Johanna Rahner, Maria Elisabeth Aigner et al. (Hrsg.): Die Kunst zu leben
Rezensiert von Prof. Dr. Thomas Hanstein, 01.05.2026
Johanna Rahner, Maria Elisabeth Aigner, Franz Feiner, Iva Nezic Glavica et al., Hans Reitbauer (Hrsg.): Die Kunst zu leben - zum Menschsein befreien. Integrative Gestaltpädagogik in ihren vielen Facetten und Möglichkeiten. 3. Europäischen Kongress für Integrative Gestaltpädagogik und heilende Seelsorge.
EHP – Verlag Andreas Kohlhage
(Gevelsberg) 2024.
208 Seiten.
ISBN 978-3-89797-159-2.
D: 24,99 EUR,
A: 25,70 EUR.
Reihe: EHP - Edition Humanistische Psychologie.
Thema
In diesem Sammelband sind Vorträge, Workshops und Forschungsbeiträge des 3. Kongresses für Integrative Gestaltpädagogik und heilende Seelsorge gebündelt und strukturiert aufbereitet. Die Bandbreite der Beiträge erstreckt sich von aktuellen Themen, über Forschungsergebnisse bis zu Reflexionen aus der pädagogischen und seelsorglichen Praxis.
Herausgeber:innen
Iva Nezic Glavica, Dr., Dozentin für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät Ljubljana, Leiterin des Instituts für applikative Theologie, Gestaltpädagogin und Trainerin Hans Reitbauer, M.A., Religions‑ und Gestaltpädagoge:in, Pastoralpsychologe:in, Künstler:in und Galerist:in Hans Neuhold, Prof., Religionspädagoge:in und Psychotherapeut:in, Professor:in für Religionspädagogik und Religionsdidaktik an der Privaten Pädagogischen Hochschule Augustinum in Graz, Leiter:in des Instituts für Religionspädagogik & Interreligiösen Dialog
Entstehungshintergrund
Der österreichische Theologe und Pädagoge Albert Höfer begründete in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die „Integrative Gestaltpädagogik und heilende Seelsorge“. Zwei wesentliche Grundbegriffe dieses Ansatzes finden sich bereits programmatisch im Titel dieses Fachbuches von Glavica, Reitbauer & Neuhold: „Lebenskunst“ und „Befreiung“. Im Untertitel ist die Intention des Sammelbandes eingefangen: viele Facetten und Möglichkeiten dieses Ansatzes zu bündeln und vorliegend aufzuzeigen. Die Intention der Herausgebenden ist es, „unter den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen fluider postmoderner Lebenswelten (…) und der dazugehörigen Krisen“ (S. 7) befreiende Lebens-Kunst-Visionen zu entwickeln, die für das 21. Jahrhundert tragbar sind und insbesondere Heranwachsende in der Konfrontation mit „diffizilen Formen der Entfremdung zu stärken und gangbare Schritte und Wege einer befreienden Kunst des Lebens zu entdecken“ (S. 7). Auf dem 3. Kongress für Integrative Gestaltpädagogik vom 11.-13. August 2023 wurden hierzu innovative Gedanken präsentiert und unter Fachleuten diskutiert. Vorliegend sind die Ergebnisse für die Öffentlichkeit aufbereitet worden.
Aufbau und Inhalt
Das Buch besteht aus drei großen Abschnitten: Im ersten finden sich sechs wissenschaftliche Beiträge, die aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema blicken: Johanna Rahner unter dem Titel Leiblichkeit und Befreiung, Maria Elisabeth Aigner mit dem Spannungsverhältnis aus Freiheit und Mut, Franz Feiner mit einer Einladung zur Dankbarkeit für geschenktes Leben, Iva Nezic Glavica mit dem Thema Entfremdung und Digitalität, Stanko Gerjoli mit einem Rekurs auf biblische Beziehungsdynamiken und Hans Neufeld mit einem Plädoyer für Bildung als Befreiung zum Menschsein. Im zweiten Abschnitt sind praxisbezogene und theoriegeleitete Reflexionen auf das Thema „Die Kunst zu leben – Zum Menschsein befreit“ versammelt. Hier finden sich Beiträge von Valeryia Saulevich, Iva Inkovic Ivanisevic, Katja Jarc und Valerija Sventina Klancnik. Der dritte Abschnitt beschließt den Sammelband unter der Überschrift „Aus der Praxis für die Praxis“. Hier kommen Ursula & Joachim Hawel, Ludger Hoffkamp, Mateja Centa Strahovnik, Katja Jarc sowie Franziska Wagner-Lutz und Maria & Ronald Schönmayr zu Wort. Verbindende Schlagworte sind: Vertrauen, Achtsamkeit und Sinn.
