Julien Bobineau, Philipp Gieg et al. (Hrsg.): Handbuch Demokratische Republik Kongo
Rezensiert von Thomas Barth, 14.04.2026
Julien Bobineau, Philipp Gieg, Timo Lowinger (Hrsg.): Handbuch Demokratische Republik Kongo. Geschichte, Politik, Gesellschaft, Kultur. Frank & Timme (Berlin) 2024. 676 Seiten. ISBN 978-3-7329-0434-1. D: 148,00 EUR, A: 148,00 EUR, CH: 222,00 sFr.
Thema
Bei jedem Kauf eines neuen Mobiltelefons keimt bei uns ein schlechtes Gewissen auf: Man weiß, dass darin vermutlich billiges „Blut-Coltan“ aus der Demokratischen Republik Kongo steckt, man erinnert sich an gelegentliche knappe Meldungen über dortige Verletzungen der Menschenrechte, Massaker und zu Tode geschundene Kinder-Sklavenarbeiter:innen. Doch unser Wissen ist dürftig, die DR Kongo trotz ihrer immensen Bedeutung ein vernachlässigtes Thema. Die genozidalen Kongogräuel, die Ermordung des ersten Präsidenten Patrice Lumumba, die beiden Kongo-Kriege, der Zweite wird auch als „African Worldwar“ bezeichnet, all das ist nur schemenhaft in unserem eurozentrischen Weltbild vorhanden: nicht zufällig, denn Unwissen über den historischen Kolonialismus hilft heutigen Ausbeuter:innen, ihre neokolonialen Machtstrukturen zu verbergen. Das Handbuch Demokratische Republik Kongo bietet einen Überblick zu Geschichte, Politik, Gesellschaft und Kultur des elftgrößten Landes der Welt. Diese Rezension fokussiert Abschnitte des Bandes, die auf Vergangenheitsbewältigung und Kolonialkritik abzielen.
Herausgeber, Autor:innen und Hintergrund
Herausgeber: Julien Bobineau ist Gründer von D2 – Denkfabrik Diversität und habilitiert an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im FB Interkulturelle Wirtschaftskommunikation. Philipp Gieg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Postdoktorand, und Timo Lowinger ist Doktorand am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Das internationale Team von 26 Autor:innen stammt meist aus deutschsprachigen Ländern, acht aus der DR Kongo. Hintergrund ist das Fehlen aktueller Literatur zur DR Kongo im deutschsprachigen Raum. Das Forum Afrikazentrum und die Humanwissenschaften der Uni Würzburg sowie D2 – Denkfabrik Diversität waren an der Finanzierung des Buchprojekts beteiligt (S. 22).
Aufbau und Inhalt
Einem Vorwort von Prof. Debora Kayembe, gebürtige Kongolesin und Rektorin der Universität Edinburgh, folgen 36 Kap. (davon acht von Herausgeber Bobineau) in sechs Oberkapiteln nebst biographischen Angaben. „Beiträge zu Geo‑ und Demographie, zur Geschichte, Infrastruktur, Zivilgesellschaft und Außenbeziehungen sowie zu Medien, Bildungs‑ und Gesundheitssystem, Religionen, Frauenrechten, Sprachen, Sport, Kunst, Musik, Literatur, Film, Mode und den kulinarischen Kulturen des Landes.“ (Verlagstext)
In ihrem Vorwort macht Debora Kayembe klar, dass sie die bisherige Darstellung der DR Kongo in deutschen (oder westlichen) Arbeiten insgesamt für zweifelhaft hält und pocht auf eine nunmehr „korrekt geschriebene“ Geschichte, „ohne Fehlinformationen, mit der Wahrheit und nichts als der Wahrheit“ (S. 9). Besonders die engagierten und gut lesbaren Beiträge von Julien Bobineau machen klar, worum es dabei vordringlich geht: um den immer noch bzw. immer wieder erneut verdrängten oder heruntergespielten Stellenwert der Kongogräuel von 1885–1908, das verklärte Bild des Kolonialverbrechers und Völkermörders König Leopold II., die kaum verminderten Kolonialverbrechen 1908–60, die brutale Ermordung des nach der Befreiung am 30. Juni 1960 ersten gewählten Präsidenten Patrice Lumumba (1925–1961), durch USA und Belgien schon im Januar 1961 (vgl. Schumann). Es geht um die Ära des Diktators Mobutu (1965–97), einer von der CIA finanzierten Marionette westlicher Industrie-Interessen, sowie um die zahllosen, meist von außen dirigierten „Bürgerkriege“ zum Raub von Rohstoffen, die bis heute andauern und meist westlichen Firmen den Zugriff auf billiges Blut-Coltan sichern – das Land hat die größten Coltan-Reserven der Welt (S. 76). Und es geht speziell um Belgiens Umgang mit der Kolonialvergangenheit, der in seiner Verlogenheit stellvertretend für den Umgang westlicher Kolonialstaaten mit ihren Verbrechen stehen kann.
