Udo Hock: Die rätselhaften Botschaften des Anderen
Rezensiert von Dr., Dr. Achim Würker, 24.11.2025
Udo Hock: Die rätselhaften Botschaften des Anderen. Zum Werk Jean Laplanches.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2024.
150 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3368-0.
D: 26,90 EUR,
A: 27,70 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
Thema
Das Buch von Udo Hock ist in einer Reihe erschienen, die den Anspruch erhebt, die Psychoanalyse als Grundlagenwissenschaft, als Human- und Kulturwissenschaft sowie als klinische Theorie und Praxis zu fördern (Reihenerläuterung). Diesem Anspruch entspricht die vorliegende Aufsatzsammlung, indem sie das Werk von Jean Laplanche in seinen Grundzügen darstellt, seine Freudlektüre dokumentiert und die zentralen Begriffe und Details der „allgemeinen Verführungstheorie“ erläutert.
Autor
Udo Hock studierte 1982–1990 Psychologie und Philosophie in Berlin und Paris, promovierte 1997 mit dem Thema „Wiederholung – Wiederholungszwang – Todestrieb“, absolvierte 1995–2004 eine Ausbildung zum Psychoanalytiker (DPV/IPV), ist seitdem Psychoanalytiker in freier Praxis und lehrt parallel an verschiedenen Universitäten und Instituten. Im Hinblick auf die vorliegende Publikation ist sein enger Bezug zu Laplanche wichtig. Er lernte ihn Anfang der 1990er Jahre kennen, studierte bei ihm und wurde später sein Übersetzer ins Deutsche. Die vielen von ihm herausgegebenen Werke von Laplanche weisen ihn als einen profunden Kenner aus. Er ist Gründungsmitglied der Stiftung, die Laplanche wenige Jahre vor seinem Tod ins Leben gerufen hatte. Als Anlass für seine Publikation eigener Aufsätze aus den vergangenen 25 Jahren nennt Hock, dass am 21.6.2024 Laplanche 100 Jahre alt geworden wäre. Nach einer Einleitung, in der er seine „enge Verbundenheit mit Laplanche“ skizziert, folgen acht in sich geschlossene Aufsätze aus den 2000er Jahren zu zentralen Facetten der Theorie von Laplanche.
Inhalt
Die Einleitung liefert über die bereits erwähnte Schilderung der eigenen Beziehung zu Laplanche wichtige Hinweise zu dessen Persönlichkeit, Schaffens- und Lebensgeschichte. So wird er als ein etwas aus der Zeit gefallener Großbürger geschildert, der zwischen Paris und seinem Weingut in Burgund pendelte. Als Universitätslehrer besticht er durch sein umfangreiches Wissen, vor allem über Freud, ist aber gleichzeitig ein strenger Kritiker und hatte einen „autoritären Zug“ (S. 11), wenn es um Positionierungen zu seiner Lehre ging. Bei Lacan machte Laplanche eine 16 Jahre währende Analyse, wurde durch dessen Annahmen zunächst inspiriert, bevor es bezüglich der These, das Unbewusste sei wie eine Sprache strukturiert, zur Entzweiung bzw. zum endgültigen Bruch kam. Zu Deleuze, Derrida, Lyotard, Guattari, Foucault und Althusser hatte er z.T. enge und freundschaftliche Kontakte (vgl. S. 13). Noch zu seinen Lebzeiten sorgte er durch die Gründung einer Stiftung dafür, dass seine Theoriearbeit bewahrt bzw. fortgesetzt werden konnte.
Hocks erster, 2004 erstmals erschienener Aufsatz ist Laplanches Auffassung vom Trieb (Titel: „Laplanches Trieb“) gewidmet. Ausgangspunkt ist die Begriffsunklarheit bei Freud, der eine „babylonische Sprachverwirrung über den Trieb“ mitverschuldet habe (S. 29). Laplanche begegnet dieser Verwirrung mit einer Abgrenzung von Instinkt und Trieb. Während der Instinkt vererbt ist und sich durch ein „vorgegebenes Ziel, einen Zweck“, ein „fixes Schema“ auszeichnet, ist der Trieb mit seinen Komponenten Drang, Ziel, Objekt und Quelle variabel (vgl. S. 27 ff.). Er kritisiert Freuds „Duktus der Versöhnung“ und problematisiert z.B. die Annahme der Triebbefriedigung: „Der Sexualtrieb, so wie ihn Laplanche versteht, kennt keine Homöostase, er kennt nur unstillbaren ‚Reizhunger‘ (Freud) ohne Befriedigung“ (S. 28). Laplanche widerspricht auch Freuds Konstrukt der Anlehnung und bindet die Herkunft des Triebs einzig an die Verführungsszene, bei der das Kind mit der unbewussten Sexualität der Mutter konfrontiert wird. So vermitteln sich dem Kind ‚rätselhafte Botschaften‘, die zu ‚Übersetzungen‘ nötigen. Diese aber scheitern zwangsläufig, weil dem Kind die notwendigen Codes fehlen, und dieses Scheitern ist der Ursprung der Verdrängung (vgl. S. 29 ff.).
