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Mischa Frei: Werkzeugkoffer für Systemische Beratung und Therapie

Rezensiert von Prof. Dr. Wilfried Hosemann, 07.07.2025

Cover Mischa Frei: Werkzeugkoffer für Systemische Beratung und Therapie ISBN 978-3-8080-0953-6

Mischa Frei: Werkzeugkoffer für Systemische Beratung und Therapie. Die 40 beliebtesten Methoden aus der Praxis. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2025. 168 Seiten. ISBN 978-3-8080-0953-6. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 35,60 sFr.
Reihe: Supplement: ISBN: 9783942976183.

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Thema

Das Buch bietet 40 Steckbriefe zu systemischen Methoden, auch Werkzeuge genannt, die im Zusammenhang von Beratung und Therapie eingesetzt werden können. Zwischen Arbeitstechnik und Methode wird nicht unterschieden, alle Techniken werden als Methode bzw. Werkzeug bezeichnet.

Autor

Nach Verlagsangaben ist der Autor Psychologe und arbeitet als Erziehungsberater sowie in der sozialpädagogischen Familienhilfe.

Entstehungshintergrund

Die Auswahl der „Methoden“ beruht auf einer Befragung von ca. 70 Fachpersonen nach ihrer „Lieblingsmethode“ aus den Bereichen Psychologie, Soziale Arbeit, Sozialpädagogik und Mütter- und Väterberatung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 165 Seiten und gliedert sich im einleitenden Teil in ein Kapitel zur systemischen Haltung (S. 11–13) und eine Gebrauchsanleitung für den „Werkzeugkoffer“ (15f). Auf den folgenden Seiten werden 40 Kurzdarstellungen von Werkzeugen/​Methoden päsentiert. Sie sind nach den Themenbereichen gegliedert:

  • Einstieg in die Beratung und Therapie
  • Systemische Fragen
  • Aufstellungen, Skulptur und Teilearbeit
  • Emotionen im Fokus
  • Bilder und Metaphern
  • Familie und Erziehung
  • Beim Stocken des Gesprächs.

„Die Methoden werden jeweils folgendermaßen beschrieben: Setting, Zielgruppe, Dauer, benötigtes Material, Ziele, Beschreibung der Methode, Ablauf, Variationen“ (S. 15).

Der Umfang der Darstellungen variiert zwischen einer und sechs Seiten, Icons ermöglichen eine schnelle Orientierung über Setting, Zielgruppe, Dauer und benötigtes Material. Häufig werden praktische Hinweise gegeben und Musterfragen angeboten.

Bilder, Grafiken, Schaubilder, Darstellungen und farblich unterlegte Textstellen erleichtern das Wesentliche schnell zu erfassen. Eine Literaturliste von ca. 3,5 Seiten eröffnet die Möglichkeiten, auf die zugrunde gelegte Literatur zurückzugreifen.

Am Schluss des Buches wird eine tabellarische Übersicht zu sämtlichen Methoden geboten.

Am Beispiel „Das Eisbergmodell“ (S. 113–117) sollen die Vorzüge, Ausrichtung und die Grenzen der Darstellungsweise veranschaulicht werden. Vier Icons (Einzel, Gruppe/​Kinder, Jugendliche, Erwachsene/​10-30 Minuten/​Papier, Stift) geben eine schnelle Orientierung. Drei Ziele werden genannt: 1. „Für das Verhalten eines Menschen Verständnis schaffen 2. Bedürfnisse hinter einem Verhalten erkennen 3. Ideen entwickeln, um ein Problem ursächtlicher und nachhaltiger anzugehen“ (S. 113). Dann kommt 1 Seite lang die Beschreibung der Methode und über knapp ½ Seite wird der Ablauf beschrieben. Die nächsten beiden Seiten umfassen eine farbige Abbildung eines Eisbergs, einmal als Blankovorlage mit den Überschriften Verhalten, Emotionen und Bedürfnisse und auf der zweiten Seite werden dann die Emotionen durch die Unterbegriffe (Trauer, Überraschung, Zorn, Angst, Ekel, Verachtung, Freude) und die Bedürfnisse durch die Unterbegriffe (Lustgewinn/​Unlustvermeidung, Orientierung/​Kontrolle, Selbstwerterhöhung, Bindung) exemplarisch gefüllt.

