Hermanns M. Ludger: Psychoanalyse in Selbstdarstellungen
Rezensiert von Dr. Axel Bernd Kunze, 31.07.2025
Hermanns M. Ludger: Psychoanalyse in Selbstdarstellungen. Band XIV. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2023. 184 Seiten. ISBN 978-3-95558-348-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Thema
Der Blick nach innen – spielt in der Wissenschaftsgeschichte kaum eine Rolle. Für die Psychoanalyse ist er gleichsam Programm. Die Autorinnen und Autoren des Bandes blicken aus psychoanalytischer Perspektive auf die „Entwicklungen und Verwicklungen“ ihrer Biographie. Dabei geraten – der Zeit entsprechend – auch Nationalsozialismus und Kommunismus, Flucht und Krieg in den Blick. Und die Autorinnen und Autoren haben den Mut, das Lesepublikum an ihrem Blick nach innen teilzuhaben und diesen mitzuverfolgen.
Herausgeber
Ludger M. Hermanns ist Psychoanalytiker (DPV, IPV) und Gruppenanalytiker in Berlin und Publizist. Er ist Herausgeber der Buchreihe „Psychoanalyse in Selbstdarstellungen“, Mitherausgeber von „Luzifer-Amor“, einer Fachzeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, sowie Herausgeber weiterer Quellenwerke.
Kontext
Die Reihe „Psychoanalyse in Selbstdarstellungen“ läuft seit mehr als dreizehn Jahren. Mit dem vorliegenden Titel liegt der vierzehnte Band der Reihe vor. Die Reihe bietet Selbstdarstellungen psychoanalytischer Kolleg:Innen des Herausgebers und damit als wichtige Grundlage für biographie- und wissenschaftshistorische Forschungen dienen.
Aufbau
Der Band umfasst fünf Selbstdarstellungen von Eugenia Fischer, Ita Grosz-Ganzoni, Ludwig Haesler, Reimut Reiche und Isca Salzberger-Wittenberg. Am Ende der Beiträge finden sich jeweils Auswahlbiographien. Vorangestellt ist ein Vorwort des Herausgebers. Der Band weist ein Personenregister, sodass auch Querbezüge zu weiteren Personen der Zeit- und Disziplingeschichte möglich sind.
Inhalt
(1.) Eugenia Fischer wurde 1935 in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Ihre Familie – mütterlicherseits aus Südrussland, väterlicherseits aus St. Petersburg – war vor den Bolscheisten in die noch junge Demokratie geflohen. Ihre Familiengeschichte machte ihr Leben unter dem späteren kommunistischen System nicht gerade einfach. Die Niederschlagung des Prager Frühlings war ein tiefer Einschnitt. Fischer und ihrem Mann gelang es, auf schwierigen Wegen ins damalige Westberlin zu gelangen. Später arbeitete sie als psychologische Beraterin in Hessen und war dort auch in der Lehrerfortbildung tätig. Nach der Wende knüpfte sie wieder Kontakte zur psychoanalytischen Bewegung in Russland, die allerdings aufgrund der politischen Umstände irgendwann abbrachen, und in Tschechien: „Und mit Genugutung sehe ich, was sich mein Vater so sehr gewünscht hätte – die psychoanalytische Bewegung in der Tschechischen Republik gedeiht“ (S. 31). Zum Ende ihrer Laufbahn war Fischer in Mainz in der Ausbildung von Kinder- und Jugendpsychotherapeuten tätig.
(2.) Ita Grosz-Ganzoni (geboren 1944) bringt ihre Schweizer Perspektive in den Band ein. Sie begann ihre Laufbahn als Lehrerin – und schreibt „vom täglichen Lampenfieber“, wenn sie ein Schulzimmer betrat. Während der Achtundsechziger beschäftigte sich Grosz-Ganzoni mit den Rechten der Indigenen im brasilianischen Amazonasgebiet. Die Auseinandersetzung mit Vertreibung und Menschenrechtsvergehen führte schließlich auch zur Beschäftigung mit der Psychoanalyse.
1971 absolvierte die Autorin ihre eigene erste Analyse – Ausgangspunkt war eine schwere Depression der faktisch alleinerziehenden Mutter. Offen berichtet sie vom frühkindlichen Trennungstrauma, das dabei offengelegt wurde. Ilka von Zeppelin führte sie später zu einer Gruppe am Psychoanalytischen Seminar Zürich. Das Besondere an der Schweizer Richung der Psychoanalyse ist, dass die dortige Fachgesellschaft zu Beginn ihrer Ausbildungskurse kein Selektionsverfahren durchführt. Die Zeit der Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts ihrer Ausbildung war geprägt, wie Grosz-Ganzoni berichtet, von politischen Diskussionen und Forderungen nach einer verbesserten Seminarausbildung, an denen die Autorin selbst intensiv beteiligt war – bis hin zur Aussperrung. Es folgte ein Neubeginn in neuen Räumen im Wintersemester 1977/78.
Die Autorin beschreibt ausführlich ihre internationalen Vernetzungen: mit Marie Langer, mit Fritz Morgenthaler, mit Goldy Parin-Matthèy oder Paul Parin. Später – selber Dozentin im Psychoanalytischen Seminar in Zürich, setzte sich die Schweizer Psychoanalyitkerin kritisch und intensiv mit den Weiblichkeitskonstruktionen ihrer Disziplin auseinander.
