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Yvonne Kahl, Dieter Röh: Sozialraumorientierung in der Psychiatrie

Rezensiert von Prof. Dr. Maike Wagenaar, 14.01.2026

Cover Yvonne Kahl, Dieter Röh: Sozialraumorientierung in der Psychiatrie ISBN 978-3-96605-225-2

Yvonne Kahl, Dieter Röh: Sozialraumorientierung in der Psychiatrie. Grundlagen, Herausforderungen, Perspektiven. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2024. 272 Seiten. ISBN 978-3-96605-225-2. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR.
Reihe: Fachwissen.

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Thema

Das Buch verknüpft die beiden Themenbereiche Sozialraum(orientierung) und Psychiatrie, die eigentlich originär zusammengehören sollten, häufig aber nicht zusammengedacht werden. Die Autor:innen laden dazu ein, beide Bereiche zunächst vorwiegend getrennt zu betrachten und verbinden diese dann.

Autor:in oder Herausgeber:in

Die eine Herausgebende des Buches ist Prof. Dr. Yvonne Kahl, Professorin an der Fliedner HS in Düsseldorf. Dort vertritt sie den Schwerpunkt der Sozialraumorientierung, ist in der Vorausbildung auch klinisch-therapeutische Sozialarbeiterin (M.A.). Das Pendant der Herausgeberschaft bildet Prof. Dr. Dieter Röh, er ist Professor an der HAW Hamburg mit dem Schwerpunkt Rehabilitation und Teilhabe und ebenfalls in der Vorausbildung Sozialarbeiter (Dipl.).

Entstehungshintergrund

Die Herausgebenden setzen sich mit dem Buch zwei Ziele: „zum einen den Diskurs um die Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit grundsätzlich zu befördern und zum anderen notwendige, arbeitsfeldspezifische Konkretisierungen vorzunehmen“ (S. 10). Dazu kommen zahlreiche Autor:innen zu Wort.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband gliedert sich grundsätzlich in vier Bereiche, die zunächst näher beschrieben werden. Der erste große Bereich (I) beschäftigt sich mit den Grundlagen der Sozialraumorientierung (S. 20–92). Daran schließt sich der zweite große Bereich (II) an (S. 94–127), der sich schwerpunktmäßig mit dem zweiten Themenbereich des Buches, also der Sozialpsychiatrie, beschäftigt. Hier wird der Schwerpunkt auf die „Lebenslagen der Adressat:innen der Sozialpsychiatrie“ (S. 93) gelegt. Der dritte Bereich (III), der sich mit „Bedingungen erfolgreicher sozialraumorientierter Praxis“ (S. 129) beschäftigt, stellt dann eine Vertiefung der Gelingensaspekte dar (S. 130–185). Im letzten Teil (IV) „Perspektiven auf Anspruch und Wirklichkeit der Sozialraumorientierung“ (S. 187) werden sowohl regionale Unterschiede aufgemacht, einzelne Handlungsfelder betrachtet und es wird nach praktischen Möglichkeiten der Umsetzung gesucht (S. 188–272). Neben den beiden Herausgebenden sind 30 weitere Autor:innen an dem Werk beteiligt mit insgesamt 28 kürzeren oder etwas längeren Beiträgen. Autor:innen sind (in der Reihenfolge der Beiträge): Anna Meins, Markus Sauerwein, Felix Manuel Nuss, Kirsten Modrow, Jürgen Zielasek, Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, Andreas Speck, Ernst von Kardorff, Michael Beyerlein, Felix Welti, Miriam Gundlach, Wolfgang Bayer, Stefan Godehardt-Bestmann, Albrecht Rohrmann, Nina Weinberger, Dieter Schartmann, Karoline Czerlitzki, Anna Itter, Reinhold Knopp, Kuno Eichner, Anja Teubert, Johannes D. Schütte, Klaus Obert, Jürgen Armbruster, Linda Icersen, Annike Morgane Nock, Lukas Waidhas, Corinna Petersen-Ewert, Gernot Hahn, Monika Schröder, Ljiljana Joksimovic und Melanie Scharf. Diese Rezension kann nicht alle Beiträge einzeln in den Blick nehmen. In der Darstellung der Gliederung ist die Systematik des Aufbaus schon deutlich geworden. Exemplarisch sollen vier Aufsätze, jeweils einer aus den vier Teilen des Sammelbandes, herausgegriffen werden, um den Inhalt des Buches daran zu verdeutlichen.

Zunächst der Beitrag von Dieter Röh und Yvonne Kahl aus dem ersten Abschnitt des Buches (Grundlagen der Sozialraumorientierung): Dieser Beitrag nimmt einführend eine Begriffsbestimmung und eine Genese von Sozialraumorientierung und Gemeinwesenarbeit vor. Es werden „die verschiedenen theoretischen Strömungen, die es im Diskursfeld von Sozialraumorientierung und Gemeinwesenarbeit gibt, dargestellt und so eingeordnet, dass das diesem Sammelband zugrunde liegende gemeinsame Verständnis der Herausgeberin und des Herausgebers deutlich wird“ (S. 35). Diskutiert wird auch das Verständnis von Sozialraumorientierung als Konzept oder Theorie und methodische Handlungsprinzipien. Darüber hinaus wird in dem Beitrag ganz kurz auf die Potenziale und Herausforderungen für die Sozialpsychiatrie eingegangen. Dies ist eigentlich bei allen Beiträgen im ersten Teil der Fall, jedoch zumeist sehr kurz.

