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Stephan Kostrzewa, Gisela Kreutz et al.: Praxishandbuch Therapeutisches Gammeln

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 10.09.2025

Cover Stephan Kostrzewa, Gisela Kreutz et al.: Praxishandbuch Therapeutisches Gammeln ISBN 978-3-7486-0755-7

Stephan Kostrzewa, Gisela Kreutz, Christian Löbel:Praxishandbuch Therapeutisches Gammeln. Die Autonomie von Menschen mit Demenz stärken. Vincentz Network GmbH & Co (Hannover) 2024. 284 Seiten. ISBN 978-3-7486-0755-7. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.

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Thema

Der institutionelle Rahmen der stationären Altenpflege in Deutschland ist seit einigen Jahrzehnten und besonders auch seit Einführung der Pflegeversicherung relativ festgefügt. Pflege bleibt Pflege, nur die Standards der Bewertung dieser Leistungen unterliegen im Laufe der Zeit verschiedenen Modifizierungen (Leitlinien u.a.). Da ca. 70 bis 80 Prozent der Bewohnerschaft der Pflegeheime demenzkrank ist, kann es nicht verwundern, dass in diesem Bereich ständig Erneuerungen und mutmaßliche Verbesserungen offeriert werden. Genannt werden kann diesbezüglich zum Beispiel das Modell der „Pflegeoase“ für schwerstkranke und damit bettlägerige Bewohner (Stadium 7 der Reisbergskalen) vor ca. 12 Jahren, das sich bundesweit nicht etablieren konnte. Und nun recht aktuell das Modell der „therapeutischen Gammel-Oase“ für Demenzkranke, das den Gegenstandsbereich der vorliegenden Rezension darstellt. Es bedarf des Hinweises, dass Stephan Kostrzewa bereits 2023 zu diesem Themenfeld im GRIN-Verlag eine Publikation veröffentlichte: „Therapeutisches Gammeln für Menschen mit Demenz“.

Herausgeber und Autoren

Stephan Kostrzewa (Dr.rer.medic), Altenpfleger und Diplom-Sozialwissenschaftler fungiert als Herausgeber und Autor. Weitere Autoren sind Gisela Kreutz (examinierte Pflegende und Einrichtungsleiterin) und Christian Löbel (Altenpfleger und Wohnbereichsleiter).

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in 24 Kapitel nebst Einleitung untergliedert. Zahlreiche Tabellen, Abbildungen und Fotos vervollständigen den Text.

In den ersten beiden Kapiteln wird als ein Beweggrund für das Konzept „therapeutisches Gammeln“ u.a. der „therapeutische Mumpitz“ und das „tägliche „Disneyland“ in den Heimen angeführt, was als „Kokolores“ bezeichnet wird (Seite11). Der Bezugsrahmen für „Deutschlands 1. Gammel-Oase“ besteht aus dem Konzept des „person-zentrierten Ansatzes“ von Tom Kitwood mit der Prämisse „Autonomie trotz Demenz“. „Kernaussagen“ dieses Ansatzes sind u.a. die Ablehnung der Defizit-Orientierung und die Abkehr von „Trainings“ zwecks Funktionserhaltung (Seite 19). Die Autoren kommen in Anlehnung an den Begriff der „totalen Institution“ von Goffman zu der Einschätzung, dass in den Heimen „strukturelle Gewalt“ in Form von „festen Essens-, Aufsteh‑ und Zubettgehzeiten“ herrsche. Des Weiteren wird kritisiert, dass unter „dem Deckmäntelchen der medizinisch-therapeutischen Versorgung“ die demenzkranken Heimbewohner „geronto-therapeutisches Freiwild“ werden, an die „jeder noch so abstruse Therapie-Ansatz ausprobiert werden darf“ (Seite 28). Aufgrund dieser Gegebenheiten besteht für die Autoren die Handlungsmaxime des „therapeutischen Gammelns“ in der Aussage: „Keine Therapie und kein Training für Menschen mit Demenz ohne Auftrag durch den Betroffenen!“ (Seite 29).

