Friederike von Tiedemann, Frauke Niehues et al. (Hrsg.): Paare wirkungsvoll begleiten
Rezensiert von Prof. Dr. Lilo Schmitz, 25.03.2026
Friederike von Tiedemann, Frauke Niehues, Ghita Benaguid (Hrsg.): Paare wirkungsvoll begleiten. Kompetenz!Box Therapie und Beratung. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2025. 101 Seiten. ISBN 978-3-7495-0602-6. D: 50,00 EUR, A: 51,40 EUR.
Thema
Friederike von Tiedemann stellt mit dieser Kartenbox und der zugehörigen kurzen Einführung ein Kompendium vielfältiger Möglichkeiten vor, die ein integrativer systemischer Ansatz in der Paartherapie hat. Die Kartenbox und das Begleitmaterial stellen so etwas wie die Quintessenz ihrer jahrzehntelangen paartherapeutischen Praxis dar.
Autorin
Friederike von Tiedemann ist seit Jahrzehnten erfolgreich als Paartherapeutin, Psychotherapeutin, Dozentin und Lehrtherapeutin tätig. Sie hat 30 Jahre lang eng mit Hans Jellouschek zusammengearbeitet, dessen Ansatz sie weiterentwickelt hat. Sie leitet heute das Hans Jellouschek-Institut in Freiburg und Hamburg.
Aufbau
Die insgesamt 108 Karten mit den einzelnen Interventionen und Strategien (Handwerkszeug) werden durch ein kompaktes Begleitheft ergänzt, das sich folgende Aufgaben stellt:
- Orientierung im Kartenset
- Leitfaden und Inhaltsverzeichnis zum Auffinden der einzelnen Karten
- Grundannahmen und Erfahrungen Friederike von Tiedemanns zur Paartherapie
Weiterhin wird der Großteil der Karten durch Lehrvideos ergänzt, die online beim Verlag abzurufen sind und die Autorin in ihrer paartherapeutischen Praxis zeigen.
Das Kartenset baut sich anhand folgender Großthemen auf:
- Grundkonzepte
- Rahmen der Paararbeit
- Dysfunktionale Interaktion
- Lebensorganisation
- Paargeschichte
- Herkunftsgeschichte
- Regulierung von Spannung
- Außenbeziehung
- Sexuelle Themen
- Trennung
- Paare in der Patchworkfamilie
Inhalt
Ich werde im Folgenden näher auf die Grundkonzepte eingehen und die folgenden speziellen Themen kurz vorstellen und jeweils ein bis zwei der zum Thema gehörigen Karten pro Kapitel ausführlicher besprechen, damit die Leserin eine Vorstellung gewinnen kann, wie die Karten für die eigene Praxis nützlich sein können. Da Friederike von Tiedemann in bunter Mischung sowohl männliche wie auch weibliche Bezeichnungen für Akteur:innen verwendet, schließe ich mich dem in dieser Rezension an.
1. Grundkonzepte
Die Grundkonzepte unterstützen den/die Therapeut:in dabei, das sich ihm präsentierende Geflecht aus aktueller Situation, Paargeschichte und Zukunftserwartungen anhand grundlegender Kollusionen, Dichotomien und Polaritäten einzuordnen und damit die therapeutische Praxis handlungsfähig zu machen.
So fertigt die Therapeutin zum Beginn der Arbeit eine große Skizze an, die die drei Bereiche Vergangenheitskontext, Gegenwartskontext und Zukunftskontext grob skizziert und visuell deutlich macht, wo die Arbeit starten kann. Dieses Drei-Zeiten-Modell nach Jellouschek bietet eine gute Grundlage für die gemeinsame Arbeit. Hier kann optisch festgehalten werden, wo der derzeitige Fokus des Paares liegt und wo die Arbeit mit dem/der Therapeut:in ihren Schwerpunkt haben kann.
Ebenfalls von Jellouschek übernimmt Friederike von Tiedemann das Ebenen-Modell, das Problem des Paares auf fünf verschiedenen Ebenen lokalisiert: dysfunktionale Interaktionen, Lebensorganisation, Unerledigtes aus der Paargeschichte, Unerledigtes aus früheren Beziehungen, Unerledigtes aus der Herkunftsgeschichte. Zu den Ebenen werden entsprechend Problembeschreibungen verfasst und passende Interventionen ausgewählt.
