Andreas Heimer: „Euch nervt’s - für mich ist es sinnvoll“
Rezensiert von Alexandra Großer, 04.05.2026
Andreas Heimer: „Euch nervt’s - für mich ist es sinnvoll“. Neue Blickwinkel für schwierige Verhaltensweisen von wahrnehmungsbesonderen Kindern - Das Basissinn-Konzept®.
Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG.
(Dortmund) 2024.
352 Seiten.
ISBN 978-3-8080-0955-0.
D: 24,95 EUR,
A: 25,70 EUR,
CH: 40,40 sFr.
Reihe: Supplement: ISBN: 9783808009475.
Thema
Andreas Heimer stellt in diesem Buch das Basissinn-Konzept® vor. Ausgehend davon, dass herausfordernde Verhaltensweisen oft mit Wahrnehmungsbesonderheiten zu tun haben, nimmt der Autor die drei Basissinne in den Blick. Er zeigt auf, welche Strategien Kinder entwickeln, um mit den Herausforderungen umzugehen, die Erwachsene oft als herausfordernde Verhaltensweisen erleben. Andreas Heimer stellt verschiedene Wahrnehmungsbesonderheiten vor und zeigt pädagogischen Fachkräften, Eltern und Therapeut:innen Handlungsmöglichkeiten auf. Dabei lädt der Autor ein, verschiedene Perspektiven und Blickwinkel einzunehmen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Andreas Heimer ist Bobath-Therapeut, Therapeut für sensorische Integration, Akupressur-Therapeut, Heilpraktiker Physiotherapie und Physiotherapeut. Er ist außerdem Trainer für Inklusion und Autor. Er besitzt über 30 Jahre Erfahrung in therapeutischer und beraterischer Praxis mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Freiberuflich gibt er Seminare zu inklusiven Themen und berät Teams und Eltern.
Aufbau
Das Buch ist in zwei Teile, in insgesamt 11 Kapitel mit Vorblick und Ausblick, gegliedert. Die ersten drei Kapitel widmen sich der Theorie des Basissinn-Konzept®s. Die Kapitel vier bis zehn dem Basissinn-Konzept® in der Praxis. Im Buch selbst finden sich Illustrationen von Patrik Schoden, die mit ihren kräftigen Farben ausdrucksvoll die Themen vermitteln. Im Text selbst finden sich schematische Darstellungen, hellblau hinterlegte Kästen mit Informationen und Tabellen.
Inhalt
Mit seinem Vorblick ermutigt der Autor die Leser:innen, neugierig und offen zu bleiben sowie öfter die Blickrichtungen zu wechseln und damit verschiedene Perspektiven einzunehmen, um wieder handlungsfähig zu werden. Denn oft haben sich Teufelskreisdynamiken entwickelt, aus denen es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt. Durch den Wechsel der Blickrichtung, Offenheit und Neugierde, das herausgeforderte Kind anders wahrzunehmen, die Strategien hinter seinem Verhalten zu erkennen, besteht die Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen.
Andreas Heimer stellt mit Einblick insgesamt drei Thesen vor. Die Konsens-These zeigt auf, dass herausfordernde Verhaltensweisen von Kindern als „Kommunikations‑ und Beziehungsangebote“ (S. 11) zu verstehen sind. Mit den zwei weiteren Thesen stellt er die Hypothese auf, dass herausfordernde Verhaltensweisen oft mit Wahrnehmungsbesonderheiten zu tun haben und sich diese „gewinnbringend nutzen“ (ebd.) lassen. Die drei Thesen leiten durch das Buch. Zugleich lädt er Pädagog:innen, Therapeut:innen und Eltern ein, sich als Verhaltensdetektiv:innen zu sehen und sich mit diesem Buch und den drei beschriebenen Basissinnen auf Spurensuche zu begeben. Der Satz „Jedes Kind […] ist nach eigener Logik Expert:in für sich selbst“ (S. 13) stellt die Haltung dar, auf der das Basissinn-Konzept® basiert. Anschließend definiert der Autor, was er unter „Wahrnehmungsbesonderheit“ (ebd.) versteht.
Mit dem Röntgenblick erhalten die Leser:innen vertiefendes Wissen zur Tiefensensibilität, dem vestibulären System und taktilen System sowie dem Zusammenspiel von Gehirn und Wahrnehmung, der sensorischen Integration. Jeder Mensch verarbeitet und nimmt Reize anders wahr sowie jeder Mensch seine „persönlichen Wahrnehmungsvorlieben“ (S. 26) besitzt, die sein „Verhalten und Handeln“ (ebd.) beeinflussen. Auch wie wir Verhaltensweisen von Kindern wahrnehmen, ist individuell unterschiedlich. Damit verbunden fordert der Autor auf, sich zu überlegen, „wer eigentlich das Problem hat“ (ebd.).
