Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Friederike E. von Tiedemann: Versöhnungsprozesse in der Paartherapie

Rezensiert von Prof. Dr. Konrad Weller, 24.11.2025

Cover Friederike E. von Tiedemann: Versöhnungsprozesse in der Paartherapie ISBN 978-3-7495-0622-4

Friederike E. von Tiedemann: Versöhnungsprozesse in der Paartherapie. Ein Handbuch für die Praxis Mit Videomaterial zum Download. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2024. 2. Auflage. 304 Seiten. ISBN 978-3-7495-0622-4. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

„Dieses Modulhandbuch ist geeignet, um Verzeihens- und Versöhnungsprozesse besser zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus Ratsuchenden Anregungen für ihren Weg des Verzeihens und Sich-Versöhnens zu geben. Daher finden sich in diesem Buch konkrete Interventionsbeispiele, die dazu beitragen können, den Prozess des Vergebens zu fördern.“ (Vorbemerkung)

Herausgeber:in und Autor:innen

Das Buch enthält Beiträge von acht Expert:innen auf dem Gebiet der Ehe-, Paar- und Familienberatung bzw. -therapie: J. Engl, A. Herzog, P. Kohlgraf, N. Klann, F. Thurmaier, F. v. Tiedemann, E. Scholl und N. Wilbertz. Die Herausgeberin ist Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin sowie systemisch-integrative Paartherapeutin in eigener Praxis. Sie lehrt an verschiedenen Weiterbildungsinstituten Systemisch-Integrative Paartherapie und Supervision, ist Leiterin des Hans Jellouschek-Instituts Freiburg und Lehrtrainerin.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von seiner Jahrestagung 2012 zum Thema „Vergeben und Verzeihen in Paarbeziehungen“ lud der Bundesverband Katholischer Ehe-, Familien- und Lebensberaterinnen und -berater e.V. „erfahrene Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher therapeutischer Provenienz, die sich mit dem Thema ‚Vergeben und Verzeihen‘ in ihrer therapeutisch-beraterischen Praxis ausdrücklich auseinandergesetzt haben, zu einer Arbeitsgruppe“ ein. (15) Das Modulhandbuch beinhaltet die Arbeitsergebnisse.

Aufbau

Die Publikation enthält sieben Kapitel sowie einen im Internet abrufbaren zweieinhalbstündigen Begleitfilm, der in elf Schritten und insgesamt sechzehn Szenen Möglichkeiten methodischen Vorgehens in der Versöhnungsarbeit demonstriert.

Inhalt

Im ersten Kapitel gibt Andrea Herzog einen Überblick über den Forschungsstand zur Frage „Was ist Versöhnung, was nicht?“: Sie differenziert und definiert Vergebung, Verzeihen, Entschuldigen bzw. um Entschuldigung bitten und Versöhnung. Versöhnung wird als interpersoneller Prozess verstanden, dem das individuelle Vergeben/​Verzeihen vorausgegangen sein muss. Erkenntnisse aus der Vergebungsforschung bilden den Hauptteil des Kapitels, das mit Tipps und Erfahrungen aus der beraterischen Praxis schließt.

Im zweiten Kapitel erläutern Joachim Engel und Franz Thurmaier ihr „Filter-Katalysator-Modell der Gesprächsführung in der Paarberatung“, das dem Aufbau von Vertrauen, der Ermöglichung von Verständnis und der Einleitung des Verzeihens dient. Es handelt sich um Elemente des 2016 publizierten Kommunikationskompetenz-Trainings (KOMKOM) in der Paarberatung, aus dem u.a. Interventionen zum Umgang mit Verletzungen und zu ressourcenorientierten Erleichterungen und Entlastungen dargestellt werden.

