Kirsten Maria Düsberg, Luciana Degano Kieser et al.: Basaglia
Rezensiert von Arnold Schmieder, 10.07.2025
Kirsten Maria Düsberg, Luciana Degano Kieser, Jörg Utschakowski: Basaglia. Radikales Denken, optimistisches Handeln.
Psychiatrie Verlag GmbH
(Köln) 2024.
223 Seiten.
ISBN 978-3-96605-271-9.
D: 28,00 EUR,
A: 28,80 EUR.
Reihe: Zur Sache: Psychiatrie. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966052931.
Thema
Hierzulande scheinen die Diskussionen um die Antipsychiatrie selbst in Fachkreisen abgeebbt zu sein. Diese ebenso theoretisch fundierte wie praktisch intervenierende Gegnerschaft zur überkommenen Psychiatrie hat zumindest zum Teil dazu beigetragen, die Einsicht in die Stigmatisierung psychisch Kranker zu schärfen und auf dieser Folie Reformen der Behandlungsmethoden anzustoßen und eben auch zu praktizieren, was unter dem Stichwort ‚Transformation‘ auch gar auf eine Öffnung psychiatrischer Institutionen zielte und ebenso die krankmachenden (Umwelt-)Bedingungen indizierte, die es eben auch zu überwinden galt. Das Ziel einer Auflösung psychiatrischer Anstalten bzw. einer drastischen Verkürzung der Verweildauer sowie Zwangseinweisungen wurde nicht unwesentlich beeinflusst von Michel Foucaults Werk über „Wahnsinn und Gesellschaft“ und auch Erving Goffman, der psychiatrische Anstalten als „totale Institutionen“ bezeichnete (vgl. sein Buch „Asyle“). In die antipsychiatrische Kerbe schlug in Deutschland auch prominent Klaus Dörner (sein Werk „Bürger und Irre“ machte Furore). Zu den wichtigsten Vertretern dieser Bewegung werden David Cooper, Ronald D. Laing, Thomas Szasz, Félix Guattari, Gilles Deleuze und eben Franco Basaglia gezählt. Um dessen theoretische Arbeiten und praktischen Anstöße sowie deren Nachwirkungen bis in die heutigen Tage geht es im vorliegenden Sammelband. Die Herausgeber:innen präsentieren mit den (zahlreichen) Texten „eine Polyphonie, eine Stimmenvielfalt zu dem Praxis-Theorie-Ansatz Basaglias“ (S. 8).
Vorwegzunehmen ist (wegen der Aktualität und wegen des Themas „Schutz der Kranken und Schutz der Gesellschaft“ [Felicitas Kresimon, S. 91]) der starke Einwand der antipsychiatrischen Bewegung gegen die sog. ‚chemische Lobotomie‘, nicht chirurgischer Eingriffe in die (Fehl-)Funktionen des Gehirns (Basaglia allerdings sah, dass Psychopharmaka insofern auch eine positive Wirkung haben können: „Medikamente können zwar nicht heilen, aber sie können zeitlich begrenzt dabei helfen“ [Andreas Jung, S. 141]). Der mit Verve vorgebrachte Verweis auf gesellschaftliche, ökonomische, soziale und psychosoziale Bedingungen, die (auch) psychische Erkrankungen, die unter psychiatrische Kuratel fallen, verursachen können, werden in ethnopsychiatrischer Erklärung zugespitzt. Roberto Beneduce & Simona Taliani zitieren Basaglia: „‚Von Zeit zu Zeit waren es die Sklaven, das Proletariat, die Schwarzen, die Juden, die ‚Verrückten‘, die Frauen, die Kinder, die ‚Irrgläubigen‘, die ‚Außenseiter‘, die ‚störenden Elemente‘, die nach Klassen, Kategorien, wissenschaftlichen Definitionen kategorisiert wurden‘“ (zit. S. 202 f.). Die Argumentation wird fortgeführt u.a. mit einem Zitat von Frantz Fanon (dessen Buch „Die Verdammten dieser Erde“ wichtige Impulse gab), der sich in Bezug auf den Zwang gegenüber einem Kind, Augenzeuge einer monströsen Tat eines Folterers zu werden, äußerte, „‚glauben wir, dass es einfach ist, dieses Kind den Mord an seinen Eltern und sein enormes Verlangen nach Rache vergessen zu lassen?‘“ (zit S. 208) – Das dürfte zu denken geben, und zwar zur Seite klassischer psychiatrischer Symptombekämpfung und realer gesellschaftlicher Ursachen, gegen die Basaglia nicht auf „‚Revolution‘“ setzte, sondern optierte, „‚wir wollen die Beziehungen zwischen Menschen radikal verändern‘“ (zit. n. Gudrun Weissenborn, S. 146). Erkannt wurde dabei: „Aus der Nähe ist keiner normal“, und auf der Fahne stand „Freiheit heilt“ (Jörg Utschakowski, S. 122), was sich unter dem „Diktum der potenziellen Gefährlichkeit“ als psychisch krank Erkannter verbiete und deren „Ausgrenzung und Unterbringung in der psychiatrischen Anstalt“ legitimiere (Klaus Obert, S. 106).
