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Michael Helfmann, Emelie Wineke: Alkoholprävention zum Schutz der Kinder

Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 22.09.2025

Cover Michael Helfmann, Emelie Wineke: Alkoholprävention zum Schutz der Kinder ISBN 978-3-95558-377-4

Michael Helfmann, Emelie Wineke: Alkoholprävention zum Schutz der Kinder. Ratgeber. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2024. 148 Seiten. ISBN 978-3-95558-377-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

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Thema und Zielgruppe

Das Buch hat keine spezielle Zielgruppe, denn es ist einerseits ein Ratgeber für suchtgefährdete Menschen und insbesondere auch für ihre (großen und kleinen) Angehörigen, wendet sich aber auch an alle, die wissend oder unwissend Alkoholmissbrauch und Abhängigkeit verharmlosen, Sucht tabuisieren und suchtförderndes Verhalten zeigen. Engagiert dargestellt wird die „fatale Dreiheit“ aus Abhängigkeit, Co-Abhängigkeit und festgefahrenen gesellschaftlichen Denkmustern, die zu enormen Belastungen für betroffene Kinder führt und Alkoholismus zu einem transgenerationalen Problem macht. Darauf fußend werden mögliche Auswege insbesondere durch Engagement aus der Selbsthilfebewegung aufgezeigt.

Autor*innen

Die beiden Autor*innen schreiben aus eigener Erfahrung. Sie wuchsen in suchtbelasteten Familien auf und entwickelten selbst ein Alkoholproblem, das wiederum ihre eigenen Kinder beschwerte. Michael Helfmann Jahrgang 1958 überwand seine Sucht im Alter von 33 Jahren und setzt sich seither ehrenamtlich in Sucht(selbst)hilfe und Alkoholprävention ein. Emelie Wineke trägt insbesondere auch durch die offene Schilderung ihrer eigenen Erfahrungen maßgeblich zu diesem Buch bei. Illustriert wird das Buch durch Zeichnungen von Maria Sauheitl.

Aufbau 

Das Buch enthält nach Vorwort und Einleitung 15 Abschnitte, zu Beginn thematisieren die Autor*innen gesellschaftliche Fragen und ihre eigenen Erfahrungen, dann geht es um Familienregeln, Co-Abhängigkeit und das Erkennen eigener Abhängigkeit und schließlich um Hilfsangebote insbesondere unter Beteiligung von Betroffenen. Am Ende finden sich zahlreiche hilfreiche Adressen.

Inhalt

Zu Beginn werden Erhebungen des Robert-Koch-Instituts dargestellt, nach denen 47,1 Prozent der Kinder in Deutschland mit Eltern aufwachsen, die einen mindestens riskanten Konsum aufweisen und nahezu 20 % (2,65 Millionen Kinder) in deutlich alkoholbelasteten Familien leben. Die Autor*innen betonen die oft unerkannten alltäglichen Tragödien, unter denen die Kinder während der Alkoholisierung ihrer Eltern und danach zu leiden haben. Möglich sei dies insbesondere, da gesellschaftlich ein riesiger Graubereich bestehe, in dem Rausch- und Risikokonsum auch in Gegenwart minderjähriger Kinder stattfinde, der jedoch gefördert und verharmlost werde. Beide Autor*innen schildern ausführlich ihre eigenen Erfahrungen in ihren alkoholbelasteten Ursprungsfamilien, aus denen eine eigene Alkoholabhängigkeit erwuchs. Sie prangern eine Suchthilfe an, die zu wenig familienorientiert sei und die gesellschaftlichen und kulturellen Einflüsse nur unvollständig aufgreife und stattdessen zu sehr auf die individuelle Bewältigung der Abhängigkeit setze. Notwendig sei ein richtiger Umgang mit Schuld und Scham. Kritisiert werden an späterer Stelle Präventionsansätze, die Jugendliche unterstützen, kontrolliert zu trinken (Lieber schlau als blau; Kenn dein Limit), man käme ja auch nicht auf die Idee, Jugendliche zum kontrollierten Rauchen zu animieren.

Im 4. Abschnitt werden die Rollenmodelle von Sharon Wegscheider, Claudia Black und Robert Ackermann beschrieben, die darstellen, wie Kinder die Belastungen zu kompensieren suchen. Auch werden typische Familienregeln thematisiert. Im 5. Abschnitt hinterfragen die Autor*innen kritisch, dass es in Deutschland normal sei, Kindern Alkoholtrinken und elterliche Rauschzustände vorzuleben.

Ausführlich werden Co-Abhängigkeit und suchtförderndes Verhalten in Familien und Institutionen thematisiert. Kritisiert wird einerseits eine vorwurfsvolle Haltung gegenüber co-abhängigen Familienmitgliedern, andererseits wird die Verantwortung betont, die der vermeintlich gesunde Elternteil gegenüber den Kindern trägt. Wenn Menschen nicht persönlich verstrickt sind, sprechen die Autor*innen von suchtförderndem Verhalten und heben hervor, dass gesamtgesellschaftlich trotz der hohen Bedeutung der Selbstoptimierung die durch Alkohol hervorgerufenen Folgeprobleme erstaunlich wenig aufgegriffen werden. Auch finden sich im Buch treffende Beispiele, wie schlecht abstinent lebende Suchtkranke unterstützt werden, nicht wieder rückfällig zu werden. Ein Abschnitt widmet sich Möglichkeiten der Selbstdiagnose von Alkoholproblemen.

Die letzten Abschnitte zeigen eindrucksvoll auf, wie gerade aus der Selbsthilfe heraus Kinder aus suchtbelasteten Familien unterstützt werden können: Ausführlich dargestellt werden Initiativen zur Unterstützung der Kinder (Smiley Kids, Flaschenkinder Iserlohn e.V. und das Engagement von Monika Fritzke in Braunschweig), Möglichkeiten zum Aufbau von Kinder- und Jugendselbsthilfegruppen, Schulprojekte, ein mögliches Engagement in Sozialen Medien (knapp) und Vortragsformate. Das Buch endet mit einer Sammlung von Anlaufstellen: Telefonnummern und Internetadressen.

Diskussion

Das Buch ist von hohem persönlichen Engagement der beiden Autor*innen geprägt und zeigt eindrucksvoll, dass die individualisierte Betrachtung von Menschen mit Alkoholproblemen zu kurz greift. Deutlich wird die große Bedeutung von Impulsen zur Unterstützung betroffener Familienmitglieder gerade auch aus der Selbsthilfebewegung heraus.

Quellennachweise finden sich keine, es geht weniger um wissenschaftliche Belege für die getroffenen Aussagen, sondern vielmehr um eine authentische Selbstoffenbarung, um das Aufzeigen gesellschaftlicher Fehlsichtigkeiten und um die Weitergabe von eigenen Erfahrungen in Projekten mit Kindern und Jugendlichen.

Das Thema FASD wird nicht aufgegriffen.

Fazit

Es handelt sich um ein engagiertes Buch von zwei Autor*innen, die ihre eigene Biografie enttabuisieren und ermutigen, das Thema Alkoholismus mit seinen familiären Folgen deutlich entschlossener gesamtgesellschaftlich und in konkreten Initiativen anzugehen.

Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 151 Rezensionen von Annemarie Jost.

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ISSN 2190-9245