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Joost Hutsebaut, Liesbet Nijssens et al.: Die Kraft des Mentalisierens - eine Einführung

Rezensiert von Prof. Dr. med. Alexander Trost, 17.02.2026

Cover Joost Hutsebaut, Liesbet Nijssens et al.: Die Kraft des Mentalisierens - eine Einführung ISBN 978-3-608-96625-1

Joost Hutsebaut, Liesbet Nijssens, Miriam /van Vessem: Die Kraft des Mentalisierens - eine Einführung. Emotionen verstehen, Beziehungen verbessern. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2024. 189 Seiten. ISBN 978-3-608-96625-1. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

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Thema

Der Mentalisierungsbegriff bezeichnet das wohl einflussreichste therapeutisch nutzbare Konzept der letzten 20 Jahre. Mentalisierung ist ein neuer und schlüssiger Ansatz zum Verständnis der untrennbaren Verbindung zwischen Bindung und Sprache für die menschliche Entwicklung zu einer reifen Persönlichkeit, die ihr Verhalten, basierend auf einem verlässlichen Vertrauen in ihre Selbst‑ und Fremdwahrnehmung, autonom regulieren kann. Entwicklung geschieht nach heutigen Erkenntnissen aus Neurobiologie und Bindungstheorie vom Säuglingsalter an im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Interdependenz: Eigenständigkeit wird in der frühen Entwicklung des Menschen durch Verbundenheit mit den ersten Bezugspersonen gebahnt und ermöglicht. Diese ist durch affektiv-körperliche und zunehmend auch kognitiv-mentale Interaktionen gekennzeichnet, optimalerweise feinfühlig und responsiv: Das Kind bekommt Antworten auf seine Äußerungen und Anregungen für das Verstehen, Erkunden und Erweitern seiner Welt. Echte Autonomie ist damit das Ergebnis eines kontinuierlichen Beziehungsprozesses, in dem die Interaktionspartner um ihre Abhängigkeit wissen und gleichzeitig einander Raum für Eigenes geben. Die zunächst stark asymmetrische Situation von Säugling und Pflegeperson entwickelt sich in förderlichen Beziehungen zunehmend auf eine Kommunikation in Augenhöhe zu, die in ihren affektiven und mentalen Anteilen ausgewogen ist. Diese Erkenntnisse lassen sich auch sehr gut auch auf helfende Beziehungen jeglicher Art übertragen. Die Ergebnisse der Mentalisierungsforschung haben zur Entwicklung von hocheffektiven Psychotherapieansätzen für die Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen wie Borderline PS, narzisstischer PS, dissozialer PS geführt. Mentalisierungsinspirierte systemische Therapie (MIST) nach Asen & Fonagy (2023) wird zudem erfolgreich in der Multifamilientherapie, gerade auch bei besonders belasteten Gruppen, mit Erfolg eingesetzt. Nicht zuletzt gewinnt das Mentalisierungskonzept eine große Bedeutung in Jugendhilfe und Pädagogik.

Autor:innen

Joost Hutsebaut ist klinischer Psychologe und Professor an der Tilburg University. Er arbeitet als Praktiker und Forscher am Centre of Expertise on Personality Disorders de Viersprong. Hutsebaut entwickelte auf der Basis des Mentalisierungskonzeptes ein Frühinterventionsprogramm für Jugendliche mit Borderline-Störung (MBT-early).

Liesbet Nijssens ist klinische Psychologin und psychoanalytische Psychotherapeutin. Sie arbeitet als MBT-Therapeutin bei de Viersprong und als MBT-Supervisorin. Sie entwickelte zudem ein Behandlungsmodul für junge Eltern mit einer Borderline PS und ihre kleinen Kinder (MBT-P).

Miriam van Vessem ist ebenfalls erfahrene klinische Psychologin, die seit 20 Jahren mit Erwachsenen und Jugendlichen mit einer Persönlichkeitsstörung arbeitet, davon gut 12 Jahre im Rahmen von MBT-Programmen.

