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Jutta Thorbergsson: Einschneidende Lebensentscheidungen

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. habil. Wilhelm Schwendemann, 05.08.2026

Cover Jutta Thorbergsson: Einschneidende Lebensentscheidungen ISBN 978-3-95832-383-4

Jutta Thorbergsson: Einschneidende Lebensentscheidungen. Rationalität vs. Authentizität in der Theorie der Transformativen Erfahrung von Laurie A. Paul. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2024. 276 Seiten. ISBN 978-3-95832-383-4. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 64,90 sFr.

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Thema

Jutta Thorbergssons Doktorarbeit in Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen (Frankfurt a. M.) beschäftigt sich mit dem Problem von Lebensentscheidungen und ihren Bedingungen. Als Grundlage und Referenz dient ihr das Buch „Transformative Experience“ der Philosophin Laurie Ann Paul (Oxford University Press, 2014), das ein bedeutsames Werk an der Schnittstelle von Phänomenologie, Entscheidungs‑ und Handlungs‑ und Erkenntnistheorie darstellt und sich mit der grundlegenden anthropologischen Frage beschäftigt: Wie können wir Lebensentscheidungen als rationale Entscheidungen treffen, wenn wir nicht abschätzen können, welche Folgen für uns selbst bzw. unsere Mitwelt sich aus diesen Entscheidungen ergeben oder ergeben können? Jutta Thorbergsson arbeitet beruflich als Pharmazeutin. Ihre Forschung befasst sich mit rationalitätstheoretischen Fragen von Lebensentscheidungen und der Epistemologie des Selbstwissens, auch im Kontext von Theologie und Religionsphilosophie.

Gliederung

Das Buch gliedert sich, wie folgt:

  1. Einleitung (S. 11–12)
  2. Laurie A. Pauls Theorie der transformativen Erfahrung (S. 13–65)
  3. Reaktionen auf Pauls Theorie der TE (S. 66–120)
  4. Rationalität – ein vieldeutiger Begriff (S. 121–203)
  5. Selbst-Wissen als Aspekt (S. 204–240)
  6. >Put on the new self< – eine christliche Perspektive (S. 241–259)
  7. Fazit & Ausblick (S. 260–264)

Jedes Kapitel wird mit einem zusammenfassenden Abschnitt beendet, den die Autorin Intermezzo oder vielsagend „Selbst(e)gespräch“ nennt und dabei bereits Einblick in das sogenannte SELBST des Menschen gibt, was sich als roter Faden durch das Buch zieht und die komplexen Abschnittsinhalte für Lesende verständlich zusammenfasst.

Inhalt

Ad 1: In der Einleitung (S. 11) geht es um den Begriff „Transformation(en)“ und die damit verbundenen „einschneidenden Lebenserfahrungen“, womit sich die Philosophin Laurie A. Paul beschäftigt und deren Ansatz Thorbergsson analysiert und zum Teil auch dekonstruiert. Laurie A. Paul ist Professorin für Philosophie und Kognitionswissenschaft an der Yale University/USA. Ihr grundlegendes Werk trägt den Titel: Was können wir wissen, bevor wir uns entscheiden? Von Kinderwünschen und Vernunftgründen (Stuttgart: Reclam, 2020). Pauls Grundfrage ist, ob wir wichtige Lebensentscheidungen rational begründen können und wie eine solche Entscheidung die betreffende Person verändert. Transformative Erfahrungen zeichnen sich nach Paul dadurch aus, dass der entscheidende Mensch sie nicht kennt und auch nicht weiß, wie sie sich anfühlen. Um das zu wissen, müsste man diese Erfahrungen bereits durchlebt haben. Gleichzeitig geht Paul davon aus, dass diese Lebensentscheidungen die betreffende Person in tiefgreifender Weise verändern.