In ihrer Einleitung stellen die Herausgeber Bobineau, Gieg und Lowinger diese „Wissenslücken“ der westlichen Welt, die eigentlich Teil einer andauernden Propaganda zur Vertuschung und Aufrechterhaltung imperialistischer Ausbeutung sind, in einen größeren Zusammenhang. Eine „früher unverhohlen rassistische“, immer noch eurozentrische Sichtweise auf Afrika als „das Geschichtslose“ (Hegel) weigert sich, den Kontinent und insbesondere seine schwarzen Bewohner:innen in den historischen Wissenschaften und der medialen Darstellung angemessen zu würdigen (S. 13). Das Literaturangebot zur DR Kongo sei im deutschsprachigen Raum erstaunlich karg, das vorliegende Handbuch müsse diese Lücke dringend füllen. Schließlich habe Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–89) mit seiner Kongo-Konferenz 1884/85 maßgeblich zur Unterwerfung des Landes unter die blutige Herrschaft Leopolds II. beigetragen. Die Kolonie Deutsch-Ostafrika, die auch das heutige Ruanda und Burundi umfasste, bildete die Ostgrenze des sogenannten „Freistaat Kongo“ des Belgischen Königs. Nach 1945 sei die Afrika-Politik von Ost‑ und Westdeutschland zu unterscheiden, besonders was die Ermordung von Patrice Lumumba betrifft: Lumumba habe im Kalten Krieg Blockneutralität proklamiert, was die westlichen „Verbündeten“ (allen voran Belgien, Frankreich und die USA) als Chance für die verhasste Sowjetunion deuteten, an den strategischen Ressourcen des Kongo, wie Uran, Kupfer und Kobalt, zu partizipieren. Um das zu verhindern, dämonisierten westliche Medien Lumumba, auch in der BRD, um seine Ermordung propagandistisch vorzubereiten. „Mit Unterstützung von kongolesischen Schattenmännern … gelang es ‘westlichen’ Geheimdiensten im September 1960, Lumumba abzusetzen und zu inhaftieren.“ (S. 16) Nach seiner brutalen Folterung und Hinrichtung beteiligten sich westliche Medien der BRD an der „Verklärung und Verschleierung der Todesumstände“; in der DDR dagegen verehrte man Lumumba „als ermordeten Märtyrer“, benannte Straßen nach ihm und errichtete Statuen für die Symbolfigur seither unterdrückten afrikanischen Freiheitswillens (vgl. Habila); zudem zählte die DDR (neben China und der UdSSR) zu den wenigen Unterstützer:innen der sozialistischen Gegenregierung des Lumumbisten Antoine Gizenga, deren viele Jahre lang gegen die Putschisten und Westmächte gehaltenes Gebiet die Größe Deutschlands übertraf. Die CDU-geführte BRD hielt dagegen treu zu den USA und ihrem grausamen Diktator Mobutu, der zudem enge persönliche Beziehungen zum Landesherrn in Bayern, Franz-Joseph Strauß (CSU), pflegte (S. 16); Parteistiftungen von CDU und CSU sind seit 1966 im Land aktiv. 2006 habe die EU unter deutscher Führung die Sicherung der Wahlen unterstützt, in denen sich der 2001 nach dem Tod seines Vaters an die Macht gelangte Kabila junior wählen ließ (sie gelten als manipuliert); von 2800 EUFOR-Soldaten waren 780 Deutsche (S. 17). Das Interesse an dem in vieler Hinsicht bedeutenden Land DR Kongo sollte also gestärkt werden, auch weil die deutsche Industrie zu den größten Nutznießer:innen der weiterhin geraubten Rohstoffe Kongos zählt. Auf den deutschen Blut-Coltan-Skandal 2001 geht das Handbuch jedoch nicht ein: Die global agierende Münchner Metallfirma H.C. Starck stellte nach Protesten ihre Lieferkette auf Australien um.