Entstehungshintergrund

Bei der Tagung des pädagogischen Mentalisierungsnetzwerkes MentEd 2019 (Mentalization and Education) beklagte Peter Fonagy, Mitbegründer des Konzeptes, bei den Entwicklungen in Psychotherapie und Psychiatrie die zunehmende Fokussierung auf das Individuum Patient:In, ihr Innenleben, ihre Probleme, dabei die Bedeutung der sozialen Umwelt, zentraler Bezugspersonen und alltäglicher Begegnungen missachtend. Die Autoren füllen mit dem vorliegenden Werk diese Lücke, indem sie eine Verbindung von wissenschaftlicher Mentalisierungsforschung mit Bildung, Pädagogik und Alltagsreflexion schaffen.

Das besprochene Buch ist meines Wissens das erste, in dem die Erkenntnisse zur Mentalisierung in einer alltagsnahen Darstellung zusammengefasst werden. Gut verständliche, eingängige Formulierungen und eine Fülle plastischer Fallbeispiele machen den Mentalisierungsansatz auch für Laien verständlich.

Aufbau

Nach einem Vorwort der MentEd-Sprecher Kirsch, Gingelmaier und Link folgen zehn Kapitel, die, stringent aufgebaut, zunächst die basalen theoretischen Grundlagen zu den Begrifflichkeiten und zur Entwicklung von Mentalisieren, Erziehung und Bindung sowie dem Epistemischen Vertrauen darstellen. Die Bedeutung und die Konsequenzen von psychisch und sozial belastenden Situationen für die Mentalisierungsfähigkeit inklusive der „Reparatur-“ oder „Heilungsmöglichkeiten“ von misslingenden Begegnungen mittels konkreter Strategien werden danach näher ausgeführt. Das letzte Kapitel widmet sich dem Verständnis von verletzlichen und resilienten Jugendlichen in Pubertät und Adoleszenz, sowie mentalisierungsbasierten Wegen aus der Krise. Ein kurzer Epilog der AutorInnen rundet das Werk ab. Das Buch enthält zahlreiche Fallbeispiele, die auch über mehrere Kapitel bis zu einer Lösung fortgeführt werden. Dazu kommen immer wieder Kästen mit Reflexionsanregungen für die Leser:in. Außer dem einführenden ersten Kapitel münden übrigens alle anderen in eine kurze Zusammenfassung des Gesagten, sehr praktisch fürs Behalten.

Inhalt

Beziehungen jeglicher Art verlaufen bei weitem nicht immer reibungslos. Es ist manchmal schwierig, sich auf andere einzustellen, und umgekehrt fühlen wir uns von denen, die wir lieben, missverstanden. Das kann zu Frustration, Reibereien, innerer Unsicherheit und Einsamkeitserleben führen.

Mit solcherlei Überlegungen beginnen die AutorInnen das erste Kapitel und sie führen gleich eine zentrale Überlegung ein: Weil wir Gedanken und Gefühle anderer nicht direkt sehen können, müssen wir uns mentale Hypothesen zu ihren Verhaltensweisen bilden. Der ‚opake‘ (Fonagy) Charakter der Psyche hat zur Folge, dass wir damit nicht selten danebenliegen. Gleich danach wird die Leser:In in einem Reflexionskasten dazu ermuntert, über den letzten Streit, den sie hatte, nachzudenken, über das eigene Empfinden dabei, die vermuteten Motive bei der anderen Person, usw. Auf diese Weise wird sehr praktisch und kleinschrittig in das Konzept Mentalisieren eingeführt. Es geht also weniger darum, zu sehen, was ein Mensch tut, sondern um meine Hypothesen zu den Motiven, Bedürfnissen, Absichten oder Erwartungen, die mit seinem Handeln verknüpft sind, und in Folge auch darum, was das in mir bewirkt, an Affekten, Impulsen, Hin‑ oder Abwendung, etc.

