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Christian Reutlinger, Andrea Thoma (Hrsg.): Soziokulturelle Animation

Rezensiert von Johannes Nathschläger, 18.09.2025

Cover Christian Reutlinger, Andrea Thoma (Hrsg.): Soziokulturelle Animation ISBN 978-3-7329-0932-2

Christian Reutlinger, Andrea Thoma (Hrsg.): Soziokulturelle Animation. 33 Fragmente zur Entwicklung der Offenen Jugendarbeit in der Deutschschweiz erzählt von Heinz Wettstein. Frank & Timme (Berlin) 2024. 154 Seiten. ISBN 978-3-7329-0932-2. D: 29,80 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 44,70 sFr.

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Thema

Die von Christian Reutlinger und Andrea Thoma herausgegebene Publikation Soziokulturelle Animation. 33 Fragmente zur Entwicklung der Offenen Jugendarbeit in der Deutschschweiz (Frank & Timme, 2024, 154 S.) gewährt einen spannenden Einblick in 50 Jahre Geschichte und Theorie der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in der deutschsprachigen Schweiz. Im Zentrum steht der Erfahrungsbericht des Schweizer Pioniers Heinz Wettstein, dessen persönliche Erzählungen – basierend auf ausführlichen Interviews – die Entwicklung des Handlungsfeldes nachzeichnen. Das Werk füllt damit eine Lücke in der Fachliteratur: Bisher war der Diskurs zur Offenen Jugendarbeit in der Schweiz wenig systematisch dokumentiert.

Autor

Heinz Wettstein gilt als einer der Pioniere der Offenen Jugendarbeit in der Schweiz. Seine Erfahrungen, Werte und Haltungen bilden die Grundlage des Bandes. Die Herausgeber Christian Reutlinger und Andrea Thoma haben die Interviews bearbeitet, ergänzt und wissenschaftlich eingeordnet.

Entstehungshintergrund

Die Publikation basiert auf einer Reihe von Interviews mit Heinz Wettstein, die von Reutlinger und Thoma aufgezeichnet, verschriftlicht und in eine fragmentarische Erzählstruktur gebracht wurden. Ziel war es, ein Zeitzeugnis zu schaffen, das zugleich fachgeschichtliche Dokumentation, Reflexion von Theorie und Praxis sowie persönliche Biografie ist.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 33 thematische Fragmente, die jeweils einen spezifischen Aspekt der Entwicklung der Offenen Jugendarbeit beleuchten. Die ersten 20 Fragmente behandeln überwiegend strukturelle, historische und fachliche Themen wie die Institutionalisierung des Berufsfeldes, die Wurzeln in unterschiedlichen Sprach- und Kulturregionen oder die Herausbildung spezifischer Konzepte. Besonders prägnant sind die Unterschiede zwischen der Romandie, die stark an der französischen animation socioculturelle orientiert war, und der Deutschschweiz, die sich stärker an deutschen Konzepten ausrichtete. Weitere Kapitel thematisieren das Alleinstellungsmerkmal der Soziokulturellen Animation, die Verankerung von Partizipation sowie die Rolle der Diskussionskulturen an Fachhochschulen. Auch aktuelle Herausforderungen wie die permanente „Krise der Jugendarbeit“ oder die Ausdifferenzierung der Methoden werden reflektiert.

Mehrere Kernideen ziehen sich durch das Werk. Zentral sind drei Begriffe, die in der Praxis der Offenen Jugendarbeit immer wieder auftauchen: Raum, Jugendkultur und Minderprivilegierte. Raum meint sowohl geschützte Treffpunkte als auch Freiräume im öffentlichen Raum.Jugendkultur verweist auf die Anerkennung jugendlicher Ausdrucksformen. Mit Minderprivilegierten sind jene Jugendlichen gemeint, die aufgrund sozialer Herkunft oder anderer Faktoren benachteiligt sind. Hinzu kommt die These, dass Jugendarbeit immer in einer „Krise“ steckt – und dass diese Krisen Antrieb für Innovation und Weiterentwicklung sind.

Ab Fragment 21 rückt die Person Heinz Wettstein stärker in den Vordergrund. Es werden biografische Stationen vorgestellt, etwa sein Einstieg über ehrenamtliches Engagement, seine erste Anstellung als Jurist im Jugendkontext, seine Tätigkeit als Lehrender und Berater sowie seine zentralen Werte und Haltungen. Dadurch wird sichtbar, wie eng die Entwicklung eines ganzen Handlungsfeldes mit der Laufbahn eines einzelnen Pioniers verbunden sein kann. Ergänzt wird der Band durch ein „Making-Of“ und eine umfassende Bibliografie.

Diskussion

Besonders hervorzuheben ist die didaktische Qualität des Werkes. Durch die Interviewform und die persönliche Erzählweise wird Praxiswissen anschaulich vermittelt. Die Fragmente sind in sich abgeschlossen und erlauben eine flexible Nutzung in Lehre und Weiterbildung. Fußnoten und Marginalien erklären schweizerische Begriffe und Kontexte, zusätzlich wurden Auszüge aus Wettsteins Publikationen integriert, die eine theoretische Vertiefung ermöglichen.

Ein gewisser Vorbehalt ergibt sich aus der Subjektivität der Perspektive. Da es sich primär um die Sichtweise Wettsteins handelt, sollten Lehrende und Fachpersonen das Buch kritisch einordnen und gegebenenfalls durch andere Quellen ergänzen. Gerade für Diskussionen in Ausbildung und Praxis ist die Publikation aber ideal, weil sie Geschichte und Theorie der Offenen Jugendarbeit zugänglich und lebendig vermittelt.

Für die Praxis liefert das Werk vielfältige Impulse. Es stärkt das professionelle Selbstverständnis, erinnert an die Bedeutung von Räumen und Partizipation und gibt Argumente, warum besonders minderprivilegierte Jugendliche in den Blick genommen werden müssen. Es vermittelt zudem Gelassenheit im Umgang mit Krisen: Jugendarbeit ist dynamisch, Wandel gehört dazu. Schließlich regt das Buch zur Reflexion der eigenen professionellen Biografie an und ermutigt dazu, Werte und Haltungen bewusst zu pflegen.

Auch sprachlich ist die Publikation bemerkenswert. Der Tonfall von Heinz Wettstein bleibt trotz Übersetzung ins Hochdeutsche spürbar erhalten. Die Fragmentstruktur mit pointierten Titeln verleiht dem Text Rhythmus, kleinere Wiederholungen stören nicht, sondern unterstreichen das Mosaikartige des Gesamtbildes.

Fazit

Reutlinger und Thoma ist ein Werk gelungen, das fachgeschichtliche Dokumentation, Theoriereflexion und erzählerisches Zeitzeugnis verbindet. Für die Soziale Arbeit bietet es hohen Mehrwert, indem es die Entwicklung der Offenen Jugendarbeit nachvollziehbar macht und zur Reflexion anregt. Lehrende und Praktiker gewinnen daraus gleichermaßen Erkenntnisse und Inspiration 

Rezension von
Johannes Nathschläger
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Es gibt 1 Rezension von Johannes Nathschläger.

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ISSN 2190-9245