Karina Pauls (Hrsg.): Schnittstelle Kunstunterricht
Rezensiert von Svenja Rehse, 12.09.2025
Karina Pauls (Hrsg.): Schnittstelle Kunstunterricht. Skulptur – Material – Prozess.
wbv
(Bielefeld) 2024.
104 Seiten.
ISBN 978-3-7639-7725-3.
24,90 EUR.
Reihe: Schnittstelle Kunstunterricht.
Thema
Das Buch gibt einen Überblick zum Thema Materialvielfalt in der zeitgenössischen Kunst. Es beschreibt die Faszination, die Möglichkeiten und den Einsatz von Material im Kunstunterricht als Erweiterung insbesondere im Bereich der Skulptur. Dies erschließt neue Potenziale für Bildfindungen.
Es werden fünf Aspekte in Form von Aufsätzen beleuchtet. Zwei Aufsätze sind verfasst von Karina Pauls, zwei von Thomas Musehold, davon ist eines ein Interview mit ihm und ein Artikel ist geschrieben von Helena Frontzek. Das Buch bietet einen Einstieg in das weite Feld Skulptur, es verweist auf das Verfahren 3D Druck und gibt einen Überblick mit fachwissenschaftlicher Diskussion und Beispielen aus der Kunstunterrichtspraxis von (Hoch-) Schulen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Prof. Dr. Karina Pauls ist die Herausgeberin der Publikation. Sie ist Professorin für Kunst und ihre Didaktik und sie lehrt den Schwerpunkt Bildhauerei an der Universität Paderborn. Weitere Artikel sind von zwei Paderborner Fachkolleg:Innen:
Helena Frontzek ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Paderborn, sie arbeitet ebenfalls im Bereich Kunst und ihre Didaktik im Schwerpunkt Bildhauerei. Thomas Musehold arbeitet als Künstler im Bereich des 3D Drucks. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen, u.a. ist er ebenfalls beschäftigt an der Universität Paderborn im Bereich Kunst und ihre Didaktik im Schwerpunkt Bildhauerei.
Entstehungshintergrund
Die Publikation entstand am Fachbereich Bildhauerei der Universität Paderborn als Kooperation dreier Kolleg:Innen, die Kunst und ihre Didaktik lehren und dazu forschen. Prof. Dr. Karina Paul fungiert als Herausgeberin, sie hat fünf facettenreiche Aufsätze in diesem Band zusammengestellt. Darunter sind ihre eigene theoretische Herleitung und Einordnung sowie schulunterrichtlicher Praxistransfer, weiterhin ein fundierter, technikbezogener Artikel von Thomas Musehold über aktuelle 3D Druckverfahren, ihre Möglichkeiten und Grenzen im (hoch-) schulischen Einsatz, ein Interview mit dem Künstler-Dozenten Thomas Musehold und die fokussierte Darstellung ihrer Masterarbeit im Bereich der angewandten Kunstforschung zu Ovids Metamorphosen mit Fokus auf Material, Kontext und Verwandlung von Helena Frontzek.
Aufbau
Karina Pauls hat das Vorwort (7 Seiten), die Artikel „Skulptur und Prozesse im Material“ (28 Seiten) sowie „Beispiele aus der Lehrpraxis: Keramik + X“ (16 Seiten) verfasst und außerdem das Interview mit Thomas Musehold geführt.
Thomas Musehold schrieb den Artikel: „3D Druck als bildhauerisches Verfahren für den Kunstunterricht? Eine Übersicht“ (26 Seiten) und war Interview-/​Gesprächspartner für Karina Pauls zum Thema „3D Druck in Kunst und Lehre“ (9 Seiten). Helena Frontzek widmet sich in ihrem Beitrag dem Thema „Von Prozessen der Formfindung in der Keramik“ (13 Seiten). Die Publikation ist farbig bebildert. Jeder Artikel verfügt zunächst über eine Synopse und am Textende über ein umfangreiches Literaturverzeichnis und Abbildungsnachweise. Insgesamt hat das Buch 104 Seiten im DIN-A5-Format.
