Detlef Stapf: Abschied vom Menschsein
Rezensiert von Prof. Dr. Johann Bischoff, 05.01.2026
Detlef Stapf: Abschied vom Menschsein. Von der Natur der Künstlichen Intelligenz. Frank & Timme (Berlin) 2024. 322 Seiten. ISBN 978-3-7329-1083-0. D: 28,00 EUR, A: 28,00 EUR, CH: 42,00 sFr.
Autor:in
Detlef Stapf wurde 1952 in Rudolstadt in Thüringen geboren. Er realisierte ein Ingenieurstudium und arbeitete als Wirtschaftsredakteur. Beim Nordkurier in Neubrandenburg war er langjähriger Feuilletonchef. Er veröffentlichte mehrere Publikationen zur zeitgenössischen Kunst und Kunstgeschichte. Er erregte überregional Aufmerksamkeit bezüglich seiner publizierten Thesen zu Caspar David Friedrich. Aktuell lebt er in Neuwied am Rhein und ist als Kommunikationsberater und Publizist tätig. In seiner aktuellen Publikation lädt er seine Leserschaft ein, mit ihm eine Reise durch die Evolutionsgeschichte zu machen mit der Fragestellung, ob der Mensch sein Leben selbstbestimmt gestalten kann oder ob er lediglich selbstbeobachtete Materie sei. In seinem Vorwort schränkt er sein Werk selbst ein, indem er deutlich macht, dass es sich bei seiner Publikation „Abschied vom Menschsein. Von der Natur der Künstlichen Intelligenz“ um eine populärwissenschaftliche Schrift handeln würde, in der er keine fachspezifischen Debatten oder Ausführungen behandele. Somit gebe es auch keine Fußnoten oder ein ausführliches Literaturverzeichnis, nur Argumente zählen, die der Grundidee des Buches dienen würden. Auch nimmt er Kritiker:innen schon vorab den „Wind aus den Segeln“, wenn er darauf hinweist, dass bei der Dekonstruktion der einen oder anderen Sichtweise entweder ein gewisses Vergnügen oder eine unvermeidbare Verärgerung aufkommen kann – damit stimme ich überein.
Thema
Abschied vom Menschsein beschäftigt sich mit der Frage nach der menschlichen Identität und dem Aufgeben traditioneller Auffassungen des Menschseins. Er „reist“ dabei durch Ansätze vieler Wissenschaftstheorien, sodass ich beim Lesen häufiger überlegte, ob ein globales Erkenntniswerk zur Erklärung der Welt mit Stapf als Universalgelehrten vor mir liegt oder eine Ansammlung von unterschiedlichen Theorieansätzen, die dann doch recht verkürzt dargestellt werden. Gleichwohl ist es begrüßenswert, dass ein:e Autor:in eine kritische Reflexion unserer gegenwärtigen Existenz bearbeitet und auch die Frage nach unserer Zukunft im Zeitalter der Digitalisierung stellt. Haben unsere traditionellen Werte noch Bestand? Stapf geht einen langen Weg durch die Evolutionsgeschichte und „fast allen anderen Wissenschaften“, um Erkenntnisse zu gewinnen. Es ist ja auch ein weiter Weg, der beschrieben werden muss, wenn die evolutionäre Entwicklung des Menschen mit der digitalen Transformation verglichen werden soll. Begleitend dabei immer wieder die Frage nach der Identität des Menschen. Kann der Mensch die Kontrolle über seine Entwicklung behalten oder wird er durch die Digitalisierung der Gesellschaft entmenschlicht? Stapf ist überzeugt davon, dass uns die Geschichte mit ausreichend Informationen versorgt, die „ableiten lassen“, wie die Zukunft der Menschheit aussehen könnte. Dabei sieht er in den Phänomenen Religion und Konservatismus eine erstaunliche Rehabilitierung (Klappentext). Seine Kritik an der Entwicklung der modernen Gesellschaft mit der Hochtechnisierung basiert im Kontext der „Entfremdungserklärung“, gleichwohl werden differenziertere Ansätze der „Kritischen Theorie“ nur teilweise berührt. Entpersonalisierung und „Zerstückelung“ der menschlichen Existenz werden als Folgen der Totalvernetzung und Informationsflut beschrieben, die mit einem Verlust der Selbstreflexion und Orientierung einhergehen, so Stapf. Dabei verliere das „Humane“ immer mehr an Bedeutung. Eine „posthumane“ Zukunft sieht Stapf in einem hybriden, mit der Technik verwobenen Wesen, so habe ich es zumindest aus den Zeilen herausgelesen. Was kann als Essenz des Buches beschrieben werden, hinterlässt es einen pessimistischen Eindruck? Es bietet eine sehr breit angelegte Analyse der Vergangenheit, der Gegenwart und vorsichtige Visionen zur Zukunft des Menschen. Stapf vermutet, dass sich die Menschheit immer mehr von Traditionen und Authentizität entfernen werde. Handlungsempfehlungen gibt er zum Glück nicht.
