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Fachzeitschrift Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (Hrsg.): Psychodynamische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie

Rezensiert von Prof. Dr. Jürgen Benecken, 13.03.2026

Cover  Fachzeitschrift Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (Hrsg.): Psychodynamische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie ISBN 978-3-95558-365-1

Fachzeitschrift Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (Hrsg.): Psychodynamische Kinder-und Jugendlichenpsychotherapie. Band 1: Grundlagen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2024. 284 Seiten. ISBN 978-3-95558-365-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

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Thema

In Deutschland gelten im Bereich der Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie und in der Erwachsenentherapie vier Therapieschulen als „wissenschaftlich fundiert“ und gehören zum Spektrum der sozialrechtlich anerkannten Behandlungsmethoden. Dies sind die analytischen Verfahren (Psychoanalyse nach Freud, analytische Therapie nach C.G. Jung, Individualpsychologe nach Adler), sowie die Verhaltenstherapie (VT), die Systemische Therapie (seit 2024) und die tiefenpsychologisch fundierte Therapie (TP). Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Verfahren (z.B. aus der humanistischen Psychotherapie), die in Deutschland nicht im Rahmen der psychotherapeutischen Regelversorgung und Ausbildung zugelassen und über die Krankenkassen abrechenbar sind.

Die Bezeichnung „Psychodynamische Kinder‑ und Jugendlichen‑ Psychotherapie“ steht hier als Oberbegriff für ein Spektrum von Therapietheorien und ‑schulen, die von einem dynamischen Konfliktgeschehen ausgehen. Sie basieren alle mehr oder minder auf der Störungstheorie und den entwicklungs-, sozial‑ und persönlichkeitspsychologischen Annahmen der Psychoanalyse. Neben den klassischen analytischen Verfahren gehört auch die „tiefenpsychologisch fundierte Therapie (TP)“ als ein „Ableger der PA“ zu den psychodynamischen Verfahren. Auch wenn der wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) schon 2004 keine wissenschaftliche Grundlage für die Unterscheidung „TP“ und „AP“ feststellte und darauf hinwies, dass diese Unterscheidung lediglich sozialrechtlich bedingt sei und eine Besonderheit der Bundesrepublik Deutschland darstellen würde, hat sich im Sozialrecht diese Unterscheidung gehalten. In der Praxis unterscheiden sich diese Verfahren in ihrer Indikation und Voraussetzungen, ihrem Setting (bei Erwachsenen) und insbesondere in den von den Kassen bewilligten Stundenkontingenten und der Anzahl der wöchentlichen Therapiestunden (PA: drei – vier Stunden; TP: eine, maximal 2 Stunden pro Woche).

Die Geschichte der analytischen Kinderpsychotherapie ist eng mit dem Namen Anna Freud, der jüngsten Tochter von Sigmund Freud, verbunden. Uwe Hendrik Peters bezeichnete sie in seinem 1979 erschienenem Buch „Anna Freud‑ Ein Leben für das Kind“ als (damals noch) lebendige Repräsentantin der Psychoanalyse (Peters, 1979, 12). Anna Freud verstarb am 9. Oktober 1983. Das 1984 gegründete und nach ihr benannte „Anna Freud Center, AFC“ in London gilt als Geburtsstätte der Kinderanalyse und ist in Kooperation mit der Universität London ein international anerkanntes Forschungs‑ und Ausbildungszentrum. Ein großer Teil der Autoren und Autorinnen in diesem Reader waren oder sind in leitenden Positionen mit dem AFC verbunden.

Die Psychoanalyse hatte und hat nie ihre Heimat in der akademischen Psychologie gefunden bzw. gesucht, was u.a. an der Häufigkeit von Lehrstühlen an den Universitäten ablesbar ist. Dies gilt insbesondere auch für die Kinderanalyse, was u.a. auch an den unterschiedlichen Forschungsparadigmen liegen mag. So sah der Mediziner, Psychoanalytiker und Soziologe Alfred Lorenzer die Psychoanalyse „im Widerspruch gegen eine experimentell-nomologische Psychologie“, wo sie „die Aufgabe einer hermeneutisch-interpretierenden Untersuchung des Erlebens behaupte“ (Lorenzer, 1986, S. 15). Nach Frank Dammasch sei Lorenzer nicht müde geworden zu betonen, dass die Psychoanalyse eine „subjektive Erlebnisanalyse“ sei und nicht als „objektive Ereignisanalyse“ missverstanden werden dürfe (Dammasch, 2024 33).