Paare haben im Laufe ihres Zusammenlebens unterschiedliche Entwicklungsaufgaben. Analog zum Jahreszyklus präsentiert sich das Modell der Entwicklungsaufgaben vom jungen Paar bis zum gemeinsamen Altwerden.
Während sich solche Entwicklungsaufgaben allen langfristigen Paaren stellen, sind es ganz individuelle Polaritäten, die jedes Paar im Laufe seiner Entwicklung meistern muss. Da ist die Polarität von Autonomie und Bindung, von Dominanz und Unterordnung, von Geben und Nehmen und von Dauer und Wechsel (Beständigkeit und Veränderung). Diesen Polaritäten kann man sich kaum entziehen. Sobald einer der Partner einen Pol sehr betont, wird der andere in die Gegenposition gedrängt.
Ein eingängiges systemisches Prozessmodell (ebenfalls von Jellouschek) fasst in einem Diagramm die wichtigen Prozesse und Stufen einer Paartherapie zusammen. Als lebendes System in der Entwicklung pendelt das Paar ständig zwischen dem Wunsch nach Homöostase und Transformation und erlebt damit Zeiten der Stabilität ebenso wie Zeiten der Instabilität und des Wandels.
Die Therapie lädt bei aller Bestandsaufnahme ein, zu einem positiven Zielbild zu wechseln und neue Handlungsoptionen zu entdecken. Auch Emotionen wird ein wichtiger Platz eingeräumt. Das geschieht durch Verbalisierung von Emotionen durch die Therapeutin durch die affektive Rahmung, die die Therapeutin als allparteiliches Wohlwollen für das Paar und die einzelnen Partner:innen ausstrahlt. Das Paar muss grundsätzlich entscheiden, ob es einer „Partnerschaftslogik“ folgt, die Geben und Nehmen gegeneinander aufrechnet und wo jede:r Partner:in sozusagen einen Rechtsanspruch hat, oder ob es einer „Liebeslogik“ folgen möchte, die ohne Rechtsanspruch innere Verbundenheit und Hingabe bedeutet.
Ein Grundsatz der Paarberatung und Begleitung ist, „dem Paar die Veränderungsverantwortung zu übertragen“, während die Therapeutin neugierig interessiert, absichtslos und nicht wertend ist.
Was hat in der akuten Zusammenarbeit nun jeweils Vorrang in der therapeutischen Zusammenarbeit?
Für Friederike von Tiedemann hat Regulation von Spannung Vorrang. Das Spannungsniveau wird wahrgenommen und angepasst, sodass die Partner handlungsfähig werden. Alle Beteiligten werden beruhigt und beruhigen sich selbst.
Danach hat Klärung Vorrang, sodass gegenseitige Konfliktthemen verstanden werden, Handlungsideen besprochen und Kompromisse gefunden werden. Erst danach ist Intimität möglich im Sinne von Erfahrung differenzierter Nähe. Erst dann wird eine ebenbürtige Beziehung auf körperlich-seelisch-geistiger Ebene erlebbar.
Nach diesen Grundlagen folgen jetzt die einzelnen Kategorien, wobei ich den Schwerpunkt des Kapitels kurz umreiße und dann eine oder zwei Karten aus jeder Kategorie gründlicher besprechen will:
2. Rahmen der Paararbeit
In zehn verschiedenen Karten erhält die Leserin Anregungen für die Gestaltung des Rahmens und des Beratungskontraktes mit dem Paar. Vom Erstkontakt, einleitenden Fragebögen über das Erstgespräch bis hin zu Verlaufsmodellen und Absprachen zwischen den Sitzungen gibt es hier eine Fülle von Anregungen für den Rahmen der Beratung.
Als Beispiel bespreche ich die Karte: „Aufgaben geben“: Ziel dieser Interventionen: Neues Verhalten einüben und konsolidieren. Die Karte informiert, welche Arten von Aufgaben der/die Therapeut:in geben kann. Die Karte beschreibt direkte Aufgaben ebenso wie paradoxe Aufgaben und geht ausführlicher darauf ein, wie die Therapeutin reagieren kann, wenn Aufgaben nicht umgesetzt werden konnten.
3. Dysfunktionale Interaktion
Mit einer Fülle von 20 Karten für dieses Thema in der Paartherapie macht Friederike von Tiedemann deutlich, dass es sich hier um ein wirklich zentrales Thema handelt. Verletzende, gleichgültige oder Kampf-Interaktionen machen es der Liebe schwer, während konstruktive Kommunikation, das Gefühl, vom Anderen verstanden zu werden, die Liebe stärkt. Dazu gehört, mitfühlend, wohlwollend und verständnisvoll zu sein ebenso wie offen, interessiert und neugierig zu sein.
