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Kirsten Berger: Schulbegleithund in Ausbildung

Rezensiert von Prof. Dr. Josefine Heusinger, Selma Heusinger, 30.07.2025

Cover Kirsten Berger: Schulbegleithund in Ausbildung ISBN 978-3-8080-0950-5

Kirsten Berger: Schulbegleithund in Ausbildung. Vorbereitung & Training für einen bedürfnisorientierten Einsatz in der hundegestützten Pädagogik. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2025. 192 Seiten. ISBN 978-3-8080-0950-5. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 37,00 sFr.

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Thema

Das Buch richtet sich an alle, die sich dafür interessieren, einen Hund als Schulbegleithund einzusetzen oder dies bereits tun. Es fokussiert die Eignung und Ausbildung des Hundes auf Basis einer konsequent vertretenen bedürfnisorientierten Haltung in der Erziehung und beim Einsatz des Hundes. Die Grundlage der Bedürfnisorientierung bildet ein sicheres Verstehen des Hundes, das auf Wissen um die Kommunikation von Hunden beruht. Theoretisch fundiert und an zahlreichen konkreten Beispielen erläutert die Autorin, wie dies in der Ausbildung und in der Praxis in der Schule umgesetzt werden kann.

Autor:in

Die Autorin ist seit 2001 als Hundetrainerin tätig und anerkannte Sachverständige gemäß LHundG NRW. Seit 2008 bildet sie Schulbegleithundteams aus und weiter.

Entstehungshintergrund

Kirsten Berger beschreibt in der Einleitung ihre Motivation: Sie war bei einer online-Recherche „erschüttert, wie viele Fotos unter dem Stichwort ‚Schulhund + Kinder‘ noch immer zu finden sind, die nur als Negativbeispiel dienen können“ (S. 11), weil sie Situationen idealisieren, in denen die Grenzen von Hunden überschritten werden. Ihr Anliegen ist es, mit dem vorgelegten Buch möglichst viele Schulbegleithundteams zu erreichen, um den Einsatz in den Schulen möglichst artgemäß zu gestalten.

Aufbau

Das Buch umfasst 192 Seiten. Es ist neben der Einleitung und dem Schlusswort in 11 Kapitel gegliedert, die zwei Hauptteile bilden: Kapitel 3 bis 9 umfassen ‚Grundlagen und Voraussetzungen‘, ‚Praktische Umsetzung und Training‘ sind in Kapitel 10–13 beschrieben. Die beiden letzten Kapitel mit den praktischen Beispielen sind die umfangreichsten (43 Seiten). Der Anhang enthält ein ausführliches Glossar und Links zu Materialien und weiterführenden Informationen sowie ein kleines ergänzendes Kapitel zu Hundetraining im TV.

Inhalt

Im Vorwort von Lydia Agsten ordnet diese das Buch in die Arbeit des Qualitätsnetzwerks Schulbegleithunde e.V. ein, der sich seit vielen Jahren für die Qualität der hundegestützten pädagogischen Arbeit in der Schule engagiert.

Zu Beginn des Hauptteils ‚Grundlagen und Voraussetzungen‘ erläutert die Autorin zunächst zentrale Begriffe wie Bedürfnisorientierung, Gleichwürdigkeit und Selbstwirksamkeit (Kapitel 3). Besonderen Wert legt die Autorin auf die Gleichwürdigkeit nach Jesper Juul, der diesen Begriff für einen Erziehungsstil als Alternative zu entweder Autorität oder antiautoritär geprägt hat. Die Autorin überträgt ihn auf die Beziehung zwischen Mensch und Hund, in dem Sinne, dass die Persönlichkeit und Bedürfnisse des Hundes anerkannt werden und ihm selbstständiges Handeln zugebilligt wird. Da damit jedoch nicht die menschliche Verantwortung für das Handeln des Hundes abgegeben werden kann, ist es ihr besonders wichtig, den Hund und seine Ausdrucksweisen genau zu verstehen.

Daran schließen sich Ausführungen zu Kriterien für die Auswahl und Möglichkeiten zur Feststellung der Eignung von Hunden an (Kapitel 4). Für die Arbeit wichtige Richtlinien wie bspw. die der IAHAIO (International Association of Human-Animal-Interaction Organizations) und zu beachtende Vorschriften des Tierschutzgesetzes werden in Kapitel 5 vorgestellt.

