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Meinhard Miegel: Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft?

Rezensiert von Prof. Dr. Walter Wangler, 18.04.2006

Cover Meinhard Miegel: Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft? ISBN 978-3-549-07177-9

Meinhard Miegel: Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft? Propyläen Verlag (Berlin) 2005. 312 Seiten. ISBN 978-3-549-07177-9. 22,00 EUR. CH: 38,80 sFr.
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Der Autor

Miegel wurde 1939 in Wien geboren. Nach dem Studium der Philosophie, Soziologie und Rechtswissenschaften und anschließender Promotion zum Dr. iur. war Miegel ab 1970 in der Geschäftsführung der Düsseldorfer Firma Henkel tätig. 1973 rekrutierte ihn der damalige Generalsekretär der CDU, Kurt Biedenkopf, als Mitarbeiter. 1975 wurde Miegel Leiter einer Hauptabteilung der CDU- Bundesgeschäftsstelle in Bonn. Seit 1977 ist er Leiter des (von ihm und Biedenkopf gegründeten) Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG).

Von 1992 bis 1998 hatte Miegel eine Professur an der Universität Leipzig inne. Er ist Mitglied zahlreicher Akademien, Kuratorien und Stiftungen, außerdem wissenschaftlicher Berater des Deutschen Instituts für Altersvorsorge und Aufsichtsratsmitglied einer Zeitarbeitsfirma. 1995 bis 1997 war Miegel Vorsitzender der Kommission für Zukunftsfragen der Länder Bayern und Sachsen.

Publikationen

Neben zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen insbesondere zu demographischen Entwicklungen und ihren Folgen für die sozialen Sicherungssysteme hat Miegel außer dem vorliegenden Werk einige weitere, ebenfalls dem "populärwissenschaftlichen" Formenkreis zuzuordnende, auflagenstarke Bücher verfasst. Zu diesen, auf Fußnoten, lange Sätze und anspruchsvolle Beweisführung weitgehend verzichtenden Werken zählen "Das Ende des Individualismus" (1993) und  "Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen" (1999).

Überblick

In vier Kapiteln offeriert der Autor dem Leser nichts weniger als seine Sicht der Entwicklung der Menschheit in diesem Jahrhundert, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des Westens - der für ihn neben Europa und Nordamerika, Australien und Neuseeland auch Japan(!) umfasst. Im Focus der Darlegungen Miegels steht Europa mit Deutschland als (geographischem) Mittelpunkt.

1 Prolog

Im ersten Kapitel "Prolog" schildert Miegel vor allem die demographische Ausgangslage. Die Weltbevölkerung stieg von 1900 bis 2000 von 1,7 auf schier unglaubliche 6,1 Milliarden, allein in dem Jahrzehnt von 1990 bis 2000 kamen mehr Menschen hinzu als Mitte des 18. Jahrhunderts weltweit lebten. Der Anteil Europas an der Weltbevölkerung sank im 20. Jahrhundert von einem Viertel auf ein Achtel, obwohl auch seine Bevölkerung von 408 auf 730 Millionen anwuchs,

Bis Mitte des jetzigen Jahrhunderts werden die Europäer zahlenmäßig auch absolut schrumpfen, um etwa 60 Millionen. Dieser Trend erfasst mit einer gewissen Zeitverschiebung die gesamte Menschheit.  Die Weltbevölkerung wird zwar nochmals zunehmen, doch Mitte des Jahrhunderts (wird) die "Bevölkerungswoge bei reichlich  9 Milliarden brechen", die Zahl der Erdenbewohner wird zurückgehen.

Bereits die Gegenwart ist von eklatanten Veränderungen  der Altersstruktur geprägt. Allein von 1950 bis 2000 stieg die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit um 40 Prozent - von 47 auf 65 Jahre! Dabei blieben kein Erdteil und keine Region ausgespart. Zwar halten auch hier die Europäer die Spitzenstellung. Doch auch in Asien stieg die Lebenserwartung "um spektakuläre 25 auf 66, in Lateinamerika um immerhin noch 18 auf 70 Jahre". Selbst in Afrika vergrößerte sich die durchschnittliche Lebenserwartung in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von 38 auf 50 Jahre.