Inhalt
Prof. Dr. Karina Pauls bietet als Professorin und Herausgeberin den fachdidaktischen Rahmen der Publikation. Sie trägt das Vorwort und die Artikel „Skulptur und Prozesse im Material“ sowie „Beispiele aus der Lehrpraxis + X“ bei und stellt dort auch den Transfer zu Kunstunterricht, zur Rolle der Lehrperson und Begründungszusammenhänge für material- und prozessorientiertes Arbeiten im Kontext aktueller Didaktik Forschung her: im genannten zweiten Artikel beschreibt sie den Zugang zu Keramik als Prozess. Sie erläutert den Weg vom klassischen Schalen-Kneten zu didaktisch begleitete künstlerische Abstraktion (neu sehen, wahrnehmen lernen, Material verstehen) und den damit verbundenen sinnlich- ästhetischen Lerneffekt. Auch theoretisch, künstlerisch-kunstwissenschaftlich zu erforschende Inhalte sind Teil des von Karina Pauls dargestellten Prozesses und werden zu Erlebnissen und Erfahrungen, die didaktisch-methodisch bis hin zum 3D Druck weiterzuentwickeln sind.
Im Kapitel drei stellt Thomas Musehold die Einsatzmöglichkeiten des 3D Drucks umfassend dar, indem er Lesenden einen Überblick über gängige 3D-Drucker und deren Handhabung verschafft. Vor- und Nachteile, Kosten-Nutzen-Effizienz, Handhabung, Wartung, Druckmaterial, Sicherheit und Einsatz mit (Hoch-) Schulklassen werden sachkompetent und gut verständlich dargestellt. Dieser Artikel zeigt deutlich die Kenntnisse und praktischen Erfahrungswerte des Autors auf.
Karina Pauls geht in der Publikation mit dem Künstler und Dozenten Thomas Musehold im vierten Artikel in ein Fachgespräch, das dem Lesenden dessen künstlerische wie lehrende Perspektive als verschiedene Zugänge zum Werkstoff, zu Materialien und Möglichkeiten eröffnen hilft. Thomas Musehold als Künstler mit Lehrauftrag und demnach in einer Doppelrolle beschreibt seinen eigenen künstlerischen Prozess, reflektiert und beschreibt im Nachgang sein hochschulisches Lehrkonzept. Er stellt die Elemente Theorievermittlung, individuelle Recherche, Praxis und Transfer vor. Er beschreibt seinen Auftrag, 3D Druck zu vermitteln auch anhand eindrücklicher Prozess- und Werk-Beispiele seiner Studierenden.
Helena Frontzek, künstlerische Masterabsolventin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Paderborn am selben Lehrstuhl beschreibt anhand ihres Forschungsprozesses zu Ovids Metamorphosen die dazu entstandenen Keramiken. Sie macht die Aspekte der Materialkonsistenz und Veränderung/Veränderlichkeit im Prozess und der Abstraktion und Verwandlung deutlich. Auch die Farbe als ergänzender Materialeinsatz wird thematisiert. Konsequent bleibt der Kontext und Bezug zur ursprünglichen Mythologie bestehen, verändert sich aber im künstlerischen Prozess stark und wird im Artikel reflektiert und ausgewertet.
Diskussion
Die Artikel der Publikation „Schnittstelle Kunstunterricht: Skulptur – Material – Prozess“ sind wissenschaftliche Beiträge dreier Kolleg:Innen der Universität Paderborn. Alle arbeiten im Bereich Kunst und ihre Didaktik zum Schwerpunkt Bildhauerei. Die fachwissenschaftliche Auseinandersetzung fokussiert neben einer Herleitung aus der zeitgenössischen Kunst insbesondere 3D Druckverfahren, die ausgelotet und in ihren Möglichkeiten und Grenzen vorgestellt und analysiert werden. Konsequent werden Informationen und Kriterien zusammengetragen, nebeneinandergestellt und letztlich immer ein Anwendungstransfer für den (Hoch-) Schulunterricht und dessen Kontext hergestellt.
Karina Pauls leitet souverän in das Thema ein und gibt einen wertvollen Überblick über Materialien in der zeitgenössischen Kunst. Sie wirft kunstgeschichtlich auch einen Blick zurück. Kunstgeschichte, zeitgenössische und zukunftsorientierte Kunstdidaktik werden so eng miteinander verknüpft und sachlogisch geschickt und gut lesbar aufbereitet.