Auf die Einleitung folgt das Oberkapitel „Grundlagen“ mit Kap. 2–5 (Geographie, Klima, Natürliche Ressourcen, Demographie), dessen überraschendes Ergebnis die Tatsache ist, dass die Größe der Bevölkerung der DR Kongo unbekannt ist. Schätzungen für 2018 schwanken zwischen 80 und 130 Millionen Menschen, was Tom De Herdt, Wim Marivoet und Benjamin Kanze Muhoza auf eine eigene demographische Schätzung von 96–97 Millionen präzisieren und aufgrund der hohen Wachstumsrate für 2030 eine Bevölkerung von 148–149 Millionen Menschen für das 2,3 Millionen qkm große Land prognostizieren (S. 99).
Das Gesundheitssystem behandeln in Kap. 25 der Arzt aus Kinshasa, Hypolite Muhindo-Mavoko, und der Antwerpener Ebola-Experte Trésor Zola Matuvanga. Sie loben ausführlich den Aufbau von Krankenhäusern von 1920–1956 von 34 auf 293 medizinische Einrichtungen (S. 464), ohne im Blick zu haben, wie jämmerlich diese Investitionen im Vergleich zum damals außer Landes geschafften Reichtum waren; Kindersterblichkeit, Malaria und multiresistente Tuberkulose plagen das Land, das wenigstens mit nur 1,2 Prozent eine niedrige HIV-Infektionsrate aufweist und 2015 für poliofrei zertifiziert wurde; elf Ebola-Epidemien hätten bei 3500 Fällen 2100 Todesopfer gefordert (S. 468).
Das Oberkapitel „Geschichte“ mit den Kap. 6–11 enthält vier Texte von Julien Bobineau: 7 Präkoloniale Geschichte, 9 Belgisch-Kongo und Unabhängigkeit, 10 Die Ära Mobutu, 11 Belgiens Umgang mit der Kolonialvergangenheit. Dazu kommen Kap. 6 Der Kongo in der Geschichtsschreibung von Magha-A-Ngimba Charles Gimba sowie Kap. 8 Kongo-Freistaat und Leopold II. von Felix Lösing. Die USA sahen in Mobutu „eine antikommunistische Kraft in Afrika“ und unterstützten den Diktator ungeachtet „schwerer Menschenrechtsverletzungen, politischer Unterdrückung, Misswirtschaft“, merkt Gimba in seinem Text an (S. 113 vgl. Bevins); wie schon an den Kongogräueln zeigten belgische Historiker:innen jedoch „kein wirkliches Interesse“, so blieb der Blick der belgischen Öffentlichkeit auf den Kongo unverändert geprägt „von romantischen Schulerinnerungen, stereotypen Klischees“ (S. 118 f.); belgische Behörden und Historiker:innen übten eine komplizenhafte „Kultur der Geheimhaltung“ oder sogar eine „Verschwörung des Schweigens“, so blieben die Kongogräuel „ein Objekt ausländischer Empörung“ (S. 126). Erst der internationale Bestseller des US-Publizisten Adam Hochschild „King Leopolds Ghost“ (1998) drang bis in die auch belgische Öffentlichkeit durch (dt. „Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen“, 2000), verstärkt durch die darauf bezogene BBC-Dokumentation von Peter Bates „White King, Red Rubber, Black Death“ (2004); 1999 hatte es der belgische Soziologe Ludo De Witte geschafft, aus Archiven des Außenministeriums neue Dokumente zu erlangen; sein Buch „L’Assinat de Lumumba“ erschien im Jahr 2000 in Paris (dt. „Regierungsauftrag Mord. Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise“ 2001). Das belgische Parlament sah sich nun genötigt, eine Historikerkommission mit dem peinlichen Thema zu befassen. Die kam nach zwei Jahren, als die Wogen sich während des Wartens auf deren Bericht schon geglättet hatten, zum abwiegelnden Ergebnis, belgische Behörden hätten lediglich eine „moralische Verantwortung“ für die bestialische Ermordung Lumumbas getragen (S. 128).
