Peter Pogany-Wnendt, Beata Hammerich et al.: Das transgenerationelle Erbe von Schuld und Scham
Rezensiert von Prof. Dr. Angela Moré, 10.09.2025
Peter Pogany-Wnendt, Beata Hammerich, Elke Horn, Johannes Pfäfflin, Erda Siebert:Das transgenerationelle Erbe von Schuld und Scham. Von traumatischer Erstarrung zum empathischen Dialog. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2024. 260 Seiten. ISBN 978-3-8379-3382-6. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
Reihe: Forum Psychosozial.
Thema
Seit mehreren Jahrzehnten befassen sich insbesondere Psychoanalytiker:innen, aber auch Psychotherapeut:innen und (Sozial)Pädagog:innen mit dem Phänomen der unbewussten Weitergabe von Traumata und Schuld an nachkommende Generationen (vgl. „Transgenerationale Weitergabe“ in socialnet-Lexikon). Die Autor:innen dieses Bandes behandeln die Folgen der transgenerationalen Weitergabe nicht (nur) theoretisch, sondern insbesondere in ihren eigenen Biographien und in der Begegnung mit Nachkommen der jeweils „anderen Seite“. Denn sie sind selbst Kinder von Überlebenden der Shoah oder aber aus Täterfamilien, aber alle auch Psychoanalytiker:innen, für die das Erkennen eigener unbewusster Vorstellungen und Gefühle Grundlage ihres Selbstverständnisses und ihrer Professionalität ist. In ihren Begegnungen und Dialogen wurde ihnen deutlich, wie sehr unbewusst aufgenommene Ängste, Ideale und traumatische Bilder der Eltern- und Großelterngeneration in ihnen wirksam sind und die für sie so wesentliche Fähigkeit zu Empathie einschränken können. In einem langjährigen Prozess der gemeinsamen Auseinandersetzung wie auch Selbstreflexion gelingt es den beteiligten dieser Gruppe, diese blinden Flecken in ihren Gefühlserbschaften aufzuspüren und durchzuarbeiten.
Autor:innen
Alle Autor:innen sind Psychoanalytiker:innen im Raum Köln-Düsseldorf. 1995 gründeten sie gemeinsam mit einigen weiteren Kolleg:innen den Verein PAKH (Psychotherapeutischer Arbeitskreis für Betroffene des Holocaust e.V.). Der Name des Vereins wurde 2006 in „Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust“ geändert. Björn Krondorfer, der in seinem Vorwort das Projekt des PAKH beschreibt, ist Professor für Religion am Institut für vergleichende kulturelle Studien der Northern Arizona University, Flagstaff und Leiter des Martin-Springer-Instituts. Auch er befasst sich seit langem mit der Aufarbeitung des Holocaust.
Entstehungshintergrund
Sowohl in den Familien der – hier jeweils jüdischen – Überlebenden wie auch in deutschen Familien, die als Täter:innen oder Unterstützer:innen des NS-Regimes in dessen Schuld verstrickt waren, wurde nach dem Krieg geschwiegen, allerdings aus sehr verschiedenen Gründen. Versuchten die Überlebenden der Verfolgungen ihre Kinder vor den grausamen Geschichten zu bewahren, die sie erlebt hatten und in sich trugen, so ging es in den Familien der Täter:innen vor allem darum, dass die (Groß-)Elterngeneration sich selbst schützen wollte vor peinlichen Nachfragen und Beschämung. Nicht selten behaupteten frühere Anhänger:innen des NS-Regimes, schon von Anfang an dagegen gewesen zu sein. Oder sie verharmlosten die Ereignisse und behaupteten, „von alldem nichts gewusst zu haben“ (Heer 2005, Longerich 2007). In beiden Gruppen konnten die Nachkommen sich aber den unbewusst vermittelten traumatischen Eindrücken oder übermittelten Schuldgefühlen der Elterngeneration nicht entziehen und wurden durch die szenisch vermittelten Botschaften und unbewussten Übertragungen, Projektionen und unausgesprochenen Aufträge unvermeidlich von den Schicksalen der älteren Generationen betroffen. Der Traumatransmission in den Familien der Überlebenden steht die unbewusste Übermittlung von Schuld- und Schamgefühlen in Familien der Täter:innen gegenüber – wobei häufig auch die Abwehr und Verleugnung der schuldhaften Verstrickungen Bestandteil der transgenerationalen Weitergabe in diesen Familien ist, die sich in der Verdoppelung der Schuldgefühle zeigt, weil das Nachfragen und Wissen wollen schon als Illoyalität wahrgenommen und mit der Drohung, aus der Familie ausgeschlossen zu werden, sanktioniert wird. Darum bleibt in vielen deutschen Familien die Aufarbeitung bis heute mühsam und stößt auf Widerstände (dies gilt ebenso in anderen, von Nazi-Deutschland besetzten Ländern für jene Familien, in welchen sich Angehörige durch Kollaboration oder Mitgliedschaft in pro-nazistischen Organisationen mitschuldig gemacht hatten).