Vereinfacht dargestellt nimmt das Gehirn Reize über die Sinnesorgane auf, um eine Vorauswahl zwischen unwichtigen und (lebens-)bedrohlichen Informationen zu treffen. Bedrohliche Reize werden an die Amygdala gemeldet, selbst wenn auch nur der Anschein besteht, es könnte bedrohlich sein. Insgesamt stehen der Amygdala drei Reaktionsmuster zur Auswahl: Flüchten, Kämpfen, Erstarren (vgl. S. 29). Ursächlich für die Wahrnehmungsprobleme ist die sensorische Integration, der Reizverarbeitungsprozess. Der Autor weist darauf hin, dass sich damit viele Verhaltensweisen von Kindern erklären lassen. Haben Kinder ein Reizfilterproblem, ist es für sie, wie wenn ein Verkehrschaos auf der Straße ausbricht. Zu viele Reize strömen auf sie ein, Menschen und Umwelt werden u.a. als „anstrengend, verwirrend, chaotisch, bedrohlich erlebt“ (S. 31). In der sensorischen Integrationstherapie erfährt das Kind, wie es Reize „aufnehmen, aber auch hemmen kann“ (S. 32). Damit das Kind diese Kompetenzen erwerben kann, braucht es eine an das Kind angepasste Umgebung sowie Erwachsene, die die Signale des Kindes deuten können. Unter den wahrnehmungsbesonderen Kindern gibt es Kinder, die Reize vermeiden, und Kinder, die Reize suchen. Dies hängt mit der Reizschwelle eines Menschen zusammen. Ist die Reizschwelle hoch, ist der „Mensch unterempfindlich“. Er erhält zu wenig Reize, um genügend Informationen zu bekommen“ (S. 37). Kinder suchen förmlich nach Reizen. Während Menschen, deren Reizschwelle niedrig ist, zu vielen Reizen ausgesetzt sind, bekommen sie zu viele Informationen. Sie geraten in Stress und versuchen, Reize zu meiden. Der Autor gibt zu bedenken, dass es zwar Grundtendenzen bei Kindern gibt, es jedoch auch Kinder gibt, die zwischen Reizsuche und Reizvermeidung schwanken, sowie es Kinder gibt, die „in einem Sinnbereich reizsuchend [und] in einem anderen reizvermeidend“ (S. 38) sind. Es gilt, jedes Kind individuell und in diesem Augenblick zu betrachten.
In kurzen Zusammenfassungen erläutert der Autor die „Schnittmengen“ (S. 39) des Basissinn-Konzepts® mit den pädagogischen Ansätzen der Montessori-Pädagogik, der Reggio-Pädagogik und dem Situationsansatz. Alle drei Ansätze sehen das Kind als Akteur:in seiner/​ihrer eigenen Entwicklung. Die pädagogischen Ansätze eint ein ressourcenorientierter und positiver Blick auf das Kind sowie die dialogische Haltung, sich selbst als auch das Kind als Lernende zu betrachten. In allen Ansätzen spielt auch die Raumgestaltung eine wichtige Rolle, die im Basissinn-Konzept® ebenfalls eine Rolle spielt. Verbunden mit dem Basissinn-Konzept® ist das Fit-Konzept nach Remo Largo sowie die Basale Förderung. Inspiriert ist die Haltung im Basissinn-Konzept® vom Hands-Off-Ansatz, welcher davon ausgeht, dass Kinder ihre „eigenen Lösungswege für Entwicklungsherausforderungen finden“ (S. 43). Einen weiteren Fokus legt der Autor auf die Punkte Selbstbestimmtheit, Partizipation und Selbstwirksamkeitserfahrungen und den inneren Antrieb von Kindern. Diese Perspektiven auf Kinder, die der Autor bewusst herausgreift und ausführt, decken sich mit den zuvor skizzierten pädagogischen Ansätzen und der Haltung, die leitgebend für das Basissinn-Konzept® sind.
