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Steve Stiehler, Janosch Schobin et al. (Hrsg.): Einsamkeit heute

Rezensiert von Daniel Ewert, 10.09.2026

Cover Steve Stiehler, Janosch Schobin et al. (Hrsg.): Einsamkeit heute ISBN 978-3-593-51918-0

Steve Stiehler, Janosch Schobin, Manuel Stadtmann (Hrsg.): Einsamkeit heute. Individuelles Schicksal oder gesellschaftliches Veragen? Campus Verlag (Frankfurt) 2025. 317 Seiten. ISBN 978-3-593-51918-0. 36,00 EUR.

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Thema

Spätestens seit der Covid-19 Pandemie ist Einsamkeit im gesamtgesellschaftlichen Diskurs (ein) Thema der Stunde. Nimmt man das öffentliche und kulturelle Räsonnement der vergangenen Jahre zusammenfassend in den Blick, so kann man sicher konstatieren, dass Einsamkeit in der Alltagssprache sowie in der Selbstdiagnose spätmoderner Gesellschaften zum „Amalgam aus Volks‑ und Zeitkrankheit wird“ (Müller 2026) bzw. als solche erscheint und mehrere Problemsemantiken (etwa Individualisierung, Digitalisierung, Beschleunigung etc.) bündelt.

Vor dem Hintergrund eines wechselseitigen Verhältnisses von Öffentlichkeit und Wissenschaft lässt sich ebenso ein Anstieg der wissenschaftlichen Beobachtung, Einordnung, Systematisierung & Erforschung von Einsamkeit beobachten. An dieser Stelle reiht sich auch „Einsamkeit heute“ ein. Das Werk folgt einem ähnlichen Aufbau wie andere aktuelle Publikationen (z.B. Mareike Ernst „Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen“ oder Maike Luhmann „Einsamkeit – Warum sie uns alle betrifft“), indem interdisziplinäre Einführungen, lebens‑ und altersphasenspezifische Dimensionen von Einsamkeit sowie praktische Perspektiven und Möglichkeiten der Begegnung von Einsamkeit verbunden werden.

Das Buch versucht (erfolgreich), eine Perspektivenvielfalt für komplexe Phänomene der Einsamkeit, Vereinsamung und sozialen Isolation praxisorientiert zu vermitteln, und geht auf diese Weise über die im Untertitel formulierte Dichotomisierung von Einsamkeit als individuellem Schicksal oder gesellschaftlichem Versagen hinaus.

Herausgeber

Prof. Dr. Steve Stiehler ist Leiter des Themenschwerpunktes „Öffentliches Leben und Teilhabe“ am Institut für Soziale Arbeit und Räume (IFSAR) der OST – Ostschweizer Fachhochschule St. Gallen.

PD Dr. Janosch Schobin ist Privatdozent an der Universität Kassel und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenznetz Einsamkeit des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. in Frankfurt am Main.

Prof. Dr. Manuel Stadtmann ist Leiter des Kompetenznetzzentrums für psychische Gesundheit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule St. Gallen und arbeitet klinisch in der integrierten Psychiatrie Winterthur.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt des Werkes stellt eine öffentliche Ringvorlesung mit gleichnamigem Titel dar, die im Frühlingssemester 2023 durch Mitarbeitende der OST – Ostschweizer Fachhochschule in St. Gallen organisiert wurde. Vor diesem Hintergrund richtet sich auch die daraus resultierende Publikation an eine wissenschaftliche und studentische Leser*innenschaft, an Fachkräfte und Ehrenamtliche, Einsamkeitsbetroffene sowie allgemein Interessierte.

Aufbau

Das Werk ist in drei Hauptkapitel und 15 Beiträge eingeteilt. Zu Beginn werden interdisziplinäre »Grundverständnisse von Einsamkeit« aus theologischer, philosophischer, psychologischer sowie soziologischer Perspektive vorgestellt. Kapitel 2 widmet sich »Einsamkeit in verschiedenen Lebenslagen«, etwa im Altersverlauf, bei armutsbetroffenen Menschen, herausgeforderten Erwachsenen, gesundheitlich Beeinträchtigten und Sterbenden. Abschließend werden »Ansätze zur Intervention bei Einsamkeit« skizziert.

