Susann Heenen-Wolff: Die wahre Geschichte von Sigmund Freud
Rezensiert von Mag.a Barbara Neudecker, 12.03.2026
Susann Heenen-Wolff: Die wahre Geschichte von Sigmund Freud. Erzählung.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2024.
107 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3383-3.
D: 19,90 EUR,
A: 20,50 EUR.
Reihe: Imago.
Thema
Anhand von fiktiven Szenen aus dem Leben Sigmund Freuds werden einige zentrale Themen der Biografie und des Werks des Begründers der Psychoanalyse dargestellt.
Autor:in
Prof. Dr. Susann Heenen-Wolf ist Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin in Brüssel und emeritierte Professorin für Klinische Psychologie.
Inhalt
Die Erzählung setzt im Jahr 1913 ein: Sigmund Freud und sein Schüler Sándor Ferenczi sitzen in Freuds Sprechzimmer in der Wiener Berggasse und unterhalten sich, während Freuds Tochter Anna Freud ihnen Tee serviert und sich – am Rande – an der Konversation der beiden Psychoanalytiker beteiligt. Verschiedene Themen beginnen sich bereits in dieser ersten Szene abzuzeichnen, unter anderem das ambivalente Verhältnis zwischen dem Begründer der Psychoanalyse und seinem jüngeren Kollegen, Freuds unheilvolle Leidenschaft für Zigarren und der Bruch mit Carl Gustav Jung (nicht zuletzt vor dem Hintergrund des wachsenden Antisemitismus). Auch als die drei beginnen, Freuds Fallgeschichte des Kleinen Hans (Freud, 1909) zu diskutieren, werden die charakteristischen Zugänge dieser drei Pionierfiguren der Psychoanalyse deutlich: Sigmund Freuds Betonung der Triebpsychologie und des ödipalen Konflikts, Ferenczis Blick für die realen Belastungen und traumatischen Erfahrungen der Kindheit, und Anna Freuds Interesse an der Kinderanalyse. In den Aussagen der Dialogpartner:innen lassen sich bekannte und weniger bekannte Zitate aus Texten und Briefwechseln der Beteiligten erkennen. Die frühen Psychoanalytiker:innen Lou Andreas-Salomé und Marie Bonaparte werden vorgestellt, und in einer weiteren Szene lässt die Autor:in diese fünf Personen im Jahr 1926 in Freuds Ordination zusammenkommen. Fragen der Sexualität werden erörtert, Ferenczi stellt dem kindlichen sexuellen Phantasieleben des Freud’schen Denkens das Trauma der „Verführung“ des Kindes durch Erwachsene gegenüber. Latent schwingt mit, dass die Themen Sexualität und sexuelle Orientierung auch im Leben der fünf Diskutant:innen eine bedeutsame Rolle spielen, wie beispielsweise in fiktiven Ausschnitten von Analysesitzungen Freuds mit Marie Bonaparte deutlich wird.
Drei Jahre später, im Jahr 1929, setzt sich die Runde kritisch mit der von Ferenczi propagierten „aktiven“ Behandlungstechnik auseinander, einer sehr zugewandten Form der therapeutischen Haltung, die auch den Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Therapeut:in und Patient:in beinhaltet, falls dies zum Trost oder zur emotionalen Unterstützung als erforderlich eingeschätzt wird (es wird hier allerdings ausschließlich von weiblichen Personen gesprochen und von den Diskutant:innen auch kritisch angemerkt, dass Ferenczi diese Technik offenbar auch nur bei Patientinnen zum Einsatz brachte und nicht bei Mänern). Ferenczi trägt Material aus seiner Analyse mit Melanie Klein (deren kontroverse theoretische Konzepte – unter anderem zum Thema Kinderanalyse – in späteren Jahren zu intensiven Spannungen mit Anna Freud führen sollten) vor, das jedoch eher die Problematik dieser Technik deutlich macht, als die anderen Mitglieder der Gruppe zu überzeugen.
Im Jahr 1933 verschieben sich die Themen in der Runde von der inneren Triebdynamik zur Weltpolitik. Angesichts der Machtergreifung Hitlers sind es nun politische Themen und die Möglichkeit eines drohenden Krieges, die die Gemüter erhitzen.
