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Michael Feiten, Henning Stahlschmidt (Hrsg.): Digitalisierung und Digitalität

Rezensiert von Dr. Dieter Korczak, 02.10.2025

Cover Michael Feiten, Henning Stahlschmidt (Hrsg.): Digitalisierung und Digitalität ISBN 978-3-7329-1037-3

Michael Feiten, Henning Stahlschmidt (Hrsg.):Digitalisierung und Digitalität. Interdisziplinäre Einblicke in technische Möglichkeiten und gesellschaftliche Phänomene. Frank & Timme (Berlin) 2024. 446 Seiten. ISBN 978-3-7329-1037-3. D: 49,80 EUR, A: 49,80 EUR, CH: 74,70 sFr.
Reihe: Philosophie, Naturwissenschaft und Technik - Band 16.

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Thema

Seit Nicholas Negropontes Buch »Being Digital« (1995) wird der Begriff »Digitalismus« verwendet, um ein Gesellschaftssystem zu kennzeichnen, dessen Strukturen und Prozesse auf Informationstechnologie basieren, auf der maschinengestützten Verwaltung und Verarbeitung von Informationen sowie auf Algorithmen und Automatisierung, kurzum: auf Digitalisierung. Der Schweizer Unternehmer Wolfgang Klingler bezeichnet den Digitalismus als Maschinenreligion, denn Digitalismus ist in erster Linie eine Ideologie, eine spezifische normative Weltanschauung. Im Rahmen dieser Weltanschauung wird der Mensch als Datenlieferant für das algorithmisch basierte maschinelle Lernen gesehen. Daten sind der Rohstoff der digitalen Zukunft – und Künstliche Intelligenz (KI) ist ihr Motor.

2015 propagierte die Bertelsmann-Stiftung, dass die Digitalisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen unaufhaltsam sei. 2018 ist eine Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt berufen worden. Seit 2025 gibt es in Deutschland ein Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung. An diesen politischen Entwicklungen wird deutlich, dass die lebensweltliche Bedeutung der Digitalisierung beschleunigt zunimmt und die Realität ändert. Der stattfindende kulturelle Wandel wird mit dem Begriff „Digitalität“ beschrieben. Digitalität umfasst neue Arten der Interaktion, neue Kommunikationsnormen und veränderte Identitätsmodelle im digitalen Zeitalter. Für Felix Stalder (2014) ist seit dem Jahr 2000 Digitalität der dominante Kulturraum. Jede wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Implikationen und Folgen der Digitalisierung in der Gesellschaft -wie es im vorliegende Band geschieht- ist daher nicht nur interessant oder wünschenswert, sondern notwendig.

Herausgeber

Der Band wird von Michael Feiten und Henning Stahlschmidt herausgegeben. Feiten hat Betriebswirtschaft und Philosophie studiert. Nach jahrelanger Tätigkeit als Lead-Fondsmanager an den internationalen Finanzmärkten ist er als Dozent für Wirtschafts- und Unternehmensethik sowie als Trainer und Coach für Unternehmen tätig. Stahlschmidt ist Philosoph und Bauingenieur. Als Projektleiter arbeitet er bei einem der größten Abwasserverbände Deutschlands. Seit 2017 ist er Mitglied im Arbeitskreis philosophierender Ingenieure und Naturwissenschaftler (APHIN).

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist Bestandteil der Schriftenreihe Philosophie, Naturwissenschaft und Technik des 2013 gegründeten Arbeitskreises philosophierender Ingenieure und Naturwissenschaftler (APHIN e.V.). 25 Autoren und Autorinnen haben 439 Seiten für diesen Band geschrieben. Sie decken eine große Bandbreite von Themen ab: digitale Berufswelten in der Justiz, in der Waldwirtschaft, im Automobilbau, in der Finanzwelt, in der Kriegsführung, im Gesundheitswesen, in der Medienarbeit.

Aufbau

Nach dem einführenden Beitrag folgen 20 Einzelbeiträge mit jeweils eigener Untergliederung, eigenem Literaturverzeichnis, zum Teil mit Abbildungen. Ein Verzeichnis der Herausgeber und Autoren schließt den Band ab.

