Leon Wurmser (Hrsg.): Eifersucht, Rache und das Gift des Ressentiments
Rezensiert von Anna-Lena Mädge, 21.11.2025
Leon Wurmser (Hrsg.): Eifersucht, Rache und das Gift des Ressentiments. Psychoanalytische Studien zum tragischen Charakter.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2024.
350 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3364-2.
D: 46,90 EUR,
A: 48,30 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
Thema
Emotionen lenken und beeinflussen unser Verhalten maßgeblich. Zum Verständnis des menschlichen Verhaltens analysiert Leon Wurmser die Auswirkungen von Liebe, Neid, Eifersucht, Rache, Scham und Schuld auf Psycho- und Beziehungsdynamiken. Hierdurch werden komplexe Verstrickungen erkennbar und die Möglichkeiten der psychoanalytischen Behandlung deutlich.
Autor
Léon Wurmser zählt zu den bedeutendsten psychoanalytischen Theoretikern mit internationalem Renommee. Seine beruflichen Stationen umfassten die West Virginia University, die University of Maryland sowie die New York Freudian Society. Begleitend war er als Psychoanalytiker in eigener Praxis tätig.
Entstehungshintergrund
Der Herausgeberband zu Léon Wurmser gehört zur Buchreihe der Bibliothek der Psychoanalyse des Psychosozial-Verlags. Ziel dieser Buchreihe ist es, den verschiedenen Strömungen innerhalb der Psychoanalyse Raum zu geben und kritische Diskussionen zu ermöglichen. Hierzu werden sowohl lange vergriffene Klassiker neu aufgelegt, wie auch relevante Diskussionen aus der Frühgeschichte der psychoanalytischen Bewegung.
Aufbau
Das Vorwort der Herausgeber Günter Reich und Hans-Jürgen Wirth stellt den beruflichen Weg und die Bedeutung der Arbeiten von Léon Wurmser dar. Die Herausgeber verdeutlichen, dass sein Verständnis komplexer Dynamiken es ermöglichte, Krankheitsursachen differenzierter zu betrachten und hierdurch neue Ansätze in der psychotherapeutischen Behandlung zu finden. Léon Wurmsers Denken in seinem Einfluss auf die Psychoanalyse stellt nachfolgend Christa Rohde-Dachser dar. In diesem Abschnitt werden die seiner Arbeit zugrunde liegenden motivationalen Aspekte vertieft. Hierauf folgen die ausgewählten Beiträge von Léon Wurmser, in welchen die thematische Breite seiner Arbeit und sein Verständnis komplexer Dynamiken deutlich wird:
● Die innere Grenze. Das Schamgefühl – ein Beitrag zur Über-Ich-Analyse ● Verleugnung, Impulshandlung und Identitätskonflikt ● „Grausame Rächerin“ und „Gefügige Sklavin“. Sadomasochismus, Scham und Ressentiment bei Essstörungen ● „Die doppelte Wirklichkeit“. Die Phänomene von Spaltung und Sexualisierung bei schwerer Traumatisierung ● „Ohnmacht, Allmacht und wirkliche Macht“. Unterjocht, doch wirklich unterjochend; beherrscht, doch wirklich beherrscht ● „Die Schändung ist das Gleichnis für mein ganzes Leben“. Zur Psychoanalyse im Spiegel eines Falles ● Liebe, Macht und Leiden. Zur Dynamik schwerer Psychosen ● Zur Psychoanalyse schwerer psychischer Erkrankungen ● Verstehen statt Verurteilen. Gedanken zur Behandlung schwerer psychischer Störungen ● „Das Auge ist’s, was die Taten verwandelt. Das neugeborene Auge verwandelt die alte Tat.“ Einige Gedanken zum Thema psychoanalytische Behandlung und Zeit ● Pathologische Eifersucht. Dilemma von Liebe und Macht ● Übertragungsdeutungen gegenüber Deutungen außerhalb der Übertragung ● „Siegel des Geistes“, „Innerer Richter“ und „Herzenskündiger“. Kernmetaphern unserer Arbeit
Abschließend werden die zugehörigen Textnachweise angeführt.