Welche Lerntheorien (nicht nur) in der Hundeausbildung einflussreich sind und wie die Autorin sie vor dem Hintergrund der zuvor eingeführten Grundsätze beurteilt, ist im 6. Kapitel dargelegt. Die Autorin unterscheidet hier, wiederum an für Menschen entwickelten Theorien, u.a. klassische und operante Konditionierung, Verstärkung und Strafe sowie fehlerfreies Lernen als Gegensatz zum Lernen durch Versuch und Irrtum.

Der nächste Schwerpunkt (Kapitel 7) fokussiert die Feinheiten in der Kommunikation von Hunden: Was ist einladendes, was ausladendes Verhalten? Woran lassen sich Stress, Unwohlsein oder Schmerzen erkennen? Mit anschaulichen Grafiken, Bildern und Fotos lenkt sie den Blick auf die Feinheiten in Körperhaltung und Gesichtsausdruck. Besonderes Augenmerk richtet die Autorin auf das Erkennen, Vorbeugen und Bewältigen von Stress beim Hund, dem das ganze Kapitel 8 gewidmet ist.

Unter der Überschrift „Wahl und Kontrolle“ (Kapitel 9) stellt die Autorin zunächst fest, dass Hunde im Zusammenleben mit Menschen meist weitgehend fremdbestimmt sind. Unter Bezug auf psychologische Theorien zum menschlichen Bedürfnis nach Kontrolle über die Um- und Innenwelt konstatiert sie, dass Hunde dieses Grundbedürfnis teilen, und zeigt Wege auf, um Hunden durch Wahlmöglichkeiten eine gewisse Kontrolle zu ermöglichen. Anschließend werden ausführlich Beispiele vorgestellt, wie eine für das Wohlbefinden und die Gesundheit von Hunden notwendige Umgebung gestaltet werden kann (Kapitel 9.2). Die zentrale Bedeutung der Bindung von Hund und Mensch arbeitet die Autorin in Anlehnung an die Bindungstheorie von Bowlby und gestützt auf die Biophiliehypothese heraus und leitet Faktoren ab, die die Bindung positiv beeinflussen, bis „die emotionale Tasse“ (S. 89) gut gefüllt ist, sodass die Bindung durch einzelne und im Alltag manchmal unvermeidliche negative Interaktionen nicht beeinträchtigt wird.

Im zweiten Hauptteil „Praktische Umsetzung und Training“ geht es um den praktischen Einsatz in der Schule, der kleinschrittig von der Eingewöhnung bis zum Management und Notfallsignalen beschrieben wird.

Beim Thema Eingewöhnung (Kapitel 10) geht es zunächst um die Rahmenbedingungen, bspw. Raumsituation und Rückzugsmöglichkeiten, Zahl und Zusammensetzung der Kinder auch hinsichtlich Inklusion, Regelaufstellung mit den Kindern, Notfallplan. Die Eingewöhnung des Hundes, wird in kleinen Etappen genau beschrieben, denn sie bildet das Fundament für einen gelingenden Einsatz.

Ist die Eingewöhnung abgeschlossen, kann der Einsatz erfolgen. Hier unterscheidet die Autorin verschiedene Formen von einfacher Präsenz über aktive Beteiligung bis zu direkter Arbeit und gibt jeweils Beispiele und formuliert Grundregeln, die nicht nur für eine erfolgreiche Arbeit, sondern vor allem auch für das Wohlbefinden des Hundes wichtig sind (Kapitel 11).

Im 12. Kapitel sind neben Grundregeln für die Gestaltung eines Trainings einzelne Lerneinheiten genau beschrieben. Im Mittelpunkt steht der Aufbau verschiedener auch alltagsrelevanter Basissignale, u.a. zum Bleiben, Umorientieren, zur Handführung, Ankündigung und Entspannung. Wie dabei Wahl und Kontrolle praktisch umgesetzt werden können, wird abschließend u.a. am Beispiel der Aushandlung über das wann und wie lange des Streichelns erklärt.