Aufbau und Inhalt
Die Publikation gliedert sich in fünfunddreißig Kapitel, beginnend mit einem Vorwort, es folgen dann die aufgeführten Kapitel. Die vorliegende Publikation kann nicht mit wissenschaftlichen Kriterien rezensiert werden, belegbare Aussagen sind somit kaum vorfindbar, das ist auch vom Autor nicht intendiert worden. Man sollte sich nicht von den einfach gewählten Kapitelüberschriften täuschen lassen, das Lesen der einzelnen Abschnitte erfordert volle Konzentration. Auch die häufigen Rückgriffe auf die Historie erleichtern das Lesen nicht, seine Argumentation hinterlässt häufiger einen eklektizistischen Eindruck. Zumal Stapf seine umfassenden Kenntnisse unterschiedlicher Wissenschaften in einem Tempo anbietet, die beim Lesen Grenzen der Aufnahmefähigkeit erkennen lassen. Er konstatiert, dass sich die Evolution auf einem Pfad befinde, der fortschreitend eine höhere Komplexität erfordere. In den ersten Kapiteln beschreibt Stapf den Handlungsdruck, der eigentlich durch den Klimawandel ausgelöst werden müsse. Die Menschheit befinde sich in einer Sinnkrise, die sich durch die Künstliche Intelligenz in einem evolvierenden Endspiel befinde, in dem sie überwunden werde. Stapf spricht von einem veränderten Beobachtungssystem, das ohne Erkundungen des Rätsels von Anfang und Ende auskomme. Das Universum baue sich mit einer zunehmenden Informationsdichte nach innen aus, worin der Mensch eher eine unbedeutende Episode sei. Stapf setzt sich folgend mit dem Begriff der Emergenz auseinander, wonach höhere „Seinsstufen“ durch neu auftauchende Qualitäten aus niederen entstehen. Die Evolution funktioniere auf allen Ebenen über Weitergabe von Informationen mittels energetischer Kommunikation, so Stapf. Im 7. Kapitel thematisiert er unsere Existenz als fehlerhafte Spiegelung. Menschen würden durch fehlerhafte Kopien einen Teil ihrer Individualität gewinnen (Spiegelung neuronaler Strukturen). Die Mobilität erster Lebewesen ermögliche erst die Sprache als Mittel der Kommunikation. Stapf bezieht folgend die kambrische Explosion in seine Überlegungen mit ein. Vor 541 Millionen Jahren markierte sie den plötzlichen Anstieg der Artenvielfalt und Komplexität auf der Erde. Es folgt ein „Exkurs“ zu den Nervensystemen als Zentrum der Komplexitätsentwicklung und die Rolle des „aufrechten Ganges“ sowie der Entwicklung einer kollektiven Intelligenz. Im Kapitel 14 thematisiert er die Evolution der Sprachen, die als Teil der neuronalen Kodierung entstanden sind und im kodierten Raum evolvieren. Bedeutsam sei, so konstatiert er weiter, dass sie der materialisierten kollektiven Intelligenz eine Struktur geben. Stapf zitiert folgend Dawkins, der sich in diesem Zusammenhang mit der Struktur der Meme auseinandergesetzt hat und die Evolution der Sprache in Konkurrenz zur biologischen Vererbung sieht. Dawkins analysiert Evolution auf der Ebene der Gene (Das egoistische Gen). Er gilt als Skeptiker und Vertreter des „Neuen Atheismus“. Dawkins benutzt den Begriff der Meme für die Verbreitung kultureller Ideen durch Nachahmung. Es soll damit veranschaulicht werden, dass weitergegebene Informationen in der Evolution nicht unbedingt biochemischer