Michael Bayer: Einführung in die Bildungssoziologie
Rezensiert von Dr. Anna Brake, 24.12.2025
Michael Bayer: Einführung in die Bildungssoziologie. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 138 Seiten. ISBN 978-3-17-040480-9. 32,00 EUR.
Thema
Wenn die Bedeutung einer Bindestrich-Disziplin, so wie es die Bildungssoziologie eine ist, auch daran ermessen werden kann, wie viele mehr oder weniger aktuelle einschlägige Einführungsbände oder Lehrbücher auf dem Markt verfügbar sind, dann scheint es nicht schlecht um die Bildungssoziologie zu stehen. Bei aller gegebener Unterschiedlichkeit im Zuschnitt und den avisierten Zielgruppen bieten aktuell diverse Einführungswerke einen Zugang zu bildungssoziologischen Grundlagen: Brüsemeister (2008), Kopp (2009), Kupfer (2011), Löw/Geier (2014), Becker (2017) sowie Teltemann (2019). Darüber hinaus ist ein weiterer Einführungsband zur Bildungssoziologie soeben erschienen (Bachleitner/Maaz 2025). Es herrscht also insgesamt kein Mangel an Bänden, die Studierenden verschiedener Fächer einen Zugang zu bildungssoziologischen Grundlagenwissen ermöglichen wollen. Nun liegt mit dem von Bayer vorgelegten Band ein weiteres Einführungswerk vor, das dazu einlädt, „den Einstieg in die Bildungssoziologie zu wagen“ (so der Klappentext).
Autor
Der Autor, Dr. Michael Bayer, ist Professor für Soziologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Als seine Forschungsschwerpunkte – so die Information auf dem Buchdeckel – werden soziale Ungleichheit, (Kinder-)Armut und Bildungssoziologie angegeben. Diese thematischen Forschungsinteressen, die eine deutliche Ausrichtung an sozialen Problemlagen erkennen lassen, sind – wie weiter unten deutlich werden wird – nicht folgenlos für die Gesamtstrukturierung, welche der Autor für seine Einführung in die Bildungssoziologie wählt.
Aufbau
Der insgesamt 137 Seiten umfassende Einführungsband gliedert sich in fünf Hauptkapitel. Nach einer knappen Einleitung befasst sich das zweite Kapitel „Konturen des Bildungskonzeptes“ mit begrifflicher Abgrenzung und Verhältnisbestimmung von Bildung, Erziehung und Kompetenz und der Frage, was eine genuin soziologische Perspektive aus Bildung ausmacht. Das mit „Bildung zwischen Individuum und Gesellschaft“ überschriebene dritte Kapitel beleuchtet aus theoretischer Perspektive verschiedene Aspekte der Organisation und Funktionen von Bildung auf gesellschaftlicher und individueller Ebene. Das umfangreichste Kap. 4 „Zusammenhänge und Orte von Bildung“ ist demgegenüber stärker empirisch ausgerichtet und bündelt Forschungsbefunde entlang verschiedener Bildungsorte und Bildungsetappen. Im Zentrum des fünften Kapitels „Bildungssoziologie, Bildungsforschung und Bildungspraxis“ stehen Aspekte und Debatten um Bildungsforschung im Kontext von Bildungspolitik und Bildungsmonitoring.
Inhalt
Bereits in der Einleitung geht der Autor auf den Bildungsbegriff und dessen politische Aufladung ein. Mit Verweis auf Kants Aufklärungsbegriff als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit und unter Bezugnahme auf Dahrendorfs Forderung nach Bildung als Bürgerrecht verdeutlicht der Autor, dass er „den normativen Ausgangs- und Fluchtpunkt“ (S. 9) der vorgelegten Einführung genau dort verortet: Bildung als fundamentales Recht eines jeden zu begreifen und dessen Umsetzung zu fördern.