Mit der stärkenden Nische zeigt der Autor auf, wie wichtig die Raumgestaltung, Orte und Angebote für wahrnehmungsbesondere Kinder sind. Wahrnehmungsbesondere Kinder brauchen Orte, an denen sie sich spüren dürfen und aktiv sein können, als auch Rückzugsorte, die ihnen helfen, zur Ruhe zu kommen. Sie brauchen Angebote, die ihnen helfen, sich zu regulieren. Beispiele für stärkende Nischen sind „eine Schaukel, eine Hängematte, ein Klettergerüst […], eine schwere Decke“ (S. 47) und vieles mehr. In diesem Sinne plädiert der Autor für Räume, die verschiedene solcher stärkenden Nischen bereithalten.
Anschließend beantwortet der Autor die Frage nach der Sonderrolle beziehungsweise „Ausnahmen“ (S. 51) für einzelne Kinder, die er inklusiv beantwortet. Denn Inklusion bedeutet eben auch, dass es für Kinder mit Behinderung oder wahrnehmungsbesondere Kinder passende individuelle Angebote braucht. Anhand von Beispielen erfahren die Leser:innen, wie Kinder, die individuelle Angebote erhalten, dadurch als Spielpartner:innen und Teil der Gruppe von den anderen Kindern wahrgenommen werden.
Mit dem Kapitel Blickfang beginnt der zweite Teil des Buchs „Das Basissinn-Konzept® in der Praxis“. Mit Blickfang erklärt der Autor die Handhabung des Beobachtungsbogens und im Kapitel Alltagsblick stellt er den Beobachtungsbogen mit seinen 111 Beobachtungskriterien vor. Dieser findet sich sowohl im Buch als auch, zusammen mit der Auswertung der Kriterien, im Online-Material.
Mit Neue Blickwinkel erläutert der Autor alle 111 Verhaltensweisen, die im Beobachtungsbogen aufgeführt sind, im Einzelnen. Jede aufgeführte Verhaltensweise wird einem oder mehreren Basissinnen zugeordnet und zusätzlich in Reizsuche oder Reizvermeidung eingeteilt. Unter Warum ist das so begründet der Autor die Einordnung der Verhaltensweise in die Basissinne und zeigt so Zusammenhänge auf. Mit Einfühlblicke beschreiben Betroffene ihre Strategien und Gefühle. Zu jeder Beobachtung gibt es Handlungsideen und Umgangsmöglichkeiten. Teilweise finden sich bei einigen Verhaltensweisen noch Respektblicke als Selbsterfahrungsübungen und mit Blicken über die Schulter weitet der Autor die Perspektive und fragt, was sich noch hinter der Verhaltensweise verbergen könnte, außer einer Wahrnehmung.
Aus der Vorstellung der 111 Verhaltensweisen wurden die nachfolgenden zwei Beispiele ausgewählt.
Es gibt Kinder, die „Spielplatzgeräte intensiver, länger und wilder als Gleichaltrige“ (S. 142) bespielen. Hier gibt es zwei Möglichkeiten, es könnte sich um eine vestibuläre Reizsuche handeln oder um eine propriozeptive Reizsuche. Für Kinder, die auf vestibuläre Reizsuche sind, stellen Spielplatzgeräte das perfekte Übungsfeld dar. Zugleich verhelfen „intensive vestibuläre Reize der Propriozeption zur Orientierung“ (ebd.). Eine Umsetzungsmöglichkeit besteht darin, Kindern für Hausaufgaben oder Lernen bewegliche Sitzmöglichkeiten anzubieten. Schaukeln und Hängematten können dafür ebenso angeboten werden. Als stärkende Nischen können dem Kind Spielplatzbesuche, Waldbesuche angeboten werden, wo sie sich austoben können, bevor sie länger sitzen müssen, wie beispielsweise im Stuhlkreis.
Bei Kindern, die sehr schüchtern sind, sich zurückziehen und/oder verstecken, kann es sich um eine propriozeptive Reizvermeidung, eine taktile und/oder vestibuläre Reizvermeidung handeln. Der Autor erklärt, dass Kinder „vieles in der Umwelt und auch etliche seiner Mitmenschen als unberechenbar und bedrohlich“ (S. 219) erleben. Manche Kinder suchen sich einen sicheren Ort, von wo aus sie beobachten oder sich verstecken können. Umsetzungsmöglichkeiten bestehen darin, Kindern stärkende Nischen zu schaffen, wie „kleine Zelte oder ein Karton-Haus als Rückzugsort und Versteck“ (ebd.) sowie Stressoren zu dezimieren. Mit dem Blick über die Schulter gibt der Autor zu bedenken, dass Schüchternheit auch mit dem Temperament eines Kindes zusammenhängt und es „auch schüchterne Reizsucher“ (S. 220) gibt, die in ihrem Rückzugsort ihrer „Reizsuche“ (ebd.) nachgehen, wie beispielsweise schaukeln, unter einer Gewichtsdecke liegen. Es empfiehlt sich immer auch, das Kind zu fragen, was es gerade braucht und wie eine Lösung aussehen könnte.