Spätestens als in Deutschland die Psychotherapie offiziell in das medizinische Behandlungssystem aufgenommen und integriert wurde (1999) gelten die medizinischen Forschungsstandards‑ und paradigmen (etwa im Sinne von randomisierten Kontrollgruppenerhebungen an größeren Stichproben zu spezifischen Störungsbildern) auch für psychotherapeutische Behandlungen, so sehr das auch im Widerspruch zu den in den einzelnen Therapieschulen implizierten Menschenbildern stehen mag.

In der psychotherapeutischen Versorgungspraxis von Kindern und Jugendlichen spielen die psychoanalytischen Therapieverfahren im Vergleich zu den anderen Verfahren laut Statistik der Kassenärztlichen Vereinigungen (erfasst wurden Therapien zwischen 2010 und 2019) mit 9,5 % der Anwendungen (Vergleich: Verhaltenstherapie 56,7 %; tiefenpsychologisch fundierte Therapie 35,2 %) eher eine marginale Rolle (Jaite et. al.,2022).

Herausgeberin

Als Herausgeberin fungiert offiziell die Fachzeitschrift „Kinder‑ und Jugendlichen-Psychotherapie“, die seit 1994 vom Brandes & Apselverlag in Frankfurt verlegt wird, die sich selbst als „führende Fachzeitschrift für psychodynamische Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie in Theorie und Praxis“ bezeichnet (7).

Entstehungshintergrund

Unter Verweis auf das Paradigma des „Forschens und Heilens“ der analytischen und tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie haben Beate Kunze und Arne Burchartz im Auftrag der Redaktion aus insgesamt 200 Einzelheften der Zeitschrift „Kinder‑ und Jugendpsychotherapie – Zeitschrift für Psychoanalyse und Tiefenpsychologie“ 13 Beiträge unterschiedlicher Autoren und Autorinnen ausgewählt und wieder abgedruckt. Das Ziel dieser Publikation läge in diesem ersten Band in der Grundlagenvermittlung, als Zielgruppe werden zukünftige KJP-Psychotherapeutinnen genannt. „Das ausschlaggebende Kriterium für die Auswahl war die eingeschätzte Bedeutung der Beiträge für die Weiterbildung zukünftiger Kinder‑ und Jugendlichen Psychotherapeutinnen und ‑psychotherapeuten“ (7).

Man folge keiner zeitlichen Chronologie vielmehr sollen dem Leser psychoanalytische Grundbegriffe, die Essenz der Psychoanalyse präsentiert werden (8).

So wurden von den Redakteuren Beate Kunze und Arne Burchartz Texte zu Stichworten wie u.a. Elterlichkeit, Instinkt, Trieb, sexuelle Entwicklung, frühkindliche Betreuung, Entwicklung der Geschechtsidentität, traumatische Erfahrungen, etc. in ihrer speziellen Relevanz für KJP – Therapeuten ausgewählt. Bei den Autoren und Autorinnen handelt es sich um renommierte und international bekannte Vertreterinnen der Psychoanalyse. Zum Teil wurden die ausgewählten Beiträge von den Autoren gegengelesen und aktualisiert.