Miegels erste Schlussfolgerungen: die Probleme des Westens heute sowie in absehbarer Zukunft - Überalterung und Bevölkerungsrückgang - werden die Welt-Probleme von morgen sein! Und: durch eine entsprechende Problembewältigung kann der Westen mit Europa seine historische Vorreiter-Rolle bewahren und sogar zum Vorbild werden.

2 Konflikte

Von dem, was dabei im Vorfeld zunächst alles zu bewältigen ist, handelt das zweite Kapitel: "Konflikte".In dieses packt der Autor nun allerdings alles hinein, was ihm irgendwie auf der Seele liegt, ohne dass die einzelnen Sachverhalte zusammenhingen, geschweige denn auf dem Vorhergesagten aufbauten oder zum Nachfolgenden hinführten. Er kritisiert den Anspruch des american way of life auf Weltgeltung, beklagt den Kohlendioxydausstoß, die Abholzung des Regenwalds und die militärische Hochrüstung. Die traditionelle Kriegführung hält er für überholt, die Produktpiraterie für ein Übel. Besonders angetan hat es ihm "der Terrorist", der "Angreifer aus dem Dunkel … Nie zuvor konnten Terroristen ihre Opfer so tanzen lassen", die USA würden "zu einem Hochsicherheitstrakt ausgebaut". Auch die Drogen sind eine Mehrzweckwaffe im Kampf der Systeme: "In Kolumbien beispielsweise ist … auf offener Strasse zu hören", dass "jeder Drogentote im Westen ein Kriegstoter im Ringen mit dem Gegner" ist. Alle diese Konflikte muss der Westen laut Miegel lösen, wenn er Weltgeltung behalten will.

3 Wachstumsmythos - Wohlstandswahn

Für den Anfang seines dritten Kapitels "Wachstumsmythos - Wohlstandswahn" hat der Autor vermutlich seine Skripten aus dem Philosophiestudium durchgearbeitet. Luther und Calvin werden mit dafür verantwortlich gemacht, dass das christliche Armutspostulat   untergegangen, vom "ungehemmten Genussmaterialismus" abgelöst worden sei. Was früher als Sünde gegolten habe, sei heute Tugend: Geiz, Habsucht, Eitelkeit. Und was vormals als Tugend angesehen worden sei, werde jetzt als Dummheit verspottet: Ehrlichkeit, Selbstlosigkeit, Bescheidenheit.

Das klingt verdächtig nach Peter Hahne, auch ein vielgelesener Autor. Doch wie oft bei Traktaten: irgendwie stimmt ja vieles, auch wenn Ausdruck und Wortwahl nerven. Gott sei dank verzichtet Miegel im Folgenden auf den pastoralen Tonfall. Er will dem westlichen Menschen, und da ist ihm ausnahmsweise ausnahmslos beizupflichten, den Wahn austreiben, dass permanentes Wachstum unabdingbar, die stetige Mehrung und Anhäufung materieller Güter für das Wohlbefinden unerlässlich sei. Überhaupt: Konsum ist nicht Glück, da sind sich Miegel und Marcuse und der Rezensent einig. Für unbedingt notwendig hält der Autor, auch hier mit überzeugenden Argumenten, trotz der Unabänderlichkeit der im ersten Kapitel aufgezeigten Entwicklungen, eine höhere Geburtenrate in Deutschland.

4 Die Zukunft gewinnen

Im letzten Kapitel "Die Zukunft gewinnen" bleibt Miegel fürs erste leider seiner Linie treu, bloß nicht beim Thema zu bleiben. Denn zunächst knüpft er wieder nahtlos an sein Klagelied im zweiten Kapitel an. Auf diesmal wirklichem Stammtischniveau urteilt er über politische Cliquen, Parteien und Politiker, wirft ihnen mangelnden Sachverstand, Dilettantismus und Mediengeilheit vor. Doch wie diesen Missstand beheben? Außer einem vagen Appell an bürgerschaftliches Engagement fällt dem Autor nichts ein.