Um das Ziel zu erreichen, Verständnis für einen Menschen zu schaffen, wären Hinweise auf seinen Kontext, seine Lebenswelt und seine Lebenslage hilfreich und notwendig. Und, in der Dimension Zeit ist zu klären, welche Bedeutung der Zusammenhang von Lebenssituation und Lebensgeschichte hat. Den Fokus ausschließlich auf innerpersonelle Zustände (innere Handlungskette“, „Gefühle“, „emotionale Grundbedürfnisse“ zu richten, nimmt Unterschiede, die sich aus Geschlechterrollen, Einkommens- und Arbeitssituation, Migration oder Religion ergeben, aus dem Zentrum der Beobachtung für die Beraterin/den Berater heraus. Das Beispiel ist dem 5. Kapitel, „Bilder und Metaphern“ entnommen. Soziale Dimensionen werden in anderen Methoden deutlicher – die Aufgliederung in „Werkzeuge“ erschwert, relevante Beziehungen zusammenhängend zu erfassen. Mit der Wahl eines Werkzeuges wird indirekt eine bestimmte Perspektive bevorzugt – was nicht zu umgehen, aber zu reflektieren ist.

Diskussion

Eine Übersicht zu systemischen Arbeitstechniken, Übungen und Befragungsmethoden ist attraktiv, weckt Neugierde und erleichtert die Suche nach praktischen Möglichkeiten wirksam zu handeln. Der instrumentelle Charakter und die Verkürzung auf einzelne Aspekte sind bei einem solchen Text nicht zu vermeiden. Es macht wenig Sinn, über etwas zu klagen, was die Voraussetzung der Veröffentlichung ist.

Weil aber in instrumentellem Vorgehen und in der Selektion der Themen und Beziehungen zahlreiche Risiken stecken, erfordert gerade die Kürze und die Prägnanz von „Steckbriefen“ ein hohes Maß an fachlicher Sorgfalt und Reflexion.

Das Buch beginnt mit einem einleitenden Kapitel „Die systemische Haltung“ (2,5 Seiten) mit vier Unterabschnitten „Ursprünge“, „Das Prinzip der Autopoiese“ „Das Prinzip der Zirkularität“ und „Der Konstruktivismus“.

Die Ursprünge

Im Abschnitt „Ursprünge“ wird bereits im dritten Satz der Begriff systemische Haltung eingeführt und im Weiteren zugrunde gelegt. Verschiedene Stränge der Systemtheorie, systemische Theorien von Therapie und Beratung, systemische Ansätze und Praxis werden unter dem Sammelbegriff systemische Haltung zusammengefasst. Das irritiert, denn wenn man die Ursprünge in den Blick nimmt, wird deutlich, dass das internationale Interesse und die praktische Verbreitung nicht von der Kommunikation über Aufsätze, Bücher, theoretische Debatten und Kongresse zu trennen sind. Die einflussreiche Mailänder Gruppe um Selvini Palazzoli hat sich von den Veröffentlichungen von Bateson und der Palo Alto Gruppe inspirieren lassen. Mich persönlich, und viele andere mit denen ich zusammengearbeitet habe, hat vor allem das Buch „Paradoxon und Gegenparadoxon“ beeinflusst, auch wenn wir bei der Mailänder Gruppe ihr persönliches und fachliches Engagement, ihre beeindruckende wissenschaftliche Neugier bewundert haben. In der Zusammenführung vom Adjektiv systemisch mit dem Substantiv Haltung entsteht ein Spannungsverhältnis, das im Buch im Vorwort so definiert wird „Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass eine gute Beratung oder Therapie von der Methode abhängt. Viel bedeutsamer ist die dahinterliegende Haltung, das Menschenbild, mit dem der Berater/​Therapeut dem Klienten begegnet“ (S. 9). Die Frage, ob der Einfluss der systemischen Theorien zu einem Paradigmenwechsel mit Einfluss auf Haltungen geführt hat, oder ob die „systemischen Haltungen“ zu einem Paradigmenwechsel führten, wird vom Autor eindeutig in letzter Version beantwortet (S. 11). In der anschließend präsentierten Definition von Systemen wird der wesentliche Aspekt von lebenden Systemen nicht erwähnt, nämlich dass diese immer aus einer Einheit von System und Umwelt bestehen.