Das zweite Kapitel steigt tiefergehend in die Diskussionen und Positionen um den Begriff Bildung als umkämpftes Terrain ein. Während auf globaler Ebene der Alphabetisierungsgrad einer Bevölkerung oder die durchschnittliche Anzahl absolvierter Schuljahre als grobe Indikatoren für die Bildungsleistung eines Landes herangezogen werden, vollziehen sich im deutschsprachigen Raum die Definitionsbemühungen entlang einer Abgrenzung von Bildung, Erziehung und Sozialisation. Als Quintessenz der vom Autor vorgenommenen begrifflichen Verhältnisbestimmungen kann festgehalten werden, dass mit Erziehung im Kern die gezielte und bewusste Einflußnahme auf in der Regel Heranwachsende gemeint ist und dass hier ein vergesellschafteter Prozess angesprochen wird, wie Bayer mit Verweis auf Bernfelds Rede von der „Erziehungstatsache“ verdeutlicht. Sozialisation sei demgegenüber als Doppel-Prozess zwischen einer Einbindung von Individuen in gesellschaftliche Ordnungen (Vergesellschaftung) einerseits und ihrer Persönlichkeitswerdung andererseits zu verstehen. Ein so gefasster soziologischer Sozialisationsbegriff umfasst dem Autor zufolge die Begriffe Erziehung und auch Bildung (in einem weiten Sinn), die an vielen Orten und in unterschiedlichen Lebensphasen stattfindet. In einem als Vertiefung markierten Kapitel geht der Autor zudem auf den Kompetenzbegriff ein, der von Bayer als ein „Kernelement der funktionalistischen Neuausrichtung des Bildungssystems“ (S. 28) mit ihrem Fokus auf Output-Steuerung markiert wird. Im Vergleich zum Bildungsbegriff sei der Kompetenzbegriff stärker mit der Vorstellung von Handlungsbefähigung und einer graduellen Skalierbarkeit verbunden. Außerdem adressiere er eher eine individuelle Ebene, während der Bildungsbegriff auch eine institutionelle bzw. strukturelle Ebene ins Blickfeld rücke. In jedem Fall aber – so der Autor – sei eine kritisch-reflexive Haltung gegenüber einer stets interessengebundenen und für die einschlägigen Analysen nicht folgenlose Begriffsverwendung notwendig.
In seinem Versuch, Kernelemente einer bildungssoziologischen Perspektive auf Bildung zu bestimmen, rekurriert Bayer wesentlich auf die von Krais (2014) formulierten Kriterien einer bildungssoziologischen Perspektive und den Überlegungen von Solga/​Becker (2012) zu den Kernfragen bildungssoziologischer Forschung (S. 21). Demnach zielt Bildungssoziologie auf
- (kulturelle, ökonomische, sozialstrukturelle) Rahmenbedingungen von Bildungsprozessen und ihr Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Entwicklungen
- individuelle und strukturelle Voraussetzungen, Abläufe und Folgen von Bildungsprozessen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene
- die Zusammenhänge von Bildung und sozialer Ungleichheit.
Im Analysezentrum bildungssoziologischer Forschung stehe nicht das Individuum, sondern die gesellschaftlich organisierten Strukturen und institutionellen Regelungen, in welche nicht nur Bildungs-(prozesse) sondern die Bildungssoziologie selbst auch eingebunden sind. Aus dieser „Verflechtungsbeziehung“ (S. 22) ergebe sich ein besonderer Reflexionsbedarf.
Das dritte Kapitel befasst sich zunächst mit den (gesellschaftlichen) Funktionen des Bildungswesens, wobei aus bildungssoziologischer Sicht vor allem der Qualifikations- und der Status-/​Positionserwerb von Bedeutung sind. Es schließt sich ein sehr knapper historischer Abriss der Entwicklung des deutschen Schul- und Bildungssystems an, der mit Humboldts (gescheiterten) Idee einer einheitlichen Nationalschule, der Zweiteilung zwischen einer Volksschule für die breite Masse und dem Gymnasium für die Herausbildung der zukünftigen Eliten in Staat, Wirtschaft und Militär, der ergänzenden Einführung von Realgymnasien Ende des 19. Jahrhunderts, der Etablierung einer für alle gemeinsamen Grundschule in der Weimarer Republik, der Stabilisierung der Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems bis hin zum gegenwärtig zu beobachtenden Trend hin zu einer zunehmenden Zweigliedrigkeit im Sekundarbereich. Für den Bereich außerhalb des allgemeinbildenden Schulsystems werden drei Entwicklungen betont:
- der Ausbau des sonder- bzw. heilpädagogischen Fördersystems im Sinne einer Ausweitung und Stärkung inklusiver Beschulungsformate
- die Herausbildung eines Berufsbildungssystems mit der für Deutschland kennzeichnenden dualen Ausbildung, die sich als duales Studium auch auf den Bereich der akademischen Bildung ausweitet
- der massive Ausbau frühkindlicher bzw. vorschulischer Bildungseinrichtungen inklusive der späten Erkenntnis ihrer Bildungsbedeutsamkeit.