In einer letzten Szene, die im Jahr 1938 angesetzt ist, planen Freud, Marie Bonaparte und Anna Freud – Ferenczi war bereits einige Jahre zuvor verstorben – die Emigration der Familie Freud über Frankreich nach England. Im Londoner Exil wird Freud kurz vor Beginn des 2. Weltkriegs im Alter von 83 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung sterben. Gleichsam als Epilog liest sich eine Begegnung Anna Freuds mit dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan im Jahr 1953: Freud lebt nicht mehr, die „controversial discussions“ mit Melanie Klein in der Britischen Psychoanalytischen Vereinigung während des Zweiten Weltkriegs sind geschlagen. Ähnlich wie Klein sieht sich auch Lacan mit seiner neuen Konzeption einer strukturalen Psychoanalyse als Verteidiger der „wahren“ Psychoanalyse Freuds – sehr zum Befremden von Freuds Tochter.
Diskussion
Endlich eine Freud-Biografie, die von einer weiblichen Autor:in stammt! Das war die erste Reaktion der Rezensentin auf das Buch von Susann Heenen-Wolf, und damit verbunden war die Hoffnung, so eine andere Perspektive auf das Leben Sigmund Freuds kennenzulernen – ist doch das Genre der Freud-Biografik mit der Ausnahme von Elisabeth Roudinescos Freud-Biografie (2014) seit dem ersten biografischen Versuch durch Ernest Jones fest in männlicher Hand. Und tatsächlich werden mit Anna Freud, Lou Andreas-Salomé und Marie Bonaparte drei frühe – und lange unterschätzte – Protagonistinnen der Psychoanalyse prominent ins Bild gerückt, während zentrale männliche Figuren der Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse wie Jung oder Adler nur am Rande erwähnt werden.
Rasch stellte sich ein Gefühl der Überraschung ein, als beim Aufschlagen des Buchs deutlich wurde, dass es sich nicht um eine klassische Biografie handelt, sondern um eine Erzählung. Alle dargestellten Szenen sind fiktiv und haben in dieser Form nicht stattgefunden. Die Autorin bringt in der Erzählung verschiedene historische Protagonist:innen der Psychoanalyse zusammen, um Prinzipien, Orientierungen, Widersprüche, Konfliktlinien und auch Abhängigkeiten deutlich zu machen, die für die Entwicklung dieser Disziplin bedeutsam waren. Kenntnisreich werden Dialoge gebildet aus Textstellen, die wie ein Mosaik in aufwändiger Kleinarbeit aus Briefwechseln, aus Vorträgen und aus Publikationen der Beteiligten zusammengetragen werden. Vermutlich muss man gut mit der Psychoanalyse vertraut sein, um zu erkennen, wie viele unterschiedliche Quellen hier herangezogen wurden. Ein Quellenverzeichnis gibt es, nicht – es würde deutlicher herausstellen, wie viel akribische Arbeit der Verfasserin in den Dialogen steckt. Und man muss eine profunde Kennerin der Theoriegeschichte der Psychoanalyse und der Biografien der dargestellten Personen sein, um die Viten und theoretischen Orientierungen der Figuren derart gekonnt miteinander zu verweben.
Und doch will das Konzept nicht so recht aufgehen. Vieles erscheint sehr konstruiert, die aus der geschriebenen Sprache eines Briefwechsels übernommenen Formulierungen wirken oft unpassend und erwecken mitunter den Eindruck, Freud hätte auch mit sehr nahestehenden Mitarbeiter:innen nur in dozierender Weise gesprochen. Möglicherweise hat er das auch – doch Fakt ist: Wir wissen es nicht genau, denn es gibt wenige Aufzeichnungen davon, wie Freud im unmittelbaren, persönlichen Austausch war. Es gibt Überlieferungen davon, wie Freud sich z.B. in wichtigen Sitzungen der Psychoanalytischen Vereinigung verhalten hat, doch die Personen, die dies dokumentierten, waren selten unbefangen. Ähnlich verhält es sich mit den Schilderungen, die von ehemaligen Patient:innen Freuds vorliegen. Und es gibt Material aus Freuds Briefwechseln in großer Fülle, aber zwischen den wohlüberlegten Formulierungen eines schriftlichen Dialogs mit viel räumlicher und zeitlicher Distanz und dem mehr oder weniger spontan gesprochenen Wort besteht einfach ein großer Unterschied. „Ja, nun schießen Sie mal los!“, lässt Heenen-Wolf Freud an einer Stelle sagen (S. 64), und man fragt sich skeptisch: Würde man Freud einen solchen Satz zutrauen? Oder handelt es sich dabei tatsächlich um eine dokumentierte Originalaussage, die unseren Wissensstand über Freud erweitern könnte: Aha, der auf Fotografien stets ernst dreinschauende Freud konnte also auch erstaunlich locker sein! Diese Unsicherheit zieht sich durch den gesamten Text: Wo bezieht sich die Autorin auf historisch verbürgte Aussagen, wo kommt ihre künstlerische Freiheit zum Ausdruck?