Entscheidend für die Autor:innen dieses Buches war es, sich nicht nur mit der persönlichen Geschichte und der ihrer eigenen Familien zu befassen, sondern im Dialog mit der jeweils anderen Seite „Empathie zu wagen“, wie es Krondorfer in seinem Vorwort nennt.
Inzwischen ist die Bedeutung der transgenerationellen Weitergabe von Traumata und Schuld auch in anderen Kulturen, die durch Krieg, Genozid oder Sklaverei geprägt wurden, als entscheidender Einflussfaktor auf die weitere Entwicklung der jeweiligen Gesellschaften und die Menschen in ihnen anerkannt. Dies führte zu einer Zusammenarbeit mit der südafrikanischen Professorin für Psychologie, Pumla Gobodo-Madikizela, die nach dem Ende des Apartheid-Regimes auch Mitglied der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission war. Die langjährige Zusammenarbeit mündete 2021 in die Veröffentlichung des von ihr herausgegebenen Sammelbandes „History, Trauma and Shame“.
In der nun vorliegenden deutschsprachigen Ausgabe wurde auf diesen vergleichenden internationalen Bezug verzichtet, aber alle Beiträge der Mitglieder des PAKH übernommen einschließlich des Beitrags von Krondorfer, der in der englischen Ausgabe als Epilog enthalten war. Das vorliegende Buch gibt nun umso klarer einen tiefen Einblick in die Geschichte und Entwicklung des PAKH in Verbindung mit der Rekonstruktion der vielfältigen, oft komplexen Dialoge und Konflikte. Hierbei gelingt es den Autor:innen, die enormen Herausforderungen transparent zu machen, die das Durcharbeiten unbewusster emotionaler Verstrickungen mit der eigenen Herkunftsfamilie sowie der soziokulturellen Herkunftsgruppe mit sich bringen. Zugleich werden auch die Einflüsse der zum Teil bewusst weiter gegebenen Haltungen und Narrative spürbar, die von der Generation der Kinder als selbstverständliche, nicht hinterfragbare „Gewissheiten“ aufgenommen wurden und für sie erst im Nachhinein als Konstrukte der Verleugnung, Abwehr oder Umdeutung der Vergangenheit erkennbar wurden.
Aufbau
Das Buch besteht aus sechs Hauptkapiteln sowie dem erwähnten Vorwort. Das erste Hauptkapitel ist von den Autor:innen des PAKH gemeinsam verfasst und beschreibt einleitend die Entstehungsgeschichte dieses Vereins. Dem folgen die einzelnen Beiträge dieser Autor:innen, in welchen sie sich in sehr persönlicher Weise mit ihrer eigenen Familiengeschichte und den Auswirkungen auf ihre persönliche Entwicklung und ihr Erleben in der Begegnung mit Menschen der „anderen Seite“ auseinander setzen. Der letzte Beitrag von Elke Horn, die auch Gruppenanalytikerin ist und 1998 dem PAKH beitrat, fokussiert dabei vor allem auf Gruppenphänomene, die sich bei der Durcharbeitung der Vergangenheit dieses Gruppenprozesses entwickeln bzw. offenbaren.
