Ralf Mayer, Lukas Schildknecht et al. (Hrsg.): Mit Hegel
Rezensiert von Prof. Dr. Anton Schlittmaier, 08.12.2025
Ralf Mayer, Lukas Schildknecht, Julia Sperschneider, Miguel Zulaica y Mugica (Hrsg.): Mit Hegel. Bildungs- und gesellschaftstheoretische Auseinandersetzungen. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2024. 264 Seiten. ISBN 978-3-95832-349-0. D: 44,90 EUR, A: 44,90 EUR, CH: 59,90 sFr.
Thema
Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770 – 1831) Philosophie war immer umstritten. Die Philosophen Slavoj Žižek (geb. 1949) oder auch Jean-Luc Nancy (1940 2021) sehen die Unruhe des Negativen im Zentrum der Hegelschen Philosophie. Es bleibt ein Rest bis ins Unendliche, ein Rest, der im System nicht aufgeht! Dem steht ein Verständnis von Hegels Philosophie entgegen, die am Ende eine Synthese sieht, die alle Widersprüche umgreift und einer allgemeinen Rechtfertigung dienen kann. Die Herausgeber des Bandes "Mit Hegel" heben den Widerspruch und die Negativität ins Zentrum ihrer Deutung. Sie setzen an, indem sie Hegel in Verschränkung mit der Französischen Revolution sehen. Hieraus folgt, dass man sein Denken heute im Verhältnis zu unserer Gegenwart sehen muss. Sie distanzieren sich also von einem Verständnis von Philosophie, dass den reinen Geist absolut setzt und ihn außerhalb der gesellschaftlichen und materiellen Realität ansiedelt. Letzteres wäre eine Auffassung, die man Immanuel Kant (1724 – 1804) zuschreiben kann und in der der „…Vernunftgebrauch durch die These eines transzendentalen Bereichs letzten Endes doch unabhängig von den jeweiligen historischen Voraussetzungen…“ (13) verankert wird. Ich und Gegenstand können letzten Endes – nach Hegel und gegen Kant – nicht getrennt werden. Beide können nur innerhalb des Bewusstseins verglichen werden, denn der Gegenstand ist immer der Gegenstand für unser menschliches Erkennen. So geht es bei Hegel – im Sinne der Philosophin Andrea Kern – darum, unser Tun explizit zu machen (14).
Auf diesen rein philosophischen Vorüberlegungen bauen dann die Überlegungen zur Bildung auf. Bei der Bildung handelt es sich um Selbstformierung vermittelt über eine Sache, also z.B. ein Thema, das erarbeitet wird. Dabei sind Selbst- und Weltverständnisse nicht nur faktisch gegeben. Ihnen wohnt ein Moment der Verpflichtung inne. Dabei wird nicht nur abstrakt an die Tugend oder das Gewissen appelliert (17). Die betreffenden Zusammenhäng müssen immer angemessen sozial ergänzt werden (18). Deutlich wird hier wiederum die Relation, die nach Hegel entscheidend ist. Kein Moment des Ganzen kann isoliert werden. Die Verantwortung gegenüber einem Anspruch ist Teil der Wirklichkeit (19). Diese Grundidee wird auf das Verhältnis der Ungleichheit im Bildungssystem bezogen: „Die schulische Wirklichkeit durchkreuzt ihre öffentlich proklamierte Referenz auf Prinzipien, der (Chancen-)gleichheit…, insofern die institutionalisierten Formen des Lehrens und Lernens als Selektionspraxis…einhergehen“ (19). Im Sinne der Herausgeber wäre es nicht angemessen, die Selektionspraxis nun einfach empirisch zu erfassen und die Idee einer gleichen Bildung für alle als Anspruch, der nicht zutrifft, fallen zu lassen. Der Anspruch auf Gerechtigkeit, der Teil der Wirklichkeit ist, hat diverse Funktionen, nicht zuletzt auch den, einen widerständen Umgang mit dem Nichteinlösen des Gleichheitsanspruchs (22) anzustacheln.
Um was es hier geht, ist „… Hegels Begriff der Wirklichkeit in Bezug auf schulische Wirklichkeit zu entfalten“ (23). Dies ist eine Herausforderung, die in den Einzelbeiträgen der Autoren des Herausgeberbandes durch eine Vielzahl von Zugängen zur Geltung kommen soll.