Inhalt
Die im Vorangehenden angeführten Titel der Beiträge von Léon Wurmser ermöglichen klare Rückschlüsse auf Themen und Inhalte. Um den komplexen Darstellungen und Deutungen des Autors gerecht zu werden, werden im Folgenden die Inhalte von drei ausgewählten Kapiteln vertiefend dargestellt: Der Beitrag „Die innere Grenze: Das Schamgefühl – ein Beitrag zur Über-Ich-Analyse“ setzt sich mit den verschiedenen Aspekten des Schämens auseinander, welche sich in feinen Nuancen der Verlegenheit, aber auch in einer Form des Überwältigtseins von Selbstverachtung und/oder krankhaften Ängsten zeigen können. Léon Wurmser stellt zunächst dar, wie bekannt und vertraut uns allen die verschiedenen Formen der Scham sind und wie häufig diese Affekte in der psychoanalytischen Praxis ein relevantes Thema in der Analyse sind, dem sich die analytische Literatur hingegen nur selten widmet. Daher definiert er zunächst das Schamgefühl bezugnehmend auf Platon und im weiteren Verlauf andere historische Quellen. Aus analytischer Sicht gibt es für ihn drei einflussnehmende Aspekte der Angst: Zunächst die Scham als Angst vor Bloßstellung und Erniedrigung. Dann als einen komplexen Affekt, welcher sich um einen depressiven Kern gruppiert. Und als eine Reaktionsbildung in Zusammenhang mit Ehrgefühl als „[…] eine Art des sozialen und persönlichen Schutzes […]“ (S. 35). In allen drei Formen kann Scham in Bezug auf andere oder in Bezug auf sich selbst erlebt werden. Im Weiteren setzt der Autor seine Erkenntnisse in Bezug zu den bis dahin erschienenen analytischen Publikationen, u.a. Simmel und Jaeger. Er stellt dar, wie der Affekt der Scham aus einer Diskrepanz zwischen dem, was erwartet wird, und dem, was geschieht, entsteht. Je größer diese Diskrepanz, die er auch als Spannung bezeichnet, desto stärker ist der damit verbundene Affekt, sodass er in einer narzisstischen Lösung in Form einer Maskierung von Unverwundbarkeit münden kann. Dass dieser Abwehr der Scham ein Über-Ich-Konflikt zugrunde liegt, stellt er anhand von drei kurzen Fallbeispielen aus der psychoanalytischen Praxis dar. Er kommt zu dem Schluss, dass bei sorgfältiger Abwehranalyse manche Patient*innen, die bisher als Borderliner, schwer narzisstisch oder schizophren diagnostiziert wurden, den behandelbaren Neurosen zugehörig sind. Ein Kernelement von allem, für das man sich schämt, liegt für ihn in der Angst oder depressiven Überzeugung, dass man sich selbst der Liebe nicht wert hält, woraus ein Erleben von Unwert und Ausgeschlossenheit resultiert. Die Abwehrbildung bei Scham als komplexem Affekt mit depressivem Kern, wie auch bei Scham als Reaktionsbildungsbildung, benötigen ein fortgeschrittenes Ich, um möglich zu sein. Für die psychoanalytische Arbeit ist es zudem relevant, Scham und Schuld, als oftmals einander überdeckende Affekte, voneinander abzugrenzen. Beide Affekte haben eine Schutzfunktion, die als vereinfachte Schematisierung Scham als eine innere Grenze benennt, die von außen nicht überschritten werden soll, während die Schuld sich gegen andere richtet. Die Scham-Schuld-Dialektik stellt der Autor anhand griechischer Tragödien dar, um abschließend auf die Technik der Schamanalyse einzugehen.
Das Kapitel „Die doppelte Wirklichkeit – Die Phänomene von Spaltung und Sexualisierung bei schwerer Traumatisierung“ nimmt Bezug auf Patient*innen mit schweren Neurosen mit tiefen Identitätsstörungen bis zu multiplen Persönlichkeiten. Diese sind oftmals mit extremen Affekten und Werturteilen verbunden, wodurch sie der Borderline-Pathologie zugeordnet werden. Léon Wurmser sieht hier schwere, ungelöste innere Konflikte in Zusammenhang mit Abwehr- und Über-Ich-Aspekten, welche aus massiver Traumatisierung entstehen können und für deren Bewältigung komplexe Abwehrvorgänge wie Spaltung, Masochismus oder Aggression als Lösungsansätze durch die Betroffenen gezeigt werden. Als Fallbeispiel, in welchem die Dynamik der Spaltung deutlich wird, hat er das Fallbeispiel einer 40-jährigen Ärztin ausgewählt, welche sich als renommierte Forscherin, Klinikerin und beliebte Lehrkraft regelmäßig in Beziehungen zu Männern, die sie körperlich, beruflich und seelisch ausnutzten, wiederfand. Der therapeutische Kontakt wurde aufgrund selbstausgelöster Autounfälle und Depressionen aufgesucht. Anhand der detaillierten Fallvorstellung, welche insbesondere die Traumata der Kindheit behandelt, begründet der Autor seinen therapeutischen Ansatz in der Behandlung schwerer Identitätsstörungen und verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Affekten zur Abwehr und einem zerrissenen Erleben der Welt.