So wollen alle 20 Karten dazu beitragen, das Paar dabei zu unterstützen, eine Atmosphäre der wohlwollenden Gegenseitigkeit auf‑ und auszubauen, Unterschiede zu akzeptieren und als Ressource anzuerkennen und unterschiedliche Bedürfnisse auszutarieren.
Hier zwei Beispiele:
Beispiel 1: „Stoppsignal außerhalb der Sitzung“
Die Beraterin schlägt den Partner:innen vor, sich ein Symbol auszusuchen, das in der privaten Kommunikation als Stoppsignal fungieren kann und immer dann Anwendung findet, wenn eine:r von beiden sich in der Kommunikation nicht mehr wohlfühlt, weil diese negativen Mustern folgt. Das Symbol wird so ausgewählt, dass beide Partner darüber verfügen und es möglichst immer bei sich haben. Beispiele wären eine Armbanduhr, ein kleiner Stein oder Ähnliches. Derjenige, der das Symbol auf den Tisch legt, hat zugleich die Verantwortung für einen passenden Pausenvorschlag, zum Beispiel „Lass mich einen Spaziergang machen, wir sprechen heute Abend weiter.“ Oder „Wir packen dieses brisante Thema ein und nehmen es mit zur nächsten Paartherapie-Stunde.“ Das Paar legt auch fest, was geschehen soll, wenn diese Absprache nicht eingehalten wird.
Beispiel 2: „Was mich mit dir verbindet“
Die Therapeutin hält einen Korb mit verschiedenfarbigen und verschieden dicken Seilen oder Bändern in circa 1,5 m Länge bereit. Abwechselnd nennen jetzt die Partner:innen, die sich auf zwei Stühlen gegenüber sitzen (in der Mitte der Korb mit den Seilen), was sie miteinander verbindet. Beispiele auf der Karte: „Was mich mit dir verbindet, ist unsere Liebe zum Tango.“ Und „… zwölf Jahre gemeinsam erlebter Zeit.“ Dabei nimmt der sprechende Partner das Ende eines Seiles auf, während der andere Partner, falls er dem Statement auch zustimmen kann, das andere Ende des Seiles aufnimmt, bis am Ende beide Partner viele Bänder oder Seile an beiden Enden festhalten und wörtlich in Händen halten, was sie alles verbindet, wodurch eine wohlwollende Haltung und Zugewandtheit entstehen kann.
4. Prävention von Streit in der Familienphase
Die gesellschaftlichen Bedingungen für Familien mit (vor allem kleinen) Kindern produzieren erhöhten Stress für die junge Familie. Zeitbelastung, finanzielles Einkommen, Freizeit, nicht zuletzt das Paarleben geraten leicht in eine Schieflage. In dieser schwierigen Zeit ist es wichtig, Ressourcen zu pflegen und für die Zeiten ungleicher Belastung irgendeinen Ausgleich zu finden. In 11 Karten erhält die Therapeutin dazu Anregungen, die zum Teil durch Internet-Material ergänzt werden (z.B. Machtfragebogen).
Als Beispiel beschreibe ich die Karte „Insel-Modell“:
In die Mitte eines Flip-Charts werden nacheinander fünf Inseln gemalt:
eine Paarinsel im Zentrum • eine Familieninsel (Paar als Eltern mit Kind/ern) • eine erste Ich-Insel • eine zweite Ich-Insel • eine Insel für die erste Herkunftsfamilie • eine Insel für die zweite Herkunftsfamilie • eine Insel für den Beruf des Partners A • eine Insel für den Beruf des Partners B
Nun verteilt jede:r der Partner insgesamt 100 Prozent-Punkte auf die verschiedenen Inseln. Wie viel Zeit und Energie geht derzeit in welchen Bereich?
Die Partner überlegen gemeinsam: Welche Inseln werden von uns nicht gepflegt und „gedüngt“? Welche Ideen haben wir, das zu ändern?
5. Paargeschichte
Die Paargeschichte zu erkunden und zu besprechen, ist in vieler Hinsicht ertragreich: Tiefpunkte und Verletzungen können so noch einmal thematisiert und dann verziehen werden, und auch bei bereits getrennten Partner:innen, die ein friedliches Miteinander anstreben, kann, wenn die Zeit hitziger Auseinandersetzungen vorbei ist, eine Besprechung und Visualisierung der Paargeschichte die Grundlage für ein gutes Miteinander in der Zukunft legen.