Herausgeber:innen
Kirsten Maria Düsberg ist Kulturarbeiterin und Soziologin, realisiert grenzüberschreitende Projekte zur Psychiatriegeschichte, -kritik und -reformen. Luciana Degano Kieser ist Master of Public Health, Fachärztin für Psychiatrie und systemische Therapie. Jörg Utschakowski war fünfzehn Jahre Sozialarbeiter in einem psychiatrischen Krankenhaus und im Betreuten Wohnen, seit 2015 arbeitet er im Referat Psychiatrie und Sucht bei der Senatorin für Gesundheit in Bremen.
Inhalt
Das Buch ist in drei Hauptkapitel mit insgesamt vierundzwanzig Beiträgen gegliedert, die hier nicht alle gesondert referiert werden, kreisen sie doch – wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln – die Thematiken der Hauptkapitel bzw. Teile facettenreich ein, nämlich „Denken, Sprechen, Handeln“ (Teil I), in dem mittels Skripten, Reden und Interviews Basaglias Theorie und Praxis vorgestellt wird, „Erfahrungen, Reflexionen, Konzepte“ (Teil II), wo Erfahrungen in Italien und auch Deutschland der antiinstitutionellen Bewegung resp. der Bewegungen auch mit Reformen diskutiert werden, und schließlich „Schlaglichter und Debatten“ (Teil III), worin ein Überblick über aktuelle Psychiatrien und psychische Gesundheit sowie Versorgungssysteme gegeben und kritisch diskutiert wird. Anlass des Bandes ist der im Jahr 2024 sich zum hundertsten Mal jährenden Geburtstag des Psychiaters Franco Basaglia, der „Leuchtfigur der italienischen antiinstitutionelle Bewegung und Psychiatriereform“, was, wie die Herausgeber:innen gleich eingangs betonen, jenseits aller Erinnerungsrituale en détail dargestellt und vorgetragen werden soll, wobei auch unbekannte sowie aktuell relevante Aspekte seines Werkes dokumentiert werden, und nicht zuletzt der deutsch-italienische Austausch über Theorie und Praxis seines Werkes und Wirkens zur Kenntnis gebracht wird. Die Herausgeber:innen heben hervor, der „Blick in die Geschichte und über den eigenen Tellerrand ist bedeutsam, da er darauf aufmerksam macht, dass die psychiatrische Wissenschaft, die Versorgungsstrukturen und der Umgang mit Menschen, die unter psychischen Erkrankungen oder Krisen leiden, von der Geschichte, den kulturellen, sozioökonomischen und politisch-rechtlichen Bedingungen eines Landes geprägt sind“ (S. 7), was prominent, aber nicht ausschließlich, am Beispiel Italiens substantiiert wird.
