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Janina Fisher, Christoph (Übersetzer) Trunk: Die Arbeit mit Selbstanteilen in der Traumatherapie

Rezensiert von Prof. Dr. med. Vera Hähnlein, 04.12.2025

Cover Janina Fisher, Christoph (Übersetzer) Trunk: Die Arbeit mit Selbstanteilen in der Traumatherapie ISBN 978-3-7495-0623-1

Janina Fisher, Christoph (Übersetzer) Trunk: Die Arbeit mit Selbstanteilen in der Traumatherapie. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2024. 2. Auflage. 336 Seiten. ISBN 978-3-7495-0623-1. D: 47,00 EUR, A: 48,40 EUR.

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Thema

„Die Arbeit mit Selbstanteilen in der Traumatherapie“ verbindet ein neurobiologisch fundiertes Verständnis von Trauma, Dissoziation und Bindung mit einem praktischen Behandlungsansatz.

Autorin

Janina Fisher ist stellvertretende Ausbildungsleiterin des Instituts für Sensumotorische Psychotherapie in Broomfield, Colorado, und Fachberaterin der EMDRIA (internationaler Fachverband für EMDR-Anwender*innen). Sie war als Dozentin am Trauma Center in Brookline, Massachusetts, tätig, einem von Bessel van der Kolk gegründeten Therapie- und Forschungszentrum. Sie war Präsidentin der New England Society for the Treatment of Trauma and Dissociation und hat an der medizinischen Fakultät der Harvard University unterrichtet. Zusammen mit Pat Ogden hat sie das Buch „Sensorimotor Psychotherapy: Interventions for Trauma and Attachment“ verfasst.

Entstehungshintergrund

Die Autorin selbst erklärt: „Weder Klient noch Therapeutin verfügen über eine Sprache, mit der sie die inneren Kämpfe erklären könnten, die in Psyche und Körper des Klienten ausgetragen werden.“ (S. 17) In ihrem Buch stellt Janina Fisher daher ein „Erklärungsmodell“ vor, das Therapeutinnen und Klientinnen einen neuen Zugang zu traumaassoziierten Spaltungs- und Kompartmentalisierungsprozessen eröffnen soll. Dabei wendet sich die Autorin sowohl an die Therapeutinnen wie auch die Klientinnen.

Aufbau

Das Einführungskapitel liefert einen sehr instruktiven Abriss über die zentralen Aspekte des von der Autorin vorgestellten integrativen Therapieansatzes. Neben der Auseinandersetzung mit biografischen Erfahrungen betont Fisher die bedeutsame Rolle von Bonding-Prozessen, die durch die Verbindung zu inneren Kind- bzw. Selbstanteilen Heilungs- und Wachstumsprozesse auf einer tieferen Ebene ermöglichen und das Überwinden von Scham und Selbsthass einleiten. Ergänzend zur sensumotorischen Psychotherapie nach Pat Ogden, die Bindungstheorie, neurophysiologische Grundlagen und das körperliche Gedächtnis in den Mittelpunkt der Behandlung rückt, integriert Fisher das Modell des Internal Family System (IFS) von Richard Schwartz sowie Methoden der Achtsamkeit und klinische Hypnose in ihr integratives Vorgehen.

In Kapitel 1 und 2 werden die theoretischen Grundlagen für das Verständnis einer neurobiologisch fundierten Traumaarbeit skizziert. Dissoziation und Fragmentierung werden als Anpassungsreaktion auf eine abnorme Erfahrung und neurobiologische Nachwirkungen von Traumata dargelegt. Zentraler Fokus liegt auf dem Modell der strukturellen Dissoziation, demzufolge ein Alltagsselbst (ANP – „apparently normal part of the personality“) existiert sowie im Sinne einer Überlebensantwort traumaassoziierte fragmentierte Selbstanteile entstehen, sog. EPs (Emotional Parts), die durch Alltagstrigger aktiviert werden können und automatisierte Reaktionen und Zustände zeigen. Janina Fisher bevorzugt hier die Bezeichnungen “going on with normal life part” (in der Buchübersetzung: „Normal-weiterleben-Selbst“) und „trauma-related parts“ (in der Übersetzung: „traumaassoziierte Selbstanteile“). Die Autorin betont die Notwendigkeit, traumaassoziierte Selbstanteile erkennen und verstehen zu lernen, um die Bedeutung von körperbasierten Traumareaktionen als elementaren Impulsgebern für Verteidigungsreaktionen erfassen zu können. So verfügt das linkshemisphärisch verankerte „Normal-weiterleben-Selbst“ in der Regel über zahlreiche für die Alltagsbewältigung notwendige Kompetenzen, vermag aber die traumaassoziierten Selbstanteile mit ihren automatisiert ablaufenden Verhaltensweisen häufig weder zu erkennen noch zu steuern oder zu stoppen. Es gelingt nicht, Vergangenheit und Gegenwart zu integrieren. Ziel der Therapie ist es deshalb, unter Anerkennen der Vergangenheit jederzeit die Verbindung zur Gegenwart halten zu lernen.