Ad 2: Jutta Thorbergsson führt in Pauls Theorie der Transformativen Erfahrung ein und nimmt Pauls Problemfeststellung auf, ob transformierende Lebensentscheidungen überhaupt rational ohne Wahlalternativen getroffen werden können (S. 13). Paul schlägt vor, Entscheidungen auf der Basis von Präferenzen zu treffen, die aber nach Thorbergssons Einschätzung fragil bleiben: „Diese sind gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie gravierende persönliche Veränderungen nach sich ziehen können, die möglicherweise auch vollkommen neue Präferenzen einschließen.“ (S. 13) Damit wird aber das tradierte, klassische Modell rationaler Entscheidungsfindungen im Kontext von transformativen Erfahrungen bei Lebensentscheidungen hinfällig, denn diese Erfahrungen der Zukunft haben für die Gegenwart des Entscheidenden keinen verlässlichen subjektiven Wert, und sobald diese Erfahrung tatsächlich gemacht worden ist, verändert man/frau sich so, dass gegenwärtige Präferenzen keinen Maßstab für zukünftige Präferenzen darstellen. Nach Paul stehen im Kern von Entscheidungen verschiedene SELBSTE (S. 14) (Vorher-Selbst – Nachher-Selbst), die die sogenannte transformative experience (=TE) auszeichnen und gegebenenfalls zu neuen epistemischen Resultaten führen. Thorbergsson untersucht nun im Folgenden Pauls Auffassung von Rationalität (rational choice theory) (S. 15). Rationalität sei für Paul „ein Thema der Lebenspraxis“, d.h., es gehe um „Standards vollständiger Rationalität“ (S. 16). Die Standardtheorie rationaler Wahl (rational-choice-theory) ist eine Entscheidungstheorie auf der Basis von Normen und beschreibt, wie sich Akteur: innen in Entscheidungssituationen verhalten sollen. Zudem werde eine Beziehung zwischen Zielen und Präferenzen unterstellt (S. 17). Wenn die Wahl zu den gewünschten Resultaten führen soll, benötige man/frau zuverlässige Informationen (S. 17). Unsicherheiten stellten sich dann ein, wenn nicht genügend Informationen oder mangelhafte Informationen vorlägen (S. 18). Paul folgert daraus, dass man/frau Wissen gewönne, das man/frau ohne transformative Erfahrung nicht hätte sammeln können. Als Beispiele gibt sie die Erfahrung, wenn ein Blinder das erste Mal sehen kann, oder wenn Menschen Eltern werden. In beiden Fällen entstehe so eine neue Wissensform, die durch Drittberichte oder Berichte/Erzählungen von außen unzugänglich bleibe. Infolgedessen ändere sich die eigene Perspektive tiefgreifend, ändern können sich zudem auch bislang tradierte Überzeugungen und Werte – denn nach einer transformativen Erfahrung ist man/frau eine andere Person als vor der Erfahrung. Präferenzen seien aber nicht unbedingt mit Nutzenerwartungen verknüpft (S. 19). Das Selbstinteresse einer Person scheine in diesem Zusammenhang divers zu sein. Die Axiome der Standardtheorie rationaler „Wahl“ seien nicht unbedingt alltagstauglich (S. 20). Das Selbst einer Person (Selbstbewusstesein/​Selbstwissen/​Selbsterkenntnis) setze sich aus vielen Dimensionen unterschiedlich zusammen und könne so nicht standardisiert werden (S. 21). Paul nimmt hier Bündeltheorien im Kontext von „Mereologie“ an und spricht in diesem Zusammenhang von sog. Fusionen (S. 25). Dabei kommt so etwas wie „Eine-Kategorien-Ontologie“ in Anlehnung an William Ockham heraus (S. 27). Paul lehne sich, so Thorbergsson, an Peter Strawsons Personendefinition an, der ein rein geistiges Selbst (S. 28) in Personen unterscheidet, die sowohl geistig als auch körperlich zu markieren seien (S. 28). Bei Paul sei aber jede Person komplex (S. 29). Die sich daran anschließende Diskussion bezieht sich dann auf Authentizität als Eigenschaft des Selbst. Bei Paul finde