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Sigrun Eder, Scarlett (Illustrator) Müller-Mangelberger: Zurück in die Schule

Rezensiert von Dipl. Päd. Martin Zauner, 18.09.2025

Cover Sigrun Eder, Scarlett (Illustrator) Müller-Mangelberger: Zurück in die Schule ISBN 978-3-99082-157-2

Sigrun Eder, Scarlett (Illustrator) Müller-Mangelberger: Zurück in die Schule - Hindernisse überwinden und wieder regelmäßig am Unterricht teilnehmen. Band 39 der Original SOWAS!-Reihe. edition Riedenburg e.U. (Salzburg) 2024. 92 Seiten. ISBN 978-3-99082-157-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,50 sFr.

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Thema

Schulvermeidung ist ein vielschichtiges Phänomen, das selten monokausal erklärbar ist. Kinder und Jugendliche, die dem Unterricht fernbleiben, tun dies in der Regel nicht aus bloßer Unlust. Vielmehr spiegeln sich darin Ängste, Überforderung, familiäre Belastungen oder strukturelle Defizite im schulischen System wider. Für pädagogische Fachkräfte ergibt sich daraus die Herausforderung, diese Hintergründe zu erkennen und nicht vorschnell zu bewerten oder zu sanktionieren.

In der Fachliteratur (etwa Knollmann et al. 2010) hat sich beispielsweise folgende Typologie etabliert, die auch für die Praxis handlungsleitend sein kann:

  • Schulangst bezeichnet die Furcht vor konkreten schulischen Situationen, etwa Prüfungen, sozialen Konflikten oder Mobbing.
  • Schulphobie ist meist trennungsbedingt und richtet sich weniger gegen die Schule als Institution, sondern gegen die emotionale Distanz zu Bezugspersonen.
  • Schulschwänzen hingegen erfolgt bewusst und ohne Angstkomponente, oft als Ausdruck von Protest, Ablehnung oder sozial auffälligem Verhalten.

Eine vergleichbare Typologie beschreibt auch Ricking.

Der im Folgenden rezensierte Band 39 aus der SOWAS!-Sachbuchreihe richtet sich primär an Kinder mit schulängstlichem Hintergrund. Er nimmt deren subjektive Sichtweise ernst und bietet praxisnahe Impulse für eine gelingende Rückkehr in den schulischen Alltag. In diesem Verständnis ist Schulverweigerung kein disziplinarisches Problem, sondern eine pädagogische Aufgabe (vgl. Ricking). Es geht um Beziehungsarbeit, um das Wiedergewinnen von Vertrauen und letztlich natürlich auch um die Frage, wie Schule so gestaltet werden kann, dass sie nicht als Bedrohung, sondern als entwicklungsfördernder Wohlfühl-Raum erlebt wird.

Autor:in oder Herausgeber:in

Sigrun Eder ist Klinische und Gesundheitspsychologin sowie Psychotherapeutin. Sie arbeitet seit vielen Jahren mit Kindern und Jugendlichen und bringt ihre Erfahrung sowohl aus der Praxis als auch aus der Forschung in die SOWAS!-Sachbuchreihe ein, deren Begründerin und Hauptautorin sie ist.

Scarlett Müller-Mangelberger ist Mediengestalterin und Illustratorin. Seit 2017 arbeitet sie für Verlage mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendbildung. Neben der Illustration entwickelt sie auch eigene Geschichten und bringt dabei ihre kreative Handschrift in die SOWAS!-Reihe ein.

Entstehungshintergrund

Seit 2008 vermittelt die SOWAS!-Sachbuchreihe von Edition Riedenburg Kindern und Jugendlichen psychologisches Wissen auf einfühlsame, kreative und fachlich fundierte Weise. Entwickelt von der Psychologin Sigrun Eder, kombinieren die Bücher illustrierte Geschichten mit Mitmachseiten zu Themen wie Trauer, ADHS oder psychischen Belastungen in der Familie. Sie richten sich direkt und persönlich an ihre jungen Leserinnen und Leser und möchten dazu ermutigen, sich aktiv mit eigenen Gefühlen und Gedanken auseinanderzusetzen. Die Mitmachseiten laden dazu ein, diese kreativ auszudrücken, etwa durch Schreiben oder Zeichnen, und fördern so Selbstreflexion und Bewältigungskompetenz.