Natur sein müssen. Funktion der Kultur sei es, den Genen überleben zu helfen. Musik habe die Historizität unseres Gehirns und damit die Strukturen der neuronalen Kodierung geprägt und damit die Sprachentwicklung ermöglicht, so Stapf. Er prognostiziert eine weltumspannende Cloud, in der alle verfügbaren Erkenntnisse und die Algorithmen zu deren intelligenter Verknüpfung zur Verfügung stehen. Der Mensch werde dadurch als Träger kollektiver Intelligenz immer weniger wichtig. In dem Kapitel „Berechnendes Denken“ setzt sich Stapf mit unterschiedlichen Facetten des Denkens auseinander und beschreibt Denken als ein permanentes Ordnen von Informationen. Das sind auch Sinneseindrücke wie Geräusche, Gerüche, Berührungen des Körpers oder Bewegungen im Sichtfeld. Stapf widmet sich dann ausführlicher den Gesetzen der Nachahmung. Er beschreibt Spiegelneuronen als neuronales Unterstützungssystem, außerhalb des kodierten Raumes. In den folgenden Kapiteln werden eine Vielzahl von Detailinformationen erläutert, die m.E. den Fortlauf seiner Argumentation erschweren. Im Kapitel 26 (Werkzeugmacher der Erkenntnis) wechselt er den Abstraktionsgrad seiner Aussagen und bezieht sich auf Mathematik und Philosophie. Beide Wissenschaften haben ihren historischen Ursprung in der Logik des Denkens, so Stapf. Sie werden auf unterschiedliche Weise zum „Mind Opener“, als Beispiele nennt er Sokrates, Kant, Marx und Luhmann. Dazu führt er Beispiele aus. Er thematisiert weiterhin die „ungerechte Demokratie“ in Verbindung mit kapitalistischen Wirtschaften, wechselt folgend dann zur Problematisierung des „Grenzphänomens Krieg“ im Zusammenhang mit Strukturdynamik und kommt zur „Einsicht“, dass wir nicht ökologisch handeln können. Im Kapitel 31 beschreibt er das Ende der Fortschrittserzählung. Evolutionärer Fortschritt im Universum bedürfe Strukturkonservativismus als Stabilisationskonzept, so Stapf. Konservativismus als Stabilisationskonzept bewirke einen Korrekturmechanismus (Heimweh nach dem Ursprung). Im folgenden Kapitel setzt sich Stapf mit KI auseinander, und er befürchtet, dass der Mensch auf dem Weg sei, nicht nur mehr ein Mensch mit Fähigkeiten zu sein, sondern zu einem Mischwesen mutiere, das mehr und mehr Kontrolle an den nichtmenschlichen Teil abgebe, was eine Unterwerfung (Mensch-zu-Maschine) bedeute. Je größer die Illusion von Freiheit sei, umso bereitwilliger werde auf die reale Freiheit verzichtet. In seinem finalen Kapitel stellt Stapf die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens und hält diese Frage inhaltlich für unbedeutend. Sinnsuche als Illusion ermögliche aber erst das Handeln, sie entspringe der neuronalen Logik kausaler Beziehungen. Eine Theorie dazu sieht Stapf in der Systemtheorie von Luhmann. Luhmann erkläre den Sinn in einer grundlegenden Funktion als das universale Medium der Formbildung psychischer und sozialer Systeme. Stapf betrachtet dazu weitere Aussagen von Koryphäen unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen und bescheinigt auch der Religion eine singuläre Sinnstiftung. Er konstatiert: Wir können ja bedenkenlos das Beobachtungssystem wechseln, das sorgt für unsere weitere Existenz.