sich jedoch keine Bestimmung „eines >wahren Selbst<“ – bei Jean-Paul Sartre sei demgegenüber aber die Erste-Person-Perspektive deutlich, das „Für-Sich-Sein“ sei dann Merkmal des Selbstbewusstseins (S. 31). Paul illustriert ihr Argument für transformative Erfahrungen mit einem eindrücklichen Beispiel, dem Fledermaus‑ bzw. Vampirbeispiel. Bestimmte große Lebensentscheidungen – wie Elternschaft, religiöse Konversion oder medizinische Veränderungen der eigenen Persönlichkeit (zum durch Krankheit, Behinderung usw.) — seien strukturell ähnlich wie die Entscheidung, ein Vampir zu werden. Eine transformative Erfahrung verändert die Werte und Präferenzen, die man vor der Entscheidung hatte. Das Dilemma, das sich aus diesem Beispiel ergibt: Man/frau kann nicht aus der Vampir-Perspektive heraus entscheiden, ob man Vampir werden möchte – und als Mensch hat man keinen Zugang zu dieser Perspektive. Thorbergsson kontextualisiert Pauls Dilemma mit verschiedenen anderen verwandten Entwürfen, wie z.B. Thomas Nagel, Frank Jackson, Edna Ullmann-Margalit (S. 32ff). Eingeführt wird der Begriff des Sprachspiels (S. 37) und Ullmann-Margalit schlägt die Hierarchisierung von Präferenzen eines Akteurs/​einer Akteurin vor (S. 38): „Die Summe sämtlicher Präferenzen erster Ordnung wird hierbei mit der Persönlichkeit und dem Selbst der Akteurin gleichgesetzt.“ (S. 39) Thorbergsson nimmt dieses Modell auf und stellt die Frage: Wie wird ein Beruf gewählt? (S. 41) Dabei werde deutlich, „dass das gegenwärtige Selbst das zukünftige Selbst … für Lebensentscheidungen“ in relevanter Sicht gar nicht kennen könne (S. 43), weil subjektive Werte geschichtlich, also wechselhaft und änderbar, sein können (S. 45). Wir können nicht zielgerichtet rational und authentisch unseren Lebensweg steuern (S. 47). Unklar bleibe jedoch auch, welche Entscheidungen in der Zukunft für das jeweilige Subjekt in der Gegenwart „subjektiv wertvoll“ sein können (S. 48) – also gehe der Fokus auf die Rationalität normativer Entscheidungen im Hier und Jetzt (S. 49). Für das Individuum gehe es im Hier und Jetzt um Maximierung des Nutzens (S. 49). Paul will, so Thorbergsson, eine Orientierung an einer aktuellen Präferenzordnung, ohne zu wissen, ob diese in Zukunft noch Gültigkeit hat. Weiterhin unterstelle Paul, dass individuelle Erkenntnisleistungen in einem klar abgegrenzten Vorher-Nachher-Status stünden (S. 50). Zentraler Baustein in Pauls Theorie sei eine Präferenzhierarchie – Handlungen und Handlungsalternativen würden Präferenzen bzw. Wünschen erster, zweiter Ordnung usw. zugeordnet (S. 51), um Entscheidungen rational treffen zu können. Ziel sei ein selbstbestimmtes, authentisches Leben bzw. eine authentische Lebensführung (S. 55), wobei Authentizität für Paul ein wesentlicher Aspekt des Selbst bzw. des Personseins eines Individuums darstelle (S. 55). Authentizität verlange nach Paul, dass die Person den Wert einer Erfahrung dem eigenen Selbst zuschreiben kann. Daher können Fremdaussagen anderer Menschen einer Person nicht helfen, eine authentische Entscheidung für sich selbst zu treffen. Paul schlägt stattdessen vor, sich vorzustellen, wie es sei, eine andere Person zu werden. Entscheidend, ähnlich wie bei Sartre, ist dann aber der Erhalt der Ersten-Person-Perspektive (S. 57), die Grundlage unserer Lebensführung sein soll. Der Rückgriff auf die Authentizität stellt aber in diesem Modell ein normatives Element dar. Aber, so Thorbergsson, gebe es auch Lebensentscheidungen, die weder der Authentizität noch einer „prozedural rationalen Wahl“ entsprechen (S. 60) oder es komme zu einer Dilemma-Situation zwischen Authentizität und Rationalität.