Der Auswertungsblick beinhaltet Auswertungsschablonen, mit denen die Beobachtungen der Kinder mit ihren Wahrnehmungsbesonderheiten eingeschätzt und ausgewertet werden können. Zum besseren Verständnis findet sich gleich zu Anfang ein beispielhaft ausgefüllter Bogen für ein Kind.
Mit Seitblick nimmt der Autor den Hör‑ und Sehsinn in den Fokus, die er ebenfalls durch die „Basissinn-Brille“ (S. 275) betrachtet. Für die Sinne Schmecken und Riechen verweist er auf die Fachliteratur, die sich ausgiebig mit diesen Sinnen befasst. Wahrnehmungsbesonderheiten können durch visuelle oder auditive Reize entstehen, die Kinder entweder versuchen zu vermeiden oder sie suchen diese. „Akustische Reizsucher“ (S. 277) suchen gezielt nach hohen oder schrillen Geräuschen oder haben besondere Klang‑ bzw. Geräuschvorlieben. „Akustische Reizvermeider“ (S. 278) erschrecken beispielsweise bei „plötzlichen (Alltags-)Geräuschen“ (S. 279), hören Töne, die andere nicht wahrnehmen, oder vermeiden Situationen mit Stimmengewirr, welches von vielen Menschen verursacht wird, wie sie beispielsweise in Schulklassen, Kindertageseinrichtungen und Restaurants vorkommen. Wie bereits bei den ausgeführten 111 Wahrnehmungsbesonderheiten finden sich auch hier Handlungsideen und Umsetzungsmöglichkeiten, die man ausprobieren kann. Bei den Ausführungen zu optischen Reizsuchern und Reizvermeidern finden die Leser:innen Verhaltensweisen, die Kinder zeigen, und Möglichkeiten, ihnen zu helfen. Sowohl bei den akustischen Reizen als auch den optischen Reizen weist der Autor darauf hin, dass hier auch medizinische Probleme vorliegen könnten, die es gilt abzuklären.
In Praxisblick gewährt der Autor Einblicke in seine physiotherapeutische Praxis mit zwei Kindern. Beschrieben werden die Therapie „eine[r] Reizsucherin“ (S. 287) und „ein[es] Reizvermeider[s]“ (S. 296) mit wertvollen Hinweisen für die pädagogische und therapeutische Praxis.
Im Ideenblick finden Leser:innen Materialien und Interventionen.
Mit Ausblick endet der Autor und ermutigt zur Inklusion, die gelingen kann und Spaß macht, wenn wir den Rahmen an und uns den Kindern anpassen.
Diskussion
Das Thema herausfordernde Verhaltensweisen bzw. Kinder oder herausgeforderte Kinder steht zurzeit im Fokus der fachlichen Aufmerksamkeit. Wer bei diesem Buch erwartet, dass herausfordernde Verhaltensweisen, wie beispielsweise treten, schlagen, Wutanfälle, sowie die passenden pädagogischen Strategien dazu beschrieben werden, wie in einem Rezeptbuch, der wird enttäuscht werden. Andreas Heimer nimmt das Buch zum Anlass, um über Wahrnehmungsbesonderheiten von Kindern aufzuklären sowie sein Basissinn-Konzept® vorzustellen. Wahrnehmungsbesondere Kinder haben oftmals Schwierigkeiten mit der sensorischen Integration verschiedener Reize. Ihre Reizschwelle ist entweder zu hoch oder zu gering. Wahrnehmungsbesonderheiten hängen meist mit den Basissinnen zusammen. Liest man sich die 111 Beobachtungen durch, erklärt sich oftmals, weshalb Kinder im Dauerstress sind. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass es nicht immer leicht ist, herauszufinden, weshalb das Kind gerade gestresst ist und was es jetzt braucht. Ein wichtiger Ansatz ist, das Kind selbst zu fragen, was es braucht. Neben den vielen Umgangsmöglichkeiten und den Hilfsmitteln, die er nennt, hat er in seinem Ideenblick viele Hilfsmittel und Interventionen aufgeführt, die als Möglichkeiten genutzt werden können, damit Kinder sich wieder wohlfühlen.