Gleich hier wird auch noch der Begriff des Epistemischen Vertrauens eingeführt: das Vertrauen, dass eine Bezugsperson eine sichere und gleichzeitig für mich relevante Quelle von Weltwissen darstellt. Wenn wir mehr und besser mentalisieren, d.h. unseren eigenen Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Absichten sowie denen anderer mehr Aufmerksamkeit schenken, werden unsere Interaktionen vertiefter, angenehmer sein und sich sicherer anfühlen. Nur mit einem durch adäquates Mentalisieren geöffneten Lernkanal sind wir bereit, von anderen zu lernen.

Mit der Frage, welche Motive einem beobachtbaren Interaktionsverhalten – hier werden übrigens durchgängig Beispiele aus dem schulischen Kontext herangezogen – zugrunde liegen können, beginnen die Fallvignetten, die sich oft über mehrere Kapitel in Analyse und Effekten „guten“ oder weniger gutem Mentalisierens erstrecken. Im Verlauf des zweiten Kapitels wird dann herausgearbeitet, was Mentalisieren genau bedeutet, die Funktionen von automatisiertem, implizitem (Ich schreie gleich zurück!) und explizitem Mentalisieren: ich halte inne, nehme den anderen genau wahr und reagiere auf der Basis meiner empathischen Beschäftigung mit seinem Verhalten und den vermuteten Motiven dafür. Mentalisieren ist eine Kompetenz, die unter Stress schnell zusammenbricht, bzw. sich auf wenige Dimensionen reduziert: z.B. sichtbares Agieren, oder eigene innere Vorgänge. Zum Schluss dieses Kapitels wird eine neugierige, bescheidene und offene, flexible Grundhaltung als angemessene mentalisierende Haltung charakterisiert.

Im Folgenden geht es zunächst um die Entwicklung des Mentalisierens im frühen Kindesalter über mehrere Stufen präreflexiver Vorformen: teleologischer Modus, Äquivalenzmodus und Als-Ob-Modus. Auch als Erwachsene können wir bei massivem Stress jederzeit in diese prämentalisierende Modi regredieren, optimalerweise nur kurz, und von uns bemerkt und korrigiert.

Das vierte Kapitel widmet sich der unlösbaren Verbindung zwischen guten Mentalisierungs-erfahrungen in der Frühkindheit und einer sicheren Bindung. Durch überwiegend feinfühliges Spiegeln entsteht ein sicheres Arbeitsmodell, eine wichtige Voraussetzung für gelingende Emotions‑ und Verhaltensregulation. Anhand von plastischen Beispielen wird verdeutlicht, welche Auswirkungen gutes (adäquates) bzw. schlechtes Spiegeln auf die Entwicklung eigener innerer Sicherheit und der Emotionsregulation haben kann. Das nächste Kapitel behandelt die Entstehung unsicherer Bindungsmodelle (unsicher-ambivalent, vermeidend und desorganisiert) als Folge inadäquaten Mentalisierens.

Im Folgekapitel wird der im ersten Abschnitt bereits erwähnte Begriff des Epistemischen Vertrauens als Grundlage sozialen Lernens aufgegriffen und vertieft und insbesondere auf die Kommunikationssignale (ostensive cues) zur Herbeiführung von Aufmerksamkeit für das von der Bezugsperson Gesagte. Kapitel 7 behandelt dann die Formen nicht gelungener Etablierung epistemischen Vertrauens: Epistemisches Misstrauen, Naivität und Hypervigilanz, die bereits ein Risiko für psychopathologische Entwicklung darstellen können. Jeder Bindungsstil impliziert eine andere epistemische Strategie, was eine Herausforderung für den Kontakt mit (hoch-)unsicher gebundenen Menschen darstellen kann.

Der nächste Abschnitt beschreibt an Praxisbeispielen zehn Werkzeuge (Tipps), um effektives Mentalisieren in schwierigen Situationen wiederherzustellen, also wieder gut und umfassend mit dem Gegenüber in Kontakt zu kommen. Dies wird in Kapitel 9 auf Mentalisierungsthemen in Teams ausgeweitet. Zu diesen Teams zählen z.B. Elternpaare, Lehrerteams, Teams von WohngruppenbetreuerInnen und andere. In sieben „Tipps“ werden Wege aufgezeigt, wie Unterschiede wahrgenommen, respektiert werden können, bzw. wie zu große, polarisierte Unterschiede im Sinne besserer Zusammenarbeit mentalisiert und verändert werden können.