Viele der Karten beschäftigen sich mit Verletzungen aus der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart die Paarbeziehung belasten. Hier unterscheidet die Autorin zwischen (meist einmaligen) Verletzungen aus der Vergangenheit und Verletzungen, die mehrfach erfolgen und bis in die Gegenwart andauern, was neue Übereinkünfte notwendig macht.
Als Beispiel habe ich die Karte „Ausgleich bei schweren Verletzungen“ gewählt:
Friederike von Tiedemann regt an, dass die Partner:innen in Einzelarbeit „Verletzungskarten“ anfertigen, die in Schrift oder auch im Bild vergangene oder aktuelle Verletzungen darstellen. Bei einer schweren Verletzung ist mehr nötig als der rein symbolische Akt der Anerkennung und Reue. Die verletzte Person macht einen Vorschlag, wie die Verletzung ausgeglichen werden kann. Es sollte eine schwierige Aufgabe sein, die persönlichen Einsatz abverlangt. Hier hilft, wenn nötig, die Therapeutin mit Beispielen. Einigt sich das Paar auf die Art des Ausgleichs, kann die entsprechende Verletzungskarte zerrissen werden.
6. Herkunftsgeschichte
In diesem Kapitel stehen vor allem Wunden und Verletzungen aus der Herkunftsgeschichte der einzelnen Partner:innen im Mittelpunkt. Mit erlebnisbasierten Methoden sollen die Partner mehr Mitgefühl und Verständnis, aber auch Exitstrategien entwickeln, damit schlechte Erfahrungen aus der Herkunftsgeschichte die Partnerschaft nicht unnötig und lange Jahre belasten. Sieben Karten bieten unterschiedliche Zugänge zu den Belastungen aus der Herkunftsgeschichte, die die Partner mit in die Partnerschaft bringen.
Ausgewählt habe ich die Karte: „Biografische Rollenanalyse“
Die Therapeutin legt zwei lange Seile aus und bittet nacheinander jede:n der Partner, auf großen Karten alle Rollen aufzuschreiben, die sie jeweils in ihrem individuellen Leben innehatten, zum Teil schon vor ihrer Geburt (Beispiele wären „das ersehnte Kind“ oder „der Unfall“). Die Karten werden entlang der Seile, die als Lebenslinie fungieren, ausgelegt. Jede einzelne Person bespricht dann im Dialog mit der Therapeutin diese Rollen, ihre Anforderungen und Verletzungen. Nachdem dies beide Partner nacheinander getan haben, jeweils auf ihrer Seite ihres Seiles, tauschen die Partner die Seiten und versetzen sich in die Rollen des jeweils anderen in seinem bisherigen Lebenslauf. Dadurch entsteht ein tieferes Verständnis für die Verletzungen und Auswegstrategien, die heute noch in bestimmten Situationen in der Partnerschaft aktiviert werden.
Wie zu vielen anderen Karten gibt es auch hier einen online abrufbaren Film, der diese Paararbeit aus der Praxis von Frau von Tiedemann zeigt und damit die Karte modellhaft ergänzt.
7. Regulierung von Spannungen
Die Fähigkeit, Affektspannungen zu regulieren, hält Friederike von Tiedemann für zentral für den Erfolg einer Paartherapie. In diesem Kapitel hat sie Karten mit passenden Interventionen und Übungen dafür vorbereitet.
Ich stelle diese Karte vor: „Back to back und Pendelmeditation“
Wenn das Konfliktniveau und die Anspannung und Erregung innerhalb der Sitzung zunehmen, ist die Impulskontrolle sehr geschwächt und die Sitzung wird vom Paar als Bühne für dysfunktionale Kommunikation genutzt. Hier kann die Therapeutin vorschlagen, dass beide sich mit dem Rücken gegeneinander auf zwei Stühle setzen, die mindestens 50 cm Abstand voneinander haben. Die Therapeutin geht in die Raumhälfte der ersten Person, die ihre Sicht der Dinge schildern darf. Der Partner wiederum darf seine Sicht der Dinge erst schildern, wenn die Therapeutin zu ihm in seine Raumhälfte getreten ist.