Diskussion
Julien Bobineau befasst sich ebenfalls mit der belgischen Vergangenheitsbewältigung: Kap. 11 „Belgiens Umgang mit der Kolonialvergangenheit“. Bis 1999 hätten Königshaus und Regierung in Brüssel eine Beteiligung an der Ermordung Lumumbas bestritten, bis De Witte in seiner Studie die Beteiligung wissenschaftlich nachwies. In Öffentlichkeit, Medien, Schulen und Universitäten Belgiens klaffen „große Leerstellen bezüglich einer Aufarbeitung der belgischen Kolonialgeschichte“ (S. 211). Belgische Museen blieben kolonial-rassistischen Menschenbildern verhaftet und seien noch weit von einer Restitutionsdebatte entfernt, wie sie in Paris 2018 etwa von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy angestoßen wurde; international habe Hochschild 1998 mit „King Leopolds Ghost“, wo Leopolds II. Kolonialherrschaft im Kongo als „Holocaust“ und Genozid an 10 Millionen Afrikaner:innen bezeichnet wird, den Druck auf Belgien verstärkt, sich endlich seiner Vergangenheit zu stellen (S. 214, vgl. zustimmend van Riel S. 46). Nach den Thesen von Hochschild und den Enthüllungen De Wittes zum Lumumba-Mord hätten zwar zwei belgische Ministerpräsidenten eine historische Teilschuld am in Ruanda von der Hutu-Mehrheit an den Tutsi begangenen Genozid eingestanden; man hätte jedoch die Kolonialgeschichte außer Acht gelassen. In der deutschen Kolonie Rwanda-Urundi (1884–1916) wären die Tutsi von den Deutschen als Herren über die Hutu rassifiziert worden (was z.B. Ki-Zerbo 1981, S. 589 ff. noch nicht wusste). Die Belgier hätten dies nach Übernahme des Mandatsgebietes im Ersten Weltkrieg ab 1916 fortgeführt und verstärkt (S. 215). Was als zynische Machtpraxis der Kolonialherrscher die Ausbeutung v.a. der Hutu sicherte, führte zu deren Hass auf die Tutsi, der sich in Genoziden 1959 und 1994 entlud (S. 216).
Aber Bobineau sieht am Ende, und man möchte ihm beipflichten, auch positive Ansätze für eine angemessene Erinnerungskultur, vor allem bei „Schriftsteller:innen, Künstler:innen und Musiker:innen, die sich in die Debatte einbringen“ (S. 219). Im pompösen königlichen Strandbad Ostende, erbaut mit Erlösen aus kolonialem Raubgut wie Elfenbein und Blut-Kautschuk, die Belgien zeitweise zur viertreichsten Nation der Welt gemacht hatten, steht ein protziges Reiterdenkmal des Kolonialverbrechers Leopold II. 2004 trennte die anarchistische Gruppe „De Stoete Ostendenoare“ dem König eine Hand ab, um an dessen Gräueltaten zu erinnern. Die aufrüttelnde BBC-Doku von Bates (2004) hatte die Praxis massenhafter Verstümmelungen angeprangert, Bilder verstümmelter Frauen und Kinder, Haufen von geräucherten menschlichen Händen gezeigt und dies mit Filmaufnahmen aus einem Brüsseler Schokoladengeschäft kontrastiert, wo offenbar eine ekelerregende Spezialität verkauft wurde: Schwarze Hände aus Schokolade. Die Stadt Ostende stellte nach dem Anschlag der Anarchisten eine zusätzliche Tafel auf, die nun auch auf die königlichen Untaten hinweist, was bezeuge, so Bobineau, dass der Protest Wirkung zeige; in Brüssel habe 2018 endlich der sozialistische Bürgermeister Philippe Close jahrelangen Demonstrationen nachgegeben und einen Lumumba-Platz eingeweiht (S. 220). Weitere Fortschritte hätten die antirassistischen Proteste der „Black Lives Matter“-Bewegung nach 2020 erbracht, Büsten und Statuen von Leopold II. seien mit roter Farbe übergossen worden. Der aktuelle belgische König Philippe habe daraufhin am 30. Juni 2020, dem 60. Jahrestag der Unabhängigkeit der DR Kongo, in einem historischen Wendepunkt der Beziehungen dem in Kinshasa amtierenden Präsidenten „Felix Tshisekedi sein Bedauern für das im Kongo begangene koloniale Unrecht“ ausgedrückt (S. 221).