Zielgruppe
Die Beschreibung einer Zielgruppe stellt sich nach Lesen der Publikation als schwierig dar. Stapf weist zwar darauf hin, dass seine Publikation als populärwissenschaftliche Schrift zu werten sei, aber sie ist absolut ungeeignet, sie als „Bettlektüre“ empfehlen zu können. Für interessierte Leser:innen, die Fragen nach der Bedeutung der Transzendenz im 21. Jahrhundert beantwortet haben möchten oder nach einer metaphysischen Dimension des Lebens suchen, wird die Publikation nicht die erhofften „Einsichten“ bringen. Für die Wissenschaft ist die Lektüre zu eklektizistisch. Studierende werden nicht das Durchhaltevermögen haben, die Lektüre in Gänze zu lesen bzw. zu erfassen. So kann hier nur die Zielgruppe der Freizeitphilosoph:innen und der „Weltversteher:innen“ beschrieben werden, somit Menschen, die auf eine elaborierte Entdeckungsreise durch die Entstehungsgeschichte der Welt wandern möchten.
Diskussion
Die Publikation gibt einen Überblick über die vielfältigen Aspekte der Evolutionsgeschichte mit der Reflexion einer Vielzahl von Wissenschaftsdisziplinen, insbesondere historische Bezüge werden von Stapf verdeutlicht. Zwangsläufig treten da immer wieder Verkürzungen auf. Stapf hinterlässt zeitweilig den Eindruck eines „Querdenkers“ im positiven Sinne, dieser Begriff ist nach der „Corona-Pandemie“ aber in diesem Zusammenhang nicht mehr zulässig, da sich die Konnotation des Begriffes grundlegend verändert hat. Stapf belegt seine umfassenden Kenntnisse unterschiedlicher Wissenschaften in einem Tempo, dass man Mühe hat, folgen zu können. Zumal er häufig auf historische Quellen als auch auf relativ aktuelle Forschungsergebnisse zurückgreift. Gut nachvollziehbar ist seine Kritik an der modernen Gesellschaft mit der innewohnenden digitalen Transformation. Die ständige Vernetzung und Informationsflut hinterfragt Stapf kritisch, eher pessimistisch sieht er die Fähigkeit des modernen Menschen, zur inneren Orientierung und Selbstreflexion zu kommen. Autonomie und freier Wille erhalten immer häufiger den Status von Residualkategorien – der Abschied vom Menschsein.
Fazit
Die Publikation von Detlef Stapf verdeutlicht, dass es an der Zeit ist, über das „Menschsein“ nachzudenken, auch wenn seine vielfältigen Belege und Analyseansätze Leser:innen zeitweise überfordern und stellenweise eklektizistisch wirken. Dennoch erscheint es wünschenswert, die Leserschaft dazu aufzufordern, sich mit den existenziellen Herausforderungen der modernen Welt auseinanderzusetzen, wobei Stapf auch in herkömmlichen Denkformen wie der Religion mögliche Orientierungsquellen sieht. Seine abschließende Einschätzung lautet, dass ein tragfähiger Sinn in der Fähigkeit liegt, bedenkenlos das Beobachtungssystem wechseln zu können, was Hoffnung macht und seine Eingangsfragestellung zumindest teilweise beantwortet.
Rezension von
Prof. Dr. Johann Bischoff
Professor für Medienwissenschaft und angewandte Ästhetik an der Hochschule Merseburg
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