Für das Bildungssystem der Gegenwart wird vor allem die Herausbildung einer institutionellen/​organisationalen Vielfalt vor allem im Sekundarbereich und die damit einhergehende Vielzahl an Übergängen herausgestellt, an denen Menschen Entscheidungen hinsichtlich ihrer weiteren Bildungsbiographie treffen müssen.
Im weiteren Fortgang des dritten Kapitels stehen die Beschreibungs- und Erklärungsmodelle der Bildungssoziologie im Zentrum, wobei diese zum einen auf makrosoziologischer Ebene nach Struktur und Funktion des Bildungssystems im Kontext anderer gesellschaftlicher (Teil-)Systeme fragen. Beleuchtet werden hier aus einer strukturfunktionalistischen Perspektive die von Fend (2008) herausgearbeiteten Funktionen des Bildungssystems.
- die kulturelle Reproduktionsfunktion, die als Enkulturation u.a. auf die Vermittlung zentraler Kulturtechniken, vor allem dem Zugang zu Sprache, zielt
- die Qualifikationsfunktion als Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die das Wirtschaftssystem benötigt
- die Allokation- bzw. Selektionsfunktion, mit der das Bildungssystem Menschen auf eine Position in der gesellschaftlichen Hierarchie verweist,
- die Integrations- und Legitimationsfunktion, die über gesellschaftliche und politische Teilhabe Identifikation mit dem politischen und sozialen System stiften soll.
Darauf, dass das Bildungssystem diesen hier skizzierten Zielperspektiven nicht vollständig gerecht werden kann, sondern Probleme wie Fehlallokationen und geringe Integrationsleistung augenfällig werden, verweist der Autor abschließend. In einem weiteren Exkurs geht der Autor auf den Problemzusammenhang von Chancengleichheit und Meritokratie ein und verdeutlicht die Notwendigkeit der Unterscheidung von Chancenungleichheiten und Ergebnisungleichheiten, wobei letztere aus meritokratischer Sicht kein Problem darstellen, wenn sie aus einer grundlegend gegebenen Situation der Chancengleichheit heraus erwachsen.
Die in diesem Kapitel thematisierten Erklärungsperspektiven auf Bildung richten sich neben den beschriebenen gesamtgesellschaftlich ausgerichteten (funktionalistischen) Ansätzen auch auf die individuellen Bildungsakteure und ihren Beitrag. In diesem Zusammenhang wird auf das von Boudon eingeführten Modell rationaler Bildungswahl mit seiner Unterscheidung von primären und sekundären Herkunftseffekten eingegangen, welches neben den direkten Einflüssen des sozioökonomischen Hintergrunds der Familie auf die Schulleistungen (primäre Effekte) auch die in den Familien getroffenen bildungsbezogenen Entscheidungen und Wahrnehmungen (sekundären Effekte) einbeziehen und Ungleichheiten im Bildungsverlauf als Resultat der in den Familien je nach Herkunft unterschiedlich ablaufenden bildungsbezogenen Kosten-Nutzen-Abwägungen erklären.
Auch der dritte vom Autor behandelte Erklärungsansatz – Bourdieus Theorie soziokultureller Reproduktion – zielt auf die Bedeutung der Herkunftsfamilie, tut dies allerdings in einer Weise, die sehr viel stärker Bildung bzw. das Bildungssystem in seiner Funktion der Stabilisierung und Reproduktion der gesellschaftlichen Ungleichheitsordnung zentral stellt. Familie wird hier als Instanz gesehen, in der und durch die ein klassenspezifischer Habitus inkorporiert wird und kulturelles Kapital akkumuliert werden kann, das sich als mehr oder weniger anschlussfähig an die Anforderungen von Bildungsinstitutionen erweist und dadurch zum schulischen Erfolg mehr oder weniger beitragen kann.