Doch Bobineau ist mit der belgischen Obrigkeit weiterhin unzufrieden und bemängelt, dass König Philippe beim Staatsbesuch 2022 in Kinshasa sich doch nicht explizit für die Kolonialverbrechen entschuldigte, wohl auch aus Angst vor möglichen Forderungen nach Reparationen. Zuvor hatte Bobineau in Kap. 9 bereits die Ära Belgisch-Kongo (1908–1960) besprochen, jener staatlichen Kolonie, die durch Kauf der Besitzungen des eigenen Königs Leopold II. durch Belgien entstand. Diese Verstaatlichung wurde nötig, nachdem durch Aufdeckung der Kongogräuel um das Jahr 1900 eine Welle internationaler Empörung vor allem durch die angelsächsische Welt schwappte, die auch als erste moderne humanitäre Bewegung gesehen wird. Bezüglich Leopold II. wurde erstmals international gefordert, ein Staatsoberhaupt für seine Menschheitsverbrechen vor Gericht zu stellen und zu hängen (so Bates’ BBC-Doku 2004). Nach 1908 betrieben, so Bobineau, Staat und König eine aufwendige Kolonialpropaganda, welche die Verbrechen leugnete, vertuschte und relativierte, v.a. indem sie rassistische Bilder über die angebliche Primitivität der Kongoles:innen „als naive Wilde mit kindlicher Seele inszenierte“, die Erziehung durch das zivilisierte Belgien gebraucht hätten (S. 175). Im Rahmen dieser Kampagne entstand z.B. das weltberühmte Comic „Tintin au Congo“ des belgischen Autors Hergé (S. 177). Diese wird, muss man ergänzen, bis heute auch in deutschen Kinderzimmern, Schulen und öffentlichen Bibliotheken gelesen; es ist ein beliebter (und kaum umstrittener) Tim-und-Struppi-Klassiker, der das deutsche Kongo-Bild nachhaltiger geprägt haben dürfte als Bates’ schockierende, aber selten gesendete BBC-Doku. Es ist anzufügen, dass auch Deutschland bislang nur ungenügend die Aufarbeitung von Kolonialverbrechen in Afrika betreibt (vgl. Barth 2024 Waterberg) und unsere deutschen Medien eine paternalistische Haltung einnehmen, die selbst beim vorgeblich ethisch korrekten Wissenschafts-Talk Scobel nachweisbar ist (vgl. Barth 2024 Scobel).
Das Bildungswesen stellt Yves-J. Lumingu Manzanza in Kap. 24 vor: Aus eher juristischer Perspektive nennt er vor allem Rechtsgrundlagen von der UN-Kinderrechtskonvention bis zu Regularien des Ministeriums in Kinshasa. Konfessionelle Schulen machen 70 Prozent des kläglich unterfinanzierten Schulwesens aus (S. 453), wo meist Frontalunterricht gegeben wird (S. 448); die Universitäten orientieren sich am Bologna-Prozess der EU (S. 446), ohne dass wenigstens Erfolge in der Anerkennung kongolesischer Diplome im Ausland zu verzeichnen wären (S. 458). Dass die Bologna-„Reformen“ in der EU durch Industrie-Lobbies, besonders des deutschen Bertelsmann-Konzerns, durchgesetzt wurden, problematisiert der Autor nicht; es ging in Deutschland v.a. darum, die Universitäten zu entdemokratisieren und die Schulen betriebswirtschaftlich zu disziplinieren, um industrie-verwertbares Wissen anstelle von Bildung, Persönlichkeitsentwicklung und Kritikfähigkeit zu setzen bzw. dem Bertelsmann-Medienkonzern privatisierte Bildung als Milliarden-Geschäftsfeld zu erobern, was dank heftiger Proteste nicht vollständig gelang (vgl. Barth 2006).