Der Beitrag „Verstehen statt Verurteilen“ ist die schriftliche Version der Dankesrede anlässlich des Erhalts der Ehrendoktorwürde der philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin. Hierin verdeutlicht Leon Wurmser, dass sein Ziel und die seiner Arbeit zugrunde liegende Motivation ist, schwer beeinträchtigten Menschen zu verstehen und ihnen bestmöglich zu helfen. Dieses Ansinnen beginnt durch eine würdigende Grundhaltung gegenüber dem Leid der Person und der Bereitschaft, Konflikte gemeinsam zu bearbeiten. Rehabilitation ist für ihn dann möglich, wenn konträre Einflüsse, die unvereinbar scheinen, einfühlungsvoll und aufmerksam bearbeitet werden. Hierzu stellt er nachfolgend zwei kurze Fallvignetten vor, in denen er dieses Vorgehen praktisch skizziert. Abschließend verdeutlicht er anhand von Zitaten alter Schriften, welche Bedeutung Verzeihen hat und dass dies die wirksamste Methode ist, um ein Ressentiment aufzulösen. Besonders bei schwer traumatisierten Menschen sind begleitende Therapeut*innen Hoffnungsträger, die durch Verzeihung Heilung ermöglichen.
Diskussion
Gesellschaftliche Entwicklungen und die psychische Gesundheit der Bevölkerung stehen in engem Zusammenhang. Sind Menschenwürde und Menschenrechte durch fehlende Chancengleichheit und eine mangelhafte Versorgung der Grundbedürfnisse eingeschränkt und/oder bedroht, wirkt sich dies nachweislich negativ auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung aus. Zugleich beeinflussen unsere individuellen Lebenserfahrungen und vorhandenen Ressourcen, wie resilient wir den Herausforderungen des Lebens begegnen können. Die Darstellung der Arbeit von Léon Wurmser, die erklärenden, begleitenden Beiträge und seine persönlichen Texte verdeutlichen, dass aus dem Ziel, die individuelle Therapie schwerst traumatisierter Menschen zu verbessern, ein Verständnis für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen entstanden ist, welches gerade jetzt von Bedeutung und Aktualität ist. Seine Arbeit kann als richtungsweisend eingestuft werden, wenn es um das Verständnis schwer erkrankter Menschen geht sowie für das Erkennen von Verletzungen auf gesellschaftlicher Ebene, die ein gemeinschaftliches Denken und Handeln verhindern können. Basierend auf diesem Verständnis verdeutlicht er in allen Beiträgen, dass empathische Zuwendung, das Annehmen der erlebten und empfundenen Verletzungen sowie Angebote des Verzeihens ein Weg zu Genesung und Heilung sein können. Die ausgewählten Beiträge im Buch widmen sich beiden Erkenntnisebenen, wodurch der Blickwinkel des Lesenden immer wieder über die Individualebene hinausgeleitet wird, um übergeordnete Dynamiken zu erfassen. Wurmsers therapeutischer Ansatz dient somit als ein wichtiger Impulsgeber für ein umfassenderes Verständnis von menschlichem Leid und möglichen Genesungswegen.
Fazit
Die Auseinandersetzung und Betrachtung des Ressentiments aus dem Blickwinkel von Leon Wurmser geht über die individuelle Behandlungsebene hinaus und lässt Rückschlüsse auf gesellschaftliche Entwicklungen zu, die von aktueller Bedeutung sind. Wenn Scham und Demütigung es verhindern, dass Menschen sich gerecht behandelt und als gesellschaftlich integriert fühlen, führt dies ins Ressentiment. Empathisches Annehmen des erlebten Leids bietet den Möglichkeitsraum der Heilung.
Rezension von
Anna-Lena Mädge
M. A. Soz.Päd./Soz.Arb.
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