Im dritten Kapitel werden die Grundlagen des Konzepts „therapeutisches Gammeln“ expliziert: u.a. eine „bedingungslose Person-zentrierte Haltung“ gemäß Kitwood, „Auflösung einer Tages‑ und Wochenstruktur, die sich am Dienstplan, jedoch nicht an den Wünschen der Betroffenen ausrichtet“, „gemeinsame Alltagsaktivitäten (wenn denn gewünscht)“ und die „Orientierung am Normalitätsprinzip“ (Seite 36ff). Es folgen u.a. kurze Fallvignetten und Praxisbeobachtungen aus dem Alltag, Ausführungen über die Biografiearbeit und das „Stockholm-Syndrom“ bei Demenzkranken (Verkindlichung bzw. Regression aufgrund der extremen Abhängigkeit von den Mitarbeitern) (Seite 66f). Den Abschluss des Kapitels bilden Ausführungen über die Gefahren von „Scheinwelten“ (u.a. Bushaltestellen und Plüschtierroboter). In diesem Zusammenhang wird auch kurz ein Fallbeispiel einer wahnhaften Halluzination angeführt (Furcht vor imaginären Tieren unter dem Bett), die durch das „Verscheuchen“ der Tiere durch eine Mitarbeiterin aufgehoben bzw. gelöscht wird. Hierzu äußern sich die Autoren wie folgt: „Wir bezweifeln, dass die Tiere wirklich weg waren. Wir vermuten eher, dass die Bewohnerin Mitleid mit der Mitarbeiterin hatte, wegen ihres Geisteszustandes.“ (Seite 87).

In den folgenden drei Kapiteln geht es vorwiegend um die Modalitäten der Vorbereitung und Umsetzung des Konzeptes „therapeutisches Gammeln“ in einem hierfür vorgesehenen Wohnbereich eines Altenpflegeheimes der AWO (Julie-Kolb-Seniorenzentrum in Marl). Die Schulung und Fort‑ und Weiterbildung ist hierbei ein bedeutsamer Faktor (person-zentrierte Ansatz nach Kitwood, Validation und Basale Stimulation). Des Weiteren wird u.a. angeführt: die Projektplanung mit verschiedenen Arbeitsschritten, eine „Ist-Stand-Erhebung (Potenzialanalyse)“ u.a. mit Forderungen wie „Mitarbeiter können mit Humor arbeiten“ und „kennen Fremdbeobachtungsinstrumente“ (Seite 120) und so genannte „Schattentage“ (rollenspielartiges Simulationskonzept). Es folgen Ausführungen über praktische Anwendungen wie Handmassage, „Nestbau“ und Aromapflege. Zum Abschluss wird nochmals ausdrücklich auf das Kernelement des Konzepts verwiesen: „Auflösung aller Zeitstrukturen“ (Seite 162). Konkret bedeutet das u.a.: „Die Grundpflege wird mehrmals täglich durch das Team angeboten, aber nicht gefordert.“ – „Bewohner:innen essen, wenn es ihnen passt.“ – „Aktivierungspläne bzw. Wochen‑ und Tagespläne für die Betreuungsarbeit werden abgeschafft.“ (Seite 162f).

Die letzten Kapitel beinhalten u.a. die Themenbereiche Angehörigenarbeit, Umgang mit Trauer und Sterben und Qualitätskriterien. Die Qualität der Arbeit wird zum Beispiel durch regelmäßig durchgeführte Verhaltensbeobachtungen in Anlehnung an das DCM-Verfahren (Dementia Care Mapping) erfasst. In diesem Zusammenhang beobachten die Autoren, „dass sie (die demenzkranken Bewohner – S.L.) subjektiv immer jünger werden. Hier scheint das Langzeitgedächtnis sich chronologisch rückwärts aufzulösen.“ (Seite 236). Trotz dieser Wahrnehmung fordern sie einen „erwachsenengerechten Umgang“ ein, denn „Menschen mit Demenz sind keine Kinder.“ (Seite 237). Der Herausgeber stellt diesbezüglich an anderer Stelle mit, dass er „ein absoluter Gegner von Babysprache bei Menschen mit Demenz“ ist. (Seite 228).

Diskussion

Ein radikaler Bruch mit den bestehenden Gegebenheiten in den Pflegeheimen wird hier propagiert, die als entwürdigend beschrieben werden („strukturelle Gewalt“, „Freiwild“ u.a.). Diese Schwarzweißmalerei erinnert an die Ausführungen von Tom Kitwood, der bereits vor einigen Jahrzehnten die Missstände im Umgang mit Demenzkranken in den Heimen als „maligne bösartige Sozialpsychologie“ brandmarkte und als Alternative eine „Neue Kultur“ in der Demenzpflege einforderte (Kitwood 2000). Das Problem besteht nun darin, dass der „person-zentrierte Ansatz“ von Kitwood einerseits nicht mit dem neurowissenschaftlichen Wissensstand kompatibel ist (Lind 2021a, b, c) und anderseits in den Heimen aufgrund seiner fehlenden Wirksamkeit auch gar nicht praktiziert wird (Brandenburg 2023).

