Florian Straus, Renate Höfer: Handlungsbefähigung
Rezensiert von Dr. phil. Edith Köhler, 29.06.2026
Florian Straus, Renate Höfer:Handlungsbefähigung. Empirische Grundlagen zur Konstruktion von Zuversicht. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2024. 352 Seiten. ISBN 978-3-8474-3082-7. D: 43,00 EUR, A: 44,30 EUR.
Thema
Warum schaffen es die einen und die anderen nicht? ist eine der Fragen mit Blick auf benachteiligte Kinder und Jugendliche, die sich in ihrem Leben schwierigsten Herausforderungen zu stellen haben. Oder: Was bedeutet „zuversichtlich sein“ und positiv in die Zukunft blicken können? Was bedeutet hoffnungsvoll bleiben können? Der gesuchte passende wissenschaftliche Begriff dazu heißt Handlungsbefähigung.
Wie kann es in unserer Welt, vielschichtig und komplex, gelingen, die stets neuen, unerwarteten und schwierigen Ereignisse erfolgreich bewältigen und die damit verbundenen zentralen Herausforderungen entsprechend meistern zu können? Handlungsbefähigung sei mehr als eine Schlüsselfunktion, sie sei eine Metaressource (Straus/Höfer, 2025, S. 275), bestehend aus verschiedenen Dimensionen, die die Bandbreite an Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen und zeigen, wie es dem „komplexen System Mensch“ in seinen jeweiligen Netzwerken gelingen kann, sich sozial, kulturell und technologisch anzupassen.
Autor:innen
Die Autor:innen sind Dr. Florian Straus, wissenschaftlicher Mitarbeiter und ehemaliger Leiter des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), München, und Dr. Renate Höfer, langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung, die im April 2023 nach schwerer Erkrankung verstorben ist.
Entstehungshintergrund
Eingebettet in die Fachbereiche Soziologie und Psychologie ist ein wissenschaftlich aufgearbeitetes Konstrukt entstanden, auf der Basis von langjährigem und intensivem Erfahrungswissen, eingebunden in Entwicklungs‑ und Erkenntnisprozesse maßgeblicher sozialpsychologischer Studien, die im Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) durchgeführt worden sind. Die Autor:innen erklären ihr Ziel, die inzwischen allgemein bekannten Widerstandstheorien wie Resilienz, Salutogenese und Selbstwirksamkeit sowie unterschiedliche Stränge von Identitäts-, Netzwerk‑ und Gesundheitsforschung zusammenführen zu wollen und sich mit dem Begriff der Benachteiligung wiederholt zu befassen. In empirischen Studien wurde eine große Zahl betroffener Menschen befragt, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, aber auch gewaltbelastete ältere Erwachsene. Neben empirischen Ergebnissen zur Bedeutung der Handlungsbefähigung geht es auch um Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit. Außerdem werden quantitative Instrumente in einer Kurz‑ und Langversion sowie in einer Übersetzung für einen qualitativen Forschungsansatz vorgestellt.
Um die Vielschichtigkeit der Zugangswege zur Handlungsbefähigung zu veranschaulichen, werden im Folgenden die jeweiligen Kapitel inhaltlich kurz skizziert, exemplarisch einige Aspekte herausgefiltert und streiflichtartig erläutert.
Aufbau & Inhalt
In der Einleitung wird der Leser:innenkreis auf die Genese der Handlungsbefähigung eingestimmt, die in sieben Kapiteln explizit untersucht wird.
Im ersten Kapitel stehen die „Grundlagen der Handlungsbefähigung“ vor allem vor dem Hintergrund der Gesundheitsforschung im Mittelpunkt.