Mit welchen Ritualen der Einsatz des Schulbegleithundes gut gerahmt werden kann und welche Signale dafür hilfreich sind, erläutert die Autorin im letzten Kapitel (13). Hier geht es sehr konkret um die Gestaltung des Einsatzes. So ist es wichtig, ein Signal zu trainieren, an dem der Hund bspw. erkennen kann, dass nun die Führung an ein Kind übergeht, indem ein Futterbeutel übergeben und an dem Gürtel befestigt wird. Wiederum gibt es Schritt-für-Schritt-Anleitungen für das Aufbauen dieser Rituale und Signale, nicht zuletzt um mit dem Hund abzustimmen, ob er einsatzbereit ist oder nicht.

Diskussion

Das Buch ist ein Realitätscheck für alle, die verantwortungsbewusst mit Hunden in der Schule arbeiten wollen. Es dürfte zwar in der Praxis schwierig sein, alle geschilderten Anforderungen zu erfüllen – nicht immer wird es möglich sein, Ressourcen für die sehr geduldige und kleinteilige Eingewöhnung oder eine zweite Person für „Notfälle“ im Hintergrund zu haben, oder auch abzusichern, dass während des Hundeeinsatzes keine Probealarme o.ä. durchgeführt werden – aber die Sensibilisierung für die Problematiken ist gleichwohl nachvollziehbar und überzeugend begründet.

Besonders gelungen sind die Ausführungen und Abbildungen, mit denen die Autorin erklärt, wie Hunde zu „lesen“ und verstehen sind. Die Beobachtungsgabe und detaillierte Beschreibung des Verhaltens und der Ausdrucksweisen von Hunden dürften auch Hundekenner*innen zu manch neuer Einsicht verhelfen und sind zweifellos die Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit, die die Bedürfnisse des Hundes berücksichtigt. Die Bedürfnisorientierung und die Gleichwürdigkeit in der Beziehung von Hund und Mensch kennzeichnen durchgängig die Haltung der Autorin. Inwiefern ihre Ableitungen und Vergleiche mit menschlichen Lerntheorien und Theorien zur menschlichen Psyche und Beziehungsgestaltung immer überzeugen können, müssen Lesende selbst beurteilen. 

Die Anleitungen für den Aufbau von Ritualen und Signalen sind praxisnah und lassen sich sehr gut umsetzen. Auch die Tipps für den Umgang und das Training von Entspannung bei einem gestressten oder aufgeregten Hund sind sehr überzeugend. Zu in der Praxis manchmal nötigen Grenzsetzungen bei unerwünschtem Verhalten des Hundes, bspw. in Reaktion auf das trotz aller Regeln manchmal unberechenbare Benehmen von Kindern, bleiben die Ausführungen eher vage. Die Gründe und Ziele für hundegestützte Arbeit in der Schule sind nicht Thema des Buches. Jenseits der Hinweise zu den nötigen Vorbereitungen mit den Kindern werden Möglichkeiten und Grenzen des Hundeeinsatzes nicht besprochen.

Bemerkenswert ist schließlich das Kapitel „Hundetrainer im TV“, in dem die Autorin sehr genau analysiert, wie geschickt in vielen dieser Sendungen verschiedene Hundebesitzer*innen angesprochen und durch die Inszenierung scheinbar einfacher Trainingsmethoden zur Anwendung von – zumindest nach Ansicht der Autorin- gewaltförmigen Erziehungsmethoden animiert werden. Hervorzuheben sind außerdem das ausführliche Glossar und die verfügbar gemachten weiterführenden Online-Ressourcen im Anhang.

Fazit

Das Buch bietet ein schlüssiges Konzept für alle, die sich für die Auswahl und Ausbildung eines Schulbegleithundes interessieren. Es ermöglicht eine gute Risikoeinschätzung, ob ein Hund (und sein Mensch) für den Einsatz geeignet ist und welche Rahmenbedingungen wirklich erforderlich sind. Die vielen, konsequent an gewaltloser Erziehung orientierten und Schritt für Schritt genau beschriebenen Trainingselemente lassen sich sehr gut in die Praxis übertragen.

Rezension von
Prof. Dr. Josefine Heusinger
Krankenschwester, Diplom Soziologin, Professorin für Grundlagen und Handlungstheorien Sozialer Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Vorstandsmitglied im Institut für Gerontologische Forschung e. V., Berlin
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Selma Heusinger
Sozialarbeiterin und Hundetrainerin
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Es gibt 8 Rezensionen von Josefine Heusinger.
Es gibt 1 Rezension von Selma Heusinger.

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ISSN 2190-9245