Anspruchsvolle, auch technisch basierte Themen des 3D Drucks werden sehr gut verständlich aufbereitet und sind hilfreich und nützlich für Fachlehrerende, die sich dieser Verfahren bedienen wollen. Insbesondere die Bewertungen zu Anschaffungskosten, Einsatzmöglichkeiten aber auch Materialhandhabung, Sicherheitsaspekte und Wartungskosten werden sehr transparent und kompetent vermittelt. So kann z.B. dieses Kapitel Thomas Musehold „3D Druck als bildhauerisches Verfahren für den Kunstunterricht? Eine Übersicht“ auch zu einer Kaufentscheidung beitragen und zudem wertvolle Hinweise für Unterrichtspraxis antizipieren helfen.
Sein Gespräch mit Karina Pauls in Form eines Interviews bietet Einblicke in Kunstpraxis und seine Auslotung der Rolle als Künstler und/oder Dozent.
Ein exemplarisch genannter, eigener künstlerischer Entstehungsprozess des Werkes „Kaupe“ verdeutlicht das Spannungsfeld und die Reflexion des Materialeinsatzes und zeigt den künstlerischen Prozess auf sehr persönliche Weise.
Das Gespräch widmet sich seiner hochschulischen Lehre. Thomas Musehold legt Schwerpunkte seiner fachdidaktischen Herangehensweise zwischen Forschung, Theorie, Recherche und Kunstpraxis offen und gibt detaillierte, konkrete und inhaltlich eindrucksvolle Beispiele aus seiner Arbeit mit 3D Druckverfahren mit Studierenden und deren Werken. Diese sind nicht abgebildet.
Als Dritte im Bunde zeigt Helena Frontzek in ihrem Artikel „3D Druck in Kunst und Lehre“ ihren Prozess der skulpturalen Abstraktion und das Finden neuer plastischer Formen in der Keramik auf, die nicht naturorientiert abbilden. Diese Formsuche wird anhand ihrer künstlerischen Masterarbeit „Aktualisierung von Ovids Metamorphosen“ mittels Verformung, Verwandlung und Veränderung eindrucksvoll dargestellt und bebildert. Auch Farbe (Glasur bzw. Auftrag von Flip-Flop-Lack nach dem Brand) wird werkspezifisch definiert, erläutert und in den Prozess sinnvoll eingebracht. Wiedererkennung und Verfremdung, Verwandlung und Verformung sowie Möglichkeiten des Materials Ton im Prozess (weiches Knetmaterial, hartes gebranntes Unveränderliches Werkstück nach dem Brand) gehen im Kontext von Metamorphosen in diesem Aufsatz/dem Extrakt der Masterarbeit ein vielschichtiges Wechselspiel ein und befruchten sich gegenseitig. Der Bezug zur klassischen griechischen Mythologie wird im Werkprozess konsequent hergestellt, theoretisch verknüpft und im Text transparent vermittelt. Auch die Zuordnung und Verweise auf Kunsthandwerk und Künstlerische Praxis mit Übergängen von dekorativer Gebrauchskeramik zu Kunstwerken werden beispielhaft anhand von Werken Grayson Perrys und Ai Weiweis u.v.a. hergeleitet und bieten vertiefte Einblicke in das bildhauerische zeitgenössische Kunstschaffen.
Fazit
Die Publikation „Schnittstelle Kunstunterricht: Skulptur – Material – Prozess“ versammelt fachlich fundierte und inspirierende Aufsätze dreier Kolleg:Innen der Universität Paderborn im Bereich Kunst und ihre Didaktik/​Bildhauerei. Mit Blick auf Kunst und Lehre werden kunsthistorische Rück- und Einblicke und zeitgenössisch-zukunftsweisende Einsatzmöglichkeiten im Spannungsbogen klassischer Werkstoffe (z.B. Keramik) ausgelotet und erweiterte technische Möglichkeiten (3D Druck) skizziert. Vielschichtige kunst-/​theoretische, technische und praxisorientierte Verknüpfungen werden geboten, sie sind zu einer informativen, kompakten, wissenschaftlichen Handreichung zusammengestellt.
Rezension von
Svenja Rehse
M.A., Dozentin Pädagogik (Fach-/Hochschulen) und Kunsttherapie
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