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Marina Böddeker, Thomas Hehlmann (Hrsg.): Gesundheit in der Postmoderne

Rezensiert von Christian Rademacher, 05.08.2025

Cover Marina Böddeker, Thomas Hehlmann (Hrsg.): Gesundheit in der Postmoderne ISBN 978-3-8376-6584-0

Marina Böddeker, Thomas Hehlmann (Hrsg.): Gesundheit in der Postmoderne. Transdisziplinäre Perspektiven auf Public Health. transcript (Bielefeld) 2024. 280 Seiten. ISBN 978-3-8376-6584-0. D: 44,00 EUR, A: 44,00 EUR, CH: 53,70 sFr.
Reihe: Gesundheit, Kommunikation und Gesellschaft - 1.

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Thema

Die Diskursgrenzen der Public Health sind perforiert und entfalten komplementäre Perspektiven auf ein postmodernes Verständnis von Public Health. Die Demarkationslinien verschieben sich sukzessive und verlangen einen integrativen Blick in die angrenzenden Disziplinen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Annahme, dass durch die derzeitigen engen Definitionsgrenzen der Blick auf Gesundheit in einem gesamtgesellschaftlichen Verstehenshorizont eingeschränkt ist. Um die harte Schale der definitorischen Demarkation zu durchbrechen, öffnen die Herausgeber:innen mit ihrem Buch die Bühne für bisher ungehörte Fachdisziplinen. Dabei ist der Band keineswegs nur ein Aufruf, sondern praktiziert selbst das, was er propagiert: Die versammelten Beiträge stammen aus einer Vielzahl akademischer Disziplinen, die bislang kaum mit Public Health in Verbindung gebracht wurden – von der Ägyptologie über die Musikphysiologie bis hin zur Theaterwissenschaft und Innenarchitektur.

Autor:innen

Marina Böddeker (Dr. phil.) arbeitet an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielfeld als Academic Lecturer in den Themenschwerpunkten Kommunikation, Medien, Berufspraxis und Journalismus. Nebstdem ist sie als Referentin für Wissenschaftskommunikation sowie als freie Moderatorin, Sprecherin und Trainerin tätig.

Thomas Hehlmann (Dr. PH) arbeitet an der Universität Bremen als Lecturer für Gesundheitskommunikation und Health Literacy. Seine ausgewiesenen Forschungsschwerpunkte sind neben der Gesundheitskommunikation, Palliative Care und Health Humanities.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber:innen verfolgen mit ihrem Buchprojekt den Versuch einer Integration von bisher ungehörten akademischen Fachdisziplinen, welche keinen genuinen gesundheitswissenschaftlichen Bezug aufweisen. Der Ansatz rekurriert auf Überlegungen zur „Health Humanities“. Für eine definitorische Einkreisung dieses terminus technicus konnten die Herausgeber:innen Lise Saffran gewinnen (siehe Aufbau/Inhalt).

Aufbau

Der Herausgeber:innenband gliedert sich in 12 Artikel.

  • Ein postmoderner Blick auf Public Health (M. Böddeker & T. Hehlmann)
  • Der Linguistic Turn in den Gesundheitswissenschaften (T. Hehlmann & M. Böddeker)
  • Gesundsein und Kranksein im Verhältnis zu Anderen. Probleme der „Lebbarkeit“ menschlichen Lebens in der Gefahr ihrer institutionellen Enteignung (B. Liebsch)
  • Gesundheit und Krankheit im Spiegel von Anthropologie, Bioarchälologie und Evolutionärer Medizin (K.W. Alt & S. Pichler)
  • Gesundheit und Gesundsein im Alten Ägypten. Annährung an einen fragilen Zustand (S. Radestock)
  • „De conservanda valetudine“ – Über die Erhaltung der Gesundheit. Frühneuzeitliche Perspektiven auf Gesundheitswissen für eine historische Reflexion auf Gesundheit in der Postmoderne (M. Wittmaack)
  • Popularmusikforschung und Public Health. Inter- und transdisziplinäre Perspektiven auf Populäre Musik und Gesundheit (M. Ptatscheck)
  • Warum wir Musizierendenmedizin brauchen (E. Altenmüller & A. Lee)
  • Gestaltungsansätze für die Gesundheitsförderung in der Postmoderne (J. Rehn-Groenendijk & H. Müller)
  • Der Einsatz von Innenarchitektur, Baubiologie und Wohnmedizin zur Optimierung der Wohngesundheit (S. Bruns, T. Jockel & M. Pilgramm)
  • Medizin – Theater – Semiotik. Theaterwissenschaftliche Forschung in der Medizin am Beispiel von Simulationspatient:innen (M. Müller)
  • Public health humanities (L. Saffran)

Inhalt

Mit „Gesundheit in der Postmoderne“ legen Marina Böddeker und Thomas Hehlmann einen ebenso ambitionierten wie notwendigen Sammelband vor, der sich mutig an die kritische Auseinandersetzung mit dem Zustand und den Grenzen der Gesundheitswissenschaften wagt. Ausgangspunkt ist die Diagnose, dass sich die Disziplin Public Health in einer tiefgreifenden Krise befindet – einer Theoriekrise, einer Interdisziplinaritätskrise, und nicht zuletzt einer Selbstverständniskrise.

