Nicola Maier-Michalitsch, Anna Zuleger (Hrsg.): Körperlichkeit und Sexualität
Rezensiert von Prof.in Dr.in Ulrike Mattke, 09.01.2026
Nicola Maier-Michalitsch, Anna Zuleger (Hrsg.): Körperlichkeit und Sexualität. Bei Menschen mit komplexer Behinderung.
verlag selbstbestimmtes leben
(Düsseldorf) 2024.
228 Seiten.
ISBN 978-3-945771-33-4.
D: 24,90 EUR,
A: 25,60 EUR.
Reihe: Leben pur.
Thema
Das Thema Körperlichkeit und Sexualität mit dem Fokus auf Menschen mit Komplexer Behinderung schließt eine Lücke in der umfangreichen Fachdiskussion zum allgemeinen Thema Sexualität und Behinderung.
Herausgeberinnen und Autor:innen
Die beiden Herausgeberinnen, Nicola Maier-Michalitsch, Physiotherapeutin und Sonderpädagogin, und Anna Zuleger, Allgemeine Pädagogin und Sonderpädagogin, arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen bei der Stiftung Lebenpur, die sich der Lebensqualität von Menschen mit Komplexer Behinderung widmet. Sie publizieren beide zu verschiedenen Themen mit Fokus auf Menschen mit schweren bzw. Komplexen Behinderungen.
Der berufliche Hintergrund der insgesamt 26 Autor:innen umfasst eine Spannweite von Hochschullehrer:innen, über Sonderpädagog:innen, Sozialarbeiter:innen, Erzieher:innen und Student:innen, wobei die Praktiker:innen weit überwiegen.
Aufbau
Das Buch enthält insgesamt sieben Kapitel mit 20 recht kurzen Artikeln.
I. Grundlagen der Sexualität
- Marie Ilic: Von Glück und Nein – sexuelle Entwicklung verstehen, körperliche Selbstbestimmung fördern.
- Sven Jennessen: Sexuell selbstbestimmt leben. Ein Plädoyer für Enthinderung, Bildung und Zutrauen.
- Ralf Specht: Das Recht auf sexuelle Bildung! Anregungen für den (pädagogischen) Alltag.
- Charlotte Zach: Entsexualisierung als Manifestation und aufrechterhaltende Komponente von ableistischen Machtstrukturen – Warum Sex uns menschlich macht.
II. Körperlichkeit
- Helga Schlichting: Umgang mit Körperlichkeit, Scham und Ekel.
- Jan Reith: Das Geruchserleben in der basalen Bildung bei neurodegenerativen Prozessen – Chancen und Herausforderungen für Schulen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung.
- Sarah Weber: Körperlich-taktile Kommunikationsförderung bei non- und minimalverbalem Autismus.
- Wanda Schulz: Menstruation und Pflege im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung.
- Carina Haase & Veronika Behsen: Stopp, mein Körper gehört mir! Wie sage ich meinen Willen?
III. Rechtliche Grundlagen
- Kerrin Stumpf & Franziska Herzberger: Rechtliches Know-how und juristische Grenzen.
IV. Sexualassistenz
- Gregor Beck: Sexualassistenz möglich machen -ordnungsrechtlich, aufsichtsrechtlich, leistungsrechtlich.
- Pia Hoffmann & Thomas Aeffner: Sexualbegleitung und Sexualassistenz als Chance zu mehr Selbstbestimmung.
V. Praktische Ansätze
- Ilona Westphal: Körperlichkeit und Selbstbestimmung – eine Einführung in das LIS-Konzept.
- Doris Emde: Somatischer Dialog: Berührung und Begegnung in der Basalen Stimulation
- Gloria Dorsch: Wie soll das gehen? Sexuelle Bildung bei Kindern und Erwachsenen mit Komplexer Behinderung.
- Nina Schmidbauer: Einheiten zur sexuellen Bildung. „Sexualität kennt keine Behinderung“.
- Laura-Jane Dankesreiter & Madelin Achenbach: Richtige Haltung zur Sexualität von Menschen mit Behinderung – ein Beitrag von Betroffenen.
VI. Prävention sexueller Gewalt
- Helen Stadlin & Miriam Staudenmaier: Interaktive Präventionsausstellung INA „Mein Körper gehört mir“. Hochrisikobereich Institution.
- Emma Niles & Britta Nehmke: Schutzkonzepte in einer heilpädagogischen Tagesstätte. Theorie und Praxis.
VII. Autismus Spektrum und Sexualität
- Simone Hartmann: Autismus Spektrum und Sexualität – anders normal.
Inhalt
Im Folgenden wird der Inhalt einzelner ausgewählter Artikel näher beschrieben.
Im ersten Kapitel erläutert der entwicklungspsychologisch orientierte Artikel von Marie Ilic unter dem Titel „Von Glück und Nein – sexuelle Entwicklung verstehen, körperliche Selbstbestimmung fördern“ bezugnehmend auf das Seed-Modell die körperliche und sexuelle Entwicklung von Menschen mit Behinderungen und die durch den emotionalen Entwicklungsstand verbundene Schwierigkeit für Menschen mit Behinderungen Nein zu sagen.
