Michael Büge: Cannabiskonsum und psychische Erkrankungen
Rezensiert von Prof. Dr. Gundula Barsch, 17.09.2025
Michael Büge: Cannabiskonsum und psychische Erkrankungen.
Psychiatrie Verlag GmbH
(Köln) 2024.
159 Seiten.
ISBN 978-3-96605-261-0.
D: 22,00 EUR,
A: 22,70 EUR.
Reihe: PraxisWissen - 17. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966052948. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966052955.
Autor
Michael Büge, Psychologischer Psychotherapeut, spezialisiert als Suchttherapeut, langjährige Tätigkeit im Therapieladen e.V. Berlin
Entstehungshintergrund
Der drogenpolitische Umgang mit Cannabis hat sich in den letzten 10 Jahren deutlich geändert. Wurde Cannabis Jahrzehnte einer Totalprohibition unterstellt, öffnete sich 2017 mit der Richtlinie für die medizinische Verwendung von Cannabis der Bundesärztekammer in Deutschland ein historisches Fenster, durch das Cannabis zumindest für ausgewählte Therapien zugänglich wurde. In einem nächsten Schritt ist mit dem KonsumCannabisgesetz aus 2024 eine Teillegalisierung vorgenommen worden, wodurch auch der nichttherapeutische Konsum im Freizeitbereich unter bestimmten Bedingungen für bestimmte Personengruppen nunmehr erlaubt ist. Diese radikale drogenpolitische Wende in Sachen Cannabis ist bis heute umstritten.
Verantwortliche aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft (u.a. Verkehrssicherheit, innere Sicherheit, Jugendarbeit/-hilfe, gesundheitliche Versorgung) befürchten, dass mit der Aufhebung der Totalprohibition eine Verbreitung des problematischen Cannabiskonsums einhergehen würde, die zu erheblichen Folgeschäden für die Gesellschaft führe. Der Verweis auf mögliche Risiken des Cannabiskonsums für die physische, psychische und soziale Gesundheit der Konsumenten gehört zu den prominentesten Argumenten, die gegen die neuen drogenpolitischen Regelungen vorgetragen werden.
Der vorgelegte Band, der als Praxisband für Experten in den Bereichen psychischer Erkrankungen und Drogenhilfe konzipiert ist, greift diese viel und kontrovers diskutierten Themen auf, um in Form einer Handreichung mehr Wissen zu den anstehenden Fragen und mehr Verstehen für die Konsumenten anzubieten. Der Band soll Experten und Fachleute dabei unterstützen, die komplexen Probleme des Cannabiskonsums zu verstehen und effektive Strategien zur Prävention und Behandlung problematischen Cannabiskonsums zu entwickeln.
Aufbau und Inhalt
Vor dem Hintergrund eigener beruflicher Erfahrungen greift der Autor ausdrücklich das Thema psychische Erkrankungen durch und mit Cannabiskonsum heraus und arbeitet dieses in einzelnen Schritten ab. Dazu wird zunächst Cannabis in seiner Pharmakologie vorgestellt und ins Verhältnis zu anderen psychoaktiven Substanzen gestellt, die ebenfalls einen Stellenwert als Freizeitkonsum haben. Dabei ist verwunderlich, dass mit Ausnahme eines Verweises auf synthetische Cannabinoide immer nur sehr allgemein von Cannabis gesprochen wird. Hierzu ist der Erkenntnisgewinn bereits weiter. Für die psychische Gesundheit scheint z.B. zentral zu sein, genauer das jeweilige Pharmaprofil der verschiedenen Sorten in den Blick zu nehmen. Insbesondere das Verhältnis von THC zu CBD im jeweiligen Pharmaprofil hat offensichtlich einen zentralen Einfluss darauf, wie hoch das Risiko ist, mit einem Cannabiskonsum psychische Erkrankungen zu provozieren. Studien zeigen, dass CBD der mildernde Gegenspieler von THC ist und sich deshalb sogar eignen kann, Psychosen auszubremsen. Dieses Wissen sollte deshalb schnell Allgemeingut werden, weil es zu einer sorgsamen Auswahl von Cannabissorten befähigt. Auch der Hinweis darauf, dass Cannabis, anders als Alkohol, nicht neurotoxisch wirkt, gehört zum wichtigen Detailwissen, das es zu popularisieren gilt.