Der theoretische Rahmen des Bandes ist klar postmodern: Es wird ein epistemologischer Perspektivwechsel eingefordert, der anerkennt, dass Wissen immer kontingent, konstruiert und kontextabhängig ist. Besonders hervorzuheben ist der einleitende Beitrag der Herausgeber:innen, der einen historischen und erkenntnistheoretischen Bogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart spannt und deutlich macht, wie sehr die moderne Public-Health-Debatte von einem verengten, biomedizinisch-technokratischen Denken geprägt ist.

Besonders relevant erscheint das Buch im Kontext aktueller gesellschaftlicher Krisen: Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie zentral Fragen der Gesundheitskommunikation, der sozialen Gerechtigkeit und des Vertrauens in wissenschaftliches Wissen sind – genau jene Fragen, die in diesem Sammelband mit ungewöhnlicher Perspektivenvielfalt behandelt werden.

Bereits das einleitende Kapitel „Ein postmoderner Blick auf Public Health“ zeichnet die erkenntniskritische Stoßrichtung des Bandes vor. Ausgehend von historischen Referenzen auf Roger Bacon und Petrus Abaelard – zwei frühmittelalterliche Kritiker theologischer Autorität – plädieren Böddeker und Hehlmann für ein Public-Health-Verständnis, das der Pluralität gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktionen Rechnung trägt. Die aktuelle Krise der Gesundheitswissenschaften wird dabei als Symptom einer tieferliegenden Moderne-Kritik gedeutet, welche die methodologischen Schwächen und theoretischen Leerstellen des Fachs aufzeigt.

Im folgenden Beitrag („Der Linguistic Turn in den Gesundheitswissenschaften“, Hehlmann & Böddeker) zur Wirkung des „Linguistic Turn“ auf die Gesundheitswissenschaften erweitern die Herausgeber:innen ihre Kritik um sprachphilosophische Überlegungen. Sprache wird nicht nur als Medium der Beschreibung, sondern als produktives Element in der Herstellung von Gesundheitswirklichkeit analysiert. Dies markiert einen zentralen Bruch mit traditionellen, positivistisch geprägten Krankheitsnarrativen, wie sie bis heute das Public-Health-Denken dominieren.

Burkhard Liebschs („Gesundsein und Kranksein im Verhältnis zu Anderen“) philosophisch-anthropologischer Beitrag über „Lebbarkeit“ und relationale Gesundheitskonzepte verankert sich in einer Ethik der Verwundbarkeit und Resonanz. Gesundheit erscheint hier als soziale Kategorie, die unauflöslich mit der Fähigkeit zur Beziehung und zur Anerkennung des Anderen verknüpft ist. Diese Perspektive steht paradigmatisch für die im Band propagierte Verschiebung weg von einem normativen Gesundheitsbegriff hin zu einer ethisch fundierten, relationalen Konzeption.

Kurt W. Alt und Sandra Pichler („Gesundheit und Krankheit im Spiegel von Anthropologie, Bioarchäologie und Evolutionärer Medizin“) liefern mit ihrem Beitrag zur evolutionären Medizin und Bioarchäologie einen biologisch-anthropologischen Blick auf Gesundheit. Die Analyse archäologischer Funde zeigt eindrucksvoll, wie sich Gesundheitskonzepte historisch wandelten und kulturell kontingent sind.

Auch Susanne Radestocks („Gesundheit und Gesundsein im Alten Ägypten“) Auseinandersetzung mit dem Gesundheitsverständnis im Alten Ägypten bestärkt diesen Befund und führt zugleich eindrucksvoll vor Augen, wie früh Gesundheit als mehrdimensionales Zusammenspiel von Religion, Ritual und Medizin begriffen wurde.

Das Kapitel („De conservanda valetudine“, Malte Wittmaack) über frühneuzeitliche Gesundheitsratgeber bietet eine historische Kontextualisierung moderner Konzepte von „Selbstsorge“ und Gesundheitsmanagement. Es verdeutlicht, dass Vorstellungen von Prävention, Hygiene und Lebensführung keineswegs neu sind, sondern auf tief verwurzelte kulturelle Muster zurückgehen.

Mit dem Beitrag („Popularmusikforschung und Public Health“) von Melanie Ptatscheck zur Popularmusik und Public Health wird ein ungewohntes, aber hochaktuelles Themenfeld erschlossen. Die Analyse musikalischer Ausdrucksformen psychischer Krisen in der Popkultur zeigt eindrucksvoll, wie Popmusik als gesellschaftliches Frühwarnsystem fungieren kann. Dies öffnet den Diskurs für eine ästhetisch-kulturelle Dimension von Public Health, die bislang weitgehend vernachlässigt wurde.