Eine gute Teamarbeit ist auch Voraussetzung für eine (systemische) Begegnung mit verletzlichen Jugendlichen in Pubertät und Adoleszenz. Kinder, die in ihrer Frühkindheit nicht adäquat mentalisiert wurden, geraten in diesen Lebensphasen leichter in Krisen als andere. Diese Krisen können sich in z.B. hartknäckiger Verweigerungshaltung, in psychopathologischen Entwicklungen, in Suzidalität oder Fremdaggression äußern. In diesem Kapitel wird auch der p-Faktor, ein empirisches Maß für das epistemische Misstrauen und Grundlage von Psychopathologie eingeführt. Resilienz würde bedeuten, dass das betreffende Individuum über einen niedrigen p-Faktor verfügt. Mit zwei stark fallorientierten Abschnitten zur Stärkung von Resilienz in der Pubertät durch eine mentalisierende Haltung endet der inhaltliche Teil des Buches.

Diskussion

Die Konzepte „Mentalisieren“ und „Epistemisches Vertrauen“ gelten manchen als etwas sperrig, schwer zu verstehen und noch schwerer zu lernen. Dieses Buch beweist das Gegenteil, zumindest was das Verstehen angeht. Die vielen Praxisbeispiele bringen der Leser:In nah, wie heilsam und wie ästhetisch ein mentalisierender Umgang miteinander ist, und welche Freude das auf beiden Seiten bringt. Üben muss man es trotzdem, auch wenn sich das Mentalisieren im Buch ganz leicht anfühlt.

Mit der Beherzigung einer mentalisierenden Haltung wird die Arbeit nach meiner Erfahrung tatsächlich leichter und die Arbeitsbeziehung vertieft sich. Während des gesamten letzten Jahres haben wir das Buch konsequent in einer systemischen Weiterbildung von KiTa-Fachkräften eingesetzt. Es ist dort zu einer wichtigen Ressource neuer Möglichkeiten für die nicht immer unkomplizierten Interaktionen in der Triade: Erzieherin‑ Kind-Eltern geworden.

Ein kleiner Hinweis: In den letzten Jahren wurde als frühester prämentaler Modus der somatopsychische (Körper-)Modus eingeführt, eine notwendige Ergänzung zum Verständnis von Entwicklung und Regression (Schultz-Venrath, 2021; Diez-Grieser und Müller, 2018). Es wäre schön, wenn auch dieser Modus in die nächste Auflage einfließen könnte.

Fazit

Ein ganz wunderbares, dichtes und gleichzeitig leicht zu lesendes Buch, für alle, die ihre Beziehung zu ihren Kindern, Schüler:innen, Partner:innen, Kolleg:innnen und zu sich selbst verstehen und verbessern wollen, insbesondere aber allen, die in pädagogischen oder therapeutischen Berufen ihren Klient:innen noch leichter und gleichzeitig effektiver begegnen wollen.

Literatur

Asen, E., Fonagy, P. (2023). Mentalisieren in der systemischen Praxis. Eine Einführung in die mentalisierungsinspirierte systemische Therapie. Heidelberg: Carl-Auer.

Diez-Grieser, MT & Müller, R.(2018) Mentalisieren mit Kindern und Jugendlichen. Stuttgart (Klett-Cotta)

Schutz-Venrath, U. (2021) Mentalosieren des Körpers. Stuttgart (Klett-Cotta) 2021

Trost, A. (2025) Bindungsstörungen verstehen und behandeln – ein systemisch-integratives Konzept. Göttingen, V & R.

Rezension von
Prof. Dr. med. Alexander Trost
Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie, systemischer Lehrtherapeut und Supervisor (DGSF), TZI-Lehrbeauftragter (RCI), MBT D-A-CH

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ISSN 2190-9245