Susanne Altmeyer: EMDR-Intensivtherapie
Rezensiert von Alexander Korittko, 30.07.2025
Susanne Altmeyer:EMDR-Intensivtherapie (Leben Lernen, Bd. 348). Systemisch – fokussiert – effektiv. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2024. 140 Seiten. ISBN 978-3-608-89323-6. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Thema
In diesem Buch beschreibt die Autorin anschaulich, wie eine EMDR-Intensivtherapie bei traumatisierten Patient:innen eingesetzt werden kann.
Autorin
Susanne Altmeyer, Dr. med., ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Neurologin, Systemikerin und EMDR-Therapeutin. Sie leitet als Chefärztin die Klinik und Tagesklinik für Psychosomatische Medizin, Psychotraumatologie und EMDR des Gezeiten Haus Schloss Eichholz in Wesseling bei Köln.
Entstehungshintergrund
Die Autorin hat bereits 2021 in einem kleineren Büchlein die Intensivtherapie mit der Klientin beschrieben, die auch in diesem Band den Hauptteil ausmacht. Bei der aktuellen Ausgabe wird der klinische Kontext ergänzt und umfangreicher dargestellt.
Aufbau
Nach einer kurzen Einleitung folgt im zweiten Kapitel eine Beschreibung der therapeutischen Grundlagen der Autorin, des Verfahrens EMDR und ergänzender Methoden. Im dritten Kapitel erfolgt eine intensive Beschreibung der Fallgeschichte. Im vierten Kapitel erörtert die Autorin die Integration von EMDR-Intensivtherapie in ambulante und stationäre Kontexte. Ein Literaturverzeichnis schließt das Buch ab.
Inhalt
- Im ersten Kapitel (Einleitung) gibt die Autorin einen Einblick in die Entstehung diese Buches, nutzt aber auch die Metapher „Buch“ darüber zu imaginieren, wie in der Arbeit mit jede:r Patient:in ein neuer Band entsteht, von dem bei der Anmeldung lediglich der Klappentext bekannt ist. Manches ist den zu therapierenden aus ihrer Lebensgeschichte bereits bekannt, einiges wird durch die Therapie umgeschrieben, manches sogar neu verfasst.
- Im zweiten Kapitel lässt uns die Autorin zunächst an ihrem Verständnis ihrer therapeutischen Rollen teilhaben. Sie sieht sich als Bergführerin durch schwieriges Gelände, wobei die Patient:innen bestimmen, wohin sie wollen. Sie sieht sich als Expertin vom Fach, die Experten für die Person begegnet. Und als „Ressourcentrüffelschwein“ (2.2).
Im nächsten Abschnitt gibt die Autorin einen Überblick über Traumafolgestörungen und Dissoziation im Spannungsfeld zwischen Schutz und Einschränkungen (2.3).
Danach (2.4) stellt die Autorin die acht Phasen der Methode EMDR [1] vor, in welcher nach einer Konzentration auf eine traumatische Ausgangserinnerung durch bilaterale Stimulierung des Gehirns (durch Augenbewegungen oder taktile Reize) eine neuronale Nachverarbeitung des Traumas angeregt wird. Sie schließt eine Ausführung über eine EMDR-Therapeutin an, die als erste Intensiv-EMDR beschrieben hat (Jacqueline Mary Smith) und belegt mit einigen Studien die Wirksamkeit von Intensiv-EMDR. Der Stellenwert von EMDR in der eigenen Einrichtung Gezeiten Haus wird ebenso erörtert, in Kombination mit systemischen Grundüberzeugungen der Autorin, die in einem weiteren Unterabschnitt Raum bekommen (2.5).
Im Abschnitt 2.6 werden weitere Verfahren und Methoden beschrieben: Hypnotherapie, Ego-State-Therapie, Stabilisierungstechniken (mit zahlreichen Beispielen) und Körper-orientierte Übungen (Zapchen), unter 2.7 weitere Grundlagen.
- Im dritten Kapitel wird unter der Überschrift „Der Gruhl, das ganz kleine und die tentakeligen Monster“ eine EMDR-Intensivtherapie mit einer Patientin beschrieben.
Dieses ist das längste Kapitel (82 Seiten). Es beinhaltet die Beschreibung einer Therapie mit mehreren Sitzungen pro Tag über fünf Tage, einschließlich Vor- und Nachgeschichte.
Man erfährt über die Beweggründe der Therapeutin für diese Vorgehensweise und über die Klientin, die sich eine solche Behandlung wünscht. Man liest über eine mit sowohl sequentiellen Traumata (körperliche Gewalt im ersten Lebensjahr, sexuelle Gewalt in der Kindheit) und mit einer Vielzahl von Monotraumata belasteten 44jährigen Frau, die eine hochfrequente EMDR in kürzestem Zeitraum sucht und eine erfahrene EMDR-Therapeutin, die bereit ist, sich auf dieses Experiment einzulassen, das in 12 Sitzungen in fünf Tagen mündet.
Jede einzelne Sitzung wird mit den beim EMDR üblichen Protokoll-Anteilen beschrieben: Ausgangserinnerung/Bild, negative Kognition, positive Kognition, Stimmigkeit des positiven Gedankens, Emotion, Stärke der empfundenen Belastung, Körpergefühl. Dadurch wird in jeder Sitzung nachvollziehbar, woran und mit welcher Intention gearbeitet wird.
