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Stephanie Bachmann Mattei, Kristin K. Collier: Das Herz der Gewaltfreien Kommunikation

Rezensiert von Prof. Dr. Josef Freise, 31.12.2025

Cover Stephanie Bachmann Mattei, Kristin K. Collier: Das Herz der Gewaltfreien Kommunikation ISBN 978-3-7495-0596-8

Stephanie Bachmann Mattei, Kristin K. Collier: Das Herz der Gewaltfreien Kommunikation. 25 Schlüsselunterscheidungen – vom Getrenntsein zur Verbundenheit. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2025. 480 Seiten. ISBN 978-3-7495-0596-8. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.

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Autorinnen

Stephanie Bacmann Matteo ist zertifizierte Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation und promovierte Philosophin; Kristin K. Collier ist Autorin zu Erziehungsfragen und Themen der Neurodiversität. Beide Autorinnen werden vom Junfermann Verlag als Vertreterinnen einer neuen Generation vorgestellt, durch die die Gewaltfreie Kommunikation weiterentwickelt und vertieft wird.

Aufbau

Das über 400 Seiten starke Buch mit Index und Anmerkungsapparat beschreibt Schlüsselunterscheidungen menschlicher Kommunikation. Insgesamt sind es 25 Grundunterscheidungen, die die beiden Autorinnen in fünf Kapiteln vorstellen. Jedes Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung, einem praktischen Beispiel, einer Übung und einer Reflexion.

Inhalte

Der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation Marshall Rosenberg hatte mit der Unterscheidung von Wolfssprache und Giraffensprache den Grundstein zu den Schlüsselunterscheidungen gelegt, die von den Autorinnen weiterentwickelt werden. Mit dem Begriff der Wolfssprache brachte Rosenberg zum Ausdruck, dass wir Menschen durch unsere Sprache oft verurteilen, beschämen und demütigen. Wir kategorisieren Menschen, beurteilen ihr Verhalten nach dem Schema „richtig/​falsch“ und „normal/​unnormal“. Dem stellte er die Giraffensprache gegenüber. Die Giraffe gilt als Symbol für Weitblick und ein großes Herz. Giraffensprache ist deshalb empathisch. Ohne zu werten höre ich meinem Gegenüber zu und versuche, auch bei unangenehmen und verletzenden Aussagen nicht sofort eine Bewertung vorzunehmen, sondern mich auf die dahinterliegenden Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers zu beziehen. Diese Grundunterscheidung zwischen einer letztlich beziehungsfeindlichen und einer lebensverbundenen empathischen Grundhaltung durchzieht das ganze Buch und wird in 25 Aspekten ausdifferenziert. Bewerte ich andere Menschen moralisch oder geht es mir um die Suche nach gemeinsamen Werten? Übe ich Macht über andere aus oder bemühe ich mich darum, Macht mit anderen zum Wohle aller einzusetzen? Zeige ich mich verletzlich und akzeptiere ich meine eigene Verletzlichkeit oder verurteile ich mich selbst als schwach? Stimme ich im Konsens einer Entscheidung zu, die mir auf den ersten Blick nicht gefällt, die ich dann aber doch innerlich mittragen kann, oder schlucke ich widerwillig einen Kompromiss, den ich am liebsten verhindert hätte? Zur Gewaltfreien Kommunikation zählen die Autorinnen auch die Fähigkeit, das westliche Überheblichkeitsdenken zu verändern. Sie erinnern daran, dass beim Weltbild indigener Völker die Verbundenheit mit jeglichem Lebens im Vordergrund steht, während nach westlichem Verständnis die Autonomie des Individuums eine besondere Bedeutung hat. Konkret zeigt sich dies beispielsweise in der Betonung des Wertes der Autonomie in der Kindererziehung. Erst langsam entwickelt sich Kritik an einer angeblichen Erziehung zur Autonomie, wenn Kindern früh beigebracht werden soll, allein zu bleiben und selbstständig einschlafen zu können (S. 46). Die Erfahrung des Wertes der wechselseitigen Verbundenheit mit Menschen aller Nationen und mit allen Geschöpfen kann dazu beitragen, dass wir uns mit unserer kleinen Kraft als wirksam erfahren. „Dem sogenannten Schmetterlingseffekt liegt die Annahme zugrunde, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings quer über den Planeten das Wetter beeinflussen kann“ (S. 54). Dieses Gewahrwerden individueller und kollektiver Stärke stellt, so die Autorinnen, „einen Angriff auf Dominanzsysteme dar“, die uns oft ohnmächtig erscheinen lassen (S. 55).

Diskussion

Was dieses Buch wirklich als eine neue Qualität im Vergleich mit vielen Übungsbüchern zur Gewaltfreien Kommunikation einbringt, ist die gesellschaftliche Dimension. Machtfragen, die koloniale Prägung durch Überheblichkeitsdenken, gesellschaftliche Privilegierung und Diskriminierung werden intensiv thematisiert. Die Autorinnen kritisieren die Konditionierung unserer Bedürfnisse durch westlich-koloniale und kapitalistische Prägung. Der Konsum bestimmter Güter oder die Verfügbarkeit von Privatfahrzeugen erscheinen oft als notwendig und alternativlos für unsere Bedürfnisbefriedigung. „Der Kolonialismus hat sich auf weite Teile der Welt ausgewirkt. Angesichts dessen ist es für jedes Gemeinwesen wichtig, sich seine Authentizität zurückzuerobern und eigene Strategien zu finden, Ihre Bedürfnisse zu erfüllen, statt auf westliche Konditionierung zurückzufallen“ (S. 135). Hilfreich ist, dass zu einzelnen Schlüsselentscheidungen konkrete Beispiele nicht nur von den Autorinnen eingebracht werden, sondern auch von hinzugezogenen Trainer:innen der Gewaltfreien Kommunikation.

Fazit

All diejenigen, die aus persönlichen Erfahrungen heraus die Gewaltfreie Kommunikation für unpolitisch halten, erfahren hier, wie gesellschaftlich und politisch relevant die gewaltfreie Kommunikation sein kann. Das Buch ist theoretisch fundiert und zugleich praxisrelevant. Es kann zurecht als Standardwerk einer vertieften Gewaltfreien Kommunikation angesehen werden.

Rezension von
Prof. Dr. Josef Freise
pensionierter Professor im Fachbereich Sozialwesen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln
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Es gibt 17 Rezensionen von Josef Freise.

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ISSN 2190-9245