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Eckhard Roediger, Matias Valente: Schematherapie

Rezensiert von Peter Schröder, 26.02.2026

Cover Eckhard Roediger, Matias Valente: Schematherapie ISBN 978-3-608-40189-9

Eckhard Roediger, Matias Valente: Schematherapie. Kontextuell – prozessbasiert – interpersonal. Schattauer (Stuttgart) 2025. 550 Seiten. ISBN 978-3-608-40189-9. D: 74,00 EUR, A: 76,10 EUR.

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Thema

Abgrenzungsdiskussionen – um nicht zu sagen: Abgrenzungskämpfe – sind geradezu charakteristisch für wissenschaftliche Diskurse um die angemessensten Konzepte in der Psychotherapie. Manchmal liegt es nahe zu glauben, dass der Lehrsatz „Das Thema liegt in der Ouvertüre“ durchaus Elemente von Wahrheit enthält. Dann würde es sich lohnen, auf die Anfänge und frühen Zeiten zu schauen, um den Verlauf und möglicherweise auch die gegenwärtigen Diskussionen besser zu verstehen. Weiterentwicklungen und die Integration weiterer Aspekte einerseits und das Bewachen der „reinen Lehre“ begleiten die Psychoanalyse seit den Tagen Freuds, Reichs und Fromms. Nicht immer spielte in solchen Debatten das Wohl der Patient:innen die Hauptrolle. Erst recht spät hat sich die Idee durchsetzen können, „dass der Fortschritt vor allem durch eine bessere Abstimmung vorhandener Methoden an die individuellen Probleme der Patient:innen erzielt werden kann.“ (Ulrich Stangler im Geleitwort) Mittlerweile setzen psychotherapeutische Konzepte eher auf Integration als auf Abgrenzung (vgl. z.B. Hilarion Petzolds „Integrative Therapie“ auf der Basis gestalttherapeutischer Traditionen).

So geht auch die Entwicklung in der Verhaltenstherapie in die Richtung integrativer Konzepte, das vorliegende Buch ist m.E. eines der elaboriertesten Beispiele. Der (neue) Untertitel der 4. Auflage lautet: „kontextuell – prozessorientiert – interpersonal“. „Kontextuell“ markiert die Integration der ACT (Akzeptanz‑ und Commitment-Therapie), „prozessorientiert“ schließt an die Arbeiten von Klaus Grawe zu allgemeinen Wirkfaktoren in der Psychotherapie an und „interpersonal“ setzt den Fokus auf zwischenmenschliche Interaktionsprobleme, die an der Entstehung von Persönlichkeitsstörungen zentral beteiligt sind.

Die Autor:innen

Eckhard Roediger ist Arzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin. Er leitet das Frankfurter Institut für Schematherapie, er war Mitglied im Gründungsvorstand der Internationalen Gesellschaft für Schematherapie (ISST e.V.), deren Präsident er in den Jahren 2014 bis 2017 war. Er arbeitet in freier Praxis und als Dozent und Supervisor für Verhaltens‑ und Schematherapie.

Mathias Valente ist approbierter Psychotherapeut (VT). Gründer und Co-Leiter des Stuttgarter Instituts für Schematherapie (IST-S). Er arbeitet ebenfalls als Dozent und Supervisor für Verhaltens‑ und Schematherapie.

Aufbau und Inhalt

Allein das Inhaltsverzeichnis füllt sechs Buchseiten, sodass hier nur die Grundstruktur beschrieben werden kann. Die Einleitung ordnet die Schematherapie in die „psychotherapeutische Landschaft“ (S. 17) ein und betont: „Schematherapie bildet eine Brücke zwischen den Therapieschulen“ (S. 18) und: „Schematherapie war von Anbeginn an integrativ“ (S. 19). Das Kapitel 1 bietet Theoretische Grundlagen, beginnend mit dem aus der Verhaltenstherapie vertrauten SORC-Modell, das allerdings hier nicht linear dargestellt wird, sondern als „dynamischer Rückkopplungskreis“: Stimulus, Organismus, Reaktionen und Konsequenzen, Kontingenz. In dieses zunächst (zu) einfach anmutende Modell fügen sich wesentliche wissenschaftliche, unter anderem hirnphysiologische Erkenntnisse, sodass dieses Kapitel zwar möglicherweise anstrengend, auf jeden Fall aber lehr‑ und hilfreich zu lesen ist. Wie jedes Kapitel endet auch das erste mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Punkte.