Den Kapiteln sind jeweils Erfahrungsberichte einsamkeitsbetroffener Personen (Kap. 1 und 2) bzw. Erfahrungen von Fachpersonen aus ihrer Arbeit mit einsamkeitsbetroffenen Menschen (Kap. 3) vorangestellt.

Eine Übersicht über Beiträge und Autor*innen ist über das Inhaltsverzeichnis (s. oben) einzusehen.

Inhalt

Teil 1 ermöglicht einen Einblick in vielfältige Grundverständnisse und Betrachtungsweisen von Einsamkeit. Wittes teleologische Auseinandersetzung mit biblischen Doppelbedeutungen von Einsamkeit als Mangelerfahrung und Entfremdungserscheinung, aber auch als Ausgangspunkt einer Gemeinschaft mit anderen und zu Gott, wird durch zahlreiche Bilder und Zitate aus verschiedenen Psalmen präsentiert (ausführlichere Besprechung hier). Die Beiträge von Haefner Morales & Schobin zeichnen sich dadurch aus, dass auch Fachfremde eine Vorstellung psychologischen und soziologischen Denkens über Einsamkeit bekommen. Ersterer zeichnet Entwicklungen der psychologischen Beschäftigung mit Einsamkeit von ihren psychoanalytischen Ausgangspunkten über die Formulierung eigenständiger Einsamkeitstheorien bis zu neueren Ansätzen in Form integrativer Prozessmodelle nachvollziehbar nach. Zweiterer eröffnet mit der Unterteilung in mikro ‑und makrosoziologische Zugänge verschiedene Bedeutungshorizonte und Fragestellungen, die Effekte der Zuschreibung sowie strukturelle Ursachen von Einsamkeitserfahrungen in den Blick nehmen. Der Beitrag von Stolz-Ingenlath widmet sich philosophischen Perspektiven auf Einsamkeit und bezieht unterschiedliche Theorietraditionen ein.

Teil 2 verschiebt den Fokus von theoretischen Zugängen hin zu den konkreten Lebenslagen einsamer Menschen, was Stiehler in der Hinführung mit dem Verweis auf wissenschaftliche Evidenz, Forschungslücken und Probleme der Abgrenzung, etwa hinsichtlich von Schwierigkeiten bei der Festlegung von Altersphasen, begründet. Letzteres zeigt sich beispielsweise im Eröffnungsbeitrag von Häming, der damit abschließt, dass Einsamkeit weniger eine Frage des Alters als des sozialen Status von Personen ist. Einen solchen sozioökonomischen Faktor identifizieren Dittmann & Goebel in ihrem Beitrag zu „Verbindungslinien zwischen Armut und Einsamkeit“. Der Beitrag verweist auf Befunde zu erhöhten Einsamkeitswerten bei armutsbetroffenen Menschen und argumentiert für Armutsbekämpfung als indirekten Ansatz zur Verringerung von Einsamkeit. Der letzte Beitrag, auf den kurz eingegangen werden soll, ist Loke vorbehalten, die sich mit dem einsamen Sterben am Lebensende sowie unentdeckten Toden beschäftigt. Dabei werden Zusammenhänge zwischen einsamen Leben und Sterben sowie die Bedeutung lebenslagenbedingter Ressourcen (soziale Ungleichheiten, schwache soziale Netzwerke, fehlende Unterstützungsleistungen) betont.