Der zweite Aufsatz „Botschaft und Übersetzung“ stammt ebenfalls aus dem Jahr 2004. Die Kernaussage besteht in der These, „dass der Konstitutionsakt des Unbewussten (…) unter einem Primat des Anderen“ steht und dass damit die Vorstellung „einer biologischen Vererbung oder einer phylogenetischen Weitergabe radikal“ (S. 48) ausgeschlossen ist. (…) So ist der Patient selbst letztlich derjenige, der sich heilt, nicht der Analytiker (vgl. S. 40).
„Das Sexualprimat in der Allgemeinen Verführungstheorie und der Ödipuskomplex“ ist ein Vortragstext aus dem Jahre 2009 überschrieben, in dem es „um die Wiedergewinnung der Freud’schen Dimension der Sexualität (…) in ihrer Verbindung zum Unbewussten“ geht. Bezugspunkt ist die letzte französische Buchveröffentlichung von Laplanche „La sexualité élargie au sens freudien“ (Sexual – Freuds Erweiterung der Sexualität). Deutlich wird – so Hock –, „dass der Begriff des Sexualen in zweifacher Hinsicht vom Anderen herkommt“ (S. 55): Einerseits ist das Sexuale der unübersetzte Rest rätselhafter Botschaften des Anderen, andererseits wird das Sexuale durch „die Reaktion des Anderen erst identifizier- und erkennbar“ (S. 55). An die kurze Darstellung von Erfahrungsberichten aus seiner Praxis, die die Vielfalt von sexuellen Einschränkungen veranschaulichen, erläutert Hock die Leistung von Laplanche: Er verbinde „die Objekt- und die Triebseite“ (S. 61) miteinander und befreie Freuds Sexualtheorie „von allen Anleihen bei Biologie, Genetik oder Physiologie“ (S. 62). So ist mit Laplanche einer Vorstellung zu widersprechen, die Ödipus zum Schuldigen macht, desgleichen der Akzentverschiebung weg „von der traumatischen Sexualität der Erwachsenen und ihren damit verknüpften rätselhaften Botschaften zu den inzestuösen Wünschen der Kinder“ (S. 67).
Als Fortsetzung dieses Vortragstextes könnte der nächste Aufsatz mit der Überschrift „Der perverse Vater“ gelesen werden: Ausgehend von einer Darstellung der psychoanalytischen Konzeptualisierungen des Perversionsbegriffs geht es Hock darum, in diesem Zusammenhang die „am Primat des Anderen (…) ausgerichtete Theorie“ von Laplanche zu verdeutlichen, die berücksichtigt, „dass das Unbewusste exogen und je individuell in der Auseinandersetzung mit dem Anderen gebildet wird“ (S. 74). Der perverse Vater existiert nicht nur als Phantasiegestalt, sondern, so Hock, auch „in der alltäglichen psychoanalytischen Praxis“ (S. 82). Gegen die Akzentverschiebung hin zu den inzestuösen Wünschen bringt Laplanche mit dem Verweis auf den Zusammenhang von Neurose und Perversion „die Bedeutung des Anderen für die Neurosen- und Symptombildung“ zur Geltung.
Unter der Überschrift „Laplanche liest Freud“ erörtert Hock im folgenden Aufsatz erkenntnistheoretische Probleme von Laplanches Erkenntnisgewinnung. Voraussetzung von dessen Auseinandersetzung mit Freud’schen Texten sei seine Annahme, dass in ihnen etwas vom Wesen ihres Gegenstandes, dem Unbewussten, erkennbar werde. Die Irritationspunkte bei der Lektüre der Freudtexte böten die Chance, sich dem Rätselhaften des Unbewussten anzunähern, Irrwege zu umgehen und Erhellendes zu erfassen. Vorbild für diese Lesehaltung biete die „Traumdeutung“, sodass Laplanche „Freud mit Freud“ (S. 100) interpretiere. Freud fungiert also für Laplanche als „Vermittler des Unbewussten“, was heißt, dass der „Akzent weniger auf der Person“ liegt als vielmehr auf dem, „was durch und aus ihm spricht“ (S. 105).