Herausgeber:inen
Die Herausgeber des Bandes Ralf Mayer, Lukas Schildknecht, Julia Sperschneider, Miguel Zulaica y Mugica sind als Erziehungswissenschaftler oder Bildungswissenschaftler an deutschen Universitäten tätig.
Entstehungshintergrund
Die 10 Beiträge dieses Bandes entstanden zum Großteil auf einem Workshop der Universität Kassel im Jahr 2022. Zudem haben weitere Autoren noch ergänzende Beiträge geschrieben. Insgesamt ging es um verschiedene Perspektiven auf Hegel im Feld bildungstheoretischer und pädagogischer Problemstellungen.
Aufbau
Die 10 Einzelbeiträge der Autoren werden durch eine Einführung von den Herausgebern eingeleitet. Dabei skizzieren die Herausgeber einerseits allgemeine Fragestellung wie sie zu Beginn dieser Rezension dargestellt werden. Weiter geben sie einen sehr groben Überblick zu jedem der 10 Einzelbeiträge.
Inhalt
Der erste Einzelbeitrag von Lothar Wigger stellt Hegels Bildungsphilosophie dar. Dabei stellt der Autor einerseits die geringe Bedeutung Hegels im erziehungswissenschaftlichen Diskurs dar (33), hebt aber gleichzeitig hervor, dass Hegels Denkfigur, „Im-Anderen-zu-sich-selbst-Kommen“ als „…die Grundstruktur jedes Bildungsgeschehens gesehen und sie zu einer Theorie der dialektischen Vermittlung und der individuellen Aneignung von Welt genutzt…“ (35) werden kann. Exemplarisch stellt Wigger diese Denkfigur bei den bekannten Pädagogen Theodor Litt (1880 – 1962), Josef Derbolav (1912 – 1987), Wolfgang Klafki (1927 – 2016) und Winfried Marotzki (geb. 1950) dar. Der Beitrag endet mit Hinweisen zur Heterogenität von Hegels Bildungsbegriff und der Pluralität pädagogischer Lektüren (55).
Es folgt ein Beitrag von Birgit Sandkaulen zur Aktualität von Hegels Bildungskonzept. Dabei will die Autorin sich nicht unkritisch den Forderungen der Gegenwart beugen und Bildung im Kontext von Ökonomisierung und Funktionalisierung begreifen. Hegel wäre im letzteren Fall nur ein Vorläufer unserer Gegenwart. Sankaulen arbeitet stattdessen die kritische Aktualität oder auch kontrafaktische Aktualität (67) von Hegels Bildungsphilosophie heraus.
Der hier anschließende Beitrag von Andreas Gelhard zu Hegels Bildungsbegriffen zeigt die Vielschichtigkeit der Hegelschen Zugänge zum Begriff der „Bildung“ auf. Der Autor unterscheidet zwischen dem Bildungsbegriff in der Rechtsphilosophie Hegels sowie in der Phänomenologie des Geistes. Dabei lassen sich markante Differenzen feststellen, die eine Zuordnung einerseits zu Starrheit und Bürokratisierung und anderseits zur Emanzipation ermöglichen (85). Bildung hat eine entzweiende und desorganisierende Wirkung. In der modernen Gesellschaft ist keine Totalität im Sinne eines von allen geteilten Denkens mehr gegeben. Die Gesellschaft muss sich über Bildung neu vereinheitlichen. Dabei kann eine Ethik der Versöhnung (98) – wie in der Phänomenologie des Geistes dargelegt –, aber auch der Durchgriff administrativer Strukturen (Bürokratisierung der Bildung, 101) maßgeblich werden.
Krassimir Stojanov befasst sich in seinem Beitrag mit der Bildung als begriffliche Selbst-Verwirklichung. Selbstverwirklichung wird heute z.B. angesichts der Klimakrise (111) als veraltetes Ziel von Bildung angesehen. Der Autor möchte zeigen, dass dem ein falsches Verständnis von Selbstverwirklichung zugrunde liegt. In Anlehnung an Hegel geht es um die Verwirklichung des Selbst, die im hegelianischen Sinne Bildung ist. Bildung in diesem Sinne geschieht nicht durch ein isoliertes Atom, sondern ist relational, d.h. auf Gegenstände bezogen. Der Autor öffnet diese Diskussion auch in Bezug auf die Bedeutung von Schulfächern für Bildung im Sinne der Selbst-Verwirklichung (123).
