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Christiane Wolf, Ulrike Stopfel: Achtsamkeit und Selbstmitgefühl bei chronischen Schmerzen

Rezensiert von Mag. Dr. Matthias Knefel, 03.03.2026

Cover Christiane Wolf, Ulrike Stopfel: Achtsamkeit und Selbstmitgefühl bei chronischen Schmerzen ISBN 978-3-608-40171-4

Christiane Wolf, Ulrike Stopfel: Achtsamkeit und Selbstmitgefühl bei chronischen Schmerzen. Schattauer (Stuttgart) 2024. 160 Seiten. ISBN 978-3-608-40171-4. D: 42,00 EUR, A: 43,20 EUR.

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Thema

In ihrem Buch beschreibt Christiane Wolf einen achtsamen Zugang zu chronischen Schmerzen. Akzeptanz-, achtsamkeits‑ und mitgefühlsbasierte Ansätze bilden inzwischen eine bedeutende „dritte Welle“ psychologischer Behandlungen bei chronischen Schmerzen. Wissenschaftliche Forschung zeigt, dass diese Ansätze vielversprechend sind, weshalb das vorliegende Buch einen praxisnahen Beitrag liefert, der sowohl für Betroffene als auch für professionelle Helfer:innen wertvoll sein kann. Dabei wird keines der gängigen manualisierten Programme (MBSR, ACT, MBCT) dargestellt, sondern vielmehr eine grundsätzliche Haltung vermittelt, die anhand konkreter Übungen veranschaulicht wird.

Autor:in oder Herausgeber:in

Christiane Wolf ist Medizinerin, studierte in Deutschland und absolvierte ihre Ausbildung zur Gynäkologin an der Charité in Berlin. Bereits damals half ihr Meditation dabei, eine bessere Ärztin zu sein, wie sie selbst berichtet. Aus einem ursprünglich kürzer geplanten Aufenthalt in den USA wurde ein dauerhaftes Leben in Los Angeles, wo sie nicht mehr als Ärztin, sondern als Achtsamkeits‑ und Meditationslehrerin tätig ist. Sie ist lehrbefugt für Vipassana-Meditation sowie für MBSR nach Jon Kabat-Zinn.

Aufbau

Das Buch ist nach einer Einleitung in fünf Teile gegliedert, die insgesamt 21 Kapitel umfassen. Diese fünf Teile folgen einer inneren Logik, die von anfänglichem Verstehen, Selbstannahme und Selbstmitgefühl über den Umgang mit Belastungen und Emotionsregulation hin zu einem grundlegenden Perspektivwechsel und einer Neukalibrierung der Lebensausrichtung führt. Jeder Teil umfasst drei bis fünf kurze Kapitel, die jeweils mit einer theoretischen Einleitung beginnen, häufig anhand von Praxisgeschichten Betroffener veranschaulicht werden und mit einer geführten, schriftlich ausgearbeiteten Meditation enden. Ein kurzes Resümee der Autorin rundet das Buch ab. Die insgesamt 21 Meditationsübungen können zusätzlich online als Audiodateien heruntergeladen und so praktisch angeleitet erprobt werden.

Inhalt

Bereits in der Einführung erläutert Christiane Wolf die Idee, dass Schmerz keine absolute Größe ist, sondern im Kontext der Formel „Leiden = Schmerz × Widerstand“ verstanden werden kann. Diese Annahme bildet die zentrale Grundidee des Buches: Nicht allein der Schmerz, sondern auch der Widerstand gegen ihn erzeugt Leidensdruck. Widerstand manifestiert sich in Gedanken, und Gedanken sind veränderbar. Auf wenigen Seiten werden aktuelles Wissen über Schmerz, eine kurze Einführung in das Thema Achtsamkeit sowie der Aufbau des Buches dargestellt.

Im ersten Teil, Selbstfürsorge, wird der Schmerz als biopsychosoziales Phänomen beschrieben, das eine individuelle Biografie besitzt und neben der Wahrnehmung auch Gefühle und Gedanken umfasst. Ziel der Achtsamkeitsübungen dieses Abschnitts ist es, diese verschiedenen Ebenen des Schmerzerlebens differenzieren zu lernen.

Der zweite Teil, Frieden schließen, thematisiert überwiegend negative Emotionen und selbstabwertende Einstellungen gegenüber dem eigenen Körper. In vier Kapiteln zeigt Christiane Wolf, wie solche Perspektiven innere Dynamiken entfalten und Leid verstärken können. Als Gegenentwurf führt sie das Konzept des Selbstmitgefühls ein. Die zugehörigen Meditationen zielen darauf ab, neben belastenden Selbstzuschreibungen auch wohlwollende, unterstützende und liebevolle Haltungen sich selbst gegenüber zu entwickeln.