Das Prinzip der Autopoiese

Der Abschnitt beginnt mit einem Vergleich von einem Mobile mit einem System und der Behauptung, dass sich „Veränderungen an einer Stelle auf das gesamte System auswirken“ (S. 11). Nun, Systeme sind gerade deshalb so erfolgreich, weil eine Dysfunktion an einer Stelle eben nicht zur Dysfunktion des gesamten Systems führt. Weil ein Mitarbeiter einen Fehler macht, oder etwas schiefläuft, bricht eben nicht das gesamte System zusammen (siehe Firmen, Schulen, therapeutische Praxen). Im weiteren Verlauf der Argumentation wird vom Autor Bezug auf Maturana/​Varela genommen, deshalb schließe ich mich dieser Bezugsquelle an. Diese verweisen in der Fragestellung der Interaktion (S. 109) auf vier verschieden Formen von Strukturveränderungen bei strukturdeterminierten Systemen (S. 109): Zustandsveränderungen ohne Organisationsveränderungen, destruktive Veränderungen, Interaktionen mit Veränderungen der internen Organisation, destruktive Interaktionen, die zur Zerstörung der Einheit führen. Die Schlussfolgerung des Abschnitts, dass Beratern/​Therapeuten nur das Anregen oder Stören bleibt, widerspricht Maturana/​Varela, ist unterkomplex und behindert Professionelle, ihre Einflüsse sachlich und ethisch angemessen zu reflektieren.

Es wäre angemessen, von unterschiedlichen Formen der Interaktionen und Kopplungen auszugehen und die ausführlichen Darstellungen von Maturana/​Varela zur Bedeutung des MiIieus und zum Driften zu berücksichtigen, Das Zitat von Maturana/​Varela (Dennoch ist den Lebewesen eigentümlich, dass das einzige Produkt ihrer Organisation sie selbst sind, das heißt, es gibt keine Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis) ist aus dem Zusammenhang gerissen und führt in die Irre. Ein Abschnitt weiter heißt es, bei der Erläuterung der autopoitischen Systeme, das untrennbare Zusammenfallen von Sein und Tun „…bildet ihre spezifische Art von Organisation“ (S. 56). Für eine schrankenlose Ausdehnung des Begriffs der Autopoiese können Maturana/​Varela nicht herangezogen werden, denn sie wollen die Frage, ob „…Metazeller autopoietische Systeme erster Ordnung sind oder nicht, offenlassen“ (S. 99f).

Das Prinzip der Zirkularität

„Die lineare Denkweise von Ursache und Wirkung wird durch das Prinzip der Zirkularität ersetzt. … Die Frage nach der Schuld oder wer angefangen hat, wird dadurch irrelevant (S. 12).“

Was hierzu gesagt werden müsste, übersteigt den Rahmen einer Rezension bei weitem. Die Betonung zirkulärer Kommunikation war ohne Zweifel ein bedeutender Entwicklungsschritt für den systemischen Ansatz. Ein zeitloses, kontextfreies Ersetzen eines Prinzips durch ein anderes, ohne Bezug auf Beteiligte, Situationen und Beobachter, war nie ein systemischer Anspruch und ist schlicht nicht vertretbar.

Sexualisierte Gewalt an Kindern, Frauen und Männern, die Missachtung von verletztbaren Gruppen, Rassismus oder religiöse Gewalt pauschal unter dem Leitprinzip Zirkularität zu betrachten, ist nicht zu rechtfertigen. Sich Fragen nach Unterscheidungen zu stellen, die beobachtbare oder zu erwartende Folgen haben, ist notwendig und ethisch geboten. Gerade neue Kommunikationsmedien, neue Techniken technikbasierter Machtausübung in ihren sozialen Folgen zu beobachten, ist dringend erforderlich. Die einzelne Person ist immer in mehreren Rückmeldungsschlaufen eingebunden, diese als zirkulär zu klassifizieren, ist an Beobachtungen und Bewertungen gebunden. Und sie in Beziehung zu setzen, ist kein leichtes Unterfangen, z.B., die Wirkungen von Apps, in denen Magersucht gefeiert wird – und den parallelen Rückmeldeprozessen in der Familie, der Schule und in der Peergroup. 