Es schließt sich ein Beitrag von Anita Amiri an. Dabei geht es um Bildung als praktischen Vollzug. Bezugspunkt ist hierbei die hegelsche Rechtsphilosophie. Neben formeller Bildung geht es auch um Bildung als praktischen Vollzug (130). Dies findet in der bürgerlichen Gesellschaft (Markt, Recht, Kooperation) statt und vermittelt sich über die Teilnahme an den entsprechenden Institutionen. Amiri stellt in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit formelle Bildungsprozesse wie in der Schule „…Bedingung der Möglichkeit der verwirklichten Freiheit des Einzelnen sein können“ (141). Das Moment freiheitlicher Subjektwerdung wird dabei aus den drei Sphären der bürgerlichen Gesellschaft extrahiert und kritisch in Bezug auf Schule bezogen: Ist dort die freiheitliche Subjektwerdung gegeben?
Der Beitrag von Gerhard Gamm greift die Frage nach der heutigen Gegenwärtigkeit des Geistes auf. Dabei ist der Begriff des Versprechens zentral. Versprechen ist eine allgemeine menschliche Praxis (151), die die Idee, z.B. Freiheit, gegenüber der Wirklichkeit ins Spiel bringt. Die Ideen sind dabei nicht isoliert zu sehen, sondern stellen immanente Regularien dar (150). Versprechen hören nicht auf sich „… zu verweltlichen, zu verzeitlichen und zu verzetteln“ (152). Der Beitrag von Gamm endet mit der Darstellung missbräuchlicher Formen von Versprechen (164).
Hieran schließt ein Beitrag von Dirk Stederoth zu Hegels stufenförmigem Freiheitskonzept und seiner bildungstheoretischen Ausdeutung. Stederoth verknüpft Hegels Modell einer Entwicklung zur Freiheit durch Bildung mit Entwicklungstheorien wie u.a. der von Lawrence Kohlberg (1927 – 1987) sowie einem Lebensalterbezug und kontrastiert die hier gewonnenen Überlegungen mit der empirischen Bildungsforschung. Letztere kann Bildung nicht mehr als Befreiung denken. Stederoth folgert hieraus keine Rückwendung zu Hegel, sondern die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Bildungstheorie, die Bildung als Weg zur Freiheit versteht, und einer „…metrisierten Empirie…“ (195).
Alfred Schäfer schließt an mit bildungstheoretischen Überlegungen mit Blick auf die Phänomenologie des Geistes. Die Vorstellungen, dass Ideen wie Freiheit und Gleichheit fixe und von außen kommende Größen seinen, ist für die moderne Zeit nicht mehr tragbar (199). Der Fixierung von z.B. Freiheit und Gleichheit setzt Schäfer eine doppelte Unbestimmtheit und Negativität entgegen. Dies kann als Grund dafür geltend gemacht werden, Betroffenheit als absolute Bezugsgröße zu sehen (ich fühle mich diskriminiert!). Schäfer zeigt den komplexen Prozess zwischen Besonderem und Allgemeinem (Ideen wie Gleichheit), ohne in eine Metaphysik zu verfallen, die z.B. Gleichheit als absolute Größe ansieht (221).
Der Beitrag von Lukas Schildknecht und Theresa Lechner befasst sich mit dem Begriff des Handelns bei Hegel und Hannah Arendt (1906 – 1975). Im Zentrum steht dabei die Unverfügbarkeit, die bei Arendt mit dem Begriff des Neuanfangs (228) verknüpft ist. Bei Hegel steht Zentrum die Normativität des Handelns, die eine einfache Konzeption kausaler Verursachung (Ursache-Wirkungs-Relation) von Handlungen verneint. Die Autoren fokussieren auf die Fragestellung, wie die Widerspenstigkeit der zu Erziehenden angesichts dessen zu denken ist, dass Erziehung das Subjekt gesellschaftlich produziert (236). „…Arendt und Hegel erscheint uns als eine tragfähige Theorieoption für einen derartigen Balanceakt“ (237).