Das 3. Kapitel, verfasst von Friederike v. Tiedemann, ist das Herzstück der Publikation. Die Autorin erläutert ihr in Jahrzehnten entwickeltes erfahrungsgesättigtes strukturiertes Vorgehen bei Versöhnungsprozessen (das auch Gegenstand einer 2jähriger Weiterbildung am Hans Jellouschek-Institut Freiburg ist). Die 11 Schritte (in der Praxis in 10 – 12 Sitzungen a 90 Minuten mit dazwischen liegenden Hausaufgaben umsetzbar) werden sinnlich konkret durch das Lehrvideo untersetzt, welches idealtypisch, aber ohne künstlich zu wirken, Übungen, Vorgehensweisen, Visualisierungen, psychodramatische Elemente, Hausaufgaben und ihr strukturiertes Durcharbeiten zu den verschiedenen Themen zeigt. Als Strukturierungsgrundlage der Bearbeitung von Paarproblemen dient das 4-Ebenen-Modell von Jellouschek (in dem davon ausgegangen wird, dass insbesondere sehr beharrliche dysfunktionale Interaktionen eines Paares oft Ausdruck unerledigter Verletzungen in der Paargeschichte sein können oder noch biografisch tiefer in individuellen Erfahrungen der Partner aus ihren jeweiligen Herkunftsfamilien wurzeln). Das strukturierte Vorgehen beginnt mit der Erarbeitung eines Rahmenvertrages mit dem Paar, der Einrichtung einer verbindlichen aber entscheidungsfreien Zeitzone (i.d.R. 6–12 Monate). Danach folgen Maßnahmen, die die destruktiven Interaktionen begrenzen, in denen Vorwürfe in Wünsche verwandelt und kommunikative Teufelskreise analysiert werden (Schritte 2 bis 5). In den Schritten 6 bis 8 wird die Paargeschichte aufgearbeitet durch Visualisierung einer „Paarkurve“ mit den entsprechen Höhen und Tiefen und den damit korrespondierenden kritischen Lebensereignissen, sowie Bilanzgesprächen zu den Ressourcen der Beziehung und zu anhaltenden Verletzungen, die in einem ritualisierten Gespräch thematisiert und – bei erfolgreichem Verlauf – verziehen werden. In weiteren Kapitelabschnitten wird auf Formen von Verletzungen eingegangen sowie zu Methoden der Arbeit mit Herkunftsthemen im Paarsetting. Das Kapitel endet mit Ausführungen zu Grenzen der Versöhnung und zur Prävention von Verletzungen. Die durch die verschiedenen Autor:innen des Buches jeweils vorgestellten Methoden der Versöhnungsarbeit werden zudem den Ebenen beraterisch-therapeutischen Handelns (4-Ebenen-Modell) zugeordnet.

Das von Norbert Wilbertz verfasste Kapitel 4 widmet sich dem professionellen Umgang mit, den Versöhnungsprozess blockierenden, aus der Kindheit stammenden Erlebnis- und Verhaltensmustern (Ebene 4). Theoretische Basis ist die Transaktionsanalyse nach Berne.

Peter Kohlgraf reflektiert in Kapitel 5 das Thema Versöhnung aus christlicher bzw. theologischer Perspektive.

Die beiden abschließenden Buchkapitel sind von Notker Klann und Erhard Scholl verfasst. Unter 6. werden empirische Ergebnisse zu Bewältigungsstrategien von Paaren nach Verletzung dargestellt. Basis sind zwei 2013 und 2015 durchgeführte Fragebogenstudien an Klienten von Beratungsstellen und einer Kontrollgruppe. Weitere Diagnoseinstrumente werden vorgestellt. Kapitel 7 trägt den Titel „Versöhnung als Beziehungskompetenz“ und beschäftigt sich u.a. mit Möglichkeiten der Vermittlung von Versöhnungs- und Vergebungskompetenz im präventiven Sinne durch Bildungsangebote.

Diskussion

Wie oben bereits festgestellt, bildet die von Tiedemann in Text und Video vorgestellte strukturierte Vorgehensweise zur paartherapeutischen Anleitung von Versöhnungsprozessen den Kern des Handbuchs. Gleichwohl sind viele der dargestellten Methoden auch außerhalb eines solchen Gesamtrahmens gut einsetzbar. Umso mehr trifft das zu für die Nützlichkeit der verschiedenen theoretischen Sichtweisen der Autor:innen wie das Ebenen-Modell nach Jellouschek oder Erkenntnisse der Transaktionsanalyse (Wilbertz) bis hin zu theologischen Reflexionen. Ungeachtet ihres katholischen Entstehungskontextes ist die Publikation weltanschaulich offen und undogmatisch. Allenfalls die völlige Ausblendung des Themas Sexualität wäre kritisch anzumerken (zumal sexuelle Außenbeziehungen als Anlass für partnerschaftliche Verletzungen häufig genannt werden).

Fazit

Das vorgelegte Handbuch enthält sowohl theoretische Erkenntnisse als auch eine Fülle von sehr konkreten beraterischen Methoden, die bei der Bewältigung von partnerschaftlichen Verletzungen durch Initiierung von Vergebungs- und Versöhnungsprozessen hilfreich sein können. Da Kränkungen und Verletzungen Hauptanlässe für die Inanspruchnahmen von Paarberatung/​-therapie sind, sollten die Inhalte des Buches unter Professionellen weite Verbreitung finden.

Rezension von
Prof. Dr. Konrad Weller
Professor i.R. für Psychologie und Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg, Diplom-Psychologe (Universität Jena), Analytischer Paar- und Sexualberater (pro familia)
Mailformular

Es gibt 18 Rezensionen von Konrad Weller.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245