Inhalt
In ihrer gemeinsamen Einleitung erläutern die Autor:innen, was sie zu der Gründung des Vereins PAKH veranlasst hatte. Auch vor 30 Jahren war in der deutschen Gesellschaft, trotz öffentlich-politischer Auseinandersetzungen mit der NS-Herrschaft und dem Holocaust, die Aufarbeitung der familialen Belastungen noch weitgehend ein Tabu. Selbst in psychotherapeutischen Kontexten wurden die Folgen der transgenerationalen Weitergabe von Traumata und Schuld in der Regel ignoriert oder als eher unwesentlich für die psychische Entwicklung angesehen. Um sich mit dieser historischen Last nicht länger allein tragen zu müssen, war es das Anliegen der Vereinsgründer:innen, sich einen Raum für die Aufarbeitung der seelischen Auswirkungen auf Individuen und Gruppen zu schaffen – und dies in der Begegnung von Nachkommen der Überlebenden und der (Mit-)Täter:innen auf der Grundlage ihres geteilten psychoanalytischen Denkens. Auf Basis der dabei gewonnenen Erkenntnisse sollten auch „die gesellschaftlichen Prozesse im Zusammenhang mit der Verarbeitung der NS-Herrschaft und des Holocaust“ besser verstanden werden können, um zukünftig der Wiederbelebung von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit mit öffentlicher Aufklärung entgegentreten zu können (ebd., S. 28).
Zunächst rekonstruieren die Autor:innen die „bewegte Geschichte“ des PAKH, bevor sie kurz die folgenden Beiträge im Einzelnen vorstellen. In den dann folgenden Einzelbeiträgen, abwechselnd von Nachkommen aus Täter- und Mitläuferfamilien und von Verfolgten, gehen die Autor:innen in sehr persönlichen Analysen ihren eigenen emotionalen Verstrickungen und deren Konsequenzen für das (Nicht-)Verstehen des Eigenen und des Fremden nach. Dabei wurden die an diesem Prozess Beteiligten immer wieder auch überrascht davon, mit welchen Schwierigkeiten die Verständigung trotz guten Willens verbunden ist, wie schwer es sein kann, Empathie nicht nur zu wollen, sondern tatsächlich entwickeln zu können. Sie mussten stattdessen entdecken, mit welcher Hartnäckigkeit sich ererbte Chiffren, projektive Vorstellungen und Ängste oder Ressentiments in die gegenwärtigen Beziehungen drängen. So konnten lähmende Schamgefühle über den hochrangigen, aber geliebten Nazi-Vater auftreten (Siebert) oder aber Gefühle von Ausgeschlossenheit und Falschsein in Folge der Notwendigkeit, die eigene Identität als Jüdin verleugnen zu müssen (Hammerich). Oder es zeigte sich eine tiefe Gespaltenheit zwischen dem Wunsch, die jüdische Identität offen leben zu wollen und der Sorge, bei den Eltern massive Ängste vor erneuter Verfolgung zu wecken (Pogany-Wnendt). Andererseits konnten Gefühle der Überlegenheit und Distanzierung auftreten, die die Einfühlung in das Gegenüber verhinderten. Es bedurfte immer wieder intensiver Arbeit an den äußeren Konflikten, ehe diese als Veräußerung innerer Widersprüche begriffen werden konnten: als Mischung aus der Identifikation mit väterlichen Introjekten und der Abwehr schmerzlicher Schamgefühle (Pfäfflin).
Anhand eines Konflikts zwischen einem jüdischen und einem nicht-jüdischen deutschen Gründungsmitglied wurde deutlich, wie wechselseitige Projektionen sich im verbalen und non-verbalen Kommunizieren zeigen bzw., dass diese Projektionen zentrale, aber zunächst unverstandene Botschaften im Kommunikationsprozess sind. Die jeweiligen Interpretationen der vermeintlichen Absicht des anderen basieren dann auf den verinnerlichten narrativen Weltdeutungen bzw. Ideologien der Herkunftsfamilien und den Identifikationen mit den je eigenen Wir-Gruppen. Dabei reproduzieren sich zwischen den Nachkommen ungewollt die Beziehungsmuster der vorhergehenden Generation(en) mit deren Projektionen von Feindseligkeiten, solange diese Herkunft nicht erkannt und hinterfragt werden kann.