Die ersten beiden Beiträge (Jürgen H. Franz; Martin Vogt) beschreiben die rasante Geschwindigkeit des digitalen Wandels. Die folgenden vier Beiträge befassen sich mit der Effizienzsteigerung und Veränderung in verschiedenen Berufswelten. Maximilian Wanderwitz stellt sich die Frage, wie weit Legal Tech gehen kann. Florian Schenk zeigt die digitale Transformation in der Forstwirtschaft. Carmen Schaak und Moritz Stockmeier befassen sich mit der wachsenden Bedeutung der Softwareprogrammierung für die Automobilbranche. Mögliche Leitplanken durch aktuelle Gesetzgebungs- und Normungsprozesse beschreiben Amelie Leipprand und Filiz Elmas.

Drei Beiträge behandeln ausgewählte Aspekte der Wirtschaft im Wandel. Malte Constantin Dreher und Henning Vöpel führen ein Interview zu diesem Thema mit digitalen Start-Up Unternehmern. Mike Judith widmet sich FinTechs und Robo-Advisern. Mit dem Recht auf und der Praxis informationeller Selbstbestimmung hinsichtlich der Fremdverwendung der eigenen Daten setzen sich Michael Detjen und Rudolf Tillig auseinander.

Die militärische Nutzung künstlicher Intelligenz ist Gegenstand der Beiträge von Kersten Lahl und Karl Hans Bläsius.

In drei weiteren Beiträgen werden der Einsatz von KI-Systeme in der Psychotherapie (Mathias Boeck), in der Arzt-Patienten-Beziehung (Giovanni Fantacci) und beim Einsatz digitaler Anwendungen im Unterricht (Julia Kernbach) diskutiert.

Mit ethischen Herausforderungen der digitalen Transformation unter Bezug auf Hate-Speech und Marginalisierung (Alexander Braml), auf das Machtverständnis bei Hannah Arendt (Michael Feiten) und auf John Rawl's Theorie der Gerechtigkeit (Sophia Wengler) befassen sich drei weitere Beiträge.

Den Schlussteil des Sammelbandes bilden die Beiträge von Klaus Neundlinger, Markus Bohlmann und Jonathan D. Geiger zur Digitalität im Licht der theoretischen Philosophie. Der Beitrag von Geiger hat die Form eines Interviews mit Sybille Krämer, Gabriele Gramlsberger und Jörg Noller, die im Leitungsteam der Arbeitsgruppe zur Philosophie der Digitalität der Deutschen Gesellschaft für Philosophie sind.

Inhalt

Bei der Fülle des Materials kann in dieser Rezension nicht jeder Einzelbeitrag gewürdigt werden. Es wird deshalb exemplarisch auf Beiträge zur digitalen Aufrüstung (Lahl, Bläsius) und zur Digitalität zwischenmenschlicher Beziehungen (Boeck, Fantacci) eingegangen.

Kersten Lahl, Generalleutnant a.D., hat laut Autorenverzeichnis auf allen Führungsebenen der Bundeswehr militärische Verantwortung getragen. Er befasst sich in seinem Beitrag „Künstliche Intelligenz und Kriegsführung“ (Seite 197–216) mit vier sicherheitspolitischen Dilemmata. Das erste Dilemma ist die Schwierigkeit der rechtlichen und ethischen Zurechnung von Verantwortung im Krieg beim Einsatz von autonomen Waffensystemen. Das zweite Dilemma besteht in der Balance zwischen Angriff und Verteidigung. Diese wird gestört, da durch KI einem Angreifer bessere Optionen eröffnet werden. Daraus folgt unmittelbar das dritte Dilemma: die Welt steht am Beginn eines neuen globalen Wettrüstens, das im Kern eine weitreichende KI-Nutzung impliziert. Das vierte Dilemma besteht darin, dass die Nutzung von KI in militärischen Anwendungen bislang keiner grundsätzlichen Beschränkung im Internationalen Recht unterliegt. Die weitere Entwicklung der KI zu militärischen Zwecken ist noch keineswegs absehbar. Seine verstörende Schlussfolgerung ist: „Das vitale Interesse an menschlichem, staatlichen und globalen Selbsterhalt zwingt dazu, im engen Verbund von Politik und Wissenschaft den weiteren Prozess aktiv gestaltend zu begleiten und zu lenken – solange dies möglich ist.“ (Seite 215) [Hervorhebung durch den Rezensenten]