Aufbau

„Zurück in die Schule – Hindernisse überwinden und wieder regelmäßig am Unterricht teilnehmen“ ist Band 39 der SOWAS!-Sachbuchreihe. Der Titel folgt dem typischen Aufbau der Reihe: Den Einstieg bildet eine einfühlsame Geschichte aus Kindersicht, gefolgt von interaktiven Mitmach-Seiten, die zur Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit dem Thema Schulvermeidung anregen.

Inhalt

Die Kindersicht in diesem Band ist die Sicht von Ben, Protagonist und zugleich Identifikationsfigur für junge Leser*innen. Zwar wird sein Alter nicht explizit genannt, doch vieles spricht dafür, dass Ben ein Junge im Alter zwischen etwa zweiter und siebter Klasse ist. Er möchte nicht mehr zur Schule gehen, weil er im Schwimmunterricht gehänselt wird, im Deutschunterricht mit dem Partizip II kämpft und in der Pause lieber über Mangas spricht, als Fußball zu spielen. Ben wird ausgegrenzt, gepiesackt und vermutlich auch gemobbt. Doch er hat es geschafft. Mit Unterstützung seiner Eltern, der Psychologin Frau Selig und nicht zuletzt durch eigene Kraft findet er zurück in den Schulalltag. Nun möchte er anderen Kindern helfen, denen es ähnlich geht, wie es ihm selbst ergangen ist.

Gleich zu Beginn wendet sich Ben direkt an seine Leserinnen und Leser: „Hallo du! Warst du schon längere Zeit nicht mehr in der Schule? Dann steckst du wohl ordentlich in der Klemme! Schulvermeidung fängt meistens damit an, dass du nur ein paar Stunden fehlst, dich vom Unterricht abmeldest und zu Hause bleibst …“ (4). Ben erzählt, dass seine Schulvermeidung der Beginn eines Teufelskreises war. Natürlich konnte er sich durch sein Fernbleiben akuten Belastungen in der Schule entziehen. Und zu Hause war es anfangs ja auch ganz angenehm. Aber sollte das die Lösung seiner Probleme sein? Was würde er dadurch langfristig gewinnen? Die Eltern sind ratlos und vermitteln Ben an die Psychologin Frau Selig. Gleichzeitig zeigen sie Konsequenz und gestalten das Alternativleben zu Hause zunehmend unbequem – das eine und das andere, denn sonst gesellt sich zur Schulangst womöglich noch ein klassisches Schulschwänzen dazu.

Ben schließt seine Kindersicht mit den Worten: „Ich habe meine Gedanken umprogrammiert und lasse mich von der Angst nicht mehr einsperren. Ich bin mutiger geworden und traue mich wieder in die Schule – egal, was dort passiert.“ (28)

Im Anschluss an Bens Geschichte folgen 44 „Mitmach-Seiten“ – teils doppelseitig angelegt –, die die jungen Leser*innen zur aktiven und individuellen Auseinandersetzung mit der eigenen Situation einladen. Sie sollen dabei helfen, den eigenen Problemen auf die Spur zu kommen und passende Lösungswege zu entwickeln.

Die Mitmach-Seiten führen Kinder Schritt für Schritt durch ihre schulbezogenen Herausforderungen. Sie helfen, eigene Stärken zu erkennen, Probleme zu benennen und Muster zu verstehen, von Ängsten über körperliche Beschwerden bis hin zu sozialen Konflikten und motivationalen Aspekten. Mit klaren Fragen, Skalen und kreativen Impulsen soll so ein persönliches Bild der Situation entstehen. Auch therapeutische Optionen und Zukunftsperspektiven werden thematisiert. Ziel ist es, die Selbstwahrnehmung zu stärken und lösungsorientiert konkrete, individuelle Wege zurück in den Schulalltag zu entwickeln.