Welchen Stellenwert hat Stress in der eigenen Wahrnehmung? Stress kann als Eustress oder Disstress wahrgenommen und entsprechend bewertet werden. Eine Reaktion darauf sei das sogenannte „Bewältigungshandeln“. In einem weiteren Schritt würde sich zeigen, inwieweit diese Stressbewältigung, körperlich und seelisch, aus der Perspektive subjektiven Wohlbefindens als „missglückt“ oder „gelungen“ einzuschätzen sei. Diesen „Belastungs-Bewältigungs-Zusammenhang“ zeigen Straus/Höfer anhand des bio-psychosozialen Sozialisationsmodells nach Hurrelmann (vgl. ebd., Abbildung 1, S. 22).
Auch die Konzepte von Salutogenese, Resilienz, Selbstwirksamkeit, Sozialen Netzwerken und Identitätsforschung bieten in diesem Kontext Interpretationsspielraum. Die Analysen zur Frage, welchen Stellenwert diese Grundlagenkonzepte für das Konzept Handlungsbefähigung haben, erweisen sich als komplexes Unterfangen, um dem Anspruch sorgfältiger Differenzierung und kritischer Reflexion gerecht zu werden. Vorzugsweise beziehen sich Straus/Höfer auf Grundmann, der sich an der Selbstwirksamkeit orientiert.
Im zweiten Kapitel werden „die sechs Dimensionen der Handlungsbefähigung“ vorgestellt. Dem „andauernden und dynamischen Gefühl der Zuversicht“ werden folgende Dimensionen im Sinne von „Sense of …“ (vgl. ebd., Abbildung 7, S. 81) zugeschrieben: Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Perspektivität, Akzeptanz des eigenen Selbst und Soziale Zugehörigkeit (vgl. ebd.).
Im dritten Kapitel zur „Entstehung und Veränderung der Handlungsbefähigung“ sind sowohl theoretische als auch empirisch belegte Antworten nachzulesen. U. a. soll hier exemplarisch kurz der Exkurs „Das Modell der alltäglichen Identitätsarbeit“ genannt werden. Relevant sind: Retrospektive und prospektive Identitätsarbeit und Identitätsprojekte. Welche sind realisierbar und welche nicht? Straus/Höfer zeigen in einer eigenen Darstellung den „Zusammenhang Identität und Handeln“ (ebd., Abbildung 13, S. 162). Dargelegt werden auch Aufwärts‑ und Abwärtsspiralen oder ein Exkurs zum „Posttraumatischen Wachstum/Recovery“. Gezeigt werden zwei sehr unterschiedliche Erklärungsmodelle in Bezug auf die „Entwicklung der Handlungsbefähigung bei stationär untergebrachten Jugendlichen“, ein Beispiel aus der Kinder‑ und Jugendhilfe (ebd., Abbildung 14, S. 168) sowie zwei Fallbeispiele „Mona“ und „Bea“.
Im vierten Kapitel stehen „Empirische Ergebnisse zur Handlungsbefähigung“ auf dem Programm: Neben der SOS-Längsschnittstudie (im Auftrag des SOS-Kinderdorfs e.V.) werden vier weitere Projekte vorgestellt, die zur empirischen Fundierung des Konzepts beigetragen haben.
In Kapitel fünf konzentrieren sich Straus/Höfer auf „das Instrument Handlungsbefähigung“ und zeigen, wie Handlungsbefähigung gemessen werden kann.
In Kapitel sechs „Komplexität und Hybridität – Zur Verortung der Handlungsbefähigung“ wird die Bedeutung von menschlichen Anpassungsprozessen in unserer komplexen Welt hervorgehoben. Die jeweiligen Antworten auf folgende zentrale Fragen müssten nicht kompliziert sein:
- „Welche Rolle nimmt die Handlungsbefähigung bei der Steuerung des Handelns ein: Gefühl oder/und Kognition?
- Gibt es auch neurobiologische Bezüge der Handlungsbefähigung: Körper oder/und Geist?
- Welchen Stellenwert hat das,Außen' für die personale Ressource Handlungsbefähigung? Individuum oder/und Gesellschaft?