Eskaliert die Situation noch mehr, ist es unter Umständen notwendig, beide Partner in unterschiedlichen Räumen unterzubringen. Die Therapeutin besucht jeden Raum und erfragt die Vorstellungen und Wünsche der Person dort. Dann geht sie in den anderen Raum und teilt das, was sie erfahren hat, der anderen Person mit. Ebenso nimmt sie die Wünsche der zweiten Person mit in den Raum der ersten Person. Sie setzt diese Befragung solange fort, bis eine Kompromisslösung vorliegt. Diese wird schriftlich festgehalten und von beiden unterschrieben.
8. Außenbeziehung
Paarkonflikte, die durch die Untreue eines Partners ausgelöst werden, stellen eine besondere Situation dar, und Friederike von Tiedemann stellt auf 7 Karten passende Interventionen vor.
Als Beispiel wähle ich die Karte „Voraussetzungen für einen Neubeginn“
Um die Krise um die Untreue zu einer Chance zu wandeln, braucht es Voraussetzungen:
Beide Partner sind bereit, eine schnelle definitive Entscheidung über Stamm‑ und Außenbeziehung zurückzustellen und der Stammbeziehung eine reale Chance zu geben und sich Zeit für die Auseinandersetzung mit der eigenen Partnerschaft zu geben.
Der hintergangene Partner ist bereit, seine Opferposition aufzugeben, ebenso auch Kontrollverhalten und abwertende Urteile.
Der doppelt gebundene Partner ist bereit, die frei gelebte Außenbeziehung einzuschränken bis zu einem vorläufigen oder endgültigen Verzicht.
Die Krise zeigt zum einen an, dass Wandel ansteht. Die Lösung „Außenbeziehung“ auszuleben, überfordert aber beide. Im paartherapeutisch begleiteten Entwicklungsprozess klärt sich, ob es um Trennung oder Neubeginn geht. Für den Gesamtprozess werden mindestens 3 Monate angesetzt.
Im Anschluss (nächste Karte) wird eine entsprechende verbindliche Vereinbarung für (z.B.) die nächsten vier Wochen getroffen, die verbindlich ist und klare Vereinbarungen für Kontakt sowohl in der Stammbeziehung als auch in der Außenbeziehung beinhaltet und von beiden Partnern unterzeichnet wird.
9. Sexuelle Themen
Gibt es umfassende sexuelle Themen in einer Paartherapie, empfiehlt Friederike von Tiedemann die Überweisung zu sexualtherapeutisch ausgebildeten Kolleg:innen. Geht es um Luststörungen, so nennt Friederike von Tiedemann auf neun Karten bewährte Interventionen für die Therapie.
Beispielhaft nenne ich hier die Karte „Sexuelle Räume gestalten“.
Damit die Sexualität nicht im Alltag ihren Platz verliert und verloren geht, ist es wichtig, sexuelle Räume aktiv zu gestalten. Das Paar vereinbart verbindliche Zeitfenster, in denen es frei und ungestört zusammen sein kann. Beide Partner entwerfen jeweils Idealszenarien, welche sie als angenehm und attraktiv für ihr körperliches Wohlbefinden erleben.
Dazu gehören
- Ort/Gestaltung des Raumes
- Tageszeit/​Dauer
- Licht/​Temperatur
- Kleidung/​Begegnungsform (wer ist zuerst da, wer kommt dazu?)
- Körperlichkeit (z.B. geduscht, rasiert, geschminkt o.Ä.)
So werden gleichzeitig Individualität und Unterschiedlichkeit betont, wobei die Selbstverantwortung die Intimität der Paarbeziehung festigt und steigert.
10. Trennung
Wie kann eine hilfreiche therapeutische Unterstützung aussehen, wenn der gemeinsame Weg eines Paares zu Ende geht? Sechs Karten geben dem/der Therapeut:in hilfreiche Hinweise.
Ich stelle hier die Karte „Umgang mit Trennung in der Sitzung“ vor:
Trennungswillige Partner sprechen ihre Trennungsentscheidung manchmal in der Therapiesitzung aus, weil sie sich erhoffen, dass der sichere Rahmen der Therapie und die Professionalität des/der Therapeut:in starke Emotionen abfedern können. Die trennungswillige Partnerin erhofft sich manchmal auch Schutz vor den starken Reaktionen des verlassenen Partners.