Altenmüller und Lee („Warum wir Musizierendenmedizin brauchen“) fordern in ihrem Kapitel eine Musizierendenmedizin, die künstlerische, medizinische und psychologische Perspektiven verknüpft. Dabei wird die besondere Vulnerabilität von Musiker:innen herausgearbeitet, die durch hohe körperliche Belastungen und psychische Beanspruchungen geprägt ist. Ihre Forderung nach einer interdisziplinären, auf die spezifischen Bedürfnisse von Kunstschaffenden zugeschnittenen Gesundheitsversorgung ist ein paradigmatischer Beitrag zu einer sozial-gerechten Gesundheitswissenschaft.

Das Kapitel „Gestaltungsansätze für die Gesundheitsförderung in der Postmoderne“ von Rehn-Groenendijk und Müller beleuchtet die Herausforderungen gesundheitsfördernder Praxis vor dem Hintergrund postmoderner Gesellschaftsentwicklungen. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Gesundheitsförderung unter Bedingungen von Individualisierung, Pluralisierung und Subjektivierung neu denken lässt. Die Autor:innen plädieren für eine stärkere multiperspektivische und partizipative Ausrichtung gesundheitsfördernder Maßnahmen, die den vielfältigen Lebenswelten gerecht wird. Dabei wird die Bedeutung interdisziplinärer Ansätze ebenso betont wie die Notwendigkeit, normative Gesundheitskonzepte kritisch zu reflektieren. Anstelle standardisierter Interventionen rückt ein Verständnis von Gesundheit in den Fokus, das Ambivalenzen zulässt und auf Empowerment und Selbstbestimmung zielt.

Im Kapitel von Bruns, Jockel & Pilgramm („Der Einsatz von Innenarchitektur, Baubiologie und Wohnmedizin zur Optimierung der Wohngesundheit“) wird Gesundheit aus der Perspektive des Wohnens konzeptioniert. Die Fruchtbarmachung von Erkenntnissen aus der Innenarchitektur und der Baubiologie zur Verbesserung der Wohngesundheit ist ein zentrales Anliegen des Artikels. Hier wird deutlich, dass gesundheitsförderliche Bedingungen nicht allein auf individueller Ebene erzeugt werden, sondern ebenso in materielle Infrastrukturen und Alltagsroutinen engrammiert sind.

Mathias Müllers („Medizin – Theater – Semiotik“) theaterwissenschaftlicher Zugang zur medizinischen Ausbildung rückt die semiotischen und performativen Dimensionen klinischer Kommunikation in den Vordergrund. Seine Analyse des Einsatzes von Simulationspatient:innen versteht die medizinische Ausbildung als bühnenähnliche Inszenierung, in der Authentizität, Affektkontrolle und symbolische Ordnungen eine zentrale Rolle spielen.

Den Abschluss bildet Lise Saffrans Plädoyer für eine „Public Health Humanities“. Ihr Beitrag ist eine fundierte Reflexion über die Notwendigkeit narrativer, ethischer und ästhetischer Kompetenz in Public-Health-Praxis und -Ausbildung. Sie fordert eine systematische Integration geisteswissenschaftlicher Perspektiven in die gesundheitswissenschaftliche Ausbildung, um der zunehmenden Komplexität gesundheitlicher Herausforderungen angemessen zu begegnen.

Diskussion

„Gesundheit in der Postmoderne“ ist ein instruktives, interdisziplinäres und hochreflektiertes Werk, das Leerstellen der Public Health offenlegt und in theoretischer Tiefenschärfe sowie mit Innovationskraft bearbeitet. Die Beiträge sind durchweg auf hohem wissenschaftlichem Niveau verfasst, auch wenn nicht alle disziplinären Anschlüsse gleichermaßen elaboriert ausformuliert scheinen. Besonders hervorzuheben ist der Versuch, Public Health als erkenntniskritisch reflektierte, transdisziplinär agierende Wissenschaft zu verstehen respektive zu entwickeln. Der Band bietet damit nicht nur eine notwendige Selbstkritik, sondern auch visionäre Ausblicke auf eine zukünftige, pluralere und gerechtere Gesundheitswissenschaft.

Stilistisch ist das Buch stellenweise essayistisch und bewusst anspruchsvoll gehalten – ein Stilmittel, das nicht allen Leser:innen gefallen mag, aber dem Anspruch der Herausgeber:innen gerecht wird, den Diskurs über Gesundheit auf eine neue, reflektierte Ebene zu heben. Dabei gelingt es dem Band, theoretische Tiefenschärfe mit gesellschaftspolitischer Relevanz zu verquicken.

Fazit

„Gesundheit in der Postmoderne“ ist sicherlich kein einfaches Buch, aber ein umso lohnenswerteres Plädoyer für ein neues Selbstverständnis der Gesundheitswissenschaften. Wer sich für die Zukunft von Public Health interessiert, sollte dieses Buch lesen. Es liefert keine einfachen Antworten, aber viele gute Fragen – und öffnet Räume für ein transformativ, erweitertes Nachdenken über Gesundheit. Um mit Rainer Maria Rilke abzuschließen:

„Lebe jetzt die Fragen. Vielleicht lebst du dann allmählich, ohne es zu merken, eines Tages in die Antwort hinein.“

Rezension von
Christian Rademacher
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Es gibt 1 Rezension von Christian Rademacher.

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ISSN 2190-9245