Im nächsten Abschnitt des Bandes wird diskutiert, ob und wie Cannabiskonsum in eine Abhängigkeit führen kann und welche Wirkungen sich generell für die Entwicklung des menschlichen Hirns abzeichnen. Wieweit die Effekte, die einige Konsumenten bei Absetzen von Cannabis erleben, tatsächlich als Entzugssymptome einer Abhängigkeitssymptomatik gedeutet werden können und deshalb mit Sucht zu argumentieren ist, scheint für die unmittelbare Praxis wenig relevant. Kommen Cannabiskonsumenten im Hilfebereich an, ist man regelmäßig mit problematischen Konsummustern konfrontiert. Für diese weist der Autor zu Recht darauf, dass sie von sehr unterschiedlicher Gestalt sein können, aus denen sich folgerichtig ein sehr individueller Hilfebedarf ergibt. Ob diese mit dem Muster Abhängigkeit zu beschreiben ist, spielt für den Hilfeprozess nur bedingt eine Rolle. Insofern scheint es müßig zu sondieren, ob bei Beendigung von Cannabiskonsum Entzugssymptome auftreten oder nicht. Für eine Mehrheit der Konsumenten sind dies Absetzeffekte, die wohl eher Schlafstörungen geschuldet sind, gegen die Cannabis oft eingesetzt wird und die sich nach Absetzen in den ersten abstinenten Tagen deutlich verstärken. Wichtiger ist darauf vorzubereiten, dass eine solche, oft als beschwerlich erlebte Phase eintreten kann und hilfreiche Tipps zu geben, diese durchzustehen. Wieweit die wissenschaftlichen Einblicke in die Entwicklung des menschlichen Hirns bereits ausreichend sind, mit diesen gegen einen Cannabiskonsum im Jugendalter zu argumentieren, muss offenbleiben. Wichtig ist aber zur Kenntnis zu geben, dass Cannabis, anders als beispielsweise Alkohol, nicht neurotoxisch ist und damit nicht zu irreparablen Schäden führt, sondern die meisten bisher beobachteten hirnorganischen Veränderungen nach Abstinenz wiederhergestellt werden.
Sodann werden einzelne psychische Störungen und Erkrankungen vorgestellt (Depression, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, ADHS, Psychosen) und der Stand des Wissens dazu nachgezeichnet, wie sich diese in Bezug auf Verursachung und Entwicklung durch Cannabiskonsum darstellen. Leider blieben die Aussagen dazu auf sehr allgemeinem Niveau stehen, die für Experten als bekannt vorausgesetzt werden können. Interessant wäre gewesen, den Differenzierungen der Störungsbilder nachzugehen, die z.B. derweil zu den Varianten von ADHS bekannt sind. Gerade für die Zielgruppe des Buches wird ein solches Detailwissen wichtig, um einen Cannabiskonsum und die Rolle höchst unterschiedlicher Sorten richtig einordnen zu können. Die regelmäßige Verwendung hochstigmatisierender Begriffe wie „Kiffer“ und „Kifferdroge“ wird diesen hochkomplexen Zusammenhängen nicht gerecht und bestärkt eher Vorurteile, die abzubauen der Autor mehrfach fordert.