Aufbau: Im Einzelnen findet man folgende Beiträge:

  1. Sexualtrieb, soziales Leid und die Entwicklung eines Forschungsteams der Intimität – aus der Frühzeit der Psychoanalyse. Autor: Frank Dammasch
  2. Zur Übertragung und ihrer Deutung. Autoren: Peter Fonagy & Anne-Marie Sandler
  3. Trieb, Kultur, infantile Sexualität und der Andere. Autor: Udo Hock
  4. Flexibilität oder Elterlichkeit? Wohin entwickelt sich die Familie?
  5. Die frühkindliche außerfamiliäre Betreuung von Säuglingen und Kleinstkindern aus der Perspektive der Säuglingsforschung. Autor: Karl Heinz Brisch
  6. Die Analytikerin als Entwicklungsobjekt.
  7. Der Vater als vertrauter Fremder‑ Zur dichotomen Stellung des Vaters.
  8. Das Begehren der Mutter und der Name des Vaters‑ die drei Aspekte der Vatermetapher. Autor: Heinz Müller-Pozzi
  9. „We are all born naked“- is the rest drag? Überlegungen zur Entwicklung der Geschlechtsidentität und zur Psychoanalyse. Autorin: Beate Schuhmacher
  10. Geschlechtsspezifische Entwicklung in patriarchalisch-islamischen Gesellschaften und deren Auswirkungen auf den Migrationsprozess. Autorin: Mahrokh Charlier
  11. Das Trauma als Prozess. Autor: Arne Burchartz
  12. Transgenerationale Traumatisierungen und Mentalisieren. Autorin: Maria Teresa Diez Grieser
  13. „Wunschkinder“ zwischen Verantwortung, Heimlichkeit und Zweifel‑ Herausforderungen für die Eltern-Kind-Beziehung nach medizinisch assistierter Reproduktion. Autorin: Karin J. Lebersorger

Inhalt

Die Beiträge von Fonagy & Sandler, Anne Hurry, Anne Lebersorger; Maria Theresa Diez Grieser gehören zu den wenigen Beiträgen in diesem Reader, die sich mittels Fallvignetten direkt auf die therapeutische Arbeit mit Kindern beziehen. Im Folgenden gehe ich exemplarisch verstärkt auf diese Beiträge ein.

Zur Übertragung und ihrer Deutung

(Fonagy, P.; A-M. Sandler; Vortrag auf der zweiten European Psychoanalytic Federation Conference on Child and Adoleszent Psychoanalysis, 23–25 11.1994; veröffentlicht in Analytische Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie, 96, 28 (4), 373–396)

Die Autorin und der Autor können jeweils in exponierten Rollen auf eine mehrjährige Zusammenarbeit am „Anna-Freud-Center“ in London zurückblicken. Ihre Beiträge zur Psychoanalyse sind durch zahlreiche internationale Preise gewürdigt worden.

Zu Beginn ihres Beitrages beschäftigen sich die Autoren mit dem Konzept der Übertragung, sowie es sich aufbauend auf den Arbeiten von Freud in unterschiedlichen Akzentuierungen als zentrales Medium in der Erwachsenenanalyse tradiert und entwickelt hat. Übertragung bedeute dabei, dass in der analytischen Beziehung ein Prozess stattfindet, „in dessen Verlauf infantile Gefühle, Haltungen, Fantasien und Gedanken wiederbelebt werden und sich nun direkt oder indirekt auf die Person des Analytikers richten“ (35). Die Autoren sehen Übertragung als „Externalisierung verschiedener Facetten einer inneren Objektbeziehung“ (36).

Was die Kinderanalyse beträfe, sei es schwierig zu definieren, „was hier unter Übertragung zu verstehen ist und was nicht“ (36). In der Kinderanalyse könnten Übertragungsphänomene aus „aktuellen Beziehungen stammen, die das Kind außerhalb der Analyse unterhält“ (36). Auch in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen käme der Analyse von Übertragungen eine zentrale Bedeutung zu. Durch „das Erkennen und Analysieren der Übertragung“ stände dem Analytiker ein Instrumentarium zur Verfügung, mit dessen „Hilfe er die Objektbeziehungen des Kindes, seien es nun innere oder äußere oder beide, verstehen und Veränderungen herbeiführen kann“ (37). Hinweise auf Übertragungsprozesse ergäben sich z.B., wenn das Kind dem Analytiker gegenüber „unangemessene Gefühle, Einstellungen und Fantasien“ zeigen würde (37).