Ad 3: Pauls Theorie der transformativen Erfahrung ist vielfach erweitert, relativiert und auch kritisiert worden. So versuchte zum Beispiel Peter Pettigrew in der Zeitschrift MIND Pauls Theorie in ein mathematisches Modell zu überführen (S. 67) und unterschied dabei „globale Nützlichkeitsfunktionen der Entscheiderin“ (S. 68) und das „wahrscheinliche Nutzenmaximum“ soll so in der Zukunft ermittelt werden (S. 68). Seine Kritik an Paul fokussiert, dass eine Person vernünftigerweise subjektive Wahrscheinlichkeiten zuweisen könne, die zwar nicht hochgradig sicher, aber dennoch hinreichend für eine rationale Entscheidung seien. Auch bei großer Unsicherheit könne man/frau wahrscheinlichkeitsbasiert vernünftig urteilen. Auch Elizabeth Barnes zweifelt an der Verschiebung der Entscheidungsfaktoren auf eine höhere Ebene. Im sog. Haifisch-Fall (S. 70) sind das z.B. Entscheidungssituationen, die zwar angenehme Gefühle erzeugen, andererseits aber das Individuum jedoch in einen Status der Willenlosigkeit versetzen (S. 70) bzw. zum „Verlust von Autonomie, Gedankenfreiheit, Willensfreiheit, Unabhängigkeit, Authentizität, Gewaltfreiheit und Liebe führen“ (S. 70). Klar ist, dass vernünftige Wesen diesen Zustand nicht wollen können (S. 71). John Campbell kritisiert Paul auf dem Hintergrund eines vermuteten „erkenntnistheoretischen Internalismus“ – es gehe nicht nur um ein „mentales Bewusstsein“, sondern auch um ein sog. Umgebungs‑ und Kontextwissen (S. 33). Tom Dougherty, Sophie Horwitz und Paulina Sliwa beziehen sich in ihrer Kritik auf intrinsische Werte (S. 75), sodass der erstpersonale Ansatz verzichtbar werden würde (S. 76). Ruth Chang geht ebenfalls in diese Richtung, subjektive Werte objektivierbar zu machen (S. 77). John Collins argumentiert für das System „synthetischer Lotterien“ (S. 79) – das bedeutet, Nützlichkeitserwartungen würden in einer Matrix zusammengeführt. Rachel Briggs schlägt interpersonale Vergleiche vor, ähnlich Jane Friedmann, die in den Entscheidungsprozess aktuelle und nicht-informierte Präferenzen (=Präferenzen ohne Evidenz) einbringen will (S. 81). Herman Cappelen und Josh Dever kritisieren die Erste-Person-Perspektive Pauls (S. 81): „Perspektivische und nicht-perspektivische Relationen sind nicht irreduzibel“ (S. 83). Katrien Schaubroeck und Kristien Hens votieren „für eine heuristische Future-Regret-Imagination“ (S. 84), was an Sterbebett-Gedankenexperimente bzw. an die Frage erinnert: Wer will ich in Zukunft sein? (S. 84) Die normative Entscheidungstheorie setze auf „Maximierung des Erwartungsnutzens“ (S. 85). Krister Bykvist hat darauf hingewiesen, dass Pauls Analyse partielle Aspekte transformativer Erfahrungen nicht berücksichtige, die durchaus mit bekannten Erfahrungen verglichen werden können. Paul operiere mit einem Alles-oder-Nichts-Schema. In Wirklichkeit habe man/frau als kinderloser Mensch bereits Erfahrungen mit Fürsorge, Care, Schlafmangel, Verantwortungsübernahme — man/frau weiß also etwas, auch wenn man/frau nicht alles weiß.