- Welches Wirkungsverständnis liegt der Handlungsbefähigung zugrunde: Hybridität, Wechselseitigkeit, Wahrscheinlichkeit oder Kausalität?“ (ebd., S. 275).
Im Vorfeld war Handlungsbefähigung auf die Belastungs-Bewältigungsforschung fokussiert. An dieser Stelle erweitert sich der Diskurs.
Wie zeigt sich Handlungsbefähigung vor dem Hintergrund von Daniel Kahnemans schnellem und langsamen Denken? In einer Abbildung skizzieren Straus/Höfer den „Zusammenhang von Denksystem 1 und 2 und der Handlungsbefähigung“ (ebd., S. 281).
Wie zeigt sich Handlungsbefähigung in Bezug auf die Arbeitssoziologie nach Fritz Böhle? Hier geht es u.a. um die Bedeutung „sinnlicher Wahrnehmung“, um „mentale Prozesse/Denken“ und um die „Beziehung zur Umwelt“ (vgl. ebd., S. 283).
Das Theoriegebäude der „Theory of Mind“ bietet die Vorlage, Handlungsbefähigung im Sinne von „Selbstreflexion und Mentalisieren“ zu untersuchen. „Die Handlungsbefähigung setzt die Fähigkeit des Mentalisierens voraus bzw. enthält eine Einschätzung des Subjekts, wie gut bzw. weniger gut es ihm gelingt, sich in andere hineinzuversetzen“ (ebd., S. 288). „Die Entwicklung der Handlungsbefähigung erfordert zumindest ein gewisses Maß an Selbstreflexion und mit zunehmender Handlungsbefähigung fällt die Selbstreflexion leichter. Schon allein deshalb, weil das Nachdenken und Erkennen eigener Erfolge und Stärken einfacher fallen, als sich Misserfolge und Schwächen einzugestehen“ (ebd., S. 289).
Die „Körper und Geist/Psyche“-Ebene wird neurobiologisch analysiert. Am Beispiel „Stress“ (nach Style, 1956, u. v.a.) wird gezeigt, wie die Neigung zu Dichotomien und Dualismen Erkenntnisprozesse verhindern können.
Weitere Konzepte zur vertiefenden Analyse sind u.a. die Resilienz. Und wie ist demzufolge Handlungsbefähigung individuell und gesellschaftlich zu verankern, mit welchen Folgen („Überlegungen zum Wirkungsverständnis“, ebd., S. 295)? In diesem Kontext erklären Straus/Höfer die Bedeutungen von Kausalität, Wahrscheinlichkeiten, Wechselwirkungen und Hybridität. „Hybridität“ erweise sich als geeignetes Erklärungsmodell, weil sie vielschichtig und zeitgleich funktionieren könne (Beispiel: Smartphone). „Das Konstrukt der Handlungsbefähigung kann als hybrid gesehen werden, bei dem die sechs Dimensionen einen gemeinsamen Kern bei gleichzeitiger Eigenständigkeit der jeweiligen Dimensionen bilden“ (ebd., S. 298).
In Kapitel sieben „Auf dem Weg zu einem gelingenden Leben“ folgen Überlegungen zum Begriff des „gelingenden Lebens“, bevor zentrale Aspekte der Handlungsbefähigung mittels einer Frageliste im „FAQ-Format“ zusammengefasst werden. Der Fokus auf ein selbstgesteuertes und authentisches Leben dürfe „nicht im Sinne einer permanent selbst optimierten flexiblen Anpassung an die Beschleunigungsdynamiken der spätmodernen Gesellschaften missverstanden werden“ (ebd., S. 314). Denn dahinter liege „»nicht ein Menschenbild des allzeit funktionierenden, mobilen und flexiblen Menschen zugrunde, sondern eher das eines Menschen, der Lebenssouveränität nicht mit einer grenzenlosen Bereitschaft zur Anschmiegsamkeit an die Imperative des Marktes gleichsetzt, sondern einen eigenständigen Lebensentwurf durchaus auch in deutlicher Absetzung von einer in vielen Diskursen bestimmend gewordenen unternehmerischen Perspektive verfolgt und zu realisieren versucht« “ (Keupp, 2009a; zit. nach Straus/Höfer, 2025, S. 314/315).