Karl Hans Bläsius (Professur für Wissensbasierte Systeme) befasst sich schon länger mit der Möglichkeit eines Atomkriegs aus Versehen. In seinem Beitrag „Automatisierte Entscheidungen und Atomkriegsrisiko“ (Seiten 217–239) sorgen ihn automatisierte Entscheidungsprozesse. Aufgrund der immer gegebenen unsicheren und unvollständigen Datenlage können bei unsicherem Kontext weder Menschen noch KI-Systeme zuverlässig entscheiden. Es besteht die Gefahr, dass bei falsch angenommenen, aber plausibel erscheinenden Ursachen gravierend falsche Entscheidungen getroffen werden. Auch er verweist auf den Rüstungswettlauf mit KI, der durch die Frage nach einer 'Superintelligenz' weiter angeheizt werde. Dabei geht es um Computerprogramme, die Menschen bezüglich Intelligenz weit überlegen seien. Im Falle von autonomen Waffensystemen und einer möglichen 'Superintelligenz' sind die bekannten Schutz- und Abschreckungsmaßnahmen (z.B. Androhung von Strafe, Sicherheit durch technische und organisatorische Vorsorge) wahrscheinlich nicht sehr wirksam. Als Optionen bleiben daher internationale Verflechtungen, Vereinbarungen zwischen den großen Nuklearmächten und Sicherheit durch Handel. „Der Aspekt „Sicherheit durch Handel“ ist nicht gescheitert, sondern notwendig für eine dauerhafte globale Sicherheit.“ (Seite 238)

Die Digitalität prägt auch zwischenmenschliche Beziehungen, wie beispielsweise in der Psychotherapie und bei Arzt-Patienten-Beziehungen. Der Psychotherapeut Mathias Boeck sieht für den Einsatz von KI in der Psychotherapie „Kein Grund zur Panik, kein Grund zur Euphorie“ (Seiten 243–260). Die Vorteile einer KI-gestützten Therapie liegen für ihn in den niedrigeren Kosten, der Effektivität (nachgewiesen durch Meta-Analysen) und der Flexibilität (jederzeit abrufbar). Die Hemmschwelle für die Aufnahme einer Psychotherapie ist niedriger. Kritische biologische Marker werden von der KI sicherer erkannt. Betrachtet man die Psychotherapie als einen persönlichen Reifungsprozess ist die KI jedoch nach Ansicht von Boeck weniger qualifiziert. Hinzu kommen die Begrenztheit der Variablen, systemimmanente Schwächen der Programmierung, fehlende kulturelle Prägungen, das Problem der Verantwortungsübernahme. KI hat auch keine Wärme, Echtheit und Empathie, nach Carl Rogers die hauptsächlichen Wirkfaktoren der Psychotherapie. „Künstliche Intelligenzen wissen einfach nicht, wovon sie reden.“ (Seite 254)

„Die Veränderung der Arzt-Patienten-Beziehung in der digitalen Welt“ (Seiten 261–280) hat der Arzt Giovanni Fantacci seinen Artikel überschrieben. Durch den Einsatz von Medical Decision Support Systemen können Ärzte Diagnosen und Therapien zusätzlich absichern. Der bürokratische Zwang zu umfangreichen Datensammlungen erfordert jedoch teure Investitionen in die Hard- und Software-Struktur von Arztpraxen. Die Datenerfassung erfolgt in Arztpraxen vermehrt über die elektronische Patientenakte (EPA). Die Dokumentation der Krankengeschichte eines Patienten wird dadurch verbessert, gleichzeitig entsteht die Frage nach dem Schutz dieser Daten, sowohl vor staatlichen und privaten Begehrlichkeiten wie vor Hackern. Durch den Zugang zu medizinischen Informationen im Internet können sich Patienten vorab informieren. Sie bedürfen aber weiterhin der Beratung, damit diese Informationen richtig eingeordnet und bewertet werden. Auch Fantacci betont die Bedeutung von Empathie und Vertrauen, die nur in der direkten Begegnung mit Patienten entstehen und die nicht durch den Einsatz von KI abgelöst werden können.