Diskussion
Der thematische Spannungsbogen des Sammelbandes, von dem im Grunde alle Artikel in ihren speziellen Kontextualisierungen geprägt sind, wird in den beiden eröffnenden Beiträgen gezogen: Mit einem steilen theologisch-anthropologischen Aufschlag steigt Johanna Rahner unter ihrem Titel „Leiblichkeit und Befreiung. Menschwerdung als Herausforderung und Verheißung“ ein. Sie reflektiert darin, vor der rhythmischen Schablone des Kirchenjahres, sachte Spuren einer leiblichen Spiritualität in der Liturgie und plädiert für eine inkarnatorische Theologie als Wesensbestimmung des Christentums. Ambivalenzen und Ambiguitäten, die dieser Ansatz „unter den Bedingungen einer durchökonomisierten späten Moderne“ (S. 25) mit sich bringt, übersieht die Autorin nicht. Und so beendet Rahner ihren Eröffnungsbeitrag konsequenterweise auch nicht mit der Osterzeit, sondern mit dem Karfreitag – den Wunden am Kreuz: Durch das Zeigen und Feiern dieser Seite des Menschlichen sei es erst möglich, die eigenen Verletzungen und Narben einzugestehen und offenzulegen. Denn die Gestalt der Inkarnation sei „nicht machtvoll, nicht schön“, nein, sie mache „schutzlos, angreifbar und vulnerabel“ (S. 25). Aber erst dadurch berühre sie zutiefst – und mache Veränderung und letztlich Heilung möglich. Hoffentlich möchte man ergänzen, insbesondere mit Blick auf den zweiten Beitrag: In diesem wendet Maria Elisabeth Aigner den Vulnerabilitäts-Aspekt direkt an: ausgehend von den Tausenden Missbrauchserfahrungen in der Kirche und dem damit zusammenhängenden Erleben von Ohnmacht, Ausgeliefertsein, Isolierung und Entfremdung. Die Autorin skandiert in ihrem Haupttitel „Freiheit braucht Mut!“ und deutet in ihrem Untertitel ihre Zielsetzung an, „Pastoralpsychologische Kartierungen zu einem geschlechtergerechten Leben in Würde“ vornehmen zu wollen. Es gebe keinen Weg an der Analyse von Machtdynamiken vorbei, um lebensfeindliche Tendenzen, die einer befreienden Lebenskunst entgegenstehen, zu entlarven. Dabei sei die Genderkategorie unerlässlich, ebenso die feministische Theologie. Der theologische und pastoralpsychologische Blick der Autorin richtet sich aber nicht nur auf diejenigen, denen ein Leben in Würde und Freiheit verhindert wurde (und wird), sondern auch auf in der Seelsorge und Beratung Tätige. Aigner erinnert eindrücklich an den (immer vorherrschenden) fragmentarischen Charakter des Lebens und appelliert dazu, gerade darin eine Ressource zu sehen: „Wir tun gut daran, unsere Verletzlichkeit zu nutzen, anstatt sich ihr entgegenzustemmen. Wir sind nicht nur Opfer unserer Umgebung, sondern wir können immer reagieren: Mit Kraft und Anmut.“ (S. 40)
Gelingendes Leben versus lebensfeindliche Kontexte, und wie der Wechsel der Perspektive oder der Haltung dazu beitragen kann, davon handeln allen folgenden Beiträge des Fachbuches, aus jeweils verschiedenen und durchaus spannenden Blickrichtungen. Rekurse auf namhafte und hier relevante Klassiker fehlen nicht, so finden sich gut eingepasste Querverweise beispielsweise auf Hannah Arendt, Michel Foucault, Anselm Grün, Hartmut Rosa oder Manfred Spitzer. Gerade mit den beiden Letztgenannten Rosa und Spitzer wäre auch eine weiterführende Anschlussfähigkeit in allgemein‑ und auch berufspädagogische Fachbereiche möglich, die an der einen oder anderen Stelle des Sammelbandes durch ein wenig zu viel Fachtermini aus der pastoraltheologischen und gestaltpädagogischen Bubble verhindert werden könnte. Zur Leserfreundlichkeit wünschenswert wäre auch ein Abschluss (Bündelung, Fazit und Ausblick) der Herausgebenden als Quintessenz.
Fazit
Der Sammelband ist eine leidenschaftliche Reminiszenz, dass erfülltes Leben etwas anderes ist als volles Leben. Gute Antworten auf Fragen nach einer erfüllenden Lebenskunst zu finden, ist in der aktuellen krisenhaften Zeit eine große Herausforderung. Die theologischen, gestaltpädagogischen und psychologischen Erörterungen und Reflexionen im vorliegenden Sammelband sind dazu eine brauchbare Hilfe. Eine neue Dimension – und epochale Symbolik für die Verletzlichkeit des Lebens – hat sich mit dem, zeitlich nach dem Kongress in Slowenien eingesetzten, Russland-Ukraine-Krieg eingestellt, damit stehen integrative Gestaltpädagogik und heilende Seelsorge in einem neuartigen Kontext – und müssen ihre Relevanz und Identität auch unter diesen existenziellen Ausgangslagen bewähren und eine adäquate Fortschreibung der Thematik im Kontext von Krieg, Flucht und Traumata wäre insofern wünschenswert.
Rezension von
Prof. Dr. Thomas Hanstein
Theologe und Pädagoge; Diakon und Berufsschul- sowie Hochschullehrer; wissenschaftlicher Leiter am Lehrerseminar; Studiengangsleiter; Business-, Team und Lehrcoach; Buchautor
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