Als ein Startpunkt, sich den Themenkreisen von Ursache und Wirkung, Schuld und Mitverantwortung zu nähern, empfehle ich den Klassiker von Kate Millet „Im Basement“ und aus systemischer Perspektive den grundlegenden Aufsatz von Eve Lipchik „Mißhandlung in der Ehe. Eine Herausforderung therapeutischer Grundannahmen“.

Der Konstruktivismus

„Das Gehirn erzeugt anhand von Sinneswahrnehmungen ein eigenes Bild der Außenwelt. Demzufolge gibt es keine objektive Wirklichkeit, kein Richtig und kein Falsch“ (S. 12).

Die Mitwirkung des Gehirns an der Erstellung unserer Wahrnehmung ist unbestritten. Wie wir die Relationen zwischen Anregungen, Erstellung unserer Wahrnehmung und deren Bewertung verstehen, ist für unser individuelles und gemeinschaftliches Leben von grundlegender Bedeutung.

In den Ausführungen von Frei ist unklar, was er mit „objektiv“ meint und warum er schreibt, dass es „kein Richtig und Falsch“ gibt. Die Sätze sind ohne Einschränkungen oder Bedingungen formuliert, – ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er die Regeln nach denen sein Auto gebaut wurde für beliebige Erfindungen hält, die Bemühungen von Philosophie und Sozialwissenschaften für Glasperlenspiele und außerhalb von richtig und falsch anordnet, sowie im Fall, dass Angehörigen seiner Familie Gewalt angetan wird, normative Wertsetzungen für überflüssig erachtet. Der Clou am Konstruktivismus ist die Verantwortung der Beobachter an den Unterscheidungen mit denen sie ihre Wahrnehmungen erstellen, nicht dass es „keine“ Wirklichkeit gibt oder die normativ-sozial geprägten Unterscheidungen von Richtig und Falsch überflüssig sind.

Maturana/​Varela (S. 264) halten eine Ethik für unentrinnbar: „Bezugspunkt dieser Ethik ist die Bewusstheit der biologischen und sozialen Struktur des Menschen. Es ist eine Ethik, die aus der menschlichen Reflexion entspringt und die die Reflexion, die das Menschliche ausmacht, als ein konstitutives soziales Phänomen in den Mittelpunkt stellt“.

In einem einleitenden Kapitel zu den systemischen Arbeitstechniken und Methoden hätten notwendigerweise ein Abschnitt zum Thema Kontext und Reflexion gehört. Kontext, weil er einer Perspektive auf die soziale Einbindung Richtung und Namen gibt und Reflexion, weil sie zu den praktischen und ethischen Grundvoraussetzungen beraterischer und therapeutischer Handlungen gehört.

Fazit

Eine Zusammenstellung von systemischen Arbeitstechniken, Übungen und Methoden stellt ein interessantes Angebot dar. Das Buch ist leider trotzdem nicht zu empfehlen, weil es im Gegensatz zum Titel die Haltung der Professionellen über alles stellt, die systemischen Fachdiskussionen ignoriert und durch nicht nachvollziehbare Vereinfachungen den professionellen und wissenschaftlichen Ruf des systemischen Ansatzes beschädigt.

Literaturliste

Maturana, Umberto/​Varela, Francisco (1987): Der Baum der Erkenntnis. Goldmann Verlag, München

Millett, Kate (1980): Im Basement. Meditationen über ein Menschenopfer. Kiepenheuer und Witsch, Köln

Lipchik, Eve (1993): Misshandlung in der Ehe: eine Herausforderung therapeutischer Grundannahmen. In: Zeitschrift für systemische Therapie, Jg. 11, H.3, S. 171–178

Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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ISSN 2190-9245