Paul unterschätze zudem die menschliche Fähigkeit, Imagination und Fantasie in Kombination mit Vorerfahrungen einzusetzen, um wahrscheinliche Erlebnisqualitäten bestimmter Entscheidungen vorwegzunehmen— weshalb der Geltungsbereich transformativer Erfahrungen bei Paul wohl zu weit gefasst sei.

In Kapitel 3.2 kritisiert Thorbergsson die Paulsche Konzeption des Erlebens (S. 86); Pauls Ansatz sei der phänomenologischen Philosophie verpflichtet (S. 86): Aber lassen sich transformative und nicht-transformative Erfahrungen tatsächlich voneinander trennen? (S. 87) Handelt es sich um ein Kontinuum von Erfahrungen oder existieren bei Lebensentscheidungen auch Brüche? (S. 87)

Ein Gegenentwurf zu Pauls Ansatz könnte Agnes Callard mit ihrem Buch „Aspiration“ sein: „Eine rationale, absichtliche, also aktive Aneignung von Werten ist für Callard das Charakteristikum einer diachronen Selbst-Entwicklung…“ (S. 89). Die Erste-Person-Perspektive wirkt in diesem Modell wie eine Richtschnur auf einem „langwierigen Weg“ (S. 89) – dem Erleben selbst wird in Callards Modell ein großer Raum bereitgestellt (S. 90). Insgesamt zielen Pauls und Callards Modelle auf eine „narrative Lebensauffassung, die auf eine in sich stimmige Biographie zielt“ (S. 91). Thorbergsson führt an, dass in Pauls Modell Differenzierungen, die sich auf die konkrete Lebenswelt von Menschen beziehen, fehlen würden (S. 96): „Menschen erleben aufgrund ihrer Verfasstheit, ihres sozialen Kontexts, ihrer Lebensauffassung, ihrer Werte und Ziele einschneidende Lebensentscheidungen und mit ihnen verbundene Erfahrungen sehr unterschiedlich.“ (S. 96) Nach Ansicht von Jutta Thorbergsson ignoriere Paul die konkreten Lebenswelten (S. 96). Kritik wird auch andernorts an Pauls Theorie geäußert. Kevin Reuter und Michael Messerli stellen aufgrund empirischer Forschungen subjektive Werte für Entscheider: innen völlig infrage (S. 100). Im Bereich der Religionsphilosophie wird Pauls Modell als Inspirationsquelle für die Reflexion von Gotteserfahrungen genutzt (S. 103): „Der Mensch in seiner Unvollkommenheit kann den unendlichen Gott nicht fassen, aber er kann sich vorstellen, immer noch ein wenig mehr wissen, ein wenig mehr Wohlergehen usw. zu erlangen.“ (S. 105) Es geht hier um „attain“, d.h. um eine Beziehung des Menschen zu Gott (S. 105). Transzendente Unendlichkeit entwickle so einen normativen Sog (S. 105). Aufschlussreich sind die Ergebnisse zur Rationalität, zur Erkenntnistheorie, zur Entscheidungstheorie, zur Erste-Person-Perspektive, zum Erleben und zur Lebenswelt, die Jutta Thorbergsson zusammengestellt hat (S. 108–110) und so einen eigenen anthropologischen Ansatz entwickelt (S. 115): „Rationales Leben ist anthropologischen Gegebenheiten gemäßes Leben …“ (S. 115). Letztlich geht es Thorbergsson in der phänomenologischen Tradition stehend um erfüllende Beziehungserfahrungen (S. 116) und um „dialogische, interpersonale Beziehungen“ (S. 117). Theologisch fokussiert geht es auf dem Hintergrund einer dialogischen Gottesbeziehung darum, sich aus einer engen Selbstbezogenheit befreien zu lassen (S. 118).

Ad 4: Zwei Fähigkeiten werden besonders hervorgehoben: die Fähigkeit, vernünftig zu denken, und um die Fähigkeit, zu lieben (S. 121). Susanne Hahn diskutiert dabei die Bandbreite des Rationalitätsbegriffs und kommt zu immer komplexeren Rationalitätsstrukturen (S. 125): „Kennzeichnend für Rationalität sind demnach Sinnzuschreibung, eine Orientierung und Ausrichtung an Werten oder gerechtfertigten Zwecken (einschließlich geeignete Mittel), die Abwägung aller Optionen und das Bewusstsein der Verantwortung für Nebeneffekte.“ (S. 133) Thorbergsson nimmt diese Argumentation auf und meint, dass der Beginn von Rationalität liege in der Beobachtung des Vorfindlichen (S. 134). Hahn ergänzt dann noch die „Typisierung von Handlungssituationen“ (S. 137). Jean Hampton argumentiert auf der Basis eines „moralischen Realismus“ und hält nicht jede Handlungsoption für opportun (S. 139) und stellt folgende Fragen:

  • Wie sind die Gründe einer Entscheiderin? (S. 140)
  • Welche Gründe sind in der konkreten Entscheidungssituation relevant? (S. 140)
  • Welche Gründe sind entscheidend? (S. 140)
  • Was ist die Normativität von Gründen? (S. 140)