Technisch sähe das so aus, dass sich der Analytiker „vom ersten Augenblick der Begegnung an“ dafür interessiere, „wie das Kind zu ihm Kontakt aufnimmt“. Schon in dieser „Eingangsszene“ und dem „berichteten Material“ offenbaren sich erste Anzeichen einer sich „entfaltenden Übertragung ab“. Der Analytiker beobachte, „wie das Kind sich verhält, welche Haltung es dem Analytiker gegenüber an den Tag legt, welche Affekte es zeigt, und achtet dabei auf Veränderungen in all diesen Bereichen, auf der Suche nach erkennbaren Mustern und Wiederholungen“ (38/39). Dabei sei es äußerst wichtig „bei allen Kindern das Faktum anzuerkennen, dass sich die intensivsten Übertragungen, die im Laufe einer Behandlung zum Vorschein kommen, auf die Eltern der Gegenwart (kursiv im Original) und nicht auf den Analytiker richten“ (40/41).

Diese theoretischen Ausführungen werden dann im weiteren Verlauf des Beitrages durch eine Fallvignette aus einer 5-jährigen von Fonagy durchgeführten Analyse eines zu Beginn der Therapie siebenjährigen Jungen illustriert und kommentiert (40-57).

Die Analytikerin als Entwicklungsobjekt.

(Autorin: Anna Hurry; Wiederabdruck eines Artikels aus „Analytische Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie“, 2005, 125, 36 (1), 21–47)

Die mittlerweile verstorbene Anne Hurry gehörte u.a. zum Leitungsteam des „Anna-Freud-Centers“, war Mitglied des wissenschaftlichen Beirates und Herausgeberin des „Journal on Child Psychotherapy“.

Nach einem Exkurs über die Anfänge der Kinderanalyse, wo vergeblich versucht wurde, die Konzepte der Erwachsenen Psychoanalyse mehr oder minder direkt auf die Kindertherapie zu übertragen, konstatiert die Autorin in dem Kapitel „Wo wir heute stehen und wie wir dorthin gelangt sind“ (111):

„Ich betrachte die Psychoanalyse an sich als eine Entwicklungstherapie, in der sich Deutung und Beziehung untrennbar ineinander verweben“ (ebenda). Unter Verweis auf Tähka (1993, 231) würde dabei der Analytiker in 3-facher Art und Weise vom Patienten gebraucht:

  1. als aktuelles Objekt im Sinne einer realen neuen Person
  2. als Übertragungsobjekt, wo bestehende Beziehungsmuster gegenüber den relevanten Bezugspersonen aktualisiert werden, und
  3. als (neues) Entwicklungsobjekt, dabei würden es die Deutungen des Analytikers und sein im Vergleich zu den realen Bezugspersonen „anderes“ Verhalten dem Kind ermöglichen, den Analytiker als „Übertragungsobjekt“ zu nutzen, dadurch würden auch strukturelle psychische Veränderungen möglich (112).

„Auf einer gewissen Ebene“ würden Kinder wissen, „welche Art von Beziehung sie brauchen (114)“ Adoptivkinder, die eher selten sichere Bindungen erfahren haben, würden häufig jede liebevolle Bindung an die Adoptiveltern oder an die Therapeutin, abwehren. Diese Kinder bräuchten „keine (kursiv ihrer Angst im Original) Deutungen ihrer Angst“, die „ihre Befürchtungen häufig nur bestätigten“ und auch „keine offenkundige Warmherzigkeit“ (114). Selbst Versuche des Analytikers, sich als sichere Basis zur Verfügung zu stellen … bedeuten für ein Kind, „dessen Sicherheitsgefühl auf seiner Abwehrpanzerung beruht, eine große Gefahr“. Versuche der Analytikerin, sich in das Kind einzufühlen, könnten die Sehnsucht nach Zuwendung erwecken, die das Kind in Schach halten muss, sodass „die ersten Sitzungen eine gewaltige Explosion sämtlicher Abwehrmanöver des Kindes auslösen können“ (114).

