Astrid Neuy-Lobkowicz: ADHS kompakt
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 18.09.2025
Astrid Neuy-Lobkowicz:ADHS kompakt. Diagnostik und Therapie für Klinik und ambulante Praxis. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2025. 220 Seiten. ISBN 978-3-608-98874-1. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
Thema
Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland leiden an ADHS. Doch die meisten bekommen keine Diagnostik und Behandlung, da viele niedergelassene Ärzt:innen und Therapeut:innen sich entweder nicht auskennen oder von Terminen überrannt werden. Dabei ist jeder fünfte bis siebte Patient, der sich bei Psychiater:innen oder Therapeut:innen vorstellt, von ADHS betroffen. Wird das jedoch nicht erkannt, bleibt Betroffenen eine wirksame störungsspezifische Behandlung vorenthalten und häufige Begleiterkrankungen (z.B. Depression, Ängste oder Sucht) können nicht ausreichend behandelt werden. Hier soll dieses Buch eine Hilfe sein, um das Störungsbild kompakt, schnell und unter kassenärztlichen Vorgaben, ADHS-Patient:innen in ihrer Besonderheit zu verstehen, ADHS zu diagnostizieren und störungsspezifisch zu behandeln und dem Mangel an behandelnden Ärzt:innen und Therapeut:innen entgegenzuwirken.
Autorin
Dr. med Astrid Neuy-Lobkowicz ist Fachärztin für Psychotherapie und Psychosomatik. Sie gründete mit anderen Kolleg:innen das ADHS-Zentrum in München und hat eine Facharztpraxis mit Schwerpunkt ADHS in Aschaffenburg. Zum Thema ADHS hält sie viele Vorträge und hat weitere Bücher mit Kollegen veröffentlicht. Sie ist selbst Betroffene und Mutter von fünf Kindern, von denen drei ADHS haben.
Aufbau und Inhalt
Gleich der Einstieg ins Buch räumt mit einem mittlerweile gängigen Vorurteil auf: Nein, ADHS ist keine Modekrankheit, ganz im Gegenteil. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse gehen von einer Häufigkeit von 4,6 Prozent aller Menschen aus, was bedeuten würde, dass ADHS beispielsweise „mindestens viermal häufiger als Schizophrenie“ (S. 7) gestellt wird – diagnostisch kommt es aber bei weit weniger als einem Prozent der Erwachsenen mit ADHS auch diagnostiziert werden. Warum das so ist, ist ein Kern dieses Buches, dem die Autorin nachgeht. Denn klar ist auch: ADHS ist keine neue Erkrankung, finden wir doch schon in der rund 180 Jahre alten Geschichte des Struwwelpeters eine beeindruckende realistische Darstellung eines hyperaktiven Kindes mit ADHS, ebenso ist es bei Hans Guck in die Luft – beide Figuren entstammen der Feder von Heinrich Hoffmann, ein Pionier der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Warum ist es also gerade für Erwachsene so schwer, Hilfe zu bekommen? Viele von ihnen sind „völlig frustriert und resigniert [und] geben sich die Schuld dafür, dass sie auch mit so vielen Behandlungen nicht weitergekommen sind“ (S. 8), nachdem sie eine wahre psychiatrisch-medizinische Odyssee hinter sich haben. Astrid Neuy-Lobkowicz macht klar: „ADHS geht uns alle an“ (S. 8) – Psychiatrie, Psychotherapie, Soziale Arbeit oder Beratungsstellen. So viele Menschen benötigen Unterstützung.
