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Agathe Israel, Cecilia Enriquez de Salamanca: Beobachten lernen - ein kreativer Prozess

Rezensiert von Prof. (i.R.) Dr. Hans-Jürgen Balz, 20.03.2026

Cover Agathe Israel, Cecilia Enriquez de Salamanca: Beobachten lernen - ein kreativer Prozess ISBN 978-3-8379-3376-5

Agathe Israel, Cecilia Enriquez de Salamanca: Beobachten lernen - ein kreativer Prozess. Intimität, Rhythmen; Entwicklungsräume. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2024. 142 Seiten. ISBN 978-3-8379-3376-5.
Reihe: Jahrbuch für teilnehmende Säuglings- und Kleinkindbeobachtung ... - 2024.

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Thema

Beobachten dient in pädagogischen, psychologischen und medizinischen Berufen der Informationsgewinnung, Eindrucksbildung, der Beziehungsaufnahme und der Planung des pädagogischen Unterstützungsprozesses. Gleichzeitig wird sie als Methode in zahlreichen Forschungsfeldern der Sozial‑ und Humanwissenschaften eingesetzt. Ausgangspunkt der professionellen Verhaltensbeobachtung bildet eine Fragestellung, durch die auch die Eckpunkte zur Gestaltung des Beobachtungsprozesses zu bestimmen sind. Dies betrifft u.a. die Auswahl des Gegenstands der Beobachtung (z.B. das spielende Kind, die Eltern-Kind-Interaktion), die Dauer der Beobachtung und die Situationsgestaltung (z.B. alltägliche Gelegenheitsbeobachtung vs. Beobachtung in einem gestalteten Spielsituation bzw. Handlungsablauf) und die Form der Dokumentation der Beobachtungsinformationen. Beobachtung wirkt selbstverständlich, aber: Können wir unseren Beobachtungen und den dadurch gewonnenen Eindrücken trauen? Wie überprüfen wir unsere Beobachtungen und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen? Wie spielen Sympathie und familiäre Eigenerfahrungen mit Kleinkindern in die Beobachtungssituation hinein? Im Beobachtungsprozess kommt der Regulation von Nähe und Distanz, der Aufmerksamkeitssteuerung, dem Umgang mit eigenen Gefühlen und dem Nicht-Wissen über innerpsychische Prozesse eine wichtige Rolle zu. Diese Fragen sind insbesondere in der Beobachtung von Säuglingen und Kleinkindern bedeutsam, da nur darüber der Zugang zu Emotionen, Bedürfnissen, Kompetenzen und dem Denken der Kinder gefunden werden kann. Aus einer psychoanalytischen Perspektive reflektieren die Beiträge die professionelle Gestaltung von Beobachtungsprozessen unter Beteiligung von sieben Fachautor:innen.

Entstehungshintergrund

Das Buch von Agathe Israel und Cecilia Enriquez de Salamanca herausgegeben erscheint in der Reihe der Jahrbücher für teilnehmende Säuglings‑ und Kleinkindbeobachtung. Agathe Israel ist Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie/​Neurologie und Kinder‑ und Jugendpsychiatrie. Auch Cecilia Enriquez de Salamanca ist Fachärztin. Ihr Schwerpunkt ist die Kinder‑ und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse für Kinder und Jugendliche. Beide Herausgeberinnen verbindet ihre Tätigkeit als Dozentin und Supervisorin am Institut für analytische Kinder‑ und Jugendlichen-Psychotherapie in Berlin. Konzeptionelle Grundlage in der Arbeit mit Säuglingen und Kleinkindern bildet an dem Ausbildungsinstitut die von Esther Bick entwickelte Methode der Beobachtung. Auch ist das Erlernen der Methode verpflichtender Bestandteil der Ausbildung für psychoanalytische Kinder‑ und Jugendlichentherapeut:innen.

Die Beiträge der Fachautor:innen des Jahrbuchs sollen dazu beitragen, sich dem Erleben der Babys von der Geburt an einfühlsam anzunähern. Es gilt, sich sowohl mit den für die Beobachtung wichtigen handwerklichen Aspekten, der Erarbeitung einer Grundhaltung von Abstinenz, forschender Neugier, Nicht-Wissen und Offenheit, sowie mit der Reflexion der Eigenanteile und Übertragungen bei den therapeutischen Fachkräften auseinanderzusetzen.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch bietet neben der Einleitung durch die Herausgeberinnen neun Fachbeiträge. Die Einleitung liefert Schlüsselkonzepte des psychoanalytisch orientierten Verständnisses von Beobachtung als dem Erfassen des Lernens emotionaler Erfahrungen durch das Kleinkind. In den beiden Grundfunktionen des Haltens und Verstehens bilden sowohl das neugierige und angstfreie Einlassen der Fachkraft, wie auch der stabil-kontinuierliche Rahmen von Ort, Zeit und Beziehungsarbeit eine professionelle Voraussetzung der Beobachtung. Die Herausgeberinnen geben abschließend einen Überblick über die Beiträge des Jahrbuchs.