Erst wenn „die Analytikerin dies überleben kann“ und wenn sie der Versuchung widerstehen kann, „sich in den Teufelskreis aus Angriff und Ablehnung, Hilflosigkeit und Demütigung, einzuklinken“, gelinge es diesen Kindern, festzustellen, dass andere Bindungsmöglichkeiten möglich seien. Eine Rekonstruierung des Traumas und ein „bewusstes Aufsuchen der Vergangenheit“ seien dabei eher nicht notwendig (114).

Weniger unsichere Kinder gäben häufig „klar zu verstehen, welche Art von Objekt sie brauchen“ (115).

Die Therapeutin als Entwicklungsobjekt sei „ein benötigtes Objekt“ (117), das in seiner „… entwicklungsfördernden Rolle bestimmte Beziehungsbedürfnisse, nicht aber Triebbedürfnisse befriedigen“ solle und das dem Kind „eine korrigierende emotionale Erfahrung“ (119) ermögliche.

Diese hier nur exemplarisch angerissenen Überlegungen zur Rolle der Analytikerin als Entwicklungsobjekt werden im Rahmen von einer kürzeren (Adoptivkind „Fred“, Beginn der Analyse im Alter von sechs Jahren; 116) und einer längeren Fallvignette („Jake“, Beginn der Analyse im Alter von vier Jahren mit fünf Wochenstunden; 126–132) beschrieben und diskutiert.

„Transgenerationale Traumatisierungen und Mentalisieren“

(Maria Teresa Diez Grieser Wiederabdruck eines Artikels aus „Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie“, 2021, 192, 62 (4), 447–503)

Maria Teresa Diez Grieser ist Lehranalytikerin und Supervisorin am Psychoanalytischen Seminar in Zürich und Autorin mehrerer Bücher und Artikel zum Thema Mentalisieren. Von 2013–2023 war sie Generalsekretärin der europäischen EFPP (European Federation for Psychoanalytic Psychotherapy).

Der Beitrag beginnt unter Bezugnahme auf die zahlreichen Arbeiten aus der Arbeitsgruppe von Fonagy (u.a. 2004) mit der Prämisse, dass sichere Beziehungserfahrungen mit mentalisierenden Bezugspersonen eine optimale Voraussetzung für gelingende Entwicklungsprozesse darstellen würden.

„Die elterliche Fähigkeit zu mentalisieren, d.h. kindliche Zustände, Befindlichkeiten und Äußerungen unabhängig von der eigenen Person wahrzunehmen und feinfühlig und passend zu beantworten“ sei „dabei Dreh‑ und Angelpunkt für kindliche Entwicklungsprozesse“ (225).

Demgegenüber würden „ungünstige frühe Lebenserfahrungen mit den primären Beziehungspersonen … bei den betroffenen Kindern regelhaft zu einer erhöhten Vulnerabilität gegenüber Stress“ und zu Beeinträchtigungen der „Fähigkeiten zur Selbst‑ und Beziehungsregulation“ führen (223). Das damit verbundene „Spektrum von Störungsbildern und Symptomen“ hätte neuerdings als „komplexe posttraumatische Belastungsstörung“ Eingang in die klinische Praxis gefunden.

Selbst traumatisierte Eltern zeigten „spezifische Probleme … bei der Selbstregulation…, die in Mentalisierungsstörungen münden“ könnten (227). Diese äußerten sich in

  • „Schwierigkeiten, Tagesstrukturen und Abläufe zu planen und einzuhalten
  • Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen
  • Schwierigkeiten zwischen sich und anderen zu unterscheiden
  • Schwierigkeiten, negative Gefühle zu regulieren
  • Schwierigkeiten. Kindliche Bedürfnisse wahrzunehmen“ (228)

Die Eltern gäben „Erfahrungen weiter, die sie selbst nicht bewältigen konnten“ (228), dabei würden sie „oftmals automatisch und stark durch die Affekte bestimmt reagieren“, sie befänden sich „definitionsgemäß in prämentalistischen Modi“ (229).