Der Band endet mit einem Beitrag von Anna Wehling. Hier geht es um die Kritik seitens des Feminismus. Hegels Philosophie wird hier als problematisch gesehen, da sie Institutionen der Unterdrückung – wie z.B. die bürgerliche Familie – affirmiert. Wehling macht die andere Seite an Hegel deutlich, die nicht in einem einengenden Subjektbegriff besteht, sondern das Subjekt relational begreift. Es geht um einen sittlichen Umgang mit der Verwiesenheit des Menschen (256), wobei „…das Sexuelle als zweite Natur uns keinen sicheren Grund oder letzten Kern in Unmittelbarkeit bieten kann“ (256).
Diskussion
Das Spannungsfeld zwischen Wirklichkeit und Idee (z.B. Gerechtigkeit im Bildungssystem) zu beleuchten, ist der in der Einleitung angezeigte Fokus des Bandes. Dies wird in allen Beiträgen auf unterschiedlichem Abstraktionsniveau realisiert. Nicht immer kommen konkrete Institutionen in den Fokus. Manche Beiträge verbleiben auf einer allgemeinen Ebene der Erörterung eines heute angemessenen Verständnisses der Bildungsphilosophie Hegels.
Die Bildungsphilosophie Hegels ist erst einmal ein Gegenstand der Theorie, der nicht isoliert von den Grundlagen der Hegelschen Philosophie (z.B. Hegels Logik oder Lehre vom Geist) erfasst werden kann. Im vorgeschalteten Beitrag der Herausgeber werden auch einige Hinweise auf diese allgemeinen Grundlagen gegeben. Gleichzeitig wird ein eher traditionelles Verständnis Hegels (Systemdenken) von neueren Interpretationen (Negativität, Widerspruch als Hauptmerkmale der Hegelschen Philosophie) abgegrenzt. Für den unvorbereiteten Leser dürfte der „Eingangsbrocken“ jedoch eine hohe Hürde sein. Aus den allgemeinen Grundlagen der Hegelschen Philosophie ergeben sich dann konkretere Aussagen wie z.B. über Bildung oder Subjektivität. Praktiker fokussieren naturgemäß auf diese Theorieaspekte. Sie sind ja in Feldern der Praxis tätig und möchten ihre Praxis theoretisch durchdringen, fundieren usw. Hier kann die Philosophie Hegels durchaus ein guter Zugang sein, da sie den Weg des Subjekts in der Relation zu Institutionen usw. zeigt, ohne ein romantisches, reines oder unberührtes Subjekt als sakrosankten Ausgangspunkt zu setzen. Bildung ist somit – wie die einzelnen Beiträge zeigen – ein Gegenstand, der sich umstandslos aus den Grundlagen der Hegelschen Philosophie ergibt. So wird Schule in einzelnen Beiträgen zum praktischen Gegenstand des Bandes.
Letzteres ist aber auch bedauerlich, da z.B. im Beitrag von Anita Amiri die bürgerliche Gesellschaft (Markt, Kooperation) eine zentrale Rolle spielt. Hier wären Anknüpfungspunkte gewesen z.B. die Jugendarbeit, die Seniorenarbeit, die Erwachsenenbildung, die Zivilgesellschaft usw. aufzunehmen. Die gesamte Soziale Arbeit und auch die Heilpädagogik, aber auch die Psychotherapie, haben viele Aspekte, die sich mit der Hegelschen Philosophie gut verknüpfen lassen. Gerade in diesen Bereichen geht es nicht nur um formelle Bildung, sondern um die Bildung der Persönlichkeit. Hilfe als zentrale Kategorie für Soziale Arbeit oder aber gesellschaftliche Funktionsfähigkeit für die Psychotherapie, greifen zu kurz. Selbst-Verwirklichung wäre in diesen Bereichen ebenfalls ein wichtiges und unverzichtbares Ziel. Und gerade dafür steht – so zeigen die Beiträge – Hegel.
Fazit
Der Herausgeberband gibt einen breiten Überblick zur Bildungstheorie Hegels. Der praktische Fokus liegt auf der Schule. Mit einer gewissen Fähigkeit zum Transfer können Leser sozialer Berufe die Überlegungen Hegels auf ihre Arbeitsfelder übertragen. Ein wichtiges Buch, wenn es um die Fundierung von Praxis nicht nur allgemein theoretisch, sondern in Bezug auf die Philosophie geht.
Rezension von
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Professor i.R. für Philosophie und Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Sachsen
Website
Mailformular
Es gibt 36 Rezensionen von Anton Schlittmaier.