Der Verlag stellt das Buch in seinem Katalog mit der Frage vor, „Was bleibt, wenn aus Radikalität Geschichte wird?“, und endet im Kurztext ebenfalls mit der einer Frage, nämlich: „Wie positionieren sich die psychiatrischen Dienste (oder wir uns) in einer sich wandelnden Gesellschaft und stehen wir wieder am Anfang der Erneuerung der Psychiatrie?“ Darin klingt die „Beziehung von Psychiatrie- und Gesellschaftskritik“ an, worauf in den einzelnen Beiträgen häufig und mehr oder minder explizit hingewiesen wird, zumal es für die „Weiterentwicklung von Basaglias Erbe heute von elementarer Bedeutung ist.“ (S. 10) Insbesondere in Bezug auf die theoriegeleitete Praxis Basaglias wird im Interview über die Freundschaft und Zusammenarbeit von Franco Basaglia und Erich Wulff (Lisa Schmidt-Herzog & Edith Toubiana) unter dem titelgebenden Zitat von Wulff „Das hier ist noch nicht die Revolution, Leute“ deutlich erkennbar, was seinerzeit politisch-emanzipatorisch zur Diskussion stand. Im Wulff-Zitat heißt es nämlich weiter, „‚da müsst ihr schon realistisch sein. Die Produktionsweise zu ändern, das geschieht nicht von heute auf morgen.‘“ (zit. S. 217) Gerade darum wohl war für ihn „Psychiatriekritik immer auch gegen Faschismus, Imperialismus und Kapitalismus gerichtet.“ (S. 218) Basaglia habe betont (so Roberto Beneduce & Simona Taliani), dass es „keine Fortschritte beim Verständnis“ der behandelten Themen „geben könne, wenn die Rolle, die die Kategorien ‚Rasse‘ und Klasse in den diagnostischen Dispositiven spielen, nicht berücksichtigt werden würde“ (S. 202), was eng neben Wulffs Position siedelt. Und Benedetto Saraceno sieht bei Basaglia, dass ihm zufolge der Diskurs über psychische Gesundheit, Psychiatrie und deren institutionalisierte Praxis „tatsächlich jeden Sinn“ verlöre, „wenn er nicht stets von einer unermüdlichen Transformation der Realität begleitet wird und stattdessen riskiert, in einem operativen Modell simpler institutioneller Techniken zu erstarren. Der Inbegriff der Praxis der antiinstitutionellen Psychiatrie ist diese ‚Unermüdlichkeit‘ – wie eine Revolution, die ihre Vollendung stets programmatisch aufschiebt, hinauszögert, da sie sonst die ihr eigene befreiende Energie und Kraft verlieren würde.“ (S. 181)
Sicher war bzw. ist die Definition der Psychiatrie etwa „‚einhundertfünfzig Jahre lang, in ihren Grundzügen nicht verändert: Es ist die Dominanz der ökonomischen Ordnung unterworfen und führt durch die Sanktion der Internierung zur Vernichtung der Körper‘“ (Basaglia & Ongaro Basaglia, zit. n. Benedetto Saraceno, S. 174). Auch scheint der „‚Klassencharakter‘ der Psychiatrie“ noch existent, genannt werden „Klasse und Armut“, „Kultur und ethnische Zugehörigkeit“, auch „Geschlecht“ (Kirsten Maria Düsberg, Thomas Becker & Luciana Degano Kieser, S. 16). Insofern durfte sich die „angestrebte Revolutionierung der Psychiatrie (…) als Teil einer Gesellschaftsreform“ verstehen (ebd., S. 13), und sie trachtete, „Erfolgsdruck, Leistung, Wettbewerb, Hyperaktivität, Hypertechnologie und Hyperkommunikation“ in Schranken zu verweisen, alles, was „uns vom wirklichen Leben, von der Möglichkeit, eine Welt in ihrem Werden zu gestalten“ entfernt (ebd., S. 26). Eine wichtige Einsicht, die einen Schritt in eine wichtige Richtung anleitete, war und ist: „Gerät ein Mensch in eine psychische Krise, dann ist auch das persönliche Umfeld mitbetroffen.“ (Gudrun Weissenborn, S. 146)
Diskussion