In einer Fallvignette wird der Umgang mit „intergenerationalen Transmissionsprozessen“ näher ausgeführt. Ruth, eine 17-jährige Jugendliche, kam wegen bulimischer Störungen in die Therapie. Sie sei die jüngere Tochter von zwei Kindern eines binationalen Paares. Der Vater war der einzige Sohn von Holocaust-Überlebenden, die sich in der Schweiz ein „zufriedenes gemeinsames Leben hatten aufbauen können“. Die Mutter sei aus einem südamerikanischen Land und hätte in ihrer Ursprungsfamilie wenig Nähe und Unterstützung erfahren. In den ersten Sitzungen hätte sich gezeigt, „dass ihr Verbleiben im Körpermodus und weitere prämentalistische Formen der Selbst – und Beziehungsregulation … eine Anpassung an das familiäre Motto des Nicht-Denkens darstellten“ (236). Der Rückgang der bulimischen Symptome hätte bei der Patientin zu sehr diffusen einengenden Ängsten geführt, die dazu führten, dass Ruth das Haus nicht mehr verlassen konnte. In den gemeinsamen Familiengesprächen erfuhr Ruth das erste Mal, dass ihre Großeltern in Konzentrationslagern gewesen waren und wie es für Ruths Vater wichtig war, „dass er funktionierte und erfolgreich war, um den Eltern so etwas Gutes geben zu können“ (237).

Die „jahrelange psychotherapeutische Behandlung“ von Ruth hätte gezeigt, wie „transgenerationale Transmissionsprozesse“ in Familiengesprächen, in denen „rätselhafte Botschaften“ mentalisiert werden konnten, bearbeitet werden können.

Dies wird in zwei weiteren Fallbeispielen (239-244) illustriert. Die Autorin sieht eine Kombination „zwischen Familientherapie und Einzelarbeit“ mit dem symptomatischen Kind bzw. Jugendlichen als eine „sinnvolle und effektive Vorgehensweise… als eine gute Möglichkeit, mit belasteten Familien positives Beziehungsverhalten aufzubauen und nicht mentalisierende Zyklen wahrzunehmen und zu verändern …“ (241).

Diskussion

Insbesondere die ausführlichen Fallvignetten, die weiter oben näher dargestellt wurden, ermöglichen einen tiefen Einblick in die psychoanalytische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Hier wird der Reader auch seinem eigentlichen Anspruch, angehenden Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeutinnen Hinweise für ihre Arbeit zu vermitteln, gerecht.

Der Beitrag von Diez Grieser ist ein Beispiel dafür, wie psychoanalytische Konzepte und das therapeutische Setting sinnvoll und effektiv durch aktuelle traumapsychologische und familientherapeutische Überlegungen und Befunde erweitert und ergänzt werden können. Dazu ist noch anzumerken, dass die sozialrechtlichen Bestimmungen in der Schweiz anders sind als in Deutschland, wo eine Kombination von Familientherapie und Einzeltherapie im ambulanten Setting zurzeit so explizit nicht möglich wäre.

Unabhängig davon ist dem Verlag Brandes & Apsel unter der Zuarbeit von Beate Kunze und Arne Burchartz eine interessante Veröffentlichung gelungen. Allein die Idee, aus einer seit 1994 erscheinenden Fachzeitschrift aus insgesamt 200 Zeitschriftenheften unter einer bestimmten Themenstellung und Zielsetzung 13 Artikel zu grundlegenden auch gesellschaftlich relevanten Themen der Psychoanalyse auszusuchen, um sie einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, verdient Anerkennung und hat Vorbildcharakter. Jeder Beitrag der durch zahlreiche Veröffentlichungen und klinischen Erfahrungen im Themenbereich Psychoanalyse/​Psychotherapie ausgewiesenen Autoren steht für sich und kann mit großem Gewinn von einer breiten Leserschaft gelesen werden.