Gleich zu Beginn erklärt der Autor, dass herausfordernde beziehungsweise schwierige Verhaltensweisen Kommunikations‑ und Beziehungsangebote sind, die wir Erwachsene als solche wahrnehmen und übersetzen müssen. Wir Erwachsene sind gefordert, herauszufinden, welches Bedürfnis des Kindes hinter der Strategie steckt, und wie wir Kinder unterstützen können, wieder mehr Wohlbefinden zu erlangen. Angesichts der vielen Reize, denen Kinder ausgesetzt sind, kein einfaches Unterfangen. Andreas Heimer liefert die Beobachtungsbögen zur Wahrnehmungsdiagnostik gleich mit. Pädagogische Fachkräfte und Eltern finden darin Beobachtungen beziehungsweise Verhaltensweisen, die sich beobachten lassen.
In den 111 Beschreibungen der Beobachtung gibt es dann auch verschiedene Handlungsmöglichkeiten und Umgangsimpulse. Sehr beeindruckend ist, dass Andreas Heimer sich durchweg als Anwalt des Kindes versteht und seine Umgangsimpulse immer das Wohl und die Sichtweise des Kindes im Blick haben. Diese Perspektive des Kindes einzunehmen, ist ein wichtiger Impuls. Ein wichtiger Hinweis, denn diese Sichtweise übergehen wir oft, da zu oft auf das Verhalten des Kindes reagiert wird, anstatt die Perspektive des Kindes einzunehmen und zu fragen, was steckt hinter dem Verhalten. Hier hilft es auch, dass der Autor Betroffene zu Wort kommen lässt, die diesen Fokus nochmals gezielt auf das Empfinden des Kindes lenken. Diese Perspektive sollten wir Erwachsene viel öfter einnehmen, als auch die Anwaltschaft des Kindes übernehmen. Diese Haltung, die in dem Buch zum Ausdruck kommt, ist beeindruckend. Sie wird auch in den Praxisbeispielen deutlich sichtbar, in denen sich viele weitere Impulse finden.
Andreas Heimer gelingt es, mit seiner systemischen Sichtweise und der Perspektive auf das Kind mit seinen Wahrnehmungsbesonderheiten das Thema Inklusion zu transportieren. Indem er mit seinen Handlungsideen und Umgangsmöglichkeiten das Kind im Blick hat, welches aus dem Rahmen fällt, zeigt er in allen Beobachtungsbereichen, wie wichtig es ist, dass der Rahmen sowie das Verhalten des Erwachsenen sich an das Kind anpasst. Denn erst dadurch entsteht echte Inklusion, wenn es Nischen und Rückzugsorte für die Kinder hat, die sie selbst bei Bedarf aufsuchen können. Wenn Kinder Pädagog:innen und Sorgeberechtigte um sich haben, die ihnen durch Interventionen helfen und ihnen Hilfsmittel zur Regulation zur Verfügung stellen, lernen sie, sich selbst zu helfen. Doch dafür braucht es Erwachsene, die wahrnehmen, beobachten und Verhalten als Reizsuche oder Reizvermeidung und damit als Strategie wertschätzen lernen sowie ausprobieren und experimentieren, um mit dem Kind zusammen Lösungen zu finden. Gleichzeitig profitieren alle Kinder durch die Regulationsstrategien. Wer Kindern die Möglichkeit gibt, sich bei Überreizung zurückziehen zu können oder bei Unterreizung aktiv werden zu dürfen, nimmt sie in ihrer Individualität ernst. Dies sehen und spüren alle Kinder und haben damit ebenfalls Strategien an der Hand, mit denen sie Selbstregulation lernen. Doch dafür braucht es Erwachsene, die hinschauen, die Perspektivwechsel vollziehen und ihr Genervtsein in Interessiertsein wandeln, die zu Verhaltensdetektiv:innen werden.
Fazit
Dieses Buch ist ein Plädoyer für echte Inklusion, für Kinder mit schwierigen Verhaltensweisen und ihren Wahrnehmungsbesonderheiten. Es ist ein Buch, das die Kompetenzen der Kinder in den Blick nimmt und gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten aufzeigt, Reizsucher und Reizvermeider zu unterstützen. Den Rahmen an die Kinder anzupassen und nicht die Kinder an den Rahmen, dies gilt nicht nur für schwierige Verhaltensweisen, die Kinder aufgrund ihrer Wahrnehmungsbesonderheit zeigen, sondern für alle Kinder, deren Verhalten Erwachsene als herausfordernd empfinden.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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