Das letzte Hauptkapitel (Kap. 3) präsentiert Ansätze zur Prävention von Einsamkeit, die in einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Lehrveranstaltung diskutiert wurden. Die Beiträge unterscheiden sich in ihrer Herangehensweise bezüglich der spezifischen Personengruppen und Lebenslagen, der Ebene der Adressierung und des Professionalisierungsgrades der thematisierten Angebote und Interventionen. So arbeiten sich Skoko und Krieger an psychologischen Modellen der Selbstregulation ab und geben Anstöße dafür, wie diese für die Praxis fruchtbar gemacht werden können. Sie unterstreichen die Bedeutung und Wirksamkeit psychologischer Interventionen, etwa der kognitiven Verhaltenstherapie, um Einsamkeit durch das Aufbrechen und die Veränderung negativer Denkmuster zu begegnen. Andere Beiträge, wie der von Stadtmann, setzen allgemeiner an und haben eher einen überblicksartigen Charakter hinsichtlich evidenzbasierter Interventionen. Am Fallbeispiel einer einsamen Person mit chronischen Erkrankungen werden individuumszentrierte und gemeinschaftlich orientierte Ansätze vorgestellt, aber auch die Wichtigkeit politischer Maßnahmen und Strategien zur Förderung einsamkeitsbezogener Angebote betont. Pfister Lipp und Millius nehmen im dritten Beitrag bezogen auf das Total-Pain-Konzept in der Palliativpflege ebenso eine ganzheitliche Perspektive ein (ausführlichere Besprechung hier).

Diskussion

Alle Kapitel bieten Anlass für weiterführende Diskussionen, die den Umfang der Rezension übersteigen würden. So wurde Schobins Beitrag insbesondere wegen seiner differenzierten Darstellung einsamkeitsfördernder und ‑reduzierender Dynamiken moderner Gesellschaften vom Rezensenten bereits an anderer Stelle positiv hervorgehoben. Im philosophischen Beitrag von Stolz-Ingenlath hätte sich der Rezensent hingegen eine stärkere Hinführung dazu gewünscht, wodurch die Einnahme einer philosophischen Perspektive auf Einsamkeit charakterisiert ist und inwiefern unterschiedliche Theorietraditionen mit verschiedenen Grundverständnissen von Einsamkeit einhergehen. Lokes Beitrag zum einsamen Sterben zeichnet sich schließlich durch eine hohe wissenschaftliche Transparenz bei der Einordnung und Abwägung von Forschungsergebnissen aus. Statt diese Einzelbeobachtungen weiter auszuführen, sollen im Folgenden drei allgemeinere Aspekte des Werkes kurz umrissen und zur Diskussion gestellt werden.

Der erste bezieht sich auf die Zusammenführung der einzelnen Kapitel im Rahmen des gesamten Werkes. Nach Einschätzung des Rezensenten wirken insbesondere die sich mehrfach inhaltlich wiederholenden Begriffsbestimmungen von Einsamkeit, der Vermerk, dass Einsamkeit alle Menschen betreffen kann, oder die Identifizierung vulnerabler Personengruppen etwas redundant. Das fällt zwar nicht schwerwiegend ins Gewicht und mag sicherlich dem Entstehungshintergrund und Vorhaben geschuldet sein, Vorträge einer Ringvorlesung zu verschriftlichen. Dennoch wäre eine kurze Überarbeitung oder eine vorherige Abstimmung der Autor*innen untereinander wünschenswert gewesen.

Der zweite Aspekt betrifft die Einbettung von Erfahrungen einsamkeitsbetroffener Personen und soll eher als weiterführende Überlegung denn als Kritik am Buch verstanden werden. Selbstberichte von Betroffenen aufzunehmen, ist zweifelsohne zu begrüßen und positiv hervorzuheben, gerade weil trotz Versuchen der Enttabuisierung und Entstigmatisierung von Einsamkeit in vielen Fällen weiter über und nicht mit einsamkeitsbetroffenen Menschen gesprochen wird. Da die Fallvignetten der Einleitung zufolge auf der Basis qualitativer Forschungen beruhen, hätten diese aber eben mehr als nur anekdotischen Charakter haben können. So erfahren wir insbesondere wenig über die biografische, milieuspezifische oder diskursiv vermittelte Genese spezifischer einsamkeitsbezogener Deutungsmuster der Betroffenen. Es fällt beispielsweise auf, dass Anna und Edith bei der Selbstthematisierung und Deutung ihrer Einsamkeitsgefühle auf ebenjene psychologische und soziologische Erklärungsmuster zurückgreifen (fehlendes Urvertrauen, Leben in Armut), die anschließend, scheinbar losgelöst davon, als wissenschaftliche Perspektiven vorgestellt werden. Die Verschränkung wissenschaftlichen Wissens mit subjektiven, eigentheoretischen und alltagsweltlichen Einsamkeitsdeutungen und Umgangsweisen zu ergründen, ist nicht Ziel des Werkes. Für die zukünftige Erforschung von Einsamkeit sind die Analysen solcher Wirkungsweisen aber sicherlich vielversprechend, insbesondere angesichts der gegenwärtigen öffentlichen Virulenz des Forschungsgegenstandes.