Im Anschluss an zentrale theoretische Grundlagen der Bildungssoziologie wendet sich der Autor im vierten Kapitel der Einführungsbandes den empirischen Befunden zu, die sich vor allem auf Orte der Bildung und Übergänge im Bildungssystem konzentrieren. Dabei organsiert er die Darstellung der empirischen Befunde entlang einer Lebensverlaufsperspektive (auch vor dem Hintergrund der zunehmend zur Verfügung stehenden, sich über längere Zeiträume erstreckenden Panel-Datensätze wie das Nationale Bildungspanel NEPS oder das sozio-ökonomische Panel SOEP) und verdeutlicht hier eine – auch für Bildungsprozesse relevante – stärkere Parallelität der Lebensphasen im Vergleich zu einer traditionell stärkeren Sequentialität.
Zunächst nimmt der Autor den Bildungsort Familie in den Blick und betont hier vor allem die Aneignung von Sprache, die aus Bourdieuscher Perspektive weniger eine Kompetenz darstellt sondern sprachliches Kapital. Aber auch das Erziehungsverhalten und die Bildungsorientierung in der Ausgestaltung des familialen Miteinanders werden hier ebenso beleuchtet wie die informellen Bildungsgelegenheiten, wie sie sich innerhalb des Familienlebens (inklusive der Geschwister und der Großeltern) ergeben. Entlang einer Bildungsverlaufsperspektive wendet sich der Autor im weiteren Fortgang der vorschulischen Bildung zu. Er geht hier zum einen auf deren in den letzten Jahrzehnten stark gestiegene Bedeutung ein (sowohl quantitativ hinsichtlich der Nutzungsquoten als auch ihrer Relevanz für den weiteren Bildungsweg) und zum anderen auf die empirischen Zusammenhänge, die sich zwischen Migrationshintergrund der Kinder und Quantität und Qualität frühkindlicher Bildung empirisch zeigen.
Der Bereich Schule als Bildungsetappe beginnt mit empirischen Befunden zu Zurückstellungsquoten bei der Einschulung und verweist hier auf deutlich werdende regionale Unterschiede sowie auf ein besonderes Risiko für Kinder aus Einwanderungsfamilien. Vergleichbare empirische Ungleichheitsmuster lassen sich bei Betrachtung eines festgestellten sonderpädagogischen Forschungsbedarfes konstatieren mit starken Unterschieden zwischen den Bundesländern, wie am Vergleich zwischen Bremen und Bayern verdeutlicht wird. Mit Bezugnahme auf die Inklusionsdebatte zieht der Autor aus einer Bilanzierung der empirischen Befunde das Fazit, dass inklusive Beschulung in Regelschulen vorteilhafte Effekte erbringt – auch für die Kinder ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Seine ungleichheitsanalytische Reise durch das deutsche Bildungssystem setzt der Autor bei den allgemeinbildenden Schulen fort und beleuchtet hier vor allem den insgesamt gestiegenen Bevölkerungsanteil mit Fachhochschul- oder Hochschulreife. Im Bereich der hochschulischen Bildung resümiert er die bekannten Befunde, wonach junge Menschen aus Elternhäusern, in denen mindestens ein Elternteil eine Hochschulzugangsberechtigung aufweist, deutlich überproportional im tertiären Bildungssektor vertreten sind. In einem sich anschließenden Vertiefungskapitel zu Bildungsarmut differenziert der Autor absolute und relative Bildungsarmut und unterscheidet zwischen einer zertifikatsbezogenen und einer kompetenzbezogenen Bildungsarmut und verweist auf das anhaltend hohe Niveau von einem Fünftel der 15-Jährigen in Deutschland, die hinsichtlich ihrer Lesekompetenz Stufe I nicht überschreiten und daher ein erhöhtes Risiko einer nicht erfolgreichen Einmündung in die berufliche Ausbildung tragen. Diesem Bereich des Bildungssystems wendet sich der Autor nachfolgend zu und fokussiert im Besonderen die Jugendlichen, die nicht direkt in das Duale System oder das Schulberufssystem wechseln, sondern sich zunächst im Übergangssektor auf eine berufsqualifizierende Ausbildung vorbereiten (müssen). Angesichts der Vielfalt der Angebote und der „fehlenden Strukturierung des Bereichs“ (S. 94) wird die empirische Befundlage als bislang wenig aussagekräftig markiert. Sehr deutlich hingegen tritt die klare Überrepräsentation von Jugendlichen ohne deutsche Staatsangehörigkeit im Übergangssektor hervor.