Diskussion

Die Stärke des Sammelbandes liegt in der multiperspektivischen Herangehensweise, der die komplexen Herausforderungen des digitalen Wandels in unterschiedlichen Lebenswelten differenziert darstellt. Wie der Sub-Titel verspricht, werden zahlreiche Einblicke in die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung und die dadurch hervorgerufene Digitalität geliefert. Zudem werden relevante Sinnfragen gestellt und aus philosophischer Sicht beantwortet, wie z.B. „Können in der digitalen Sphäre öffentliche Räume gemeinsamen Handels entstehen?“ (Seite 30) Feiten beantwortet diese Frage mit Bezug auf Hannah Arendt als „doppeltes Öffentlichkeits-Paradox“ (Seite 346): die gleichzeitige Ausweitung des öffentlichen Raums und seine bessere Überwachbarkeit. Jonathan D. Geiger spricht von einem „digital turn“ in der Philosophie.(Seite 425)

In der Einführung wird postuliert, dass die Kultur der Digitalität ihren computergestützten Manifestationen vorausginge. Die technologische Entwicklung antworte auf gesellschaftliche Bedürfnisse. Diese Ansicht teilt der Rezensent nicht. In einer Auftragsforschung Anfang der 90er Jahre zum Nutzen und zur Entwicklung von mobilen Telefonen/​Smartphones wurde diesen Geräten von der Bevölkerung ein minimaler Marktanteil und nur ein spezieller Nutzen für Polizei- und Feuerwehrkräfte und ähnlichen Gruppen vorhergesagt. Die Firma AEG Telefunken gibt es nicht mehr, die Zahl der Smartphone-Nutzer liegt in Deutschland gegenwärtig bei ca. 69 Millionen Menschen. Das heißt, Bedürfnisse werden erzeugt. Eine intensivere Auseinandersetzung mit „Digitalismus“, mit Manuel Castells, Nick Couldry, Soshana Zuboff, in Abgrenzung zur „Digitalität“ hätte die Aussagen dieses Sammelbandes bereichert.

Fazit

Durch seine multiperspektivische Herangehensweise leistet der Sammelband einen wichtigen Beitrag zur Information über die technischen Entwicklungen und Möglichkeiten der Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf zahlreiche Lebensfelder in der Gesellschaft. Er enthält viele inspirierende Impulse für das eigene Denken und die wissenschaftliche Arbeit in diesem Feld.

Quellen

Castells M (2001) Die Netzwerkgesellschaft. Band I Das Informationszeitalter. Opladen: Leske + Budrich

Couldry N, Mejias UA (2014) The Costs of Connection. How Data is Colonizing Human Life and Appropriating It for Capitalism. Stanford University Press

Negroponte N (1995) Being Digital. New York: Alfred A Knopf;

Klingler W (1998) Die Parallelen zwischen Digitalisten und den Fanatikern anderer Religionen sind auffallend (https://www nzz ch/feuilleton/​der-neue-radikale-maschinenkult-ld1333707) Zugegriffen: 17 09 2025

Stalder F (2014) Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp https://www.socialnet.de/rezensionen/​20913.php

Zuboff S (2018) Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt: Campus

Rezension von
Dr. Dieter Korczak
Soziologe, Präsident des European Consumer Debt Network, Mitglied der Financial Services User Group der Europäischen Union
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Es gibt 26 Rezensionen von Dieter Korczak.

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ISSN 2190-9245