In dem Konzept des „therapeutischen Gammelns“ manifestiert sich dieser Widerspruch zwischen Ideenkonzept und realem Pflegealltag in dem Verständnis und der Einstellung, welche Bedeutung Autonomie in der Demenzpflege besitzt. Die Autoren plädieren diesbezüglich unmissverständlich für die Handlungsmaxime „Autonomie trotz Demenz“, die jedoch im Pflegealltag in den Heimen konkret nicht umgesetzt wird. Hier gilt das Prinzip der „fiktiven Autonomie“: Demenzkranken wird durch Ablenkung und weiteren Strategien der indirekten Beeinflussung das Empfinden vermittelt, selbstständig ihr Leben einschließlich aller Pflegehandlungen zu gestalten (Wojnar 2007, James 2013). Diese Konzepte der „Schein-Autonomie“ (Lind 2011) werden teilwiese auch in der „Gammel-Oase“ praktiziert, jedoch werden sie in diesem Rahmen als bloße „individuelle Tricks und Kniffe“ diskreditiert (Seite 101).

Ein weiterer Widerspruch zeigt sich in der Erfassung und Verarbeitung des fortschreitenden Abbaus bei primären Demenzerkrankungen (u.a. Alzheimerdemenz). Der Stand der Forschung diesbezüglich, dass sich dieser Prozess in einer krankhaften Rückentwicklung entgegengesetzt der Hirnreifung äußert (Retrogenese – Reisberg 1999) und somit u.a. mit einer Demenzverkindlichung im schweren Stadium verbunden ist, scheint den Autoren nicht bekannt zu sein (Lind 2023). Andernfalls hätten sie nicht das „Stockholm-Syndrom“ (Seite 66f) als Ursache dieses Abbauprozesses angeführt. Im Gegensatz zu dieser Einschätzung beobachten die Autoren selbst diese krankhafte Rückentwicklung bei den Bewohnern („Verjüngung“ – Seite 236), verweigern ihnen jedoch die diesem Stadium entsprechenden Umgangsformen („erwachsenengerechter Umgang“ – Seite 237). Auch hier negieren die Autoren den einschlägigen Forschungsstand, demnach Pflege und Betreuung im schweren Stadium der Erkrankung in der Regel nur kleinkindähnlich praktiziert wird (Sachweh 2000, Sachweh 2023).

Fazit

Aufgrund der angeführten Widersprüche und Ungereimtheiten lässt sich konstatieren, dass das Konzept „therapeutisches Gammeln“ für die Demenzpflege keine neuen Impulse enthält.

Literatur

Brandenburg, H. (Hrsg.) (2023). Pflegehabitus in der stationären Langzeitpflege von Menschen mit Demenz. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer. https://www.socialnet.de/rezensionen/​30522.php

James, I. A. (2013) Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz, Bern: Verlag Hans Huber

Kitwood, T. (2000) Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber.

Lind, S. (2011) Fortbildungsprogramm Demenzpflege, Bern: Verlag Hans Huber

Lind, S. (2021a) Das Demenzmodell von Tom Kitwood (Teil 1). https://www.svenlind.de/2021/05/09/das-demenzmodell-von-tom-kitwood/

Lind, S. (2021b) Das Demenzmodell von Tom Kitwood (Teil 2). https://www.svenlind.de/2021/05/16/das-demenzmodell-von-tom-kitwood-teil-2/

Lind, S. (2021c) Das Demenzmodell von Tom Kitwood (Teil 3). https://www.svenlind.de/2021/05/23/das-demenzmodell-von-tom-kitwood-teil-3/

Lind, S. (2023) Wirksam umgehen mit Demenzverkindlichung. Pflegezeitschrift, 76 (3): 31–33

Reisberg, B. et al. (1999) Toward a science of Alzheimer’s disease management: a model based upon current knowledge of retrogenesis. International Psychogeriatrics, 11 (1): 7–23.

Sachweh, S. (2000) «Schätzle hinsitze!». Kommunikation in der Altenpflege (2., durchgesehene Auflage), Frankfurt am Main: Peter Lang.

Sachweh, S. (2023) „Bei uns geht's bunt zu, nich?“ Kommunikation in Demenz‐Wohngemeinschaften, Göttingen: Verlag für Gesprächsforschung

Wojnar, J. (2007) Die Welt der Demenzkranken – Leben im Augenblick. Hannover: Vincentz Verlag

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Es gibt 236 Rezensionen von Sven Lind.

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ISSN 2190-9245