Diskussion
Bereits der Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät die inhaltliche Stringenz, mit der die jeweiligen Aspekte der Handlungsbefähigung detailliert untersucht werden.
Maßgebliche Vorlagen wie Antonovskys Salutogenese erhalten neue und erweiterte Dimensionen von Verstehensebenen. Klassische Konzepte wie Resilienz und Selbstwirksamkeit werden einerseits vorausgesetzt und zugleich differenziert, weil sie in den verschiedenen Fachdisziplinen teilweise auch verschieden akzentuiert wurden. Die Lesenden erhalten die Chance, diesen wissenschaftlichen Kontext nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen kennenzulernen und in wechselseitiger Bezogenheit zu verstehen.
Jedes Kapitel eröffnet neue Räume und Wissenschaftswege. Um sich in diesem „Gebäude“ zurechtzufinden, bietet das Inhaltsverzeichnis eine erste Orientierung. Von welcher Seite auch immer die Handlungsbefähigung untersucht wird, es beeindrucken die Vielfalt sozialwissenschaftlicher Vorgehensweisen und die Bandbreite des Mixed-Methods Ansatzes, die den Autor:innen besonders am Herzen liegen.
Entlang des ebenso komplexen wie empirisch gut fundierten Konstrukts der Handlungsbefähigung erweist sich dieses Buch als Fundgrube sozialpsychologischen Wissens. Die Frage, wie Menschen trotz (extrem) schwieriger Bedingungen ihre Zuversicht bewahren und ein gelingendes Leben führen können, ist nicht einfach zu beantworten, weil etliche Faktoren, individuell sowie kollektiv, entwicklungspsychologisch, gemeindepsychologisch, soziologisch usw. eine Rolle spielen und weitere Entwicklungen (positiv oder negativ) beeinflussen können.
Kapitel sechs (s.o.) ist für die Rezensentin ein Superlativ der vielschichtigen Erkenntnisgewinne zur Handlungsbefähigung in diesem Buch.
Erwähnenswert sind außerdem das umfassende Literaturverzeichnis (ebd., S. 316–345), alle Tabellen und Abbildungen sowie die zitierten Arbeitspapiere (ebd., S. 346).
Entstanden ist eine Art sozialpsychologische Enzyklopädie. Es ist ein Lebenswerk zweier engagierter Sozialwissenschaftler:innen mit hohem Anspruch, ein aktuelles Standardwerk, das allen Fachrichtungen von Hochschul‑ und Universitätsbibliotheken und allgemeinwissenschaftlich in jeder Bibliothek allen Interessierten zur Verfügung stehen sollte! Im Ergebnis kann jede und jeder etwas für sich (neu) entdecken.
Fazit
Auf die zentrale Frage, wie Menschen trotz (extrem) schwieriger Bedingungen ihre Zuversicht bewahren und ein gelingendes Leben führen können, wird der Begriff „Handlungsbefähigung“ entwickelt und mittels bekannter reflexiv-sozialpsychologischer Verfahren umfassend ausgeleuchtet. Mit diesem Titel „Handlungsbefähigung. Empirische Grundlagen zur Konstruktion von Zuversicht“ haben die beiden Autor:innen eine wissenschaftliche Herausforderung angenommen und den sozialwissenschaftlichen Diskurs maßgeblich und nachhaltig bereichert.
Rezension von
Dr. phil. Edith Köhler
Diplom Sozialpädagogin, ehem. Gastprofessur: KHSB, Lehrbeauftragte, freiberufliche Dozentin
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