Christian Rexroth, Sven Lienert et al.: Kursbuch Psychosomatische Grundversorgung in der Kinder- und Jugendmedizin
Rezensiert von Tatjana van de Kamp, 19.05.2026
Christian Rexroth, Sven Lienert, Manfred Endres: Kursbuch Psychosomatische Grundversorgung in der Kinder- und Jugendmedizin. Hilfen für psychisch belastete Kinder und ihre Familien. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2024. 1. Auflage. 400 Seiten. ISBN 978-3-95558-375-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Thema
Ab Juli 2026 ist die psychosomatische Grundversorgung ein verpflichtender Bestandteil in der Facharztausbildung in der Kinder‑ und Jugendmedizin. Ihr Ziel ist es, Fachärzt:innen zu befähigen, häufige psychosomatische Beschwerden wie erhöhte Irritabilität, Schlafprobleme, Bauch‑ und Kopfschmerzen, Verstimmungszustände sowie Beeinträchtigungen der Lebensqualität schon in der kinderärztlichen Praxis frühzeitig erkennen und einordnen zu können. Die psychosomatische Grundversorgung zielt darauf ab, die Trennung zwischen somatischer und psychischer Medizin zu überwinden und damit die seelische Versorgung von Kindern und Jugendlichen flächendeckend zu verbessern. Das vorliegende Buch versteht sich als Standard‑ und Nachschlagewerk für Kinderärzt:innen und andere Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.
Herausgeber und Autor:innen
Die drei Herausgeber sind sowohl Fachärzte – Christian Rexroth und Sven Lienert für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie und ‑psychotherapie, Manfred Endres für Psychosomatische Medizin – als auch leitende Mitglieder der Ärztlichen Akademie für Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen. Dieses Institut ist bundesweit als Fort‑ und Weiterbildungseinrichtung für Ärzt:innen anerkannt, insbesondere in den Fachgebieten der Kinder‑ und Jugendmedizin sowie Kinder‑ und Jugendpsychiatrie. Die einzelnen Buchbeiträge wurden von 57 spezialisierten Fachärzt:innen oder Psychologischen Psychotherapeut:innen verfasst.
Aufbau
Das Kursbuch zur psychosomatischen Grundversorgung in der Kinder‑ und Jugendmedizin gliedert sich nach dem Vorwort der Herausgeber und einem Gruß‑ und Geleitwort in einen Grundlagenteil und einen Teil zu psychosomatischen Phänomenen und Krankheitsbildern. Der Grundlagenteil behandelt die Themen:
- Psychosomatische Haltung
- Die Familie im Netzwerk
- Aktuelle gesellschaftliche Themen: Corona und soziale Netzwerke
- Spezielle entwicklungspsychologische Aspekte
- Diagnostik in der psychodynamischen Psychosomatik Der Teil zu den Phänomenen und Krankheitsbildern enthält Fachbeiträge zu:
- Psychosomatischen Phänomenen
- Krankheitsbildern inklusive Gesprächsführung und Interventionen
Inhalt
Die psychosomatische Grundversorgung ist seit 2003 integrativer Bestandteil der Facharztweiterbildung in der Kinder‑ und Jugendmedizin. Ab dem 1. Juli 2026 muss für die Facharztanerkennung ein 80-stündiger, von der Ärztekammer anerkannter Kurs in der psychosomatischen Grundversorgung verpflichtend nachgewiesen werden. Dieser Kurs umfasst 20 Stunden theoretische Grundlagen, 30 Stunden ärztliche Gesprächsführung mit verbalen Interventionstechniken und 30 Stunden Reflexion der Patient-Arzt-Beziehung in Balint‑ oder patientenbezogenen Selbsterfahrungsgruppen. Psychosomatische Differenzialdiagnosen und verbale Interventionen können ab einer Dauer von 15 Minuten bei zeitnaher Dokumentation über die Gebührenordnung abgerechnet werden. Indikationen umfassen unter anderem depressive Störungen, Angst‑ und Zwangsstörungen sowie somatoforme Störungen. Das Buch versteht sich sowohl als Kursbuch für die Ausbildungsinhalte und als Ergänzung zu den praxisorientierten Seminaren