In ähnlicher Weise liest Laplanche auch Melanie Klein (Titel: „Muss man Melanie Klein verbrennen?“). Er kritisiert den Biologismus von Melanie Klein und lässt von den von ihr konstruierten Oppositionen (innen/außen, Introjektion/​Projektion, gut/böse, Liebe/Hass, depressiv/​paranoid) nur die letzte gelten, weil sie „nicht chronologisch funktioniert, sondern über Positionen“ (S. 125).
In der Auseinandersetzung um die Frage: „Ist die Psychoanalyse ein Mythos?“ prägt Laplanche den Begriff des „mytho-symbolischen“ Denkens, mit dem er an Freuds Überlegungen zu typischen Träumen, zum phylogenetischen Erbe und an die Theorien vom Ödipus- und Kastrationskomplex anknüpft. Er unterscheidet zwischen „der klassischen ‚assoziativ-dissoziativen Methode‘ einerseits und der ‚symbolischen Methode‘ (…) andererseits“ (S. 135). Letztere führe zum Gebrauch „großer Etiketten“, mit denen der Kern des Unbewussten verfehlt würde. Laplanche wertet Freuds Bezug auf Mythen als Teil einer Zensurdynamik, „insofern er eine mythische Erzählung vorschlägt, die die anstößigen Elemente (des Verdrängten, AW) gerade ausschließt“ (S. 139).
In den zwei letzten Aufsätzen fokussiert Udo Hock vertiefend Beispiele von Laplanches Begriffsarbeit, die zugleich ein Licht auf seine Auseinandersetzung mit Freud werfen: Laplanches Kritik am Anlehnungsbegriff, den er letztlich verwirft, sowie an den für die Allgemeine Verführungstheorie zentralen Begriffen von Nachträglichkeit und Übersetzung.
Diskussion
Laplanches Theorien sind im Moment sehr populär. Das mag damit zusammenhängen, dass seine zentralen Formeln „rätselhafte Botschaft“ und „Übersetzung“ verführerisch eingängig sind und die ihnen zugrunde liegende Freudexegese und die Analyse der Triebdynamiken vernachlässigt werden können. Es droht dann die Reduktion auf einen Laplanche-Jargon. Um so wichtiger ist das Buch von Hock, weil seine Darstellungen und Erläuterungen einen differenzierten und verständlichen Einblick in Laplanches Denken ermöglichen. Die sinnvoll zusammengestellten Aufsätze inspirieren dazu, andere Re-Lektüren Freuds zu assoziieren, beispielsweise die Theorien von Alfred Lorenzer. Es ist eindrucksvoll, die Nähe der beiden Theoretiker in ihrer genauen Freudlektüre wahrzunehmen, aber auch auf die zentrale Differenz aufmerksam zu werden. Diese liegt in der Betonung des Interaktionellen in der Beschreibung der Mutter-Kind-Beziehung durch Lorenzer, während Laplanche das Einflussmonopol radikal aufseiten der Mutter ansiedelt: Die Mutter sendet Botschaften, der Embryo/Säugling/​Kleinkind ist Empfänger. Lorenzer nimmt dagegen an, dass der Embryo bzw. Säugling erste Interaktionserfahrungen psychophysisch registriert und zur Grundlage seiner Reaktionen macht. So wird er zum aktiven Interaktionspartner der Mutter, die auf seine gestischen Signale reagieren muss. Das mag zwar kein Einwand gegen eine immense Dominanz aufseiten der Mutter (des Anderen) sein, relativiert aber dennoch die Einseitigkeit, die Laplanche unterstellt, und erlaubt eine Differenzierung des Einspruchs gegen den Biologismus, den beide Theoretiker erheben. Begreifbar wird mit Lorenzer ein Wechselverhältnis von Biologischem (Körperbedarf des Kindes, der sich zum Bedürfnis ausprägt) und Gesellschaftlichem (die sozialisierte Mutter). Dass Udo Hock solche Diskussionen nicht führt, ist ihm nicht vorzuhalten.
Fazit
Er vermittelt seinem Titel entsprechend mit seinen Aufsätzen wesentliche Facetten von Laplanches Allgemeiner Verführungstheorie. Und das ist kein gering zu schätzender Gewinn.
Rezension von
Dr., Dr. Achim Würker
Promotionen in Sozialwissenschaft und in Pädagogik, Mitglied der Kommission psychoanalytische Pädagogik der DGfE und der Interdisziplinären Studiengesellschaft
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