Damit sind wir beim Schwachpunkt dieses Buches: Man nimmt es zur Hand und hofft, Freud dadurch ein Stückchen näherzukommen. Vielleicht war auch genau dies die Intention der Autorin, dieses Buch zu schreiben. Doch was man bekommt, ist nicht ein Bild des realen Freud, sondern das Bild von Heenen-Wolfs persönlichem Freud. Es ist paradox: Von wenigen anderen Personen der Weltgeschichte liegt eine so ausführliche und genaue Dokumentation ihrer Biografie vor wie von Freud, nicht zuletzt durch Christfried Tögels minutiöses „Diarium“ (Freud & Tögel, 2023), durch zahlreiche Briefwechsel usw. Wir haben durch seine Texte ein wenig Anteil an seiner „Selbstanalyse“ und erfahren auf diese Weise zutiefst Persönliches von ihm, wir können in London in Freuds originalgetreuem Arbeitszimmer stehen und die Atmosphäre des Raums unmittelbar in uns aufnehmen – und doch will sich seine Person uns nicht vollends erschließen. Gerade aus der Perspektive der Psychoanalyse und dem „Hören mit dem dritten Ohr“ (Reik) wissen wir, dass Sinn nicht ausschließlich durch das entsteht, was gesagt wird, sondern vielmehr dadurch, wie es gesagt wird. Dazu stehen uns in Bezug auf Freud kaum Quellen zur Verfügung – es bleibt eine Lücke: Wie war Freud wirklich? Doch diese vermag auch das vorliegende Buch nicht zu füllen, das Bild bleibt artifiziell, gleichsam eine Prothese. Zu oft wirkt das Ganze dann recht spekulativ. Mit dieser Lücke müssen alle leben, die sich für die Person Freud interessieren: Wir wissen zwar viel über ihn, doch wir waren nicht dabei, und es wird immer Facetten seiner Person geben, die sich uns nicht vollständig erschließen.
Dass die Autorin ihre Protagonist:innen nicht besonders gut wegkommen und sie manchmal mit ihren persönlichen Verstrickungen fast lächerlich erscheinen lässt, macht die Sache nicht besser. Vieles ist wohl humorvoll gemeint, etwa wenn sie Marie Bonaparte mit übertriebenem französischem Akzent sprechen lässt (S. 37), wirkt aber unpassend. Verwirrend ist auch, dass stellenweise der Eindruck entstehen könnte, dass die fünf Personen der Erzählung die gesamte Wiener Psychoanalytische Vereinigung der damaligen Zeit ausmachen.
Wer versiert ist in der Psychoanalyse und ihrer Geschichte, wird sich in der Erzählung wohl zurechtfinden, die Konflikte einordnen und auch manche Darstellung kritisch hinterfragen können. Wer dieses Buch allerdings zur Hand nimmt, um, wie es der Titel verspricht, die „wahre Geschichte von Sigmund Freud“ und den Anfängen der Psychoanalyse zu erfahren, bräuchte vermutlich etwas mehr Kontext und wäre mit einer einführenden Darstellung in Form eines Sachbuchs besser bedient.
Fazit
In fiktiven Szenen werden Ausschnitte aus dem Leben Sigmund Freuds und den Anfängen der Psychoanalyse erzählt. So wird ein lebendiger Einblick in die Biografie des Begründers der Psychoanalyse gegeben, der aber stellenweise spekulativ bleibt.
Literatur
Freud, S. (1909). Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. In ders. (2000) Sigmund Freud Studienausgabe (Bd. 8, 9–123). Fischer.
Freud, S., & Tögel, C. (2023). Gesamtausgabe. Band 22, Freud-Diarium, Teil 2, 1914–1939/zusammengestellt von Christfried Tögel (Originalausgabe). Psychosozial-Verlag.
Roudinesco, E. (2014). Sigmund Freud: en son temps et dans le nôtre. Seuil.
Rezension von
Mag.a Barbara Neudecker
MA, Psychotherapeutin (IP) und psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberaterin, Leiterin der Fachstelle für Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche in Wien, Lehrbeauftragte an den Universitäten Wien und Innsbruck, eigene Praxis
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