Das ausschlaggebende Kriterium für die Auswahl sei die eingeschätzte Bedeutung der Beiträge für die Weiterbildung zukünftiger Kinder‑ und Jugendlichen Psychotherapeuten gewesen, wie Kunze und Burchartz für die Reaktion der Zeitschrift im Vorwort bemerken. Speziell in diesem Band soll es dabei um eine Vermittlung der Grundlagen gehen. Und diesem Anspruch kann dieses Buch nach Auffassung des Rezensenten nur bedingt gerecht werden. Dazu fehlt dem Buch ein übergreifender Beitrag und eine Moderation der Herausgeberinnen, sowie ein aktueller wissenschaftstheoretischer Diskurs, in dem z.B. unter Bezugnahme auf die aktuelle „Psychotherapiedebatte“ (Wampold, Imel und Flückinger, 2018), sowie sozialrechtlicher und gesundheitspolitischer Kontexte und Entwicklungen eine Einordnung und Positionierung der psychoanalytischen Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie etwa auch in Abgrenzung zur „tiefenpsychologisch fundierten Therapie“ erfolgt. Der Titel „psychodynamische“ Kindertherapie täuscht ferner darüber hinweg, dass es in diesem Band fast ausschließlich um die „klassische“ psychoanalytische und weniger um die „tiefenpsychologisch fundierte“ Therapie geht. In einem Buch, das Grundlagen insbesondere für angehende Kinderpsychotherapeutinnen vermitteln will, fehlen dem Rezensenten u.a. auch Ausführungen zur „Operationalen Psychodynamischen Diagnostik; OPD“, die ja gerade in den 1990er Jahren von Hochschullehrern u.a. mit dem Ziel entwickelt wurde, zentrale psychoanalytische Konstrukte einer empirischen Forschung zugänglich zu machen und die mittlerweile weit über Deutschland hinaus, auch im Bereich der Kindertherapie angewendet wird.

Fazit

Ein hochinteressantes Lesebuch mit ausgesuchten aktuellen, auch gesellschaftlich relevanten psychoanalytischen Exkursen, das seiner Zielsetzung, Grundlagen der psychodynamischen Kinderpsychotherapie für angehende Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeutinnen zu vermitteln, nur bedingt gerecht wird. Davon abgesehen bleibt trotzdem eine absolute Leseempfehlung.

Quellen

Dammasch, F. (2022). Sexualtrieb, soziales Leid und die Entwicklung eines Forschungsteams der Intimität-. aus der Frühzeit der Psychoanalyse, Kinder – und Jugendlichenpsychotherapie, 193, 53(1), 9–35

Fonagy, P.; Gergely G.; Jurist, E.J.; Target, M. (2004). Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Stuttgart: Klett-Cotta, 7. Auflage 2019

Jaite, Charlotte; Seidel, Anja; Hoffmann, Falk; Mattejat, Fritz; Bachmann, Christian J. (2022). Richtlinienpsychotherapien bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland: Häufigkeit, Therapieverfahren und Therapiedauer. Deutsches Ärzteblatt (PP), 3, 2022: online unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/​richtlinienpsychotherapien-bei-kindern-und-jugendlichen-in-deutschland-haeufigkeit-therapieverfahren-und-therapiedauer-2835a388-f312-4c92-8ae5-726264fdd992

Lorenzer, A. (1986). Kulturanalysen. Frankfurt a.M.: Fischer

Arbeitskreis „Operationale psychodynamische Diagnostik, OPD“. https://www.opd-online.net/

Peters, U. (1979). Anna Freud‑ Ein Leben für das Kind. München: Kindler

Wampold, B.E.; Z. Imel; C. Flückiger (2015/2018). Die Psychotherapie-Debatte. Bern: Hogrefe

Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Benecken
Dipl. Psych., Kinder-Jugendlichenpsychotherapeut; Dozent an der MEU (Magdeburger Empowerment University/ Diploma) für Klinische Psychologie und Psychotherapie
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Es gibt 4 Rezensionen von Jürgen Benecken.

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ISSN 2190-9245