Manfred Prisching: Verlorenheit
Rezensiert von Prof. Dr.em. Jürg Frick, 16.09.2025
Manfred Prisching: Verlorenheit. Ressentiments und verletzte Bedürfnisse in Krisenzeiten.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2024.
171 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3352-9.
D: 19,90 EUR,
A: 20,50 EUR.
Reihe: Gegenwartsfragen.
Thema
Der Autor untersucht aus soziologischer Perspektive das Unbehagen vieler Menschen in der spätmodernen Gesellschaft.
Autor
Manfred Prisching ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Graz.
Aufbau
Das Buch gliedert sich nach einer kurzen Einleitung in sieben Kapitel mit fünf Thesen und einem ausführlichen Literaturverzeichnis.
Inhalt
Im 1. Kapitel («Normalitätserosion, Bedürfnisgefährdung und Ressentiments») stellt Prisching die These auf, dass das Gefühl der Verlorenheit vieler Menschen nicht nur mit konkreten Krisenereignissen (Pandemie, Angst vor sozialem Abstieg, geschwundenes Vertrauen in die Politik u.a.) begründet werden kann. Mit Verlorenheit meint er, dass bisherige Stabilitätskonstruktionen («Selbstverständlichkeiten») ins Wanken gekommen sind. Das führt zu seiner 2. These: Es sei ein Zustand der Haltlosigkeit, der Verlorenheit, der dem Phänomen des Unbehagens zugrunde liege, es gehe um einen Normalitätsverlust, bzw. eine Normalitätserosion, um eine fundamentale Verunsicherung. Grundlegend dafür sieht er (These 3) fundamentale Cluster von Bedürfnissen, die in den letzten Jahrzehnten immer stärker als gefährdet empfunden werden. Es handelt sich um a) das kognitive Verständnis der Welt, b) die normative Orientierung in der Lebenswelt, c) Gemeinschaftsgefühle, d) Wohlstand und e) Sicherheit. Dieses Gefühl der Verlorenheit führe, so die 4. These, zu wachsendem Ressentiment – und so könne jedes beliebige Ereignis zum Protest führen.
Im 2. Kapitel («Durcheinander-Welt: Orientierung») geht es um steigende Komplexität und Unüberschaubarkeit in allen Lebensbereichen und vergangene oder noch aktuelle Angebote zur Komplexitätsreduktion wie Religion, Wissenschaft, Nation, Nationalsozialismus, Kommunismus oder die Konsumgesellschaft: das Gefühl bleibt, die Dinge nicht im Griff zu haben; und gleichzeitig zur Ideologie des Individualismus, der Selbstbestimmung, spüren die Menschen die Abhängigkeit im Alltag: man hat theoretisch ein weites Feld von Optionalitäten, weiss aber nicht mehr, was man tun soll, welcher Entscheid der Richtige, Optimale ist. Die Informationsflut kollidiert mit begrenzten Aufnahme- und Verarbeitungskapazitäten der Menschen, sie reagieren mit Überlastung oder Irritation. Hier bieten sich dann Einfachanbieter für simple Lösungen an. Dagegen wäre, so Prisching, die Akzeptanz der eigenen Unzulänglichkeit und eine mehr ‚Mitte‘-Normalitätsorientierung hilfreich.
Das 3. Kapitel behandelt die Wertthematik: viele Normen- und Sinnstiftungsquellen sind diskreditiert, für viele Menschen findet eine Wertekonfusion statt und so werden sie dann empfänglich radikale Gruppierungen von links und rechts.
Das 4. Kapitel widmet sich der Gemeinschaft: Menschen haben das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Einbettung. Offenkundig hat die fortgeschrittene Globalisierung nicht zu einer friedlichen Weltgesellschaft geführt: Migration, der Vergleich mit reichen Models oder Yachtbesitzern u.a. mindern das eigene Selbstwertgefühl und das Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinschaft.
Im 5. Kapitel steht der Wohlstand bzw. das Gefühl des Wohlstandverlusts (Abstiegsängste) im Zentrum, verstärkt durch Klima-Irritationen.
Das Sicherheitsbedürfnis vieler Menschen ist – so das Thema des 6. Kapitels – gemäß Prisching erschüttert worden: Pandemie, digitale Unsicherheit, Gewalt und Terror sind die Stichworte. Aus der Sicht des Autors haben Politik und Medien das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung ignoriert bzw. diskreditiert, indem sie Migration und Sicherheit tabuisieren – so seien die Rechtsautoritären die Einzigen, die das Problem benannt hätten (S. 130). Aus der Sicht des Rezensenten eine mehr als fragwürdige These.
Im Schlusskapitel fasst der Autor seine Ausführungen nochmals zusammen: die sich beschleunigenden Bedürfnisbeeinträchtigungsbereiche (Orientierung, Komplexität, Werte, Gemeinschaft, Wohlstand und Sicherheit) führen zu einer erlebten Erosion dieser Bedürfniscluster und damit zu einem Stressverhältnis zur Welt, die nicht mehr als ‚normal‘ empfunden wird. Die Beschleunigung aller Lebensbereiche in den letzten Jahrzehnten mit sozialen Medien als «Aufheizungsgeräte und Emotionsfabriken» (S. 136), die Radikalismus und Postfaktizismus fördern, sowie das Anomale postulieren. Als gesellschaftsgefährdendes Moment sieht der Autor, dass die Verlorenheit in den essenziellen Bedürfnisclustern der Menschen die Funktionsfähigkeit des Systems als Ganzes beeinträchtigt. Aus dem Gefühl der Verlorenheit erwächst Autoritarismus quer durch die westliche Welt. Als Antwort darauf postuliert Prisching u.a., mehr den Kompromiss zu denken, die Wertschätzung der Normalität, der Mitte, der Moderatheit sowie Nüchternheit und Realismus zu wahren. Er gesteht selber zu, diese Vorschläge seien «in gewissem Sinne banal, aber so läuft die Welt.» (S. 156).
Diskussion
Ein anregendes Buch, das wichtige Aspekte primär aus soziologischer Perspektive ausleuchtet. Ob,der Westen‘ tatsächlich eine Demokratisierung und die Beseitigung der Armut außerhalb der eigenen Sphäre wirklich möchte (S. 105), scheint angesichts der Handelsbeziehungen und unfairen Handelsverträgen schon eher fraglich. Ebenso, ob den westlichen Staaten von seiner Bevölkerung paternalistische und perfektionistische Betreuung in allen Lebenslagen abverlangt werden (S. 112). Und auch nicht bei jedem Protest ist der Protest das Ziel (S. 143). Hier wären Differenzierungen nützlich.
Fazit
Das vorliegende Buch stellt einen interessanten Versuch dar, das Unbehagen vieler Menschen in der westlichen Welt anhand von verletzten Bedürfnissen zu erklären.
Rezension von
Prof. Dr.em. Jürg Frick
Langjähriger Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
Seit 2017 eigene Praxis (Beratungen, Supervision, Weiterbildungsseminare) und freier Mitarbeiter u.a. an diversen Pädagogischen Hochschulen.
www.juergfrick.ch
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