Letztlich geht es in diesem revidierten Modell von Hampton um kohärente Präferenzen einer Wahl bzw. einer Entscheidung (S. 142). Rationalität verbiete den unkritischen Einsatz der rational-choice-theory (S. 150). Nicholas Rescher unterscheidet in diesem Zusammenhang deshalb kognitive, evaluative und praktische Rationalität (S. 153) folgenden Fragen: „Was soll man glauben oder akzeptieren? Was soll man tun oder durchführen? Was soll man bevorzugen oder wertschätzen?“ (S. 154) Allein gute bzw. beste Gründe seien hinreichend für rationale Entscheidungen (S. 155). Daraus ergeben sich Rationalitätsstandards wie Konsistenz, Uniformität, Kohärenz, Simplizität und Ökonomie (S. 156). Rescher nimmt noch den biografischen Erfahrungsschatz als weitere Ressource hinzu (S. 168). Zudem dürfen nach Rescher und Paul Entscheidungen nicht gegen ethische Normen verstoßen (S. 171) – aber „gelingendes Leben erschöpft sich nicht im Gebrauch von Rationalität“ (S. 172), wobei objektive Gründe nicht hinreichend für ein gelingendes Leben sind (S. 183). Als Beispiel im Umgang mit Präferenzen führt Thorbergsson die Odysseus Geschichte mit den Sirenen an und schließt sich dabei Jon Elters Interpretation an: Odysseus lässt sich festbinden, um dem Sirenengesang nicht zu erliegen und so zu überleben (S. 191). Jon Elster unterscheidet in ihrer Version Werte und Präferenzen und meint, dass niemand Sklave bzw. Sklavin von Präferenzen sein müsse (S. 193). Zudem hätten Menschen „nicht die kognitiven Fähigkeiten …, um Langzeitfolgen von Lebensentscheidungen vorab bestimmen zu können.“ (S. 195) Rationalität bestehe, so Thorbergsson, wenn faktenbasierte Überzeugungen als Gründe von Entscheidungen bevorzugt würden (S. 200).

Ad 5: In diesem Kapitel geht es um den Erwerb von Selbstwissen als Voraussetzung für rationale Lebensentscheidungen (S. 204). Thorbergsson nimmt die vorsokratische Mahnung auf: Erkenne Dich selbst! (S. 205) Selbstwissen soll, so Thorbergsson, keinesfalls überhöht werden (S. 206). Die Autorin plädiert hier für die Einheit der Person, die folgende Dimensionen umfasst: Rationalität, Subjektivität, Relationen zu anderen Personen, Liebesfähigkeit, Freiheit, Autonomie und Inkommunikabilität (S. 207). Quassim Cassam, ein weiterer von Thorbergsson argumentativ herangezogener Autor, (vgl. Self-Knowledge for Humans (Oxford University Press, 2014) unterscheidet provokativ den tatsächlichen Menschen (homo sapiens) vom idealisierten Menschen der Philosophie (homo philosophicus) (S. 209). Die Philosophie soll sich auf die menschliche Lage konzentrieren statt auf das Denken und Selbstwissen eines idealisierten Homo philosophicus. In Thorbergssons und Cassams Ansätzen geht es aber immer um den wirklichen Menschen (S. 210): „Am problematischsten aber ist die implizite Annahme der idealisierten epistemischen Fähigkeiten eines Homo philosophicus, dessen perfektes Erkenntnisvermögen niemals fehlgeht. Dieser Einwand schwächt die Transparenz-Methode, weil reale Menschen nur eingeschränkte Erkenntnisfähigkeiten besitzen.“ (S. 218) Schlussfolgerungen aus Verhaltens‑ und psychologischen Beweisen seien, so Cassam, eine grundlegende Quelle menschlichen Selbstwissens. Auf dieser Grundlage sei Selbstwissen eine echte kognitive Leistung — und Selbstunkenntnis ist immer eine reale Möglichkeit, die nicht vernachlässigt werden dürfe. Ignoranz und Selbsttäuschung bei realen Menschen seien ein tatsächliches Problem, sodass eine vollständig zutreffende, vollständige Selbsterkenntnis gar nicht existieren könne (S. 229). Das Motiv für Selbsttäuschungen usw. liege nach Cassam im Selbstschutz bzw. in der Vermeidung von psychischen oder physischen Schmerzen (S. 229). Selbstwissen zu erlangen, sei also nicht einfach und erfordere Sorgfalt und Anstrengungen, trotzdem sei der konkrete Mensch jedoch nicht vor Irrtümern gefeit (S. 231). Thorbergsson greift Cassam auf, um Pauls Dilemma aufzulösen: Pauls Theorie setzt voraus, dass Selbstwissen vor einer transformativen Erfahrung grundsätzlich scheitert, weil die zukünftigen Präferenzen unzugänglich sind. Cassam zeigt aber, dass Selbstwissen ohnehin nicht aus dem direkten Zugang zu Präferenzen besteht, sondern aus einem evidenzbasierten Gesamtbild der eigenen Person – Talente, Emotionen, Werte, Verhaltensweisen. Dieses Gesamtbild wird auch durch einen Präferenzwandel nach einer transformativen Erfahrung nicht vollständig zerstört. Es gibt also eine Kontinuität des Selbstwissens, die rationale und authentische Entscheidungen auch angesichts transformativer Erfahrungen möglich macht. Thorbergsson formuliert daran anschließend in christlicher Perspektive: „Aus christlicher Perspektive lebt der Mensch sein Leben nicht als lose Abfolge unverbundener Ereignisse, sondern als kontinuierlich von Gott getragenes Leben.“ (S. 235)