Mit dieser Grundlegung der Argumentation für die Interdependenzen von Cannabiskonsum und psychischen Störungen klärt der Autor sodann die Rolle von Helfern und Angehörigen in ihren Möglichkeiten und Grenzen, problematische Cannabiskonsumenten, die nunmehr als Klienten im Hilfesystem ankommen, bei der Bewältigung ihrer Problemlagen zu unterstützen. Dabei betont der Autor immer wieder, dass er keine gültige Anleitung für das Handeln verschiedener Helfergruppen geben kann und will, sondern die Kunst des Helfens vor allem im Zuhören und der Entschlüsselung des Einzelfalls liegt. Insofern hätte man sich in diesem Teil des Buches gewünscht, entlang einer Systematik, z.B. mit Bezug auf die Veränderungsphasen nach Prochaska und DiClemente Hinweise auf und Tipps zu sehr unterschiedlichen Methoden für einen Unterstützungsprozess und deren Herausforderungen zu erhalten. Einige werden im Text zuvor schon, leider aber oft verstreut angeführt. In dem zur Rede stehenden Kapitel kann der Verweis auf bewährte Methoden wie die motivierende Gesprächsführung, Psychoedukation und Kooperation hilfreich sein, sich als Helfer für komplexe Problemlagen zu wappnen. Diese werden allerdings wiederum auf sehr allgemeiner Ebene behandelt, wodurch Fachleuten nur bedingt weiterführende Impulse vermittelt werden. Hervorzuheben ist das Plädoyer des Autors für das Verstehen jugendlicher Klienten und die Entwicklungsaufgaben, die in diesem Lebensabschnitt zu meistern sind. Diese müssen folgerichtig dazu führen, dass Hilfe und Unterstützung nicht auf (psycho)-therapeutische Interventionen beschränkt bleiben können, sondern mit Bezug auf diese Aufgaben sehr praktische Angebote vorzuhalten sind, die augenscheinlich auch auf die Bereiche von Bildung, Ausbildung und Jugendsozialarbeit zurückgreifen. Diese werden zu einem zentralen Wirkfaktor auch für Adherence, die keineswegs nur ein neuer Begriff für Compliance ist, sondern ein ganz anderes Konzept markiert, das mit Shared-Decision-Making das gemeinsame Aushandeln von Zielen und Therapieplänen herausstellt.
Mit der Leitidee, sich als Helfer immer wieder zu vergewissern, dass Entwicklungsschritte zu initiieren und zu begleiten sind, der Prozess aber allein von den Betroffenen bewältigt werden muss, schließt der Band. Diesem sind zum Abschluss noch der Verweis auf weiterführende Literatur und Quellen aus dem Internet beigefügt.
Diskussion
Im vorgelegten Band wird im Vorwort formuliert, dass sich die Schrift an Experten aus dem Bereichen Sucht auf der einen Seite und Therapieeinrichtungen für psychische Erkrankungen auf der anderen Seite wenden will, die in ihrem Patientengut zunehmend gemeinsame Schnittmengen haben. Es ist das erklärte Anliegen des Autors, durch mehr Information und Aufklärung das Verständnis für Konsumenten zu erhöhen und zugleich Zusammenhänge zwischen Konsum und psychischen Erkrankungen auszuleuchten. Dies explizit mit dem Anliegen, nicht in die Falle einer, durch persönliche Haltungen geprägten Meinung zu tappen, die keinen Bezug zu vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen herzustellen vermag. Diesem hoch zu würdigenden Ziel kann der Text allerdings nicht immer entsprechen. Schon mit dem Kapitel, das Fragen aus dem Alltag der Konsumenten aufgreift, wird die ursprüngliche Zielgruppe verlassen, sind die Fragen wie auch die darauf bezogenen Antworten doch eher populärwissenschaftlich formuliert. Diese fehlende Sicherheit, für welches Publikum der vorliegende Band gedacht ist, zieht sich leider durch das Gesamtwerk. Durch das Referieren von Aussagen u.a. zu Pharmaprofilen und Therapieansätzen auf sehr allgemeinem Niveau wird die fachkundige Leserschaft unverdient mit einer zu geringen Ausbeute an neuen Einsichten und Erkenntnissen zurückgelassen, die der Autor qua seiner beruflichen Praxis durchaus zu bieten hat.
Es sei zudem darauf verwiesen, dass Gebrauch und Nichtgebrauch des generischen Maskulinums, das an an einigen Stellen immer wieder durch Rückgriff auf die weibliche Form aufgebrochen wird, beim Lesen zu Stolpersteinen werden. Immerhin ist vorstellbar, dass das Thema durchaus geschlechtsspezifische Facetten hat, nach denen man bei einer solchen Schreibpraxis dann auch ausdrücklich sucht, diese aber nicht findet. Ein klarer Rückgriff auf die allgemein verbindlichen Richtlinien des Dudens würde diese Irritationen gar nicht erst aufkommen lassen.
Fazit
Der gewählte Titel des Buches ist eine Einladung für alle, die sich mit den Fragen und Themen in der Schnittmenge von psychischen Erkrankungen und Cannabiskonsum in der praktischen Arbeit konfrontiert sehen und wird sich, wenn es als Studienbuch entdeckt wird, in der Ausbildung von Studenten schnell platzieren.
Rezension von
Prof. Dr. Gundula Barsch
Hochschule Merseburg
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