Maria Knott geht in ihrem Beitrag auf den psychoanalytisch begründeten Rahmen des Beobachtungsprozesses ein und arbeitet den Beitrag der mit den Eltern verlässlich vereinbarten Rahmenbedingungen für ein offenes und von eigenen Anteilen (z.B. Befindlichkeiten, Sympathie) unabhängiges Beobachten heraus. Betont wird in dem Beitrag die Bedeutung einer kontinuierlichen Beobachtung von der Geburt an über ein‑ bis zwei Jahre und der gleichmäßigen Zeitabstände der Beobachtung im natürlichen Lebensraum der Kinder. Nur so lassen sich die Lernprozesse der Kleinkinder und die Eltern-Kind-Beziehung angemessen erfassen. Mit dem Beobachtungsprozess im Inneren beschäftigt sich der Beitrag von Agathe Israel. Er beschreibt die Facetten der kreativen Seite des Beobachtungslernens. Dabei geht es um das Erleben der beobachtenden Person, der Eltern-Kind-Beziehung, der darin sich entwickelnden Emotionen und dem Finden einer präzisen Beschreibung der Beobachtungserfahrungen, wichtige emotionale und handlungsleitende Aspekte des Beobachtungsprozesses.

Seine Lernerfahrungen mit seiner Lehrerin Ross Lazar beschreibt Reiner Winkler und gibt den Leser:innen einen Einblick in das psychoanalytische Mindsetting, orientiert am Konzept von Isca Salzberger-Wittenberg. Der Autor stellt neben dem sehr persönlichen Einblick in seinen Lernprozess Grundlagen für die psychoanalytisch konzipierte Beobachtung dar. Cecilia Enriquez de Salamanca und Maria Theresa Rodriguez berichten in ihrem Beitrag von dem Besuch der Tagung des AIDOBB (Association International pour le Développement de l'Observation selon Bick) in Havanna. In diesem persönlichen Bericht schildern die Autorinnen ihre Tagungserfahrungen (Tagungsthema: Kreativität und Transformation in der frühkindlichen Entwicklung und ihrer Beobachtung), ihr Erleben der z.T. durch Improvisation charakterisierten Tagungsatmosphäre und Eindrücke in Havanna. Neben den Vorträgen und den Fallschilderungen der Beobachtung von Säuglingen (die Tagung ist dreisprachig) war die Vielfältigkeit der Arbeit in der Kinderbeobachtung in unterschiedlichen Ländern für die Besucher:innen mit einem intensiven persönlichen Erleben verbunden.

Im zweiten Teil des Buches finden sich Fallschilderungen unter Einbezug der Selbstreflexion der Rolle und Haltung im eigenen Beobachtungslernen von Dinah Martin und Ludger Schmidt. In den Beiträgen werden die vielschichtigen emotionalen Lernerfahrungen, die Entwicklung der Mutter-Kind-Dyade und der Suchprozess nach einer angemessenen Nähe im Beobachtungsprozess ausführlich beschrieben und reflektiert. Dinah Martin fokussiert die ersten drei Monate des Babys und Ludger Schmidt beschreibt den Entwicklungsprozess eines kleinen Mädchens über zwei Jahre basierend auf wöchentlichen Besuchen. Hier vermittelt sich auch die lebenslange Bedeutung, die diese Früherfahrungen für den Säugling haben.

Diskussion

Als Leser:innen können praktisch tätige Elementar‑ und Heilpädagog:innen, pädiatrische Fachkräfte, Kinder‑ und Jugendlichentherapeut:innen und in der Ausbildung zu psychoanalytischen Kinder‑ und Jugendlichentherapeut:innen befindliche Kolleg:innen von den Beiträgen des Buchs profitieren. Auch erscheinen mir die Ausführungen zu den psychoanalytischen Grundsätzen der Beobachtung für Studierende in höheren Fachsemestern z.B. der Elementar-, Heilpädagogik, Pädiatrie, Psychologie, Pädagogik und Sozialarbeit im Kontext von beratungs‑ und therapieorientierten Modulen gewinnbringend.

Das Buch – herausgegeben von Agathe Israel und Cecilia Enriquez de Salamanca – liefert Grundlagen zur teilnehmenden Säuglings‑ und Kleinkindbeobachtung aus einer psychoanalytischen Perspektive. Dabei wird das Potenzial von langandauernden und kontinuierlichen Beobachtungssequenzen als Basis für einen intensiven Einblick in die emotionale, motorische, körperliche und kognitive Entwicklung der Kleinkinder anschaulich beschrieben.

Fazit

Es gelingt den Beiträgen im Buch, die Bedeutung des für die Beobachtung wichtigen verlässlich vereinbarten Rahmens, die Bedeutung der Selbstreflexion und der Haltung als Grundlage für eine durch neugieriges Nichtwissen und gleichschwebende Aufmerksamkeit geprägte professionelle Beobachtung auszudifferenzieren. Insofern ist das Buch auch über den Kontext psychoanalytischer Therapieausbildung für das Beobachtungslernen bei Kleinkindern eine lohnenswerte Lektüre.

Rezension von
Prof. (i.R.) Dr. Hans-Jürgen Balz
von 2002 bis 2023 Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Supervisor, Coach und Weiterbildner im Institut für Lösungsfokussierte Kommunikation (ILK-Bielefeld).
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Es gibt 48 Rezensionen von Hans-Jürgen Balz.

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ISSN 2190-9245