Dank einer durch den Psycho- und Gruppenanalytiker Vamik Volkan geleiteten Gruppensitzung gelang es den Teilnehmenden besser, die Vermischung von Vergangenheitsaspekten mit der Gegenwart zu erkennen und diese voneinander zu trennen. Dabei wurde auch deutlich, dass nicht nur die familial vererbten persönlichen Schicksale der Eltern die Beteiligten in ihren Selbstwahrnehmungen und inneren Bildern entscheidend beeinflussten, sondern auch die identitätsstiftenden Narrative und Bilder der jeweiligen soziokulturellen Großgruppen (hier primär der Juden bzw. nicht-jüdischen Deutschen) prägenden Einfluss haben. Bis heute seien, so ein zentrales Resümee, die ideologischen Spaltungen, die die Grundlage der mörderischen Destruktivität des Nationalsozialismus gebildet hatten, Teil des gesellschaftlichen Unbewussten und gingen sowohl in die persönliche wie in die dynamische und in die Grundlagenmatrix ein. Bei den Nachkommen der Überlebenden wie der Täterfamilien reproduzieren sich diese Spaltungstendenzen in deren persönlichem Erleben wie in den (Groß)Gruppenprozessen, ein Aspekt, der gerade auch durch die gespaltenen Reaktionen in der Gesellschaft auf den 7. Oktober 2023 und dessen Folgen sichtbar wird.
In seinem Vorwort findet Krondorfer sehr treffende Worte, um den komplexen Prozess, den die Gruppe über Jahre durchlaufen hat, seinerseits mit großer Empathie zu beschreiben. Es gehe dabei um die Bedeutung des Verstehens des Anderen für das Selbstverständnis, jedoch verbunden mit den Risiken der Preisgabe sehr persönlicher familiärer Geschichten und ihrer subjektiven Bedeutung. Darum bezeichnet er den empathischen Prozess als ein Wagnis, das auch verunsichernd und verstörend sein kann, „ein komplizierter Tanz in den Begegnungen zwischen Gruppen, geprägt von Neugier und Misstrauen, Klarheit und Blindheit, Introjektionen und Projektionen, verbalen und nonverbalen Signalen, empathischer Identifikation und distanzierter Skepsis“ (S. 10).
Diskussion
Die Beiträge dieser Gruppe machen deutlich, wie tief die ererbten Ängste und Schamgefühle, aber auch Vorstellungen von vernichtender Aggression auf der „Gegenseite“ in der eigenen Psyche verankert sein können und wie gnadenlos sich die Projektionen auf das jeweilige Gegenüber legen und die Wahrnehmungen verzerren. Jedoch gelingt es den Beteiligten, mit viel Anstrengung, der Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen und Einfühlung in die Wahrnehmungen der anderen aufzubringen, diese Prozesse und Dynamiken zu verstehen und zu bewältigen.
Dort, wo dieses Durcharbeiten der eigenen Gefühlserbschaften jedoch nicht gelingt oder verweigert wird, führt dies häufig zu unbewussten Reproduktionen von wechselseitigen Projektionen, Abgrenzungen und Schuldzuschreibungen, die auch die Gruppenbeziehungen zwischen den früheren Generationen unbemerkt reproduzieren. Das Buch der Autor:innengruppe eröffnet demgegenüber die Möglichkeit, eine multiperspektivische Einsicht in die unterschwelligen Dynamiken zu erhalten, denen die Nachkommen von Verfolgten wie Verfolgern von Massenverbrechen ausgesetzt sind – und zwar sowohl als Mitglieder ihrer eigenen Familien wie auch als Angehörige der jeweiligen sozialen Wir-Gruppe. Im subjektiven Identitätsempfinden sind diese Aspekte eng miteinander verschränkt und wirken in den Kommunikationsprozessen mit anderen auch wieder in die sozialen Räume zurück.
Mit Hilfe der nachträglichen Analyse des Verlaufs der sich in der Gruppe entfaltenden Dynamik (Horn) zeigte sich zudem, dass sich Spaltungen in der Gruppe vor allem dann ergeben, wenn sich die Beteiligten in ihrem eigenen Erleben den elterlichen Erfahrungen von direkter Todesbedrohung annähern. Dies reaktiviert in den Nachkommen massivste Ängste vor Vernichtung bzw. vor Beschuldigung und Beschämung und damit schwer kontrollierbare Aggressionen und Abwehrtendenzen.