In seiner Novelle „Wrackmente“ zitiert Lukas Meisner aus einem Graffito: „Gesellschaft löscht uns von innen aus. Wir sind Wracks über Wracks gestülpt.“ Höchst konzise kommt darin gleichsam aphoristisch ein Resultat zum Ausdruck, dass Menschen im herrschenden System, wie es Gesellschaft in den „Bann“ (Adorno) schlägt, nicht als Individuen mit Bedürfnissen und Potenzialen wahrgenommen und behandelt werden. Woher soll den ‚Wracks‘ der „Mut“ kommen, sich ihres „eigenen Verstandes zu bedienen“? (Kant) Und mitnichten sind sie „über allen Preis erhaben“; und weiter weist Kant in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ darauf hin: „was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“ Die ‚Ware Arbeitskraft‘ hat einen Preis. – Der in seinen Frühschriften elaborierte Begriff der Entfremdung wird in der Rede von den „Wracks“ paraphrasiert, der bei Marx im Begriff der „Menschenware“ gipfelt. Diese allgemeine Ruinierung selbst dessen, was man als vielleicht nur Rudimente von menschlichen Möglichkeiten mit dem Ziel der Etablierung von Menschenwürde bestrebt ist zu verwirklichen, war (und ist in Ausläufern) der antipsychiatrischen Bewegung unterlegt, auch von der Hoffnung getragen, einem deutlichen Hintergrundrauschen in Theorie und Praxis der Antipsychiatrie, „dass der Bann der Gesellschaft einmal doch sich löse“ (Adorno), was – fokussiert auf die Psychiatrie – über Transformation durch Reformen erreicht werden sollte. Die „Menschen als soziale Akteure zu rekonstruieren“ und zu verhindern, dass sie unter der „verinnerlichten Identität ersticken“, darin die „überdeterminierte Maske des Kranken“ zu erkennen (Franco Rotelli, S. 67), ist hehres Anliegen. Wie das aber in einer „Welt“ in einem nicht erst aktuell fragwürdigen „Werden“ (s.o.) realisieren? Nicht erst „durch willkürliche Unterbringung“ werden Menschen „zu ‚Sachen‘ verdinglicht“ (Andreas Jung, S. 138). Binswanger, nicht Adorno und die Kritische Theorie waren Basaglias Referenz, wenngleich deren „‚Vermächtnis‘“ im Denken Basaglias „zweifelsfrei wiederzufinden“ sei (Klaus Obert, S. 105). Adorno schien die „Möglichkeit gegeben“, „dass subkutan (…) trotz der von uns zu beobachtenden zunehmenden Integration der Gesellschaft etwas wie Desintegration sich abzeichnet.“ Das Desintegrierte muss integriert und das tendenziell Desintegrierte geblockt werden, was unter dem Rubrum eines gesellschaftlicher Wandel geführt werden mag, doch analytisch als vorerst, wenn auch nicht abschlusshaft erfolgreiche Bemühung zu verstehen ist, die (wie auch immer) „Wracks“ in den Systemzwängen zu halten und damit im System zu ‚bannen‘. Dass dies jedoch geschieht und wie, im Falle der Psychiatrie durch zusätzliche Angebote und kostengünstige Nutzung von Unterstützer:innen (vgl. bspw. S. 124 u. 134), bleibt einzubeziehen – und man sollte immer in dieser Gefahr stehende Reformbewegungen wie die Antipsychiatrie mit ihrem zu kurz gegriffenen Transformationsanspruch nicht vorschnell diskreditieren, sondern aufklärend intervenieren – Aufgabe nicht nur kritischer Wissenschaft, sondern auch aller emanzipatorischen Diskurse und im praktischen Handeln.
Fazit
Es scheint, dass die Werke prominenter Vertreter der Antipsychiatrie und ihrer theoretischen Zulieferer, die vor einigen Jahrzehnten noch für Furore sorgten, in den Bücherregalen einstauben. Das Buch „Basaglia“ erinnert dankenswert und klärt kritisch auf, weshalb es dringend zu empfehlen ist.
Rezension von
Arnold Schmieder
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