Die Klientin hat der Therapeutin ihr eigenes Therapie-Tagebuch zur Verfügung gestellt, sodass die Reflexionen der einzelnen EMDR-Sitzungen sowohl aus Sicht von Susanne Altmeyer, als auch aus der Perspektive der Klientin zu erfahren sind. Patientin und Therapeutin haben ihre Aufzeichnungen getrennt voneinander ohne gegenseitige Kenntnis davon niedergeschrieben und sind in diesem Buch bezogen aufeinander zu lesen. Hier ist durch diese nicht bewusste Kooperation in der Protokollierung ein Dialog entstanden, der viele Details des Therapie-Prozesses dual beleuchtet und dadurch verständlicher und nachvollziehbarer macht.
Hin und wieder entstehen Situationen, in denen die Klientin in Dissoziationsgefahr gerät. Je näher sich die beiden den sequentiellen Traumata nähern, zeigt die Therapeutin einen kreativen Wechsel zwischen Expositions- und Stabilisierungs-Interventionen, die Klientin beschreibt ihren emotionalen Prozess zwischen Angst, Unsicherheit, inneren Dialogen der unterschiedlichen Anteile und Erleichterung nach erfolgten EMDR-Expositionen. Auf der therapeutischen Seite werden Formen des so genannten Einwebens hilfreicher Sätze während der bilateralen Stimulation beschrieben. Dies geschieht meist während des Einsatzes taktiler Reize. Unter EMDR scheint der Klientin das Gewirr der Stimmen im Kopf kaum zu ertragen zu sein, doch sie gewinnt durch ordnende Interventionen und Psychoedukation immer wieder die Kontrolle über sich: die Fragmentierung wird geringer, das Selbst wird stärker, innere Monster können als Helfer identifiziert werden. Das Experiment der 12 Sitzungen in fünf Tagen ist gelungen.
Es folgt ein anschließender Schriftverkehr zwischen Therapeutin und Klientin nach der Intensivtherapie. In diesen Austausch wird auch der niedergelassene Therapeut einbezogen, den die Klientin wieder aufsucht. Nach einer Re-traumatisierung durch einen medizinisch notwendigen Eingriff folgt eine zweite Therapiephase mit Susanne Altmeyer, diesmal jedoch in großen Abständen. Es wird deutlich, wie die beachtlichen Erfolge der Intensivtherapie im Alltag der Klientin unter neuen Belastungen ins Schlingern geraten können. Doch die zuvor erzielte emotionale Basis bleibt letztendlich stabil und ein loser Kontakt zwischen den beiden Frauen schließt sich an, parallel zu einer ambulanten Betreuung durch eine niedergelassene Therapeutin. Ein Epilog zur Fallgeschichte rundet dieses Kapitel ab.
- Ein kurzer Abriss schildert in Kapitel 4 nachfolgende Überlegungen in der Klinik, wie und unter welchen Voraussetzungen ein solches EMDR-Intensivangebot dauerhaft für einige wenige Patient:innen vorgehalten werden kann.
Diskussion
Es handelt sich um ein Buch, das in mehrfacher Hinsicht einen besonderen Schatz birgt.
Allein das außergewöhnlich EMDR Setting mit insgesamt 12 Sitzungen in fünf Tagen macht neugierig. Doch die beiden unabhängig voneinander verfassten Schriften, die Protokolle der Therapeutin und die Tagebücher der Patientin, stellen einen Gewinn für jede/n Leser:in dar. Bei der Lektüre dieser beiden Niederschriften wird die Komplexität des Geschehens erkennbar, und ebenso die Wirkung der unterschiedlichen Interventionen, nicht nur aus dem EMDR, obgleich Interesse geweckt werden kann, mehr von dieser Methode zu erfahren.
Auch die ersten Abschnitte, außerhalb der Beschreibung dieser Patientinnen-Arbeit, lesen sich spannend, weil die Autorin einen detaillierten Einblick in ihre therapeutische Gedanken- und Erlebenswelt gibt und darüber hinaus einzelne Interventionen – jenseits von EMDR – ebenso nachvollziehbar beschreibt. Der hin und wieder aufblitzende Humor von Susanne Altmeyer macht das Buch zusätzlich lesenswert (Ressourcentrüffelschwein, oink,oink).
Fazit
Ein absolut lesenswertes außergewöhnliches Buch über die Arbeit mit einer vielfach traumatisierten Frau – und ihren fragmentierten Anteilen –, in welchem nicht nur die Erfahrung und Kreativität der Autorin als EMDR-Therapeutin zum Ausdruck kommt, sondern das auch durch die parallelen Schilderungen aus der Perspektive der Klientin fasziniert. Ein „Muss“ für alle EMDR-Praktizierenden und für Professionelle, die mit komplex Traumatisierten arbeiten.
[1] Eye Movement Desensitation and Reprocessing, eine von Francine Shapiro entwickelte Methode der Trauma-Exposition mithilfe von blilaterale stimulierten Augenbewegungen oder bilateralen taktilen Reizen
Rezension von
Alexander Korittko
Dipl. Sozialarbeiter, Systemischer Lehrtherapeut, Autor von zahlreichen Zeitschriftenartikeln zum Trauma-Thema und vier Fachbüchern.
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