Das vorliegende Buch ermöglicht es, anhand eines exemplarischen Prozesses zu verstehen, welcher intensiven Auseinandersetzungen und teils auch schmerzlicher Einsichten in eigene transgenerationell übernommene Verstrickungen es bedarf, um aus letzteren herauszufinden und sich auf einen offenen und empathischen Dialog mit Nachkommen jener gesellschaftlichen Gruppen einzulassen, die von den eigenen Vorfahren als lebensbedrohende Verfolger erlebt wurden bzw. von den eigenen Vorfahren gedemütigt, verfolgt und vernichtet wurden.
Die hartnäckige Wirksamkeit unbewusst bleibender Gefühlserbschaften ist auch ein bedeutsamer Faktor bei der regelmäßigen Reproduktion bestimmter Konflikte: sie sind zum Teil unbewusste Reinszenierungen nicht aufgearbeiteter bzw. nur schwer integrierbarer vergangener Ereignisse, an welchen die aktuell lebenden Generationen nicht unmittelbar beteiligt waren und dennoch in diese Vergangenheit aufgrund der emotionalen Verbundenheit mit ihren Herkunftsfamilien und -gruppen involviert bleiben. Die 1932 von Albert Einstein an Sigmund Freud gerichtete Frage, warum sich die Menschen immer wieder zu Kriegen und Selbstaufopferung aufstacheln ließen (Einstein/​Freud 1972), würde heute zumindest zum Teil auch mit Bezug auf die Erkenntnisse über die transgenerationellen Gefühlserbschaften beantwortet werden müssen. Um diesen unbewussten Wirkungsmechanismen bei sich selbst und anderen auf die Spur zu kommen, ist es zwar hilfreich, eine tiefenpsychologisch oder psychoanalytisch orientierte Selbsterfahrung gemacht zu haben, dies ist jedoch keine Bedingung dafür. Die wichtigsten Voraussetzungen sind offene Neugier für die verborgenen Familiengeschichten und die Bereitschaft, sich unter Umständen auch schmerzlichen Wahrheiten zu öffnen und sie zu betrauern. Der Gewinn daraus ist, sich von diffusen Schuld- und Schamgefühlen oder ererbtem massiven Misstrauen zu befreien und sie in Verantwortungsbewusstsein zu transformieren, wie dies auch der deutsch-kanadische Psychoanalytiker Roger Frie (2021) in der Aufarbeitung seiner Familiengeschichte anschaulich aufzeigt. Das Buch der PAKH-Autor:innen über die transgenerationale Vererbung von Schuld und Scham leistet aufgrund seiner unmittelbaren, transparenten und sehr persönlichen Schilderungen konkreter Prozesse und Konflikte bei der Bewältigung solcher Herausforderungen eine große Hilfe.
Fazit
Dieses Buch zeugt von wechselseitigem menschlichen Respekt und erzeugt zugleich Respekt für die enorme selbstreflektorische Leistung, die in diesem Gruppenprozess erbracht wurde. Es macht deutlich, wie ein Aufarbeiten gelingen kann, welcher Voraussetzungen es dafür bedarf, aber auch, wie groß der Gewinn dieser Anstrengungen sein kann. Dies gilt nicht nur auf subjektiver Ebene, sondern auch für das Verständnis komplexer gesellschaftlicher Prozesse, zu deren Aufklärung dieses Buch einen wesentlichen Beitrag leistet.
Literatur
Einstein, Albert & Sigmund Freud (1972). Warum Krieg? Ein Briefwechsel. Mit e. Essay von Isaac Asimov. Zürich (Diogenes).
Frie, Roger (2021). Nicht in meiner Familie. Deutsches Erinnern und die Verantwortung nach dem Holocaust. Frankfurt am Main (Brandes & Apsel).
Gobodo-Madikizela, Pumla (Ed.) (2021). History, Trauma and Shame. Engaging the Past through Second Generation Dialogue. London, New York (Routledge).
Heer, Hannes (2005). »Hitler war’s«. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit. Berlin (Aufbau-Verlag).
Longerich, Peter (2007). »Davon haben wir nichts gewusst!« Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945. München (Pantheon Verlag).
Rezension von
Prof. Dr. Angela Moré
Leibniz Universität Hannover -
Institut für Soziologie, Lehrgebiet Sozialpsychologie
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