(3.) Ludwig Haesler (geboren 1942) nennt seinen Beitrag klar und schnörkellos: „Wie ich Psychoanalytiker wurde und bis heute bin“. Die Familie verlor aufgrund eines politischen Urteils gegen den Vater das Aufenthaltsrecht in Ostberlin und floh in den Westteil der Stadt. Prägend für den Autor wurden die Erfahrungen der Deutschenfeindlichkeit in den frühen Nachkriegsjahren – etwa bei Seminaren in Hampstead, wo er auch Anna Freund begegnete. Positiv berichtet er hingegen von der Erfahrung, dass Gönner seinen Aufenthalt dort finanzierten, das er auch Versöhnungs- und Verbindungsbereitschaft kennenlernen und erfahren durfte. Am Ende seines Medizinstudiums wandte sich Haesler der freudschen Richtung der Psychoanalyse zu – eine Entscheidung, die er zeitlebens nie bereut habe, wie der Autor schreibt.
Zum Ende seines Beitrags beschreibt er, wie er sich mit den neuen methodischen Möglichkeiten der Neurowissenschaften auseinandergesetzt habe. Ganz deutlich schreibt er über deren Grenzen: Aus elektrophysiologisch gemessenen Werten ließen sich keine hermeneutischen Aussagen über subjektives Erleben ableiten.
(4). Wie ich Psychonalytiker wurde … – so der Titel des Beitrags aus der Feder Reimut Reiches. Der Autor begann seine berufliche Laufbahn zunächst mit einer Ausbildung im gehobenen Verwaltungsdienst. Die Initialzündung, sich später der Psychoanalyse zuzuwenden, lieferte die Auseinandersetzung mit den sexualwissenschaftlichen Theorien Max Horkheimers. Politisch engagierte sich Reiche später als Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Sein Aufsatz im Sammelband „Sexualität und Klassenkampf“ habe – so resümmiert der Autor – im Rückblick ihm viele Türen geöffnet und zahlreiche interessante Kontakte eingebracht.
Der Verfasser blieb der Sexualwissenschaft immer treu, beschäftigte sich mit der Psychogenese von Homosexualität und las – wie er selber schreibt – Sigmund Freud als Hegelianer. 1982 bis zum Ruhestand 2021 betrieb er eine eigene Praxis in Frankfurt-Sachsenhausen – und dies immer ganz bewusst allein, wie er vermerkt. Wichtig war ihm, wie am Ende seines Beitrags vermerkt, dann aufzuhören, wenn es ihm noch möglich sei, den eigenen Schreibtisch selbst aufzuräumen. Weitere Themen Reiches, mit denen er sich in seinem Lebenswerk beschäftigte, waren die psychoanalytische Zeitdiagnostik und die Psychoanalyse des Kunstwerks.
(5.) Der Beitrag über Isca Salzberger-Wittenberg, der den Band beschließt, wurde vom Deborah Herrmann und dem Herausgeber aus drei Interviews mit ihr zusammengestellt. Dieser erzählt den Werdegang der Kollegin von der Sozialarbeit zur Psychoanalyse. Und er erzählt ihre Flucht aus Hitlerdeutschland von Frankfurt am Main nach London. Salzberger-Wittenberg stammt aus einer Rabbinerfamilie. Später arbeitete sie als Kinderpsychotherapeutin am St. George’s Hospital und an der Tavistock Clinic in London. Der Beitrag ist besonders geprägt durch die Erfahrungen der Interviewpartnerin mit den Kollegen und Kolleginnen, die ihr im Laufe ihrer Ausbildung begegneten, darunter etwa der Bindungsforscher John Bowlby, der ihre kindertherapeutischen Ausbildung förderte.
Diskussion
Der Band ist eine spannende Reise: einerseits durch die Biographien der fünf ausgewählten Beiträgerinnen und Beiträger, andererseits durch die Zeitläufte des zwanzigsten Jahrhunderts – und dies zeit-, ideen- wie wissenschaftsgeschichtlich gleichermaßen. So verschieden sich die fünf Beiträge lesen, so lässt sich vielleicht ein Verbindendes erkennen: Es sind immer wieder Personen, die eine psychoanalytische Karriere wecken und begleiten, sei es in der persönlichen Begegnung mit ihnen oder in der Auseinandersetzung mit zentralen Veröffentlichungen.
Die Beiträge, die für den vierzehnten Band der Reihe „Psychoanalyse in Selbstdarstellungen“ zusammengetragen wurden, zeigen sehr unterschiedliche fachliche Interessen: von der Auseinandersetzung mit politischen Problemen über die Sexualwissenschaft bis zur Diskussion um die jüngere Neurowissenschaft. Sehr deutlich wird, wie sich wissenschaftliches Interesse, psychologisches Denken und politische Motive verbinden, geprägt auch durch die politischen Erfahrungen der eigenen Familie und der eigenen Biographie.
Die Beiträge sind nicht geglättet und in ein bestimmtes Raster gebracht. Jeder Beitrag steht für sich – und das ist auch gut so. Der Herausgeber verzichtet – vom kurzen Vorwort abgesehen – auf eine Einordnung oder Kommentierung. Die Reflexion verbleibt beim Leser:In. Auch dies ist gut so. Dennoch wäre es wünschenswert gewesen, wenn sich am Anfang der Beiträge eine kurze Zusammenfassung zum Lebenslauf der vorgestellten Personen finden ließe – dies könnte der Orientierung der Leser:Innen dienen, die möglicherweise auswählen möchten, mit welchem Lebensbild sie sich als Erstes beschäftigen.
Die Reihe wird eine Fundgrube für alle bleiben, die sich auch künftig mit der Disziplin- und Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse befassen wollen.
Fazit
Eine interessante, lebendig geschriebene Zeitreise durch das zwanzigste Jahrhundert für alle, die an psychologischen Zugängen zu den „Irrungen und Wirrungen“ dieses Jahrhunderts interessiert sind. Hier verschränken sich biographische, gesellschaftliche, zeithistorische, politische und wissenschaftshistorische Perspektiven wie in einem Kaleidoskop.
Rezension von
Dr. Axel Bernd Kunze
Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
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