In Kapitel 3, 4 und 5 steht die Arbeit mit den Selbstanteilen sowie die Bedeutung von Psychoedukation als transparente Vermittlung des aktuellen Wissenstands zu Psychotrauma und Sensibilisierung für die Bedeutung von Achtsamkeit sowie dem Anerkennen der Symptome und Reaktionen als Lösungsstrategien im Zentrum. Ziel ist es, die Patientinnen zu verständnisvollen Expertinnen ihrer selbst „auszubilden“. Die Autorin bedient sich dabei des Konzepts des multiplen Bewusstseins, um im Sinne eines „dualen Gewahrsams“ (S. 65) bestimmte Erlebensweisen „zu registrieren“, ohne mit ihnen unmittelbar in Kontakt gehen zu müssen. Stabilere Selbstanteile können tröstende, gelassenere, mitfühlende etc. Positionen einnehmen. Im Zentrum steht das achtsame Wahrnehmen von Selbstanteilen und die wertschätzende Arbeit mit den Anteilen. Fisher betont, dass es nicht wichtig ist, ein „detailliertes Erinnerungsnarrativ der traumatischen Erinnerung“ (S. 30) zu erarbeiten. Vielmehr muss den Patient*innen ein Zugang zu „einem körperlichen Bedeutungserleben“ (S. 30), das die traumaassoziierten Selbstanteile erlebt haben, ermöglicht werden.

Kapitel 6, 7 und 8 sind der traumatischen Bindung und deren Folgen sowie selbstgefährdenden Verhaltensweisen von Selbstanteilen und dem Umgang mit dissoziativen Symptomen gewidmet. Auch hier geht es zentral um das Verstehen der Symptomatik im Sinne von Anpassungs- und Überlebensstrategien als Antworten auf traumatische Ereignisse. Kapitel 9, 10 und 11 setzen sich schließlich mit der „Reparatur der Vergangenheit“ auseinander. Es geht um das Überwinden der „einst überlebenssichernden Selbstentfremdung“ (S. 34). Oft beeinträchtigen bspw. mit Scham und Selbstekel einhergehende kognitive Verzerrungen eine Klientin in ihrer Fähigkeit, Stärken, die ihr eigentlich bewusst sind, auch als zu sich gehörig zu empfinden. Um zu heilen, müssen die Patientinnen eine verständnisvolle, wertschätzende und vertrauensvolle Beziehung und schließlich sogar Bindung zu ihren verletzten Selbstanteilen aufbauen. Es geht darum, neue neuronale Netzwerke aufzubauen und alte Bindungsverletzungen durch Überschreiben mit neuen gelungenen Bindungsangeboten zu heilen.

Diskussion

Janina Fisher gelingt es in „Die Arbeit mit Selbstanteilen in der Traumatherapie“, komplexe neurobiologische und psychotherapeutische Konzepte in einen praxisnahen therapeutischen Ansatz zusammenzuführen. Sie verbindet Erkenntnisse der Gehirnforschung mit Modellen der strukturellen Dissoziation, der Achtsamkeit und des Internal Family System (IFS) nach Schwartz, wodurch ein integratives Verständnis von Trauma entsteht. Das Buch richtet sich sowohl an Therapeutinnen wie auch an Klientinnen. Die Entstehung der traumaassoziierten Selbstanteile wird als Überlebensstrategie verstanden und die Reaktionsmuster als überlebensdienliche instinktive Selbstschutzreaktionen interpretiert. Dadurch verschiebt sich der Fokus der Traumatherapie von der Konfrontation mit der Vergangenheit hin zur Beziehung zwischen den verschiedenen inneren Anteilen des Selbst. Mit viel Erfahrung und Gespür zeigt die Autorin neue Wege in der Arbeit mit komplextraumatisierten Menschen auf. Das Vorgehen wird konkret und detailliert beschrieben und mit zahlreichen Fallbeispielen anschaulich unterlegt. Im Anhang finden sich konkrete Anleitungen zum Vorgehen zur „Entschmelzung“, zum „Inneren Dialog“ etc. Heilung bedeutet nach Fisher, einen sensiblen, wertschätzenden, verständnisvollen Umgang mit den Selbstanteilen zu finden und idealerweise eine heilsame Bindung im Innensystem zu entwickeln.

Fazit

Janina Fishers Buch stellt einen bedeutenden, praxisnahen Beitrag zur modernen Traumatherapie dar, indem es neurobiologische und systemisch-psychotraumatologische Erkenntnisse auf innovative Weise verbindet. Es fördert ein mitfühlendes, integratives Verständnis des Selbst und bietet konkrete Werkzeuge zur (Selbst-)Heilung nach Fragmentierung. Damit eröffnet es Therapeutinnen und Klientinnen gleichermaßen neue Wege, Traumafolgen nachhaltig zu verarbeiten. Eine wunderbare Pflichtlektüre.

Rezension von
Prof. Dr. med. Vera Hähnlein
Professorin für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Beratung an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin
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Es gibt 4 Rezensionen von Vera Hähnlein.

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ISSN 2190-9245