Sven Jennessen bezieht sich in dem Artikel „Sexuell selbstbestimmt leben. Ein Plädoyer für Enthinderung, Bildung und Zutrauen“ auf das von ihm mitgeleitete ReWiKs Projekt. Besonders interessant sind darin Erkenntnisse aus so genannten Freiraum-Gruppen, in denen Menschen mit Lernschwierigkeiten auf Peer-Ebene Erzähl- und Resonanzräume ermöglicht werden. Die umfängliche Etablierung des Projekts und die kritische Reflexion des Autors führen zu der Erkenntnis einer gewinnbringenden Vermittlung von Inhalten der Organisationsentwicklung in sexualpädagogischen Qualifizierungen.
Im zweiten Kapitel „Körperlichkeit“ werden bisher in der Heil- und Sonderpädagogik stark vernachlässigte bzw. ignorierte Aspekte besprochen. Helga Schlichting führt differenzierte und zur Reflexion anregende Überlegungen zum „Umgang mit Körperlichkeit, Scham und Ekel“ aus. Wanda Schulz stellt „Menstruation und Pflege im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung“ in den Fokus und resümiert nach fünf Interviews mit pädagogischen Mitarbeiterinnen an Förderschulen, dass die Menstruation bisher zu wenig für Inhalte sexueller Bildung genutzt wird und zeigt auf, an welchen Stellen sich dies verändern ließe.
Interessante Ansätze zur sexuellen Bildung bei Menschen mit Komplexer Behinderung schildern Carina Haase und Veronika Behsen unter der Überschrift: „Stopp, mein Körper gehört mir! Wie sage ich meinen Willen?“ Konkret werden basale Aktionsgeschichten als Möglichkeiten zur Vermittlung von Körperwissen, Körperwahrnehmung und Grenzen ausgeführt. Daneben wird die Methode „Mit allen Sinnen den Körper und die Welt erfahren“ vorgestellt, bei der nach Angeboten auf verschiedenen sinnlichen Ebenen Vorlieben der einzelnen Personen erfasst werden.
In dem Kapitel über „Sexualassistenz“ ordnen eine Sexualbegleiterin und ein Sexualbegleiter Sexualbegleitung als erlebnispädagogisches Angebot ein und beschreiben den Prozess einer Sexualbegleitung: Pia Hoffmann & Thomas Aeffner: Sexualbegleitung und Sexualassistenz als Chance zu mehr Selbstbestimmung.
Hervorzuheben ist in dem Kapitel „Praktische Ansätze“ das elaborierte LIS-Konzept von Ilona Westphal, das einen praktikablen, ICF-basierten Ansatz, zur Förderung von Lust und Sinnlichkeit von Personen mit Komplexer Behinderung aufzeigt, verbunden mit einer institutionellen Etablierung von Maßnahmen der sexuellen Bildung.
Ebenso anregend ist der von Doris Emde berichtete Somatische Dialog, in dem geschildert wird, wie durch gezielte Berührungen eine verbesserte Körperwahrnehmung erreicht werden kann.
Im Kapitel zur Prävention sexualisierter Gewalt bestätigen Helen Stadlin & Miriam Staudenmaier, dass Institutionen Hochrisikobereiche darstellen.
Das Buch endet mit dem Beitrag von Simone Hartmann: „Autismus Spektrum und Sexualität – anders normal“, in dem neben Grundsatzüberlegungen drei interessante Fallgeschichten berichtet werden.
Diskussion
Das Buch enthält zahlreiche Anregungen für die Praxis der Arbeit mit Personen mit Komplexer Behinderung.
Das fachliche Niveau der Beiträge schwankt sehr deutlich und entspricht teilweise nicht dem aktuellen Stand der Forschung. Titel wie „Mein Körper gehört mir“ (S. 91) oder Präventionsregeln wie „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse“ (S. 195) wurden seit den 1970er Jahren vermittelt. Inzwischen sind Täterprofile und Täterstrategien bekannt, die zeigen, dass Prävention auf der Ebene des Nein-Sagens und des Wehrens eher mit einer zusätzlichen Gefahr durch physische Gewalt verbunden ist. Bei der Erklärung der Schwierigkeit des Nein-Sagens im Artikel von Ilic fehlt eine Einbeziehung von Modellen der Kognitiven Entwicklung wie dem Konzept der Theory of Mind. Dass die Botschaft „gute und schlechte Geheimnisse“ Betroffene nicht erreichen, sondern dass es eher um verwirrende Geheimnisse geht, hat die Forschung bereits vor einigen Jahren aufgezeigt.
Insgesamt variiert die inhaltliche Qualität der Artikel zwischen erkenntnisreichen, differenzierten bis hin zu eher basalen und auch verbesserungsnötigen Beiträgen.
Fazit
Das Buch ist vor allem Praktiker:innen zu empfehlen und hält für Studierende und Wissenschaftler:innen, die sich mit dem Thema Komplexe Behinderung befassen, wenige Einblicke und Erkenntnisse aus der Praxis bereit.
Rezension von
Prof.in Dr.in Ulrike Mattke
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