als auch als Nachschlagewerk für ein fachübergreifendes ärztlich-psychotherapeutisches Wissen. Es basiert auf den Erfahrungen der Ärztlichen Akademie für Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen aus 15 Jahren Fortbildung und bietet Übersichtsbeiträge von Expert:innen aus den verschiedenen Fachgebieten zu Grundlagen, psychosomatischen Symptomen, Krankheitsbildern sowie ausgewählten Behandlungstechniken. Jedes Kapitel endet mit einer prägnanten Zusammenfassung der wichtigsten Botschaften. Aus der Perspektive der bio-psycho-sozialen Krankheitslehre und Diagnostik beleuchtet der Grundlagenteil übergreifende Themen der psychosomatischen Grundversorgung für Kinderärzt:innen. Chronische Erkrankungen im Kindesalter sind im Frühstadium oft leichter behandelbar, können aber unbehandelt belastend für das Kind und die Familie sein. Als belastende Umweltfaktoren sind einerseits das familiäre Umfeld mit psychisch belasteten Eltern oder Missbrauch in Familien und andererseits gesellschaftliche Einflüsse wie die Covid 19 Pandemie oder soziale Netzwerke zu berücksichtigen. Auch Stressverarbeitung, transgenerationale Resilienz, Schwächen in der sensorischen Integration oder Risikoverhalten im Jugendalter können die psychische Entwicklung beeinflussen. Für die psychische Diagnostik werden die psychodynamische Anamnese und die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik und Befunderhebung (OPD-KJ2) vorgestellt. Die Kapitel enthalten zudem wichtige Hinweise zu rechtlichen Hintergründen, konkreten Anlaufstellen, Ressourcen und Fortbildungsangeboten für Fachärzt:innen oder Familien im Netzwerk der psychosomatischen Versorgung. Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Ärzt:in und Kind mit Familie – etwa durch mentalisierungsorientierte Gesprächsführung – ist entscheidend für eine erfolgreiche Diagnosestellung und Intervention. Als Lern‑ und Austauschmöglichkeit für Erstversorgende werden Balint-Gruppen ausführlich erklärt und empfohlen. Der Hauptteil des Buches widmet sich dem Erkennen und Behandeln der typischen psychosomatischen Phänomene und Krankheitsbilder im Kindes‑ und Jugendalter.
Psychosomatische Phänomene wie unspezifische Bauch‑ oder Kopfschmerzen, psychisch kranke Eltern, Schulabsentismus oder selbstverletzendes Verhalten sind oft Anlass für den Arztbesuch oder kommen dort zur Sprache, und sie können dann eine Grundlage für wichtige Interventionen sein, wenn sie rechtzeitig erkannt und interpretiert werden. In den weiteren Kapiteln werden alterstypische psychische Krankheitsbilder vorgestellt, von frühkindlichen Regulations‑ und Bindungsstörungen bis hin zu depressiven, Angst‑ oder Essstörungen. Auch externalisierende Störungen wie ADHS, oppositionelles oder aggressives Verhalten sowie stoffgebundene Süchte werden ausführlich behandelt. Weitere Kapitel befassen sich mit den psychischen Implikationen von hochfunktionalem Autismus, Epilepsie, Asthma und kindlichen Hauterkrankungen. Die psychischen Störungen werden entlang ihrer Symptome, Diagnostik, Entstehung, Aufrechterhaltung sowie möglicher Interventionen beschrieben. Viele Kapitel enthalten praktische Übersichten, weiterführende Ressourcen und konkrete Handlungsanweisungen („red flags“, Leitfragen, Überweisungsindikationen) für die kinderärztliche Praxis. Eine besondere Bedeutung kommt auch der Psychoedukation der Eltern zu, etwa um falsche oder verzerrte Informationen aus dem Internet zu korrigieren oder übertriebene elterliche Vorsichtsmaßnahmen bei chronischen Erkrankungen (wie Diätvorschriften, Reinigungsrituale, Verbote) auf ein sinnvolles Maß zu reduzieren und Entlastung bei frühkindlichen Regulationsstörungen anzubieten.