Diskussion

„Zurück in die Schule – Hindernisse überwinden und wieder regelmäßig am Unterricht teilnehmen“ richtet sich an Kinder, die die Schule wegen einer Schulangst verweigern. Und ja, es geht in erster Linie um Kinder. Stil und die Erzählweise, insbesondere die Ich-Perspektive von Ben, die kindgerechte Sprache und die Mitmach-Seiten mit Zeichnungen und Skalen, sprechen, obwohl das nicht explizit formuliert wird, deutlich für eine Zielgruppe im Grundschul- bis frühen Sekundarstufenalter, also etwa 8 bis 12 Jahre. Für Jugendliche in der Pubertät (13+) könnte das Buch inhaltlich-thematisch zwar auch noch relevant sein, aber die Darstellung wirkt für diese Altersgruppe möglicherweise zu kindlich. Die Identifikation mit der Figur Ben und den Illustrationen könnte dadurch erschwert sein.

Insbesondere Kinder also: Diese werden vom Protagonisten Ben persönlich angesprochen, indem er ihnen seine ganz eigene, persönliche Geschichte erzählt, die gleichermaßen aber nicht einzigartig und exotisch ist, sondern sehr vergleichbar mit den Geschichten vieler anderer Betroffener mit Schulangst. Denen wird auf diese Weise vermittelt, dass sie eben nicht allein sind mit ihren Problemen und Ängsten. Ben dient hier als Identifikationsfigur und in seinem Weg aus dem Problem bzw. der Angst als Modell.

Die Geschichte von Ben zeigt, wie sich Ängste und negative Erfahrungen zu einem Teufelskreis entwickeln können. Schon im Vorwort des Buches wird deutlich, worum es geht: „Ich habe bemerkt, dass Schulvermeidung in Wirklichkeit ein Problem-Maximierer ist“, sagt dort Ben. Dieser Satz bringt die zentrale Botschaft des Buches auf den Punkt und lädt dazu ein, sich den eigenen Herausforderungen aktiv zu stellen.

Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass sich betroffene Kinder wirklich selbstständig mit diesem Buch befassen? Nach Ansicht des Rezensenten ist das ziemlich wahrscheinlich, vorausgesetzt natürlich, dass diese Kinder irgendwie erfahren, dass das Buch existiert. Allein der Leidensdruck dürfte entsprechend wirken – auch die Neugier. Und daneben ist das Buch wirklich nett gestaltet: Querformat 21 x 15, mit 92 Seiten überschaubar dünn, davon 12 ganzseitige Farbbilder, die Bens Geschichte ansprechend illustrieren. Die ebenso ansprechenden Mitmach-Seiten laden dazu ein, sich mit den eigenen Gefühlen, Gedanken und möglichen Lösungswegen auseinanderzusetzen.

Auch wenn sich das SOWAS! – Sachbuch „Zurück in die Schule – Hindernisse überwinden und wieder regelmäßig am Unterricht teilnehmen“ direkt an Kinder mit Schulangst und vielleicht auch mit Schulphobie richtet und diese persönlich anspricht, bedeutet das natürlich nicht, dass sie das Buch nicht noch viel besser und wirksamer zusammen mit Eltern, Sozialpädagog*innen, Therapeut*innen oder anderen Vertrauenspersonen u.ä. durcharbeiten – wenn sie das denn möchten. 

Fazit

Zurück in die Schule – Hindernisse überwinden und wieder regelmäßig am Unterricht teilnehmen“ ist Band 39 der SOWAS!-Sachbuchreihe. Er richtet sich direkt an Kinder mit Schulangst und spricht diese persönlich an, um sie dazu zu ermutigen, sich ihren Herausforderungen zu stellen und den Weg zurück in den Schulalltag zu finden. Ja, es könnte etwas bewirken, es könnte funktionieren … einen Versuch ist es in jedem Fall wert.

Rezension von
Dipl. Päd. Martin Zauner
Dipl.Päd.(univ), Dipl.Sozialpäd.(FH), Mediator (BM), AkadOR an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (Lehrgebiete: Gruppenarbeit, Teamführung /-entwicklung, Mediation, Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Schulsozialarbeit)
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Es gibt 18 Rezensionen von Martin Zauner.

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ISSN 2190-9245