlen. Deutschlehrkräften, sowohl denjenigen, die in sprachlich heterogen Klassen unterrichten – also allen – als auch denjenigen, die Deutsch als Fremdsprache vermitteln, kann insbesondere das Kapitel 4 empfohlen werden, in dem für die Auseinandersetzung mit Literatur aus postmigrantischer Perspektive und einen Einbezug von Mehrsprachigkeit in den Unterricht geworben wird. Inspiration für Literatur, die postmigrantische Stimmen und Diskurse sowie mehrsprachige Sprachverwendung thematisieren und die sich für die Verwendung im Unterricht eignen, findet sich im letzten Abschnitt.
Fazit
Das 2024 erschienene Buch „Sprache, Kultur, polyphone Narration. Entwicklungen im postmigrantischen Deutschland“ von Beate Baumann leistet einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarwerdung des postmigrantischen und mehrsprachigen Charakters der deutschen Gesellschaft. Nach einer kursorischen Vorstellung wissenschaftlicher Ansätze, die postmigrantische und mehrsprachige Phänomene erforschen, bekommen die Leser:innen authentische Einblicke in postmigrantische künstlerische, kulturelle und literarische Projekte, sowie in die Ansichten ihrer Akteur:innen zu Themen wie Migration, Mehrsprachigkeit, Marginalisierung und Diversität. Einblicke, die zugleich eine Inspiration für den Einbezug postmigrantischer Perspektiven in einen Deutsch (als Fremdsprache) Unterricht darstellen, für den Baumann einen Paradigmenwechsel fordert – weg vom Paradigma der Einsprachigkeit, hin zu einer Deutschdidaktik, die der postmigrantischen und mehrsprachigen Realität der deutschen Gesellschaft Rechnung trägt.
Quellenangaben
Literarische und essayistische Texte
Aydemir, Fatma (2022): Dschinns. Roman. München: Hanser.
Gorelik, Lena (2012): „Sie können aber gut Deutsch!“ Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft. München: Pantheon.
Gümüşay, Kübra (2013): Es war schon mir dir, liebe Kolumne. In: taz – Kolumne Das Tuch, 24.06.2013. https://taz.de/Kolumne-Das-Tuch/!5064710/[19.08.2025].
Gümüşay, Kübra (2021): Sprache und Sein. Berlin: Hanser.
Salzmann, Sasha Marianna (2017): Außer sich. Roman. Berlin: Suhrkamp.
Yaghoobifarah, Hengameh (2021): Ministerium der Träume. Roman. Berlin: Blumenbar.
Wissenschaftliche Literatur
Baumann, Beate (2024): Sprache, Kultur, polyphone Narration. Entwicklungen im postmigrantischen Deutschland. Berlin: Frank & Timme.
Dembeck, Till (2020): Es gibt keine einsprachigen Texte! Ein Vorschlag für die Literaturwissenschaft. In: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 11/1, 163–176.
Geiser, Myriam (2015): Der Ort transkultureller Literatur in Deutschland und Frankreich.
Deutsch-türkische und frankomaghrebinische Literatur der Postmigration. Würzburg: Königshausen & Neumann.
Linke, Angelika (2018): Kulturhistorische Linguistik. In: Arnulf Deppermann/​Silke Reineke (Hrsg.): Sprache im kommunikativen, interaktiven und kulturellen Kontext. Berlin/​Boston: De Gruyter, 347–384.
Riedner, Renate/​Dobstadt, Michael (2023): Kreativ-poetische Mitgestaltung von Sprache und Gesellschaft als Zielhorizont eines literarisch-fundierten DaF/DaZ-Unterrichts. In: Sabine Dengscherz/​Hannes Schweiger/​Sandra Reitbrecht/​Brigitte Sorger (Hrsg.): IDT 2022: *mit.sprache.teil.haben, Bd. 2, Kulturreflexiv, ästhetisch, diskursiv. Sprachenlernen und die Vielfalt von Teilhabe. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 65–78.
Schramm, Moritz (2018): Jenseits der binären Logik: Postmigrantische Perspektiven für die Literatur- und Kulturwissenschaft. In: Naika Foroutan/​Juliane Karakayali/Riem Spielhaus (Hrsg.): Postmigrantische Perspektiven. Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik. Frankfurt a.M.: Campus, 83–97.
Rezension von
Feline Kleimann
M.A. Mehrsprachigkeit und Bildung, Integrative Lerntherapeutin mit Fokus Schriftsprachtherapie und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg, im Fach Linguistik des Deutschen mit dem Schwerpunkt Schriftlinguistik
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