Ähnlich verhält es sich auch bei den Ansätzen der Prävention von Einsamkeit. In eigenen Forschungen (vsl. 2026) auf der Datengrundlage von Interviews mit freiwilligen Helfer*innen und Fachkräften, die mit einsamkeitsbetroffenen Personen in Kontakt stehen, zeigt sich, dass Einsamkeit in ehrenamtlichen oder professionalisierten Kontexten nicht einfach vorgefunden und aufgenommen, sondern erst in der konkreten Interaktion situativ hergestellt, gedeutet und bearbeitbar gemacht wird. In beiden Varianten sind Bearbeitungsweisen von Einsamkeit an Deutungen gebunden (Wer gilt als einsam? Wer nicht? Welche Formen von Einsamkeitsäußerungen lösen Mitgefühl und Unterstützung aus? Welche nicht?). In Anlehnung an Goffmans Stigmatheorie ist Einsamkeit ein diskreditierbares Merkmal, das – anders als unmittelbar sichtbare Stigmata – in sozialen Interaktionen bewusst verborgen, situativ reguliert oder selektiv offengelegt werden kann. Entsprechend gilt es, Unterstützungsangebote so zu gestalten, dass sie auf vertrauensvollen und wiederkehrenden Interaktionen beruhen und Einsamkeit nicht als individuelles Merkmal, sondern als relationales Phänomen begreifen. Institutionelle Strukturen müssen die notwendige Interpretationsarbeit von Fachkräften und freiwillig Engagierten unterstützen und Möglichkeiten zur Reflexion dieser Praxis schaffen.

Fazit

„Einsamkeit heute“ bietet eine gelungene Einführung in den Themenkomplex Einsamkeit. Von einer wissenschaftlichen Einordnung und Systematisierung über die Fokussierung lebenslagenspezifischer Besonderheiten bis zu Ansätzen der Unterstützung einsamkeitsbetroffener Personen ermöglicht das Werk einen guten Einstieg für Praktiker*innen oder Allgemeininteressierte.

Literatur

Ernst, M. (2024). Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen. Stuttgart: UTB.

Ewert, D. (vsl. 2026): Reduzierung oder Förderung von Scham beim Zugang und der Nutzung einsamkeitsbezogener Angebote? Praktische Umgangsweisen von Fachkräften und Ehrenamtlichen mit einem Dilemma. Tagungsband zur Themenwoche „Gem/Einsamkeit“ der VolkswagenStiftung. Nomos Verlag.

Goffman, E. (2024): Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt: Suhrkamp.

Müller, L. (2026): Paradoxien der Einsamkeit. In: Merkur 80/1, S. 61–70.

Ohlbrecht, H. & Ewert, D. (2025): Zur Soziologie der Einsamkeit. Rezension zu „Zeiten der Einsamkeit. Erkundungen eines universellen Gefühls“ von Janosch Schobin

Proskawetz, F. S (2026): Rezension vom 18.03.2026 zu: Steve Stiehler, Janosch Schobin, Manuel Stadtmann (Hrsg.): Einsamkeit heute. Individuelles Schicksal oder gesellschaftliches Versagen? Campus Verlag (Frankfurt).

Luhmann, M. (2026):Einsamkeit – Warum sie uns alle betrifft. Berlin: Verlag S. Fischer

Rezension von
Daniel Ewert
Sozialwissenschaftler (M.A.); Redakteur bei socialnet für den Bereich Rezensionen Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg Forschungsschwerpunkte: Qualiative Sozialforschung, Gesundheitssoziologie, Einsamkeit, Geschlechter- und Sexualsoziologie
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ISSN 2190-9245