Die Therapeutin wendet sich zunächst der verlassenen Person zu, versorgt den Schock, versucht Affektregulation und Begleitung heraus aus der Dissoziation. Sie würdigt jedoch auch den Mut des trennungswilligen Partners. Die Therapeutin versucht eine Krisenintervention: „Was brauchen Sie jetzt für die nächste Zeit?“
In der nächsten Karte „Krisenintervention nach der Trennungsentscheidung“ moderiert die Therapeutin dann erste Absprachen zum Alltag, um das Paar in der Krise hilfreich zu begleiten. Beispiele sind:
„Wo wollen Sie schlafen?“ „Teilen Sie noch die Mahlzeiten oder möchten Sie lieber getrennt/mit den Kindern essen?“ „Wie sprechen Sie mit den Kindern?/der Familie?/den Freund:innen?“ „Mit welchen nahestehenden Menschen möchten Sie jetzt zusammen sein?“
In diesem Kontext achtet die Therapeutin weiterhin auf Allparteilichkeit, auch wenn die eine Partnerin offensichtlich mehr leidet als die andere.
11. Paare in der Patchworkfamilie
Vier Karten zu diesem Thema wollen Patchworkpaare dabei unterstützen, trotz dichter familiärer Komplexität und herausfordernder Bedingungen ihre Liebe zu schützen.
Ich habe die Karte „Patchworksysteme visualisieren“ ausgewählt.
Während das Paar die Familienkonstellation beschreibt, nimmt die Therapeutin für die jeweils genannten Familienmitglieder Figuren oder andere geeignete Gegenstände in die Hand, um die Familie symbolisch darzustellen. Zwischen den Personen sind Seile positioniert, die die verschiedenen Herkunftsfamilien voneinander abgrenzen. Die Figuren stehen auf einem niedrigen Tischchen, sodass alle sie von oben betrachten können. Je nach Schilderung können die Personen verschoben oder die Seilgrenzen neu bestimmt werden.
In der Regel kann das Paar so den Einsatz aller sehen und anerkennen, kann sich in unterschiedliche Perspektiven hineinversetzen und Verständnis für alle Beteiligten in den verschiedenen Herkunftssystemen entwickeln.
Filme und anderes Begleitmaterial
Für die meisten der Karten in der Box kann die Leserin sich Lehrvideos anschauen, in denen Friederike von Tiedemann ihre therapeutische Praxis modellhaft mit freiwilligen Darsteller:innen zeigt. Handouts, Fragebögen und andere Arbeitsblätter ergänzen das Material. Sie können als PDF beim Verlag heruntergeladen werden.
Diskussion
Die Box mit mehr als hundert großformatigen Karten stellt – so Friederike von Tiedemann – ihr Vermächtnis dar, die Essenz aus Jahrzehnten erfolgreicher Paartherapie. Die Themen sind bewusst begrenzt – Themen wie ungewollte Kinderlosigkeit, chronische Erkrankung, Gewalt, Sucht, Trauma, Altersprobleme, Persönlichkeitsstörungen, finanzielle Probleme finden in dieser umfangreichen Box keinen Platz.
Wer daran gewöhnt ist, mit Büchern zu arbeiten, mag zunächst verwirrt sein durch die Form der Box und der Karten. Mit der Lektüre hat sich mir der Vorteil aber erschlossen: Die Therapeutin kann für das jeweilige Paar passende Interventionen heraussuchen und sich für die Vor‑ und Nachbereitung von Sitzungen zurechtlegen. Es erfordert allerdings ein gewisses Maß an Disziplin und Ordnung, die deutlich nummerierten Karten wieder an ihre Stelle in der Box zurückzulegen.
Ein ungewöhnliches und sehr zeitaufwändig hergestelltes Lehrmittel sind die zahlreichen Videos, die das auf den Karten Geschilderte in einer gestellten, aber lebendigen Therapiesituation demonstrieren. Die Kameraarbeit und die ganze Einbettung der Lehrvideos wirkt hochprofessionell und faszinierend.
Ich stehe staunend und ein wenig benommen vor dieser großen Arbeitsleistung!
Fazit
Begleitung der (notwendigen) Entwicklung von Paaren und die unaufgeregte und fruchtbare Nutzung von Paar-Konflikten mit klugem Blick auf Individuum und Paar, ohne das soziale Umfeld und die Gesellschaft aus dem Blick zu verlieren, kennzeichnen die integrative Paartherapie Friederike von Tiedemanns. Wer sich auf das umfangreiche Material an Karten und Lehrvideos einlässt, wird vor allem in Verbindung mit einer paartherapeutischen Ausbildung seine paartherapeutische Basis festigen und ausbauen. Die Box sollte ihren Platz in jeder therapeutischen Bibliothek erhalten.
Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Hochschule Düsseldorf (Ruhestand) und ILBB - Institut für Beratung Brühl
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