Den Abschluss des umfangreichsten Kapitels zu den empirischen Befunden bildungsbezogener Ungleichheit bildet ein Vertiefungskapitel, in welchem die Bedeutung der Herkunft aus einer Einwanderungsfamilie für die Bildungschancen aufgezeigt wird. Hier werden Unterschiede in den Bildungsabschlüssen deutlich erkennbar, wobei diese aber nicht – so der Autor – pauschal auf mangelnde Bildungsmotivation zurückgeführt werden könnten (Aspirationsparadox bei Migrant*innen). Zudem sei es unerlässlich, bei der Analyse der Bildungsverläufe zwischen verschiedenen Migrant*innengruppen zu differenzieren.
Ein den Band abschließendes Kapitel verhandelt verschiedene nur im lockeren Zusammenhang stehende Themen unter der Rubrik „Bildungssoziologie, Bildungsforschung und Bildungspraxis“. Hier geht es um einen Exkurs zum Begabungsbegriff, die Rolle und Funktion der Bildungssoziologie in der Analyse des Bildungssystems, um die Strukturbedingungen von Bildungspraxis, die soziale Positioniertheit der Lehrenden, die stark gestiegene Bedeutung von Bildungspolitik und Bildungsmonitoring sowie abschließend um bildungssoziologische Aspekte der Digitalisierung bzw. Digitalität im Bildungssystem.
Diskussion
In Anbetracht der starken Dynamik und der Vielfältigkeit der Perspektiven und Probleme im Feld der Bildungssoziologie (um nur die wichtigsten zu nennen: bildungsbezogene Ungleichheit und Teilhabe, demografischer Wandel und Arbeitsmarkt, digitale Transformation im Bildungssystem und Kompetenzverschiebungen, Wandel der Bildungsinstitutionen und zunehmende Bedeutung außerinstitutioneller Bildungsräume u.a.m.) gehört Mut dazu, auf kaum mehr als 100 Seiten eine Einführung in die Bildungssoziologie in Aussicht zu stellen. Aber nicht nur die Breite der Problemlagen erschwert ein solches Unterfangen. Hinzu kommt die Vielfältigkeit und Komplexität, mit der Bildung zum Gegenstand soziologischer Betrachtung werden kann – sei es an den institutionellen oder außerinstitutionellen Bildungsorten oder sei es über die verschiedenen Etappen einer Bildungsbiografie hinweg. In der Folge sind Lücken und Schwerpunktsetzungen ebenso unvermeidbar wie auch eine Behandlung der zu berücksichtigenden Themen „in verzweifelter Kürze“ (Schumpeter) nicht ausbleiben kann. Dass dabei die Thematisierung der Ungleichheiten in den Bildungschancen und Bildungsverläufen im vorgelegten Band einen solchen deutlichen Schwerpunkt bildet, ist mehr als berechtigt, nicht nur weil diese mit großer Hartnäckigkeit fortbestehen, sondern auch weil sie nach wie vor tiefgreifende Folgen für Individuen und Gesellschaft haben und auch aus diesen Gründen den zentralsten Gegenstand der Bildungssoziologie bilden. Hier den Schwerpunkt des Einführungsbandes zu legen, erscheint also mehr als berechtigt.