Um möglichst viele Fachkräfte in die Lage zu versetzen, Menschen mit ADHS kompetent begegnen zu können im jeweiligen Bereich legt die Autorin in ihrem Buch Wert darauf, für die Abrechnungspraxis der Krankenkasse relevante Schritte vorzugeben, die dabei helfen, ADHS zum einen zu diagnostizieren und zum anderen zu behandeln. Dafür sei es aber von grundlegender Bedeutung, möglichst viel Wissen über die ADHS zu haben, um Menschen mit einer solchen überhaupt zu erkennen und mit ihren Besonderheiten zu verstehen und anzunehmen. Denn nur wer Wissen hat, kann auch erkennen, was er sieht. Wer sich in der Arbeit mit den Patient:innen nur einer offen liegenden Begleiterkrankung wie einer Depression widmet, wird nicht viel ausrichten, wenn er ein eventuell zugrunde liegendes ADHS nicht (er)kennt. Und so ist der Ton gesetzt für die ersten Kapitel des Buches, in denen dieses Grundwissen vermittelt wird: Was sind die Herausforderungen? Was sind die Besonderheiten spezieller Gruppen (Frauen, Senioren) und was sind eigentlich positive Eigenschaften von Menschen mit ADHS? Menschen mit ADHS gelten als empathisch, einfühlsam, haben ein feines Gespür für Stimmungen, zeigen sich oft auch originell, intuitiv und leidenschaftlich, was ihnen einen „anderen Blick auf das Leben“ (S. 77) bietet und sie dazu befähigt, auch einmal nach Lösungen abseits ausgetretener Pfade zu suchen. Nach einem ausführlichen Teil über Diagnostik und Therapie der ADHS widmet sich das Buch ausführlich den Begleiterkrankungen der ADHS, zu denen unter anderem Zwangsstörungen, Störungen aus dem Autismus-Spektrum aber auch die Borderline-Persönlichkeitsstörung gehören. Die entsprechenden Erläuterungen münden in einer Zusammenstellung der Grundlagen für eine ADHS-Behandlung: ausführliche Psychoedukation, immer an Sport erinnern oder auch die Erkenntnis, dass nicht jede:r ADHS-Patient:in auch grundsätzlich eine Therapie benötigt. Der letzte Teil widmet praxisorientiert einem möglichen Modul für Einzel- und Gruppentherapie, das aus zwölf Themenblöcken gehört. Hier sind zum Beispiel die Themenblöcke Selbstorganisation und Zeitmanagement aber auch der Umgang mit Geld und Finanzen zu nennen. Im Downloadbereich des Verlages finden sich außerdem zum Beispiel als Zusatzmaterial ein entsprechender Anamnesebogen sowie ein Elternfragebogen.
Diskussion
Fachliche Kompetenz ist nicht zwingend ein Garant für das Verfassen lesbarer Fachliteratur. Astrid Neuy-Lobkowicz ist der Beweis, dass auch beides klappen kann. Praxisnah, fachlich fundiert und mit einer persönlichen Note versehen gelingt es ihr, den Leser:innen ihr Herzensthema im positiven Sinne ‚zu verkaufen‘. Es ist deutlich spürbar, wie sehr die für die ADHS als Thema förmlich brennt. Und gerade diese Authentizität sorgt dafür, dass Fakten und Haltungen, die im Buch Eingang gefunden haben, in Erinnerung bleiben. Eine durch grafische Elemente aufgelockerte Gestaltung trägt ihr Übriges dazu bei, dass dieses Buch hält, was es verspricht, und kompaktes Wissen über ADHS transportiert und – wortwörtlich von der ersten Seite an – einen Beitrag leistet, Verständnis für das Störungsbild zu entwickeln. Wer das liest, mag die Erkenntnis der Autorin sofort teilen: ADHS ist ein „dankbar[es] Krankheitsbild“ (S. 9), weil Fachkräfte mit dem richtigen Wissen dazu beitragen können, dass sich die Betroffenen „selbst besser verstehen und erfolgreich sein können“ (S. 9).
Fazit
Wenn auch eher für Ärzt:innen und Therapeut:innen gedacht (siehe oben), bietet dieses Buch auch wichtige Informationen für Fachkräfte der Sozialen Arbeit, um ADHS inklusive der entsprechenden Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten (besser) zu verstehen.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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