Der dritte Teil, Zum Umgang mit intensiven Emotionen, widmet sich häufig komorbid auftretenden emotionalen Belastungen wie Depressivität, anhaltendem Ärger oder Angst sowie dysfunktionalen Bewältigungsformen, etwa Suchtverhalten. Die Autorin zeigt auf, wie achtsames Selbstmitgefühl helfen kann, diese emotionalen Abwärtsspiralen zu unterbrechen. Leitend ist dabei die Haltung: Ich habe eine Emotion, aber ich bin nicht diese Emotion. Gedanken und Gefühle dürfen vorhanden sein, definieren jedoch nicht die eigene Identität. Die geführten Meditationen dieses Teils sollen dabei unterstützen, einen regulierenden Zugang zur inneren Erlebniswelt zu entwickeln.

Der vierte Teil, Der Schmerz von Verbundenheit und Beziehungsabbruch, richtet den Fokus auf die zwischenmenschlichen Herausforderungen chronischer Schmerzpatient:innen. Drei Kapitel befassen sich mit Erfahrungen von Missverständnis, Rückzug und Einsamkeit; eines davon nimmt eine Sonderstellung ein, da es sich explizit an Partner:innen von Betroffenen richtet. Achtsamkeitspraxis soll hier helfen, bewusster zu entscheiden, welche Rückmeldungen aus dem sozialen Umfeld angenommen und welche abgegrenzt werden. Die Meditationen dieses Abschnitts unterstützen den Weg von Isolation hin zu Verbundenheit.

Im fünften und letzten Teil, Perspektivwechsel, beschreibt Christiane Wolf mögliche Wege aus der Verengung durch chronischen Schmerz. Dabei vermeidet sie sowohl Beschwichtigung als auch Euphemisierung und betont, dass der Schmerz möglicherweise bestehen bleibt. Zwar entspricht dies nicht dem Leben, das sich Betroffene gewünscht haben, doch anhaltender Widerstand dagegen verstärkt das Leiden. Achtsamkeit ermöglicht es, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und dadurch zu wählen, welche Lebensbereiche in den Vordergrund treten. Die Meditationen dieses Abschnitts regen an, ein Leben zu führen, in dem Schmerz präsent, aber nicht identitätsbestimmend ist.

Mit wenigen abschließenden Gedanken rundet die Autorin das Buch ab und erinnert daran, dass Achtsamkeit keine einmal zu erlernende Technik ist, sondern eine Praxis, die kontinuierliche Übung erfordert.

Diskussion

Das vorliegende Buch stellt eine praxisnahe, erfahrungsbasierte Einführung in Achtsamkeit und Selbstmitgefühl für Menschen mit chronischen Schmerzen dar. Die Autorin verzichtet sowohl auf spirituelle Deutungsrahmen als auch auf ausführliche theoretische Abhandlungen. Stattdessen vermittelt sie eine klar konturierte Haltung, die ohne umfangreiche Vorkenntnisse oder psychologisches Fachwissen zugänglich ist. Dadurch eignet sich das Buch sowohl für Betroffene als auch für professionell Helfende als praxisorientierter Leitfaden. Es handelt sich jedoch nicht um ein manualisiertes Programm, das linear abgearbeitet werden muss, sondern um eine Sammlung von Perspektiven und Übungen, die eine achtsame Grundhaltung fördern. Die Bereitstellung der Meditationen als Audiodateien unterstreicht zusätzlich die praktische Ausrichtung des Buches. Leser:innen, die eine stärker wissenschaftlich orientierte Darstellung mit ausführlicher Aufarbeitung empirischer Befunde oder eine kritische Auseinandersetzung mit der sogenannten Achtsamkeitsbewegung erwarten, werden in diesem Buch hingegen weniger fündig.

Fazit

Achtsamkeit und Selbstmitgefühl bei chronischen Schmerzen zeigt in praxisnaher Weise, wie Achtsamkeitspraxis Menschen im Umgang mit chronischem Schmerz unterstützen kann. In fünf Teilen und 21 Kapiteln verbindet Christiane Wolf kurze theoretische Einordnungen mit prägnanten Meditationsübungen zu zentralen Problembereichen. Das Buch richtet sich gleichermaßen an Betroffene wie an professionell Helfende und überzeugt durch seine Klarheit, Menschlichkeit und praktische Umsetzbarkeit.

Rezension von
Mag. Dr. Matthias Knefel
MSc, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut
Univ. Ass. Postdoc
Universität Wien, Fakultät für Psychologie, Arbeitsgruppe Psychotraumatologie
Landesklinikum Baden, Abteilung für Innere Medizin, Station für Internistische Psychosomatik und Gastroenterologie
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Es gibt 1 Rezension von Matthias Knefel.

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ISSN 2190-9245