Gleichwohl sind aber auch einige Auslassungen nicht zu übersehen. So spielt etwa die Kategorie Geschlecht in dem Band nahezu keine Rolle, dabei sind Geschlechterdisparitäten keineswegs überwunden. So haben Mädchen bzw. junge Frauen zwar deutlich stärker von der Bildungsexpansion profitiert, können aber gleichzeitig diese Bildungsgewinne nicht in gleicher Weise in Erwerbschancen, Einkommen und Führungspositionen überführen, sodass Geschlecht eine wichtige Kategorie bildungsbezogener Ungleichheit bleibt. Vergleichsweise kommt der Ungleichheitsachse Migrationsgeschichte in dem Einführungsband eine relativ große Bedeutung zu, obwohl bekannt ist, dass Bildungsungleichheiten, die scheinbar auf Migrationshintergrund zurückgeführt werden, sich zu einem großen Teil durch die sozioökonomische Ausganglage der Herkunftsfamilie erklären lassen (wie etwa geringeres Einkommen, niedrigeres Bildungsniveau oder unsichere Erwerbsverhältnisse).
Wenn man als Kern einer genuin soziologischen Befassung mit Bildung die Analyse der Bedingungen und Folgen von Bildung in ihren gesellschaftlichen Dimensionen verstehen möchte, dann handelt es sich bei dem Einführungsband tatsächlich um eine Einführung in die Bildungssoziologie und nicht etwa in die Bildungsforschung. So wird im ersten Kapitel sehr ausführlich perspektiviert, was im Kern eine soziologische Befassung mit Bildung ausmacht und welche Fragen sich dort stellen. Auch werden hinsichtlich der die empirische Bildungsforschung dominierenden Ergebnisse der Schulleistungstests nicht etwa die jeweiligen Kompetenzstände der Jahrgangskohorten nachgezeichnet, sondern es werden unter dem Stichwort Bildungsarmut die für bildungssoziologische Fragenstellungen relevanteren Daten zum Anteil derjenigen, welche die Kompetenzstufe 1 nicht erreichen vorgestellt. Hier wird erkennbar, dass der Autor auf eine lange wissenschaftliche Tätigkeit zurückblicken kann, die ihn über die Grenzen einer im engeren Sinn ungleichheitsbezogenen empirischen Bildungsforschung hinausführt und insgesamt auf ein hohes Interesse an Fragen sozialer Benachteiligung und Armut ausgerichtet ist.
Fazit
Bei dem von Bayer vorgelegten Band handelt es sich insgesamt um eine gut strukturierte und verständliche Einführung in zentrale Fragestellungen, Theorien und Begriffe der Bildungssoziologie. Es bietet einen Überblick über einschlägige empirische Befunde und verbindet diese mit gesellschaftlichen Debatten zu Bildungsfragen. Damit eignet es sich besonders gut für Studierende, die einen dezidiert soziologischen Blick auf bildungsrelevante Fragen einüben und schärfen wollen.
Literatur
Bachsleitner, A.; Maaz, K. (2025): Bildungssoziologie. Einführung. Baden-Baden: Nomos Verlag.
Becker, R. (Hrsg.) (2017): Lehrbuch der Bildungssoziologie. Wiesbaden: Springer VS, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage.
Becker, R.; Solga, H. (Hrsg.) (2012): Soziologische Bildungsforschung. Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 52. Wiesbaden: Springer VS Verlag.
Brüsemeister, T. (2008): Bildungssoziologie – Einführung in Perspektiven und Probleme. Wiesbaden: Springer VS.
Kopp, J. (2009): Bildungssoziologie: eine Einführung anhand empirischer Studien. Wiesbaden: Springer VS.
Krais, B. (2014): Bildungssoziologie. In: Die Deutsche Schule 106; 3, S. 264–290.
Kupfer, A. (2011): Bildungssoziologie: Theorien, Institutionen, Debatten: Wiesbaden: Springer VS Verlag.
Löw, M.; Geier, T. (2014): Einführung in die Soziologie der Bildung und Erziehung. Opladen – Toronto: Verlag Barbara Budrich.
Teltemann, J. (2019): Bildungssoziologie. Eine Einführung. Baden-Baden: Nomos. 2. erweiterte Auflage.
Rezension von
Dr. Anna Brake
Senior Lecturer am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Augsburg
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