Abschließend behandelt das Buch wichtige störungsübergreifende Themen wie psychologische Hilfestellungen oder Therapien für Eltern von Kleinkindern mit Regulationsstörungen ebenso wie das diagnostische und therapeutische Potenzial des Spiels oder Autogenes Training als wirksames Entspannungsverfahren. Für Kinderärzt:innen werden wissenschaftlich fundierte Methoden und Tipps zur Gesprächsführung sowie Empfehlungen für den Umgang mit Notfällen in der Praxis zusammengestellt. Solche Notfälle können emotionale Krisen, selbst‑ oder fremdgefährdendes Verhalten, Süchte und Substanzkonsum sowie Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung sein und durch deeskalierendes Verhalten oder medikamentöse Interventionen erstversorgt werden. Zur Stärkung familialer und elterlicher Ressourcen gibt es Informationen zum Umgang mit psychischen Belastungen oder Teilleistungsstörungen, beispielsweise in Form einer fundierten „literarischen Hausapotheke“ im Rahmen des Projekts Lese-Esel (LESEL, https://lese-esel.de) mit Buchtipps für Eltern und Kinder, oder Elternseminaren, wie das Projekt „Elternseminare für Kindernotfälle“ (EsKiNo), um die elterliche Kompetenz bei erster Hilfe und der Bewältigung der alltäglichen Herausforderungen zu stärken (EsKiNo, 2025 https://www.eskino.info).
Diskussion
Das Buch wendet sich an angehende und erfahrene Kinder‑ und Jugendärzt:innen und vermittelt einen fundierten Überblick über psychische und psychosomatische Auffälligkeiten in der Praxis sowie Hinweise für Diagnose und Erstintervention. Die Lesenden lernen viel über psychische Störungen sowie die möglichen psychischen Auswirkungen chronischer Erkrankungen und familiärer oder gesellschaftlicher Umweltbedingungen. Die Buchkapitel bevorzugen psychodynamische Hintergründe und Therapie gegenüber verhaltenspsychologischen Ansätzen. Ohne den Anspruch zu erheben, ein Psychologiestudium zu ersetzen, sensibilisiert das Buch für häufig auftretende Symptome und Störungen und hilft, diese in der Kinderarztpraxis zu erkennen und einzuordnen. So kann eine frühzeitige und damit effektivere Intervention eingeleitet werden und der Familie viel Leid erspart werden. Der Anstieg psychischer und psychosomatischer Beschwerden sowie lange Wartezeiten in der psychotherapeutischen Versorgung unterstreichen die Bedeutung von Kinderärzt:innen als erste Ansprechpersonen. Am Ende des Buches finden sich ein Anhang mit farbigen Abbildungen, das Curriculum, ein Abkürzungs-, Literatur‑ und Autor:innenverzeichnis sowie eine Auflistung relevanter Verbände. Ein Stichwortverzeichnis fehlt. Die Abbildungen im Anhang sind inhaltlich hilfreich, jedoch schlecht gedruckt: Weiße Buchstaben auf durchgefärbtem Hintergrund in kleiner Schriftgröße verschwimmen und sind nicht gut lesbar.
Insgesamt ist das Buch sehr sorgfältig und ausführlich zusammengestellt und basiert auf 15 Jahren Erfahrung in der Fortbildung in der psychosomatischen Grundversorgung. Es bietet fundierte Übersichtsbeiträge von Fachexpert:innen mit praktischen Detailinformationen und theoretischen Ausführungen zum vertieften Verständnis, ebenso wie die wichtigsten Take-Home Messages am Ende jedes Beitrags.
Fazit
Das Buch unterstützt angehende und erfahrene Fachärzt:innen der Kinder‑ und Jugendmedizin dabei, psychosomatische Beschwerden, Entwicklungsstörungen und psychische Beeinträchtigungen frühzeitig zu erkennen und einzuordnen. Da die psychosomatische Grundversorgung psychisch belasteter Kinder und ihrer Familien ab 2026 verpflichtender Bestandteil der Facharztausbildung ist, unterstützt dieses Buch das Ausbildungsziel umfassend und übersichtlich. Es ist darüber hinaus auch ein wertvolles Kompendium für die Praxis.
Rezension von
Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr., MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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