Das zweite Kapitel referiert die Entwicklungen, die die 3. Welle der Verhaltenstherapie mit sich gebracht hat: Zum einen wird die einseitige Orientierung an Veränderung, die die Kognitive Verhaltenstherapie bestimmt hat, ergänzt durch die „komplementäre Haltung“ (S. 103) von Achtsamkeit und Akzeptanz, die eher eine innehaltende Dynamik hat. Zum anderen orientiert sich die Schematherapie deutlicher an Störungs‑ und Veränderungsprozessen, analog zu einer „Prozessbasierten Psychotherapie (PBT)“.

Das dritte Kapitel referiert „Modelle in der Schematherapie“, beginnend mit einer Darstellung der Arbeiten von Jeffrey Young über eine ausführliche Darstellung des Modusmodells bis hin zu weiteren neuen Entwicklungen in der Schematherapie.

Das vierte Kapitel ist überschrieben mit „Therapieplanung und Therapieprozess“. Nach den theoretischen (Modell-)Aspekten der ersten Kapitel beginnt mit diesem Kapitel der eher praktische Teil der Darstellung. Zunächst werden allgemeine Therapieziele und Indikationen der Schematherapie referiert, danach beschreiben die Autor:innen die einzelnen Phasen einer Therapie, um danach Diagnostik und Fallkonzeptionen zu thematisieren. Ein zentrales Element der Schematherapie ist die Arbeit mit erlebnis‑ und emotionsaktivierenden Techniken: Imagination, Verhaltensaktivierung, konkrete Schritte der Veränderung, innere Dialoge, Verhaltensexperimente, Hausaufgaben, Tagebücher etc. Abgeschlossen wird das Kapitel mit der „Gestaltung der einzelnen Therapiesitzungen“.

Da die Wirksamkeitsforschung für Psychotherapie deutlich gezeigt hat, dass der Hauptwirkfaktor in der therapeutischen Beziehung besteht, widmet sich das fünfte Kapitel dem Thema „Das Beziehungsfeld und Techniken der Beziehungsgestaltung“. Auch eine noch so gute therapeutische Beziehung kommt nicht ohne spezifische Techniken aus, sodass beides immer zusammengedacht (und eingesetzt) werden muss. Das Beziehungsfeld kann nach vier Positionen systematisiert werden: der beobachtenden, konfrontierenden, imaginativen und der unterstützenden Position, die im Folgenden detailliert dargestellt werden. Zwischen diesen vier Polen bewegt sich die therapeutische Arbeit, in diesem System werden die „Interventionsstrategien“ entwickelt: Konfrontierende, schemaaktivierende Interventionen, erlebnisaktivierende Interventionen, bindungs‑ und akzeptanzfördernde, unterstützende Interventionen sowie „Interventionen, die den Bezug zum Hier-und-Jetzt stärken“ (S. 316). Es folgen Stabilisierungstechniken, reflexionsfördernde Interventionen, ressourcenaktivierende Interventionen, verhaltensvorbereitende Interventionen. „Alle in diesem Kapitel genannten Techniken sind die Trittsteine auf unserem Therapieweg. Wir setzen sie wie Werkzeuge ein, um den angestrebten Effekt zu erreichen“, heißt es in der Zusammenfassung (S. 329).

Kapitel 6 präsentiert „Die komplexen Interventionen“ wie Imaginationen und Wiedererleben sowie Stühle-Dialoge und Rollenspiele. Die Übungen werden detailliert beschrieben, darüber hinaus gibt es Hinweise auf Onlinematerial zu den Übungen. Das sechste Kapitel mit seiner umfangreichen Methodendarstellung ist das umfangreichste Kapitel des Buches.

So viele therapeutische Situationen die Interventionen des sechsten Kapitels auch abdecken mögen, es bleiben dennoch die besonderen Situationen, die auf besonders herausfordernden Interaktionsmustern und Bewältigungsmodi beruhen. Entsprechend zeigt das siebte Kapitel „Strategien für schwierige Therapiesituationen“. Auch hier wird wieder eine Typisierung versucht: „Die Freundlich-Abhängigen“, die Unterordnenden oder Verliebten, die Distanziert-Zurückgezogenen, die Menschen mit Essstörungen und Somatisierung, die Suizidalen und Selbstschädigenden, die komplex Traumatisierten, die Selbstberuhiger, die Passiv-Aggressiven, die offen Anklagend-Aggressiven und schließlich die Narzisstisch-Überheblichen.