Ad 6: Thorbergsson schließt sich grundsätzlich – aber ohne es ausdrücklich zu benennen – der dialogischen Position Martin Bubers an, indem sie Gott als ansprechbares Du vorhält und das menschliche Selbst in ein Beziehungsgeschehen involviert wird (S. 241): „Die christliche Entscheiderin wird versuchen, von der exklusiv erst-personalen Zentrierung auf das eigene Selbst abzurücken und ihre Erfahrungen zweit-personal in die Gottesbeziehung einzubetten.“ (S. 242) Das göttliche Ansprechen, die göttliche Berufung, sei für den Menschen identitätsstiftend und der Grund für die Berufung sei an den Willen Gottes gebunden (S. 245). Die Berufung des Menschen vollziehe sich in Handlungen, im Gebet und in persönlichen Krisen, wenn es um eine Antwort auf diese Berufung gehe (S. 246). Die Beziehungsfähigkeit des Menschen werde durch das Berufungsgeschehen gefördert (S. 253). Voraussetzung hierfür sei das Vertrauen auf und in Gott (S. 254). Lebensentscheidungen mit Gottvertrauen zu fällen sei rational, weil dies auf erstpersonaler Selbsterkenntnis beruht und zweitpersonal vermitteltes, personales Wissen und Gottes Berufung einschließt. Lebensentscheidungen mit Gottvertrauen seien zudem authentisch, weil gerade auf diese Weise das Selbst bei sich ist, indem es auf Gott hin unterwegs ist.

Ad 7: Thorbergsson nimmt in ihrer Analyse der Paulschen Argumentationsstruktur gegen die Erste-Person-Perspektive Stellung und fokussiert die Zweite-Person-Perspektive als Beziehungs‑ und Berufungsgeschehen zwischen Gott und Mensch (S. 260). Gott sei so das letzte Ziel des Menschen, d.h., es gehe um Gemeinschaftserfahrungen mit Gott als Grundlage eines gelingenden, selbstbestimmten Lebens. In der Beziehung zu Gott erst entwickle sich die Möglichkeit, zu einer einigen, konkreten menschlichen Person zu werden (S. 260). In dieser Beziehung zu Gott sei die Überwindung von Selbstentfremdung möglich. Auf wen ich mich einlasse, sei entscheidend und nicht auf was (S. 262). Pauls Theorie der transformativen Erfahrung bzw. dann auch Entscheidung aus einer Erst-Person-Perspektive sei deshalb ungenügend (S. 262).