Neben den in dieser Rezension fokussierten Fragen der Kolonialkritik informiert das vorliegende Handbuch über viele weitere Aspekte der DR Kongo. Roos Haer und Lilli Banholzer stellen in Kap. 13 „Konfliktakteure“ die Regierungsarmee und ihre sieben wichtigsten Gegnergruppen vor (von 130 Rebellengruppen, die Benno Zogg zählt, S. 310). In Kap. 12 „Konfliktgeschichte“ versucht Wolfgang Schreiber, den Ersten und Zweiten Kongo-Krieg (auch „Großer Afrikanischer Krieg“ oder „African World War“ genannt) darzustellen – auf 20 Seiten ein kaum lösbares Unterfangen. Besonders hier stört ein Manko des Handbuchs: Es fehlt an orientierenden Übersichtshilfen, um das komplexe Geschehen erfassen zu können. Den Text illustrierende Karten, Zeittafeln der wichtigen Ereignisse, Personen‑ und Sachregister wären ein Gewinn für das Handbuch gewesen.
Fazit
Das Handbuch zeichnet ein umfassendes Bild der DR Kongo und blickt dabei auch in Abgründe kolonialer Ausbeutung sowie ihrer tendenziellen Vertuschung in der westlichen Öffentlichkeit. Es informiert über (immer wieder) vergessene Kolonialverbrechen wie die Kongogräuel, die Ermordung Lumumbas, die Kongo-Kriege um Rohstoffe. Es zeigt auch Erfolge von Protestbewegungen bei der schwierigen Aufklärung einer medial mit Klischees abgespeisten Öffentlichkeit, die vom Unrecht aktueller Ausbeutung abgelenkt werden soll.
Quellen
Barth, Thomas: Bertelsmann – ein globales Medienimperium macht Politik. Expansion als Bildungsdienstleister und politische Einflussnahme, Anders-Verlag, Hamburg 2006.
Barth, Thomas: Kolonialverbrechen und deutsche Schuld: Schlacht am Waterberg, Telepolis 11. August 2024 https://www.telepolis.de/article/​Kolonialverbrechen-und-deutsche-Schuld-Schlacht-am-Waterberg-9831161.html?seite=all
Barth, Thomas: Scobel auf 3sat: Afrika als Schüler und Europa als Lehrmeister, Telepolis 30. November 2024 https://www.telepolis.de/article/​Scobel-auf-3sat-Afrika-als-Schueler-und-Europa-als-Lehrmeister-10183626.html?seite=all
Bevins, Vincent: Die Jakarta-Methode: Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt, Papyrossa Verlag, Köln 2023. (Rezension) https://www.socialnet.de/rezensionen/​31988.php
Julien Bobineau, Philipp Gieg, Timo Lowinger (Hg.): Handbuch Demokratische Republik Kongo. Geschichte, Politik, Gesellschaft, Kultur, Frank&Timme Verlag, Berlin 2024.
Habila, Helon: Ken Saro-Wiwa. Für die Ogoni und gegen Shell, in: in: Dialloh, Moustapha (Hg.): Visionäre Afrikas. Der Kontinent in ungewöhnlichen Portraits, Kaddu Verlag, o. O. 2022, S. 29–38.
Ki-Zerbo, Joseph: Die Geschichte Schwarz-Afrikas, Fischer Verlag, 1981.
Riel, Aert van: Genozid, Basiswissen Politik, Papyrossa Verlag, Köln 2025.
Sarr, Felwine: Afrotopia, BPB (Bundeszentrale für Politische Bildung), Bonn 2020.
Schumann, Gerd: Patrice Lumumba, Basiswissen Politik, Papyrossa Verlag, Köln 2024. (Rezension) https://www.socialnet.de/rezensionen/​32928.php
Rezension von
Thomas Barth
Dipl.-Psych, Dipl.-Krim.
Mailformular
Es gibt 30 Rezensionen von Thomas Barth.