Eine Antwort bleibt er auch auf die Frage schuldig, ob die nationalen Differenzierungen Europas bewahrt werden oder im "Schulterschluss der Europäer" aufgehen sollten. Immerhin attestiert er den Europäern erhebliche Potentiale für den künftigen Kampf der Welten - Natur, Kultur, funktionierendes Staats-, Rechts und Sozialwesen, Produktivität, berufliche Qualifikationen - auch wenn eine "Jahrzehnte dauernde Holperfahrt" vor uns liege. Durchaus realistisch sieht er am Ende des Wegs einen Ausgleich der Lebensverhältnisse "auf mittlerem Niveau", also durchaus unter den gegenwärtigen hierzulande. Eine geringfügige Absenkung des ökonomischen status quo wäre in der Tat keine Katastrophe, vielleicht sogar ein Stück weltgemeinschaftliche Solidarität.

Die Zukunft gewinnen kann der Westen nach Miegels Meinung nur, wenn er auch von der "Idolisierung der Arbeit", sprich Erwerbsarbeit, abrückt und die sozialen Sicherungssysteme von letzterer abkoppelt. Soziale Sicherheit sei nur noch als - durch Privatversorgung zu ergänzende - Grundversorgung denkbar.

Spätestens hier ist nun allerdings zu fragen, ob solcherart Erkenntnisse und Prognosen nicht doch auch etwas damit zu tun haben, dass Miegel, wie bereits erwähnt, alleiniger wissenschaftlicher Berater des Deutschen Instituts für Altersvorsorge GmbH ist, zu dessen Gesellschafter die Deutsche Bank Bauspar AG, die DWS Investment GmbH und der Deutsche Herold AG gehören. Ziel des Instituts "ist es, Chancen und Risiken der staatlichen Altersversorgung bewusst zu machen und die private Initiative zu fördern." Gewissermaßen als Ergänzung dazu ruft Miegel die Betuchten und Bevorzugten der westlichen Welt dazu auf, sich den Schwächeren zuzuwenden, für sie Sorge zu tragen und diese Aufgabe nicht allein dem Staat zu überlassen: "Vorwerfbar und unethisch ist es … , wenn sich die Erfolgreichen, die Glücklichen von den weniger Erfolgreichen, weniger Glücklichen abwenden." Solche Sätze hätte vermutlich sogar die Bild-Zeitungs-Redaktion aus Peter Hahnes sonntäglicher Kolumne herausgestrichen.

Diese moralingetränkten Appelle haben schon im 19. Jahrhundert nichts gefruchtet und die sozial Schwachen haben sie sich zu Recht verbeten und stattdessen den Staat verpflichtet.

Abschließende Bemerkung

Miegel sieht sich in der Rolle des Aufklärers und Anklägers. Er liest den Deutschen und mit ihnen der ganzen westlichen Welt die Leviten. Er will den blind auf ihren Noch-Wohlstand und ihre gewohnten sozialen Standards Vertrauenden die Augen öffnen, die träge Gewordenen mobilisieren. "Schluss mit lustig" ist auch seine Devise. Denn noch hat der Westen eine Chance, ist der "Untergang des Abendlands" keine beschlossene Sache. Doch nur eine radikale Umkehr im Denken und Handeln kann das Desaster verhindern. So weit, so gut. Und stellenweise überzeugen auch die vorgeschlagenen Rezepte, auch wenn alles viel zu atemlos vorgetragen wird. Der Gesamteindruck indes ist zwiespältig. Der Autor verweilt kaum einmal längere Zeit bei einem Gegenstand, eine Feststellung jagt die andere, die einzelnen Abschnitte umfassen selten mehr als 2 bis 3 Seiten. Die Weisheiten werden häppchenweise verabreicht. Folgerichtig finden sich in dem Buch auch vernebelnde soziologische Kürzel in Hülle und Fülle ("der gesellschaftliche Zusammenhalt zerfällt", "die Sozialverbände befinden sich in Auflösung", "der Westen hat keinen verbindlichen Wertekanon mehr" und so weiter und so fort).

Allgemein gefällt sich Miegel in der Rolle und der Pose eines neutralen Beobachters, ist aber durchaus auch interessengeleitet. Besonders nervig und auch unglaubwürdig sind seine moralischen Verhaltensappelle. Damit gewinnt "der Westen" bestimmt nicht die Zukunft.

Rezension von
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 31 Rezensionen von Walter Wangler.

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Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 18.04.2006 zu: Meinhard Miegel: Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft? Propyläen Verlag (Berlin) 2005. ISBN 978-3-549-07177-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3290.php, Datum des Zugriffs 12.08.2022.


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