Einige offene, „Spezielle Aspekte“ thematisiert das achte Kapitel. Es beginnt mit einer kurzen Darstellung von Behandlungsmaßnahmen und ‑erfolgen bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, es folgen Hinweise zum Online-Arbeiten, zum Einbeziehen der Partnerperson und zum Moduszirkel in der therapeutischen Beziehung. Hinweise auf Fortbildungsmöglichkeiten beschließen das achte Kapitel.

Ein mehr als 20seitiges Literaturverzeichnis sowie ein detailliertes Sachverzeichnis runden den Band ab.

Diskussion

Vermutlich gibt es noch Aspekte und Themen der Schematherapie, die das Buch nicht berührt, aber wohl kaum zentrale. So umfassend beschreiben die Autor:innen das Fach, dass jemand, der in dieser Therapieform (noch) nicht zuhause ist, eine gute Orientierung gewinnt und eine Basis, von der aus sie/er auch die benachbarten Gebiete erkunden kann. Der Anspruch des Buches wird im Vorwort formuliert: “Wir wollen (1) eine fundierte Darstellung der für unser therapeutisches Vorgehen relevanten Grundlagen, eine Einbettung in bestehende neurobiologische, psychologische und soziale Konzepte im Sinne eines bio-psycho-sozialen Modells mit einem starken Fokus auf soziale Interaktionsprozesse bis hin zur Einbeziehung der Partnerpersonen, (2) eine umfassende und differenzierte Darstellung des Schemamodells, nun erweitert durch einen dimensionalen Blick und (3) eine sehr detaillierte Darstellung des Therapieablaufs, insbesondere der erlebnisaktivierenden Techniken, geben.“ (S. 8) Aus der Sicht eines Lesers ist der Anspruch in vollem Umfang eingelöst, zugleich macht das Buch Lust, weiterzuarbeiten: Bekanntes mit Neuem zu verbinden und dem Imperativ von Foersters Folge zu leisten: „Handle stets so, dass du die Zahl der Möglichkeiten vergrößerst“ – eben auch die der therapeutischen Möglichkeiten.

Je nach Vorwissen und ‑können werden Leser:innen unterschiedliche Teile des Buches besonders schätzen. Wer selbst über umfangreiche Praxiserfahrung in der Psychotherapie verfügt, wird gleichwohl die ersten drei Kapitel (Theoretische Grundlagen, Psychotherapie im Wandel, Modelle in der Schematherapie) mit großem Gewinn lesen, und sei es als Vergewisserung über die Kontexte der eigenen Praxis. Wer in der Praxis der Psychotherapie (noch) nicht zuhause ist, kann sich durch die Kapitel 4 bis 7 anreichern lassen, die zahlreiche Modelle, Techniken und Interventionen im Therapieprozess vorstellen. So gelungen der Band auch als umfassendes Lehrbuch ist, bleibt es doch dabei, dass sich keine Therapieform allein aus Büchern lernen lässt. Dem trägt das Kapitel 8.5 mit dem Titel „Fortbildungsmöglichkeiten“ Rechnung. Dort werden die Mindestanforderungen einer Lizensierung durch die Internationale Gesellschaft für Schematherapie ebenso vorgestellt wie eine Reihe von (deutschsprachigen) Fortbildungsinstituten sowie weiterführende Internetseiten.

Fazit

Ein Buch, das man vermutlich kaum von Seite 1 bis 598 lesen wird, zumal sie alle sehr komplexen Stoff bieten. Andererseits wird auch das Komplexe auf eine Art dargestellt, die die Zugänge leicht macht und zur eigenen Weiterarbeit einlädt. Dazu dienen auch die eingestreuten Exkurse und Übungen. Gleichgültig also, welche Tür in das Buch jemand nutzt, er oder sie wird spannende, lehrreiche Räume betreten – und so gewiss Lust auf die anderen bekommen.

Rezension von
Peter Schröder
Pfarrer i.R.
(Lehr-)Supervisor, Coach (DGSv)
Seniorcoach (DGfC) Systemischer Berater (SySt®)
Heilpraktiker für Psychotherapie (VFP)
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Es gibt 137 Rezensionen von Peter Schröder.

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ISSN 2190-9245