Diskussion

Pauls Modell bietet auf den ersten Blick klare Gründe für Lebensentscheidungen; diese Gründe erweisen sich bei näherem Hinsehen jedoch als fragil. Wenn man/frau die epistemischen Anforderungen an eine rationale Entscheidung erfüllen will, muss man/frau die Präferenzen des gegenwärtigen Selbst gleichsam übergehen und durch ein anderes Selbst ersetzen — was bedeutet, dass Rationalität eine Art Selbstentfremdung nach sich ziehen kann. Ein Vernunftbegriff, der Selbstentfremdung als rationale Strategie empfiehlt, scheint sich selbst zu unterlaufen. Neuere psychologische Forschung (Laurie Santos) kann zudem aufzeigen, dass wir nicht nur das wählen, was wir bevorzugen — wir beginnen auch das zu bevorzugen, was wir gewählt haben. Das ließe sich so deuten, dass transformative Erfahrungen letztlich viel gewöhnlicher sind als Paul behauptet — jede Entscheidung verändert Präferenzen in kleinen Schritten. Der zentrale Einwand Thorbergssons gegen Paul lautet: Pauls Lösung werde der existenziellen Dimension von transformativen Entscheidungen nicht gerecht und sei als Lebensgrundlage ungeeignet. Thorbergsson identifiziert zudem zwei Lücken in der bisherigen Debatte: Zum einen wird die von Paul vorausgesetzte Theorie prozeduraler Rationalität als alternativlos hingenommen, zum anderen hinterfragt kaum jemand die von Paul vertretene Abfolge abgrenzbarer und unterschiedener Selbste. Thorbergssons Lösung besteht nun in der Annahme substanzieller statt prozeduraler Rationalität, denn die inhaltlichen Bestimmungen transformativer Erfahrungen und Lebensentscheidungen sind Teil oder sogar Basis substanzieller Rationalitätskonzeptionen (zum Beispiel Schwangerschaft ja oder nein, ist keine beliebige Entscheidung, sondern verändert nicht nur das Leben der betreffenden Person, sondern zugleich auch deren Umfeld). Entscheidungen, so Thorbergsson, müssen dazu beitragen, gelingendes Leben zu fördern. Im Odysseus Beispiel legt Odysseus rational seine aktuellen Präferenzen fest: Präferenzen sind also kein Schicksal, dem man ausgeliefert wäre, sondern offen für Reflexion und Regulation. Thorbergsson erweitert so Pauls erstpersonale, auf das individuelle Selbstwissen fokussierte Perspektive, religionsphilosophisch um die zweitpersonale Perspektive der Gottesbeziehung. Der Glaube an den trinitarischen Gott stelle einschneidende Lebensentscheidungen in einen völlig anderen Horizont, einen von Liebe bestimmten objektiven Horizont.

Jutta Thorbergssons Studie leistet weit mehr als eine bloße Kommentierung von Laurie A. Pauls Theorie der transformativen Erfahrung: Sie deckt deren blinden Fleck auf, indem sie zeigt, dass eine rein erstpersonal-prozedural verstandene Rationalität die existenzielle Tiefe einschneidender Lebensentscheidungen bzw. die damit verbundenen Lebenserfahrungen verfehlt. Mit dem Rückgriff auf Cassams Konzept eines evidenzbasierten, kontinuierlichen Selbstwissens gelingt es der Autorin, Pauls Dilemma der radikalen Diskontinuität zwischen Vorher‑ und Nachher-Selbst plausibel zu entschärfen. Der eigentliche Ertrag der Arbeit liegt jedoch in der religionsphilosophisch-theologischen Erweiterung um die zweitpersonale Perspektive der (christlichen) Gottesbeziehung, mit der Lebensentscheidungen aus der Enge einer isolierten Selbstbezüglichkeit herausgeführt und in einen von Vertrauen und Liebe geprägten Horizont gestellt werden. Auch wenn die implizite Nähe zur dialogischen Philosophie Martin Bubers an mancher Stelle eine explizite Verortung verdient hätte, überzeugt die Studie durch ihre stringente Argumentationsführung, die souveräne Verarbeitung eines breiten interdisziplinären Diskussionsstandes sowie ihre Anschlussfähigkeit an theologische und religionspädagogische und religionsphilosophische Fragestellungen. Insgesamt liegt damit ein anregender und lesenswerter Beitrag vor, der sowohl für die philosophische Entscheidungstheorie als auch für die Praktische Theologie und Religionspädagogik von Gewinn ist.

Fazit

Jutta Thorbergssons Dissertation führt sehr lehrreich und detailliert in eine philosophische Grundlagendiskussion zu Laurie A. Pauls Modell lebenswichtiger Entscheidungen ein; dieses Modell transformativer und transformierender Erfahrungen wird nach etlichen Seiten hin diskutiert und öffnet so völlig neue Perspektiven, zum Beispiel in der Religionsphilosophie oder auch in der philosophischen Phänomenologie. Wer sich auf die Lektüre dieses Buches einlässt, muss aber darauf gefasst sein, mit sehr vielen Modellen vor allem der gegenwärtigen amerikanischen Philosophie konfrontiert zu werden. Wer das nicht scheut, wird reich belohnt.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Wilhelm Schwendemann
Professor (emeritus) für Evangelische Theologie, Schulpädagogik und Religionsdidaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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ISSN 2190-9245