Der zweite Beitrag, der hier explizit erwähnt werden soll, befindet sich im zweiten Abschnitt des Buches (Lebenslagen von Adressat:innen der Sozialpsychiatrie). In dem Beitrag von Andreas Speck, Dipl. Erziehungswissenschaftler und Organisationspsychologe, Professor für Sozialpsychologie, Sozialpsychiatrie und Gender/​Diversity an der HS Neubrandenburg, wird – wie auch in den anderen Beiträgen des Kapitels – exemplarisch eine „Schwierigkeit in der Lebenslage“ explizit herausgegriffen und besprochen. In diesem Fall: „Soziale Teilhabe für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen“ (S. 106). Die Teilhabe wird hier mit einem starken Fokus auf Teilhabe beim Wohnen oder durch das Wohnen oder trotz des Wohnens in Einrichtungen erörtert. Speck macht dabei deutlich, dass sich hier ein Spannungsverhältnis zwischen Teilhabemöglichkeiten und Wohnformen ergibt und kommt zu dem Schluss, dass die Wohnform vieler Leistungsberechtigter nicht selbstbestimmt gewählt ist, soziale Teilhabe „aber eng an ein selbstbestimmtes Wohnen gebunden“ ist (S. 110).

Der dritte Beitrag, der den Inhalt des dritten Teils (Bedingungen erfolgreicher sozialraumorientierter Praxis) stellvertretend verdeutlichen soll, ist der von Michael Beyerlein (wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Sozial- und Gesundheitsrecht, Recht der Rehabilitation und Behinderung an der Universität Kassel) und Felix Welti (Professor für Sozial- und Gesundheitsrecht, Recht der Rehabilitation und Behinderung an der Universität Kassel): „Das koordinierende Recht der Rehabilitation und seine sozialräumlichen Bezüge“. Der Beitrag stellt den Prozess der Rehabilitation dar, mit der dazugehörigen Bedarfserkennung und -ermittlung, der Teilhabeplanung und der Koordination der Bereiche. Sie kommen zu dem Schluss: „Ein grundsätzlich sozialraumorientiertes Vorgehen ist also nicht nur für die Eingliederungshilfe, sondern für alle Träger, die Leistungen für Menschen mit Behinderung erbringen, angelegt“ (S. 136).

Der vierte Beitrag aus dem Kapitel IV zu „Perspektiven auf Anspruch und Wirklichkeit der Sozialraumorientierung“ (S. 187) soll den praktischen Ausblick deutlich machen. Der Artikel von Nina Weinberger (Projektleiterin beim Landschaftsverband Rheinland) und Dieter Schartmann (Leiter der Eingliederungshilfe II beim Landschaftsverband Rheinland) ist überschrieben mit: „Sozialraumorientierung kooperativ umsetzen“. Sie stellen für ihren regionalen Bereich das vierjährige Modellprojekt „Inklusiver Sozialraum“ (S. 188) dar. Dabei erörtern sie, welcher politische Auftrag mit welchen rechtlichen Rahmenbedingungen gegeben ist, stellen die Zielsetzung, Rahmenbedingungen, Chancen und Herausforderungen dar.

Diskussion

Der Sammelband vereint sowohl theoretische Überlegungen zu Sozialraumorientierung als auch zur (Sozial-)Psychiatrie. Während der Buchtitel sich auf „Psychiatrie“ bezieht, sind die inhaltlichen Abschnitte stark an der Sozialpsychiatrie orientiert. Im ersten Bereich des Buches zur Sozialraumorientierung ist der Bezug zur Sozialpsychiatrie häufig jedoch sehr kurz und wirkt manchmal etwas konstruiert. Dieser wird dann aber im zweiten Teil deutlich breiter aufgefächert. Insgesamt sind die meisten Beiträge recht kurz. Zu manchen Themen, wie z.B. dem Wohnen (S. 101), wäre eine weitere Vertiefung sehr wünschenswert.

Fazit

Das Werk gibt einen einführenden Einblick in die Diskussion zur Sozialraumorientierung, bietet darüber hinaus Einblicke in die Lebenswelten von Adressat:innen der Sozialpsychiatrie und verbindet beide Bereiche mit ersten Anwendungsideen. Es bietet eher einen breiten Blick auf die Thematik und geht nicht immer in die Tiefenschichten.

Rezension von
Prof. Dr. Maike Wagenaar
Professur für Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit mit den Schwerpunkten Sozialpsychiatrie und Suchthilfe, Hochschule Hannover
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Es gibt